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Eigentlich wollte ich die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien nur noch mit schweigender Verachtung strafen, weil man sich sonst vorkommt, wie der Hund der bellt, während die Karawane weiterzieht. Hier mache ich jetzt eine Ausnahme. ... wenn mir der eine oder andere Satz aus der Tastatur rutschen sollte, der zu pathetisch klingt... das Pathos lässt sich schwer vermeiden, weil die Fallhöhe so groß ist.
»Eine Zensur findet nicht statt« (GG Art. 5 Abs. 1) ...
weil ich gern die alte Videokassette mit der deutschen Fassung von Get Carter haben wollte: Jack rechnet ab... da landet man auch ganz schnell im Pornoghetto, denn der Film (das grandiose Original von Mike Hodges, nicht das grauenhafte Remake) ist bei uns indiziert. Das konnte ich nicht glauben. Get Carter wurde 1984 indiziert und danach in Sicherungsverwahrung genommen. Die Jugendschützer sahen sich damit konfrontiert, dass gewissenlose Anbieter den »gefährdungsgeneigten« Jugendlichen, der jetzt nicht mehr ins Bahnhofskino gehen musste, mit Schund und Schmutz auf Videokassette versorgten. Die Folge war eine Überreaktion, die einem im Rückblick wie ein Amoklauf erscheint. Geschossen wurde auf alles, was dem Jugendschutz vor die Flinte kam und bei 3 nicht auf den Bäumen war. Auch Jugendgefährdendes hat aber Anspruch auf ein rechtsstaatliches Verfahren und die Möglichkeit einer Haftentlassung. Mein Eindruck ist, dass die große Mehrheit von dem, was man vor einem Vierteljahrhundert verboten hat, stillschweigend vom Index genommen wird. Die Titel der nicht »folgeindizierten« Medien (und die alten Verbotsbegründungen) kann man dann im Giftschrank des Pornoanwalts finden. Im Mai 2009 beschloss ein anonym bleibendes »3er-Gremium« der BPjM, dass die im Juni 1984 erstmals auf den Index gesetzte Videokassette mit »Jack rechnet ab«, dort zu verbleiben hat. Es muss sich um einen besonders schweren Fall der Jugendgefährdung handeln. Ein naiver Mensch könnte sich jetzt denken, dass einen das nicht interessieren muss, weil die alte Kassette mit dem falschen Bildformat und der sterilen Synchronisation genauso von Gestern ist wie diese Bundesprüfstelle. Die Indizierung gilt aber auch für »inhaltsgleiche Medien« und somit für DVDs und BluRays mit der einen oder anderen Fassung von Get Carter. Wer sich in den vergangenen Jahren mal gefragt hat, warum dieser inzwischen allseits gefeierte Film in Ländern wie Frankreich, Italien, den USA und natürlich Großbritannien längst auf DVD erschienen ist, bei uns aber nicht: Das könnte die Antwort sein. Tendenziell ist es so, dass die bei uns praktizierte Form des Jugendschutzes (Verbote statt Aufklärung und Vermittlung von Medienkompetenz) einen Film wie Get Carter eher von interessierten Senioren fernhält als von der Jugend. Diese Informationen sind meiner Chronistenpflicht geschuldet und keinesfalls mit einer Kaufaufforderung gleichzusetzen. Das wäre ein Verstoß gegen die Jugendschutzbestimmungen, weil für indizierte Medien ein Werbeverbot besteht. Man bewegt sich in einem Graubereich. Bei Zensoren sind Graubereiche sehr beliebt. Das Werbeverbot ist auch der Grund, warum bei den üblichen Kaufempfehlungen, die in Großbritannien erschienene Warner-DVD nicht zu finden ist. Kaufen kann man sie aber schon: Ganz regulär bei amazon.de oder preisgünstiger bei amazon.co.uk (bitte nicht bestellen, wegen dem