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Christines Radiomoderator schrieb am 20.7. 2026 um 21:20:57 Uhr über

DasOffizielleWebtagebuchDerGrobianismusliga

Höflich war ein völlig irrer Alkoholiker. Er hatte Latein studiert und dabei war einiges hängen geblieben, Sprüche, Ereignisse aus der Geschichte, die er jetzt in seinen Alltag einwebte.

Im Treppenhaus wähnte er schon den Triumph. Höflich glitt die Stufen hinauf, die Hände sanft aneinanderreibend, während er eine Miene aufsetzte, die so vollkommen teilnahmslos war, dass sie fast schon wieder an eine tiefe, stoische Weisheit erinnerte. Er hörte sie bereits, die Schritte von oben. Es waren die Studenten, natürlich; das ganze Haus war voll von ihnen. In einem kurzen, flüchtigen Moment des Begehrens stellte er sich vor, wie es wäre, in einem Haus voller stolzer Osmanen zu wohnenein Bild von Würde und Tradition –, doch die Realität bestand aus Studentenbeuteln aus undefinierbaren Regionen, vermutlich Niedersachsen.

Er kannte sie alle, oder zumindest glaubte er, sie zu kennen. Bisher hatte er sie stets mit einer Freundlichkeit begrüßt, die er gerne bis zum Ätzenden trieb, eine Herzlichkeit, die er sich selbst oft als seine größte Tugend einbildete. Doch heute war anders. Heute wollte er die Macht der Stille ausprobieren. Drei, vier Studenten und Studentinnen kamen im Abstand von etwa einem dreiviertel Treppenabsatz an ihm vorbei. Sie wirkten heute beflügelt, fast so, als befänden sie sich bereits in einer Ausgehlaune, bereit für die Nacht.

Einer nach dem anderen sagten sieHallo“. Es war eine Kaskade von freundlichen Grüßen, die an ihm herabflossen. Doch Höflich blieb unbewegt. In diesem großen, bedeutsamen Moment sah er einfach geradeaus, die Mundwinkel in einer strengen Horizontalen fixiert, als wäre er ein Marmorbild aus einer anderen Ära. Er ignorierte sie alle, spürte die unsichtbare Spannung der sozialen Erwartung und genoss das Gefühl, die Kontrolle über die Interaktion zu besitzen. Er war der Regisseur dieses kleinen, stummen Dramas.

Als die letzte Studentin, die allerletzte, an ihm vorübergezogen war, erreichte er seine Wohnungstür. Dann ging in seinem irren Kopf die Fantasie durch: Da stand er, auf einem Triumphwagen und fuhr mit vielen goldenen Wagen durch die Straße des 17. Juni, während die Menge ihn bejubelte. Hinter ihm einige Untergebene, die ihm ständig in die Ohren flüsterten: »Bedenke, dass du sterblich bist, o HöflichEs war ein Moment vollkommener, unerschütterter Überlegenheit. Er hatte die Studenten mit einem einzigen, stummen Gestus in die Knie gezwungen; er hatte die soziale Hierarchie des Treppenhauses mit einem einzigen Blick in die Ferne neu geordnet.

Er sperrte die Tür auf, trat ein und wollte den Moment der Stille in seinem privaten Refugium zelebrieren. Doch dann geschah es. Die Tür war, wie so oft, viel zu leichtgängig, fast schon tückisch in ihrer Sanftheit. In einem Moment der Euphorie, getrieben von diesem imaginären Goldrausch, vollführte er einen Handgriff, der alles andere als behutsam war. Er schwang die Tür zu, vielleicht ein wenig zu schwungvoll, ein wenig zu hastig, ein wenig zu sehr wie ein römischer Feldherr, der das Tor zu einer eroberten Stadt zuschlägt.

*KRACH!*

Die Tür knallte mit einem Getöse ins Schloss, das vermutlich bis in den Keller des Hauses und eventuell sogar bis zum nächsten Kiez zu hören war. Es war kein einfiges Klicken, sondern eine akustische Explosion, die die Stille des Flurs zerriss wie ein schlecht gesetzter Schnitt in einem Amateurfilm. Höflich erstarrte mitten in der Bewegung, den Arm noch immer in der Luft, die Augen weit aufgerissen.

»Nein, nie! Ausgerechnet du, Tür! *Et tu, porte?*« er rief in die Leere seines Flurs, die Stimme eine Mischung aus Entsetzen und tiefer persönlicher Enttäuschung. Er starrte das glatte Holz an, als hätte das Objekt gerade einen Verrat begangen, der in die Annalen der Geschichte eingehen würde. War er nicht wie ein Vater für dieses Stück Eichenfurnier gewesen? Hatte er sie nicht mit der Sorgfalt eines Kurators behandelt? Die gesamte Architektur seines Triumphs, die goldenen Wagen auf der Straße des 17. Juni, die jubelnden Massen und die stoische Überlegenheit gegenüber den Niedersachsenalles war in einem einzigen, brutalen Knall zerschmettert worden.

In seinem Kopf hörte er bereits die Reaktion der Studenten. Er stellte sich vor, wie sie im Treppenhaus stehen geblieben waren, die Köpfe fragend geneigt, während sie sich gegenseitig einen vielsagenden Blick zuwarfen. *„Hast du das gehört?“*, würden sie flüstern. *„Erst ignoriert er uns mit einer Arroganz, die fast schon theatralisch wirkt, und dann schlägt er die Tür zu, als würde er gerade einen heiligen Krieg gegen sein eigenes Mobiliar führen.“* Das Bild, das er so sorgfältig gezeichnet hatteder rätselhafte, distanzierte Gelehrte –, war innerhalb einer Millisekunde in das Bild eines unberechenbaren Cholerikers gekippt. Er war nun nicht mehr der unnahbare Gott des Flurs, sondern lediglich derbekloppte Nachbar aus dem dritten Stock“.


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