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galahad schrieb am 1.5. 2010 um 18:53:55 Uhr über

Nerd

Meine Freunde hatten ohne Zweifel recht: Ich sollte nicht hinter meinen Computer versumpfen, sondern hinaus ins feindliche Leben gehen. Die Nächte der letzten drei Monate erhellte der Schein des Monitor mein Zimmerchen, während ich in den Chats des Internets auf hochinteressante Leute traf. So manches tiefschürfende Gespräch hatte ich geführt, Anteil genommen an den Problemen anderer, Hilfeleistungen gegeben, wenn PC-System abgestürzt waren. Das alles war gut und schön - aber doch nicht das, was ich eigentlich wollte.
Jedenfalls fühlte ich mich stark genug, nun auch wieder Kontakte im wirklichen Leben zu knüpfen.
Ganz in meiner Nähe war auch eine sehr nette Kneipe, die ich eines Abends aufsuchte. Offensichtlich hatte die Kneipe einen Gastzugang, denn ich kam ohne die Nennung eines Nutzernamens und Paßworts anstandslos rein.Ja, hier pulsierte das Leben! Leute befanden sich im intensiven Plausch, sogar Soundunterstützung und eine 3D-Einrichtung war geboten. Es gefiel mir nicht übel! An einem Tisch bemerkte ich ein Mädel, das in eine Zeitung vertieft war, und ohne große Umstände setzte ich mich dazu.
Ich begrüßte sie mit einem kurzen »Hi«, sie schaute kurz auf, nickte mir zu, sagte ebenfalls »Hi« und vertiefte sich wieder in ihre Zeitung. Das war okay so, der Anfang eines Chats war immer ein wenig holprig. »Darf ich dich stören, oder bist du gerade zu beschäftigtIch wußte, es gehörte sich, erstmal zu fragen. Mädels werden oft von 5 oder 6 Chatpartnern gleichzeitig angetickert. In solchen Fällen antworteten sie immer nur kurz und die Gespräche waren nicht sehr ergiebig. Andererseits konnte ich sonst niemand an unserem Tisch sehen. Entsprechend antwortete sie auch: »Schon okay, was möchtest du dennNa ja, keine sehr geistreiche Frage, aber man konnte ohnehin erst nach einem längeren Chat abschätzen, wie der andere wirklich war. »Na, mich ein wenig unterhalten, lächel.« Zu dumm, ich hatte hier nichts, womit ich ein Smiley :-) zeichnen konnte.
»Du bist aber sehr direkt«, meinte sie und legte ihre Zeitung weg.
»Nein, nein, keine Angst, ich bin völlig harmlos, big-smile! Woher kommst du denn
»Woher soll ich kommen? Aus Ulm natürlich
Ah, ein Volltreffer! Sogar eine Gesprächspartnerin, die aus der gleichen Stadt wie ich kam!
»So ein Zufall! Ich bin auch aus Ulm! Das muß gefeiert werden. Ich geb' eine Runde Sekt ausGewöhnlich zeichnete ich an solchen Stellen ein sehr hübsches Sektglas, mit »>«, »-« und »|«. Das ging hier nicht, aber trotzdem kam Leben in die Kneipe, denn der Wirt hinter dem Tresen hatte mich gehört.
Mein Gegenüber schaute mich nachdenklich an und meinte: »Du bist schon ein merkwürdiger Kerl ...« Das nahm ich kurzerhand als Kompliment. Mir fiel ein, daß ich mich noch gar nicht vorgestellt hatte: »Übrigens, ich bin Kuschelbär28.« Sie stutzte und erwiderte: »Schön, ich bin Marion, 24Ah - wir lagen sogar altersmäßig auf einer Linie. Manchmal unterhält man sich ja, ohne es gleich zu merken, mit Kids um die 14 oder Gruftis um die 60 - alles schon dagewesen.