Werbeverbot, vor allem aber: nicht mit dem schrecklichen Remake verwechseln - das ist dieser Film mit den sinnlosen Prügeleien und der in Sentimentalität eingelegten Menschenverachtung, für die es ein FSK 16 gab). Erlaubt ist das nicht, es stört nur keinen. Bei behördlichen Maßnahmen, die sich zu weit von der Lebenswirklichkeit außerhalb der Amtsstuben entfernt haben ist das häufig so: Es kümmert sich keiner mehr um sie. Meine Vision von der Zukunft der BPjM hat Heinrich Böll längst beschrieben, an einem anderen Objekt und nachzulesen in »Nicht nur zur Weihnachtszeit«. Weil diese ehrenamtlich tätigen Persönlichkeiten anonym bleiben weiß ich über ihre Qualifikation nur das, was den von ihnen verantworteten Indizierungsentscheidungen zu entnehmen ist. Ich gestatte mir dazu ein vorläufiges Urteil, weil ich mittlerweile sehr viele von diesen Schriftstücken gelesen habe. Der Normalbürger darf nur erfahren, ob ein Medium indiziert ist oder nicht. Ich persönlich war schon als Jugendlicher gefährdungsgeneigt und habe mich jeder Menge von der Bundesprüfstelle als sexual- oder sozialethisch desorientierend eingestufter Medien ausgesetzt. Trotzdem ist ein halbwegs ehrlicher Mensch aus mir geworden. Wäre es anders, würde ich jetzt - meiner Bemühungen um den Jugendschutz wegen - das Große Bundesverdienstkreuz einfordern, weil ich den Inhalt eines Krimis verrate und dem gefährdungsgeneigten Teil der Bevölkerung die Lust am Sehen dieses Machwerks nehme. Ehrlicherweise muss ich aber einräumen, dass die Kenntnis der Handlung das Vergnügen sogar noch steigert, weil Get Carter ein so guter Film ist. Es ist nur eben ein Gangsterfilm, dessen kulturelle Wurzeln man zurückverfolgen kann bis zur elisabethanisch-jakobäischen Rachetragödie und zu William Shakespeare und somit zu einer Hochzeit der englischen Literatur, die in Deutschland ein unverzichtbarer Teil des Anglistikstudiums ist. Jack Carter steht in der Tradition der Rächer, die aus Unbehagen an einer korrupten Gesellschaft um sich schlagen, ohne sich selbst oder die Gesellschaft zum Besseren verändern zu können. Am Ende sind sie tot. Bei der BPjM liest sich das so: »Der Videofilm ist systematisch darauf ausgelegt, den Rachefeldzug von Jack darzustellen und diesen als einzig bewährtes Mittel zur Durchsetzung der vermeintlichen Gerechtigkeit nahe zu legen.« Fürwahr. Wer würde nicht zu diesem einzig bewährten Mittel greifen und sich ein Vorbild an Jack Carter nehmen, der am Schluss tot am Strand von Newcastle liegt, im industriell verseuchten Wasser?
Jeder blamiert sich, so gut er kann. Mir ist das recht. Wenn man keine Ahnung von den Sachen hat, die man beurteilen soll, füllt man die Leere mit den eigenen Phantasien. Das geht seit vielen Jahren so. Warum unternimmt dagegen keiner was, Herr Gauck, fällt Ihnen etwas dazu ein? Vielleicht eine Passage aus einer Ihrer Freiheitsreden? In dem Fall möchte ich eine Lanze für Deutschlands Jugend brechen, die viel mehr von Filmen versteht als der Jugendschutz zu glauben scheint.
Margaret übrigens, die Freundin seines toten Bruders, wirft Jack in einen Teich. Man ahnt, dass das Wasser in diesem Film eine symbolische Bedeutung hat. Aus dem reinigenden Quell ist eine Kloake geworden. Am Schluss wird man die Wellen sehen und das Meer, in das die Industrie ihren Dreck kippt.
http://www.heise.de/tp/artikel/41/41695/1.html
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