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Klarname Schmidt, Matthias rené schrieb am 1.3. 2026 um 09:30:16 Uhr über

Schubladenschlüssel

Marbach oder Müllcontainer

Ich war elf und ein Arschloch und Michael war neun. Onkel Ferdi aus Östrich bei dem ich den Fingernagel der rechten Hand in den Zahnrädern der Speis-Mischmaschine verlor, ich bemerkte das erst gar nicht, sah nur der ganze Arm und die Hand waren blutig und das Blut kam aus der Spitze des Zeigefingers, der baute uns nämlich einen großen neuen Kleiderschrank für die neue Wohnung der genau an die Zimmerwand passte und eine große Erleichterung für Mutter. Unten hatte der vier Schiebeschubladen, Rausziehschubladen. Alles Pressspan mit edlem weißen Plastik furniert. Die Schubladen waren abschließbar mit einer Art kleinem Bartschlüssel wie es die damals auch ähnlich für Türen für Kleiderschränke gab. Wir waren drei Kinder und eines war noch in Mutters Bauch, also vier Schubladen und vier Bartschlüssel. Jedem Kind sollte also in dem neuen Haus in das wir mit viel Eigenarbeit von Papa abends und an allen Wochenenden für die Hausbesitzer die Engel hießen und Theaterschauspieler und Musiklehrerin (meine erste) waren, dann einzogen, eine eigene abschließbare Schublade haben und als die Eltern dann statt des versprochenen Lohns für die Arbeit Papas der Maurerpolier war und vieles konnte, (Plätteln, Mauern, verputzen, Türstürze, Fenster setzen, Leitungen legen u.v.m.) gesagt bekamen, wir bekämen lediglich fünfzig Mark Mietnachlaß für ein paar Jahre, weil Papa ja Schwarzarbeit gemacht habe, (und das von den Profiteuren der Schwarzarbeit, den Engels), da hassten wir alle gemeinsam die Engels über denen wir dann ja drüber wohnten. ich ging aber noch immer in die Klavierstunde zu ihr, die sagte immer Kindchen zu mir, und, so wird das nix.

Das Arschloch hatte durch Schmetterlingspostkartenverkauf in den großen Hallen des Wiesbadener Hauptbahnhofs eine halbe Stunde vor Schulbeginn mit aufgefächerten schön bunten Schmetterlingspostkarten eine Menge silberne Münzen erwirtschaftet, der Klassenlehrer Französisch Zerfaß verteilte Pakete mit fünfzig Schmetterlingspostkarten in der Sexta die zehn Pfennige kosteten, viele Leute gaben zwanzig Pfennige oder gar manchmal fünfzig, ich steckte jeden Überschuß in die eigene Tasche. Das führte dazu daß ich plötzlich sehr reich war, wir bekamen recht knappes taschengeld, ab dem Gymnasium waren es monatlich vier Mark, Michael noch weniger, und durch den Verkauf der Postkarten hatte ich die ganze Tasche irgendwann mit Silbermünzen gefüllt, darunter sogar einige Fünfmarkstücke die mir wie ein großer Schatz vorkamen. Schon das Fünfzig Pfennig Stück mit dem schönen Mädchen und dem Eichensetzling war magisch. Einen ganzen Becher Florida Boy Orange gab es dafür, aber das Mädchen war mir lieber als die gelbe kühle Limonade obwohl ich mich oft an heißen Sommermittagstagen danach regelrecht verzehrte aber sparsam wie ich erzogen war tapfer am Limonadenkarussel im Hauptbahnhof nach erfolgreicher sechster Stunde vorüberlief obwohl ich es mir nun wenigstens manchmal hätte leisten können. So blieb ich dann auch eine lange Zeit reich. Weil ich sehr wenig ausgab.

Ich spreche heute von Arschloch, ich war zwar selbst auch noch ein Kind mit zehn oder elf, aber auch der Große der vernünftig sein muß und auch mit neun war ich der Große der vernünftig sein muß und auch natürlich mit sieben, aber der Michael der war jetzt auch neun und der brauchte aber nicht vernünftig zu sein weil der ja immer der Kleine war. Aber der Kleine war ganz schön geschickt. Der hat nämlich, und das hab ich erst nicht bemerkt, mir aus meiner Schublade Marsriegel gestohlen. Weil ich mir eine große Sache leistete als ich dieses viele Geld hatte vom Schmetterlingspostkartenverkauf, die schönste war der rote Admiral, der gelbe Zitronenfalter gefiel mir auch sehr gut, ich ließ mir nämlich von Mutter die jemanden kannte der in die Metro fuhr und sich da Sachen mitbringen ließ, eine große Packung mit Marsriegeln mitbringen die ich in meiner Schublade verstaute. Und ich gab Michael, meinem kleinen Bruder nie etwas davon ab. Wir waren sowieso ein klein wenig verfeindet und mir kam das gar nicht in den Sinn und deswegen habe ich auch heute über das Arschloch geschrieben, ich fand nämlich, der hatte immer so schöne glatte Kackhaufen, die sahen so fein aus, und ich hatte so zerroppte kackhaufen eher, die sahen nicht so wohlgeformt aus, überhaupt war Michael ein glatterer, freundlicherer Typ als ich, der sich sehr schnell mit Leuten befreundet machen konnte was ich gar nicht konnte und auch oft gar nicht wollte. Ich bemerkte die fehlenden Schokoriegel und konnte es zuerst nicht wirklich klären. Dann aber kam heraus, er hatte sich einen der Kleiderschrankschlüssel die gleichgroß waren und nur einen etwas anderen Bart, so zurecht gefeilt das sie meine Schublade öffnen konnten. Das hat er ganz alleine und nur mit einer ganz kleinen Eisenfeile gemacht. (Wir hatten damals einen kleinen Werkzeugkasten mit einer Laubsäge, da waren auch eine oder zwei kleine Eisenfeilen dabei). Er bekam den Schlüssel abgenommen, Mutter zeigte ein klein wenig Empörung. Kurze Zeit später fehlte der nächste Schrankschlüssel und Marsriegel. Wieder gab es eine kleine Strafpredigt und er mußte versprechen das nie wieder zu tun. Es dauerte nicht lange und der dritte Schrankschlüssel und Marsriegel fehlten. ich weiß nur noch, am Ende hatte die gesamte Wohnung keinen einzigen Schlüssel mehr an den Kleiderschränken oder an mit ähnlichen kleinen Schlüsseln verschlossenen Behältern. Nur die Schubladenschlüssel waren wohl selbst schlecht umzufeilen, weil wenn was drangehört, dann kriegt man das ja nicht dran. man kann ja nur was wegfeilen. Will sagen, so ein kleines Bürschchen kann ganz schön geschickt sein in seinen Heimlichtuereien wenn ein Schokoriegel als Lohn winkt, und so ein kleiner älterer Bruder kann ein ganz schön blödes Arschloch sein.



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