Wie gerufen kam gerade ein Rosenvekäufer an unserem Tisch vorbei. Ich zog eine aus seinem Strauß und reichte sie ihr. Eine Rose kann man übrigens sehr schön zeichnen mit *->->-, aber wie gesagt, das ging hier ja nicht. Noch ein anderer Unterschied fiel mir auf: Der Rosenverkäufer ging nicht eher, bis ich die Rose bezahlt hatte. Sie nahm die Rose mit den Worten: »Oh, ein Romantiker!« »Ja«, sagte ich, »das bin ich wohl, leicht-errötend-werd.« »Leichterrötendwerd? Sag' mal, willst du mich hier veräppeln oder arbeitest du für eine Comiczeitschrift?« Ich war verwirrt. Wieso kam sie denn auf diesen Gedanken? »Nein, nein, ich hab' mit Computern zu tun, wie die meisten wohl hierSie schaute sich um. Offensichtlich nahm sie mir nicht ab, daß auch die Teilnehmer in der EDV-Branche arbeiteten, obwohl das doch die Regel war, wie meine Erfahrung zeigte. Okay, wir waren hier in einem Hardrock-Café und auch ich fand es irgendwie komisch, daß die meisten mit Lederjacken und Tattoos herumliefen.
Ich beschloß nach dem guten Anfang, einen Gang höher zu schalten: »Damit du auch weißt, mit wem du hier überhaupt sprichst: Ich bin 1,86m groß, Brillen- und Barträger.« Marion24 lehnte sich zurück und musterte mich von oben bis unten. »Ach? Das hätte ich jetzt aber nicht gedacht.« »Nein? Ja, man macht sich oft so seine eigenen Vorstellungen, mit wem man sich unterhält. Vielleicht willst du dich auch mal beschreibenIch wußte, das war eine heikle Frage - aber probieren konnte man es ja mal.
»Mich beschreiben? Wie meinst du das? Meine Interessen, meinen Charakter oder was?« »Marion24: das auch, aber ich dachte jetzt erstmal mehr an dein ÄußeresSie lehnte sich noch weiter zurück. »Mein Äußeresfragte sie gedehnt. »Wie meinst du dasDie Frau war offensichtlich geistig nicht so ganz auf dem Damm, schade. Aber gut, ich bin nicht so.
»Na ja, so Größe, Haarfarbe, Figur usw. Oder ist dir das zu persönlich? Wie gesagt, ich will nicht aufdringlich seinSie schaute mich lange nachdenklich an, dann sagte sie: »SehschwächeDas brachte mich durcheinander, und ich beschloß, das Thema zu wechseln.
»Übrigens, Marion24, hast du hier auch ein Postfach?« »Postfach? Komische Idee, natürlich nicht. Mein Briefkasten ist zu Hause, wie sich das gehörtAh, sie war hier also nicht Stammgast. »Und Deine E-Mail-Adresse? Verrätst du mir die? Vorsichtig-mal-anfrag.« Sie zog die Luft ein. »Wie käme ich dazu?!« »Na ja, Marion24, ich mein' ja nur so. Oder ich geb' dir meine, dann kannst du mir ja bei Gelegenheit mal ein Bild schicken ... frech-grins
Sie nahm ihre Tasche, zahlte und gab mir ihre Visitenkarte: »Ich hab da eine viel bessere Idee. Du besuchst mich mal. Hier ist meine Adresse. Und bitte möglichst baldDamit ging sie. Ich war noch ganz benommen. Eine Verabredung zu einem Blind-Date gleich am ersten Abend - das war selten! Überglücklich zahlte ich auch (wobei ich mich über die drei Lokalrunden schon sehr wunderte) und verließ die Kneipe. Zuhause schaltete ich sofort meinen Computer ein, um die kostbare Adresse in meine Datenbank einzugeben. »Dr. Marion Eckenfels, Dipl.-Psych., Landesheilanstalt Günzburg« stand da. Ich schaltete meinen Computer still wieder aus und verkroch mich in mein Bett ...


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