>Info zum Stichwort Hundepeitsche | >diskutieren | >Permalink 
Carlo schrieb am 2.2. 2025 um 21:43:03 Uhr über

Hundepeitsche

Goedeke: Karl Friedrich Ludwig G., Litterarhistoriker, wurde am 15. April 1814 zu Celle als Sohn eines wohlhabenden Maurermeisters geboren. Die Eltern waren einfache Leute, und es scheint, daß die kastenmäßige Absonderung des cellischen Beamtenthums früh auf den Stolz des begabten Knaben drückte. Später hat er sie jedenfalls nicht ohne Reizbarkeit empfunden und in seinen Novellen den engherzigen Geist dieser Kreise drastisch verspottet. Eine gewisse Sprödigkeit gegenüber den Vornehmen und in Rang und Würden Festgesessenen ist ihm zeitlebens eigen geblieben. Nachdem G. die untern Classen des Celler Gymnasiums durchlaufen hatte, siedelte er Michaelis 1828 auf das Kgl. Pädagogium zu Ilfeld über, dessen Zögling er fünfthalb Jahr gewesen ist. Schon 1830 stand sein Entschluß fest, Philologie zu studiren, aber eifriger als den Schulfächern war er privater Lectüre zugewendet; seine stilistische Gewandtheit durfte sich in einer aufgetragenen Schulrede über den ältesten Ilfelder Rector Michael Neander und in Vorträgen über selbstgewählte Themata entfalten: Hans Sachs, Uhland, Grillparzer verrathen früh erwachte Sympathien, die wir durch Schiller und Platen schon für diese Zeit ergänzen dürfen. Eine Schülerrevolte im Frühjahr 1833 schien auch seinem Abgang Hemmnisse zu bereiten, aber schon damals hat er seine Abneigung gegen alles lärmende Auftreten bethätigt und sich zugleich unter seinen Mitschülern eine besondere Vertrauensstellung erworben. So behielt er denn auch zu einigen seiner Lehrer, wie zu dem Historiker Havemann, dauernd ein gutes Verhältniß, nachdem er die Anstalt glücklich mit dem Reifezeugniß verlassen und sich als stud. phil. in die Matrikel der Georgia Augusta eingetragen hatte. In Göttingen hat er seine ganze Studienzeit verbracht: von Ostern 1833 bis Ostern 1838; Benecke, die Brüder Grimm, Gervinus, Dahlmann, K. Otfried Müller sind seine Lehrer gewesen; einen Abschluß durch Staatsexamen oder Promotion haben seine Studien nicht gefunden, weil zeitig rege und mit wachsender Liebe gepflegte poetische Neigungen und nächstdem die durch die Ereignisse von 1837 veranlaßte journalistische Bethätigung die wissenschaftlichen Interessen ablösten. Dem studentischen Treiben hat sich G. völlig fern gehalten, ihm genügte ein kleiner Kreis gleichgesinnter Freunde, unter denen ihm ein Theologe Stölting besonders eng verbunden war und blieb. Von seinen akademischen Lehrern hat Otfried Müller der durch Platen entzündeten Begeisterung für die schönen Formen der Antike festen Halt gegeben und den Studenten G. zu einer formvollendeten poetischen Huldigung hingerissen, Dahlmann ist ihm ein sicherer Führer in den politischen Wirren des auf seine Studienzeit folgenden Jahrzehntes geblieben, an Gervinus dagegen stieß ihn das an Eitelkeit grenzende Selbstbewußtsein ab, und in Stunden des Unmuthes hat er ihn wohl gar einerwahrhaft unanständigen Langweiligkeit“ geziehen; Benecke’s gedachte er dankbar, aber doch stets mit einer leichten humoristischen Färbung: die Wortphilologie war ihm in diesem Lehrer liebenswürdig, doch nicht eben imponirend erschienen. Aber das ausdrucksvolle Auge des Greises leuchtete heller und seine Stimme bekam einen wärmeren Klang, sobald er auf Jacob Grimm zu sprechen kam: pygmäenhaft erschien ihm das ganze folgende Germanistengeschlecht neben diesem Gewaltigen, der doch zeitlebens so ein schlichter, lieber, herzensguter Mensch geblieben war. Das Verhältniß der Treue zu diesem unvergleichlichen Gelehrten und Menschen war der kostbarste Besitz seines Lebens, und wenn er, in späteren Jahren zur gelehrten Arbeit hingewandt, auch selten auf Gebieten sich bethätigt hat, die Jacob Grimms eigentliches