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Die Blasterbewohner haben es nicht so mit der Arbeit. Andernfalls würde man hier Texte zu Stichwörtern wie »Minijob«, »Midijob«, »prekär«, »Altersarmut«, »Gleitzone« oder »Beschäftigungsverhältnis« finden. Fehlanzeige!
Ich selbst möchte gerne wieder studieren und meinen Bachelor nachholen. Jeder hat eine zweite Chance verdient. Außerdem habe ich es beim ersten Mal nicht direkt verkackt: eine 1,9 nach elf Diplomprüfungen ist nicht nichts, wofür ich mich schämen müsste.
Nur leider bricht die Bürokratie jedem, der keinen Anwalt als Vati hat, irgendwann das Genick.
Ich habe wirklich alles gegeben, mich rein
gehängt und Leistungen erbracht, die mir erst einmal jemand nach machen muss. Ich bin nicht nachlässig gewesen, nicht faul... und ich habe auch nicht das falsche Fach belegt. Ich habe mich bemüht und oft genug gezeigt, dass ich im richtigen Studiengang war.
Aber von der anderen Seite muss auch was kommen. Außer Knüppeln zwischen die Beine kam aber nix.
Jetzt habe ich nichts mehr zu verlieren. Zu gewinnen habe ich auch nichts, weil ich von meinem Beruf als Übersetzer nicht leben kann.
Nach vielen Überlegungen habe ich beschlossen, zum Ort meiner Schande zurückzukehren. Wobei ne 1,9 nach all den Prüfungen keine Schande ist.
Um wieder studieren zu können, brauche ich Geld. Ich muss schließlich Miete, Strom und Krankenversicherung bezahlen!
Inzwischen ist die Welt nicht mehr so kompliziert wie noch vor einigen Jahren. Nun gibt es ein Teilzeitstudium und es gibt prekäre Beschäftigungsverhältnisse.
Ich habe mich für einen Midijob entschieden, bei dem ich pro Woche zwei Nachtschichten schiebe. Der Stundenlohn liegt bei 7,50 € pro Stunde. Im Monat sollten dabei also 480 € rauskommen.
Da ich mich bei diesem Lohn in der Gleitzone bewege, bin ich versicherungspflichtig beschäftigt. Es gibt Seiten, die einem helfen, auszurechnen, wie viel netto vom Brutto übrig bleibt. Das wären dann 419,13 €, von denen ich Miete und Strom bezahlen muss.
Am Ende bleiben 7,80 € übrig, die ich jeden Tag für den Rest meines Lebens ausgeben kann!
Sollte mir das nicht genügen, kann ich jederzeit auf Ersparnisse zurückgreifen. Wenn ich jeden Monat 200 € aufzehren will, kann ich noch einmal 40 Monate lang studieren.
Das habe ich aber nicht vor. Im besten Falle genügen nämlich 18 Monate, um das zu beenden, was ich einmal angefangen habe.
Ich habe 130 Credits, und ich brauche noch einmal 50 Credits. Zehn macht allein die Bachelor-Arbeit aus, und die anderen 40 will ich mir durch Klausuren verdienen.
Zwei Klausuren sollten ja drin sein im Semester! Zumal jetzt alles schön geregelt ist, und das Kuddelmuddel einer schlecht organisierten Studienrichtung der Vergangenheit angehört. Das war reine Lebenszeitverschwendung!
Im Augenblick sieht alles recht überschaubar aus. Zum ersten Mal in meinem Leben ist alles gut. Zum ersten Mal habe ich alles im Griff.
Das irritiert mich. Ich erwarte ständig einen Knüppel zwischen die Beine. Ich traue dem Frieden nicht.
Ich bin es gewohnt, mich zu fragen, was als nächstes wohl schief gehen wird und aus welcher Richtung der Schlag kommt, der meine Lebensleistung vernichtet.
In der Therapie ist mir nahegelegt worden, dass meine Weltsicht etwas drastisch sein könnte. Ich habe also vorsichtig geprüft, wie kalt das Wasser ist, mich hinein gewagt und bin los geschwommen. Wer hätte gedacht, dass ich so viel tun kann, ohne körperliche und seelische Misshandlungen zu erleben?
Inzwischen bin ich durchaus geneigt zu glauben, dass viele Dinge, die in meiner Kindheit unerlässlich waren für mein Überleben, nunmehr eine Fehlanpassung darstellen. Jetzt justiere ich die Einstellungen meiner Maschine neu... Das ist oft anstrengend und kraftraubend, scheint aber zu lohnen.
Wie dem auch sei - ich habe einen Plan. Und ich gehe mit frisch gemischten Karten an den Start. Worauf es ankommt, weiß ich ja nun. Ich weiß auch, was in mir steckt und was ich leisten kann, oder welche Grenzen ich habe. Das ist der Unterschied!
Als Kind von autistischen Messis, die nach der Wende ihre Arbeit verloren haben und wegen ihrer sozialen Defizite niemals wieder zu Menschen geworden ist, geht man mit einem Handicap an den Start. Ein Lehrerkind hat andere Voraussetzungen; es weiß ja nicht einmal, wie begünstigt es ist vom Schicksal. Millionen selbstverständliche Kleinigkeiten, die ich mir selbst erschließen musste... War ich schon mal im Kino gewesen? Wusste ich, wie man eine Krankenversicherung abschließt oder wie man ein Girokonto eröffnet? Millionen Selbstverständlichkeiten, die für mich eben nicht selbstverständlich waren. Der Rückstand macht etwa zehn Jahre aus - zumal ich in einer langwierigen Therapie ausbügeln musste, was meine überforderten, lebensuntauglichen Eltern verbockt haben.
Nö - wer etwas zu Meckern hat, soll mir das alles bei vergleichbar beschissenen Ausgangsbedingungen mal nachmachen!
Ich habe mir keine Nachlässigkeit zuschulden kommen lassen. Ich kann das sogar durch ein Studienzeugnis belegen! Ich habe mich redlich bemüht und über lange Zeiträume sogar überanstrengt. Die Knüppel - die haben mich zu Fall gebraucht. Nach langer, langer Hetzjagd bin ich schließlich zu Boden gegangen.
Und jetzt? Jetzt habe ich tatsächlich die Zügel in der Hand? Keiner kann mir mehr an die Karre pissen? Ich kann loslegen, ohne befürchten zu müssen, wieder einen Knüppel zwischen die Beine zu kriegen?
Ich traue dem Frieden einfach nicht! Wo ist der Pferdefuß? Was habe ich übersehen? WAS, was, was?
Ist da nix? Ist da wirklich diesmal nix? Kein Buhmann? Ich traue dem Frieden nicht. Ich traue ihm nicht.
Sollte mein Leben in genau einem Jahr tatsächlich das sein, was ich davon erwarte?
Das ganze ist ein Abenteuer - aber keines, in das ich gestoßen würde. Ich begebe mich selbst da hinein. Es ist so neu für mich, beim Schwimmen Grund unter mir zu wissen.
Sollte ich dem Frieden trauen? Sollte ich..?
Ja, ich will!
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