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Die Hypermacht
Thorsten Stegemann 26.02.2003
Die USA in Nahaufnahme
Das Ende des Kalten Krieges war sicher ein Segen für die Menschheit. Doch nun
droht sie selbst zur Beute des jahrzehntelangen Kräftemessens zu werden, denn dass
der Sieger seine Ziele neu gesteckt hat, dürfte selbst der uneingeschränktesten
Solidarität mittlerweile aufgefallen sein. Die politischen, wirtschaftlichen,
geostrategischen und kulturellen Interessen der Vereinigten Staaten erstrecken sich
rund um den Erdball und erreichen im Hinblick auf die Totalität der hegemonialen
Ansprüche zweifellos eine neue Dimension.
Unter diesen Umständen kann es dem Rest der Welt nicht schaden, einen Blick hinter die
Kulissen der »Hypermacht« zu werfen. Eben den gewährt Stefan Fuchs' absolut
lesenswerte Zusammenstellung von neun Interviews, die während der letzten Monate im
Deutschlandfunk zu hören waren. Die Reihe prominenter Gesprächsteilnehmer reicht von
Gore Vidal, Richard Sennett, und Joshua Meyrowitz über Dan Clawson, Eduardo
Lourenco und Morris Berman bis zu Benjamin R. Barber, Thomas Frank und Noam
Chomsky. Sie beleuchten aus unterschiedlichen Perspektiven den inneren Zustand der
Vereinigten Staaten und kommen in weitreichender Übereinstimmung zu Ergebnissen, die
mit dem Begriff »katastrophal« nur unzureichend charakterisiert wären.
Beispiel Vidal: Der Historiker, der an einer Art Gegengeschichte zur offiziellen
amerikanischen Geschichtsschreibung arbeitet, ist fest davon überzeugt, das sich die
Vereinigten Staaten »mit hoher Geschwindigkeit« in einen Polizeistaat verwandeln, der
durch Korruption und handfeste gemeinsame Interessen zusammengehalten wird:
"Vizepräsident Dick Cheney und der Vater des Präsidenten, Bush senior, sind durch
Öl reich geworden. Condoleezza Rice, die Sicherheitsberaterin des Präsidenten,
arbeitete 5 Jahre im Vorstand des Chevron-Konzern. Ihr spezielles Aufgabengebiet
dort war die Erschließung der Ölvorkommen in Usbekistan und Pakistan. Es ist in
der Geschichte der Vereinigten Staaten ohne Beispiel, dass in dieser Weise eine
einzelne Interessengruppe alle wichtigen Staatsämter besetzt, ohne dass es
irgendeinen Widerstand dagegen gäbe."
Diese eigenartige Lethargie konstatiert Richard Sennett auch im Wirtschaftsleben
Amerikas, das trotz seiner gewaltigen Schieflage nicht zu revolutionären Ausbrüchen
neigt, sondern bei Millionen Menschen viel eher ein Gefühl "individuellen Versagens,
persönlicher Unzulänglichkeit" erzeugt. Der Konsumgedanke hat in dieser Hinsicht einen
triumphalen Siegeszug angetreten: "Es geht nicht darum, etwas Bestimmtes zu besitzen, das
einem durch den Besitz Freude bereitete. Es geht darum, immer wieder neue Zeugnisse der
eigenen Konsumfähigkeit zu erwerben."
An dieser ideologischen Zielstellung arbeiten schließlich auch die Medien mit, sofern sie
nicht gerade mit der Unterdrückung oder Verfälschung wichtiger Informationen beschäftigt
sind. Joshua Meyrowitz bemängelt in seiner Stellungnahme, dass die amerikanischen
Massenmedien »alles andere als demokratisch organisiert sind« und bei der
Verschleierung ihrer tatsächlichen Gleichschaltung eine absolute Perfektion erreicht
haben: "Es ist klar, dass in einem Umfeld, das durch zahllose Werbe-Doppelseiten
beispielsweise der Automobilindustrie geprägt ist, kritische Berichte über Autos keinen
Platz haben können. Das heißt natürlich nicht, dass ein negatives Testergebnis eines
bestimmten Modells nicht erscheinen kann. Was nicht möglich ist, sind Zweifel am Auto
als Transportmittel überhaupt." Dass im Vorfeld des 1. Golfkrieges 20 kritische
Zeitungsartikel fast 4.200 Beiträgen gegenüberstanden, die zu dem Fazit "Saddam Hussein
gleich Adolf Hitler!" kamen, ist denn auch bezeichnend genug.
Dan Clawson sieht die unheilvolle Entwicklung darin begründet, dass die Tendenz zur
Plutokratie in den vergangenen 25 Jahren einen Höhepunkt erreicht hat. Für einen Sitz im
Repräsentantenhaus müssen die Kandidaten durchschnittlich 840.000 Dollar, für einen
Platz im Senat sogar durchschnittlich 7,3 Millionen Dollar ausgeben - mit all den
persönlichen, wirtschaftlichen und politischen Verflechtