Einige überdurchschnittlich positiv bewertete
Assoziationen zu »Fussnote«
Bernd Lutterbeck schrieb am 17.6. 2001 um 01:39:23 Uhr zu
Bewertung: 1 Punkt(e)
Vor ziemlich genau 25 Jahren - es war ein heißer, sonniger Tag - saß ich mit meinem Chef an einem Regensburger Baggersee. Mir war klar, daß ich seine Einladung meinem jüngsten genialen Konzeptpapier über was auch immer zu verdanken hatte. Stellen Sie sich vor: In dieser Hochstimmung macht mich dieser Typ zur Sau. Ihm war leider nicht entgangen, daß ich in Fußnote Sowieso nicht nur geschlampt, sondern - heute kann ich es ja zugeben - ohne Beleg abgekupfert hatte. Ich glaube fest daran, er würde die eine geschlampte Fußnote auch unter Tausenden finden.
Diese Geschichte könnte helfen, einen Zugang zu dem durchaus sperrigen wissenschaftlichen Lebenswerk Wilhelm Steinmüllers zu finden: Der Fast-Musiker und Künstler, der Theologe, der Philosoph, der auf Mittelalter spezialisierte Historiker, der Jurist, der Angewandte Informatiker. Wenn man nicht von vornherein annimmt, daß wir heute eine Persönlichkeit ehren wollen, die als Steinmüller 2 gewissermaßen Steinmüller 1 hinter sich gelassen hat, dann wird klar, daß man nach Brüchen und Kontinuitäten suchen muß, die in bezug zu setzen wären
aus:
http://ig.cs.tu-berlin.de/bl/008/
hei+co schrieb am 17.6. 2001 um 01:33:21 Uhr zu
Bewertung: 1 Punkt(e)
Deshalb ist die oft vorgenommene Analogisierung zwischen der klassichen Fußnote und dem link in elektronischen Texten auch nur bedingt tauglich. Der narrativen Funktion von links kommt man aber doch auf die Spur, wenn man extreme Gebrauchsweisen von Fußnoten in literarischen oder theoretischen Texten verfolgt: Fußnoten weisen über die (auch physische) Abgeschlossenheit nicht digitaler Texte hinaus. Sie ermöglichen ein Schreiben über den Rand des jeweiligen Diskurses. Als Absprungstellen für den Leser fordern sie Interpretation, Kritik, eigene Suchbewegungen heraus und bewirken einen Perspektivewechsel, der das diskursive und auktoriale Zentrum des Textes aufsprengt und für Anschlußmöglichkeiten an andere Texte und Diskurse sorgt. In dem Essay »Living On« (Derrida, Jacques (1979), »Living On«, in: Harold Bloom (Hg.). Deconstruction and criticism, New York, S.75-176) untersucht Derrida Grenzlinien in Mairice Blanchots Texten und kommentiert den Prozeß seiner Gedanken gleichzeitig, indem er eine einzige Fußnote einsetzt, die unterhalb des gesamten Textes parallel weiterläuft. Als narrative Stilfigur findet sich die Fußnote extensiv eingesetzt im 10. Kapitel von Finnegans Wake (Joyce, James (1947), Finnegans Wake, New York), in dem der Haupttext in der Mitte (Textmaterialien einer Schulstunde) von Marginalien an den seitlichen Rändern (Bezugsstellen und Anmerkungen zweier Brüder zum studierten Text) und Fußnoten (die Beziehungen zwischen den Brüdern und der Schwester herstellen) umrahmt wird. Der Leser wird hier in einen Dialog zwischen verschiedenen Texten und Lesarten verwickelt, der Akt des Lesens, das Navigieren im Text wird konstitutiver Bestandteil des Textkörpers. Weitere Beispiele finden sich in dem Essay: (1983) »At the Margin of Discourse: Footnotes in the Fictional Text«. Leider ist in keinen mir bekannten Textverarbeitungs-Programm die Möglichkeit gegeben, in Fußnoten wiederum Fußnoten einzufügen - und somit eine Mehrfachverschachtelung zu erreichen, wie sie etwa in Raymond Roussels Texten gegeben ist.
Ernest W.B. Hess-Lüttich schrieb am 17.6. 2001 um 01:30:48 Uhr zu
Bewertung: 1 Punkt(e)
Zugegeben: die Bücher hätten einen Anfang und ein Ende, aber was zwinge uns zur Linearität der Lektüre? Waren es nicht gerade die reputablen Schriften alter Kulturen, die uns aus diesem Zwang entließen, die Zeichen des Lao Tse, die Qumran-Rollen, der Talmud, die Bibel der Christen? Man vergegenwärtige sich nur einen Traktat aus dem Talmud, die Seite kunstvoll gestaltet mit Kopfzeile und Fußnote, mit dem Text der hebräischen Mishnah in der Mitte, eingerahmt vom Kommentar der aramäischen Gemara, erweitert durch erläuternde Haggadah, assoziativ angeschlossene Parabeln und mnemo-technisch hilfreiche Merkworte und Wortspiele, Querverweise auf andere Textstellen, auf die Bibel oder mittelalterliche Schriften, Einschübe, Marginalien, Korrekturen, Kommentare aus Jahrhunderten angelagert - so entstand im Laufe der Zeit »ein dichtes Geflecht von Texten über Texte, mit unzähligen Verweisen und Beweisführungen, das gerade durch die verschiedenen Lesarten, konkretisiert in den zahlreichen Kommentaren, zu immer neuer, 'unendlicher' Interpretationsarbeit auffordert« (Fendt 1995: Ms 93).