Arbeitsfeld waren, eine wahre Herzensfreude gewährte ihm jeder Fund, der um das alte feste Band ein neues Fädchen zu schlingen erlaubte: so das niederdeutsche Lied zur Dietrichsage „Koninc Ermenrikes dot“ (Hannover 1851), so die Studien über den Hessen „Burchard Waldis“ (Hann. 1852) und wieder die Jacobsbrüder des „Kunz Kistener“ (Hann. 1851) oder die Beisteuer zum Deutschen Wörterbuch. Das Dichterwort „Wenn die Könige baun, haben die Kärrner zu thunschien ihm wie auf Jacob Grimm geprägt zu sein. Die erste Gelegenheit, diese Liebe zur hellen Flamme zu entfachen, brachte im Spätjahr 1837 das mannhafte Auftreten der Göttinger Sieben gegenüber dem hannöverschen Verfassungsbruch: damals hat sich der Studiosus G., der bisher nur als zarter Lyriker in den Spalten des Stuttgarter „Morgenblattes“ und der Frankfurter „Didaskalia“ aufgetaucht war, zuerst als Journalist versucht: in ausführlichen Berichten über die Göttinger Vorgänge für die Augsburger Allgemeine Zeitung, die dann ihren Weg durch einen großen Theil der deutschen Presse fanden. Aber auch zu dichterischem Ausdruck drängte es ihn, und als die geeignetste Form zur Kritik der Gegenwart erschien ihm das aristophanische Lustspiel, wie es Platen jüngst erneuert hatte. So entstand im J. 1838 „König Codrus. Eine Mißgeburt der Zeit". Zunächst handschriftlich an Jacob Grimm mitgetheilt fand das Stück dessen lebhaften Beifall: „Ich wüßte keinen, der vielleicht Platen’s Verlust so schnell zu ersetzen vermöchte“ schrieb er damals an Dahlmann (Briefw. I, 269 f.). Wir kennen das Werkchen nur in der um alle gefährlichen politischen Anspielungen verkürzten Gestalt, in der die Censur den Druck gestattete: Leipzig 1839 unter dem Pseudonym Karl Stahl, das G. auch in den Folgejahren zunächst festhielt. Die sprudelnde Munterkeit in der Handhabung des Reimes und der wechselnden Rhythmen und dann wieder der pompöse Schritt der anapästischen Parabase, die reine und tapfere Gesinnung, die sich in prickelndem Witz über unwürdige Tändelei, in grimmigem Spott über moralische Erbärmlichkeit und in kraftvoller Begeisterung für schlichte Menschengröße Luft macht, all das rechtfertigt des Lehrers freundliches Vorurtheil, während wir eine starke künstlerische Originalität weder in der Erfindung noch im Aufbau erkennen. Auch die Novellen und Novelletten, die G. seit 1838 in verschiedenen belletristischen Zeitschriften pseudonym erscheinen ließ und dann (Celle 1841) alsNovellenunter seinem wirklichen Namen gesammelt herausgab, verrathen bei einer gewissen Vielseitigkeit der Stimmungen und Töne und wohlgepflegter sprachlicher Form nur schwache Erfindungsgabe. Zum bühnenmäßigen Lustspiel hat G. noch viel später (1857) verschiedene Anläufe gemacht, die aber weder zum Abschluß, noch zum Druck gelangten: für einen dieser Entwürfe nahm er den Stoff aus J. J. Engels RomanHerr Lorenz Stark“. Wie so viele keimende Talente hatte der biedere Gustav Schwab auch unsern G. unter seine Fittiche genommen und sich vergeblich bemüht, für seine epische Dichtung in Romanzenform „Herzog Ernsteinen Verleger zu beschaffen. Mehr zu bedauern ist es, daß die politischen Gedichte der Jahre 1837/38 auch in der Schweiz, wohin das Manuscript gewandert war, keinen Drucker fanden (J. Grimms Annahme im Brief an Dahlmann vom 8. Nov. 1838 ist irrig); sie würden G. dauernd einen Platz unter unsern vornehmsten politischen Lyrikern gesichert haben.


   User-Bewertung: /
Wenn Dir diese Ratschläge auf den Keks gehen dann ignoriere sie einfach.

Dein Name:
Deine Assoziationen zu »Hundepeitsche«:
Hier nichts eingeben, sonst wird der Text nicht gespeichert:
Hier das stehen lassen, sonst wird der Text nicht gespeichert:
 Konfiguration | Web-Blaster | Statistik | »Hundepeitsche« | Hilfe | Startseite 
0.0622 (0.0512, 0.0096) sek. –– 946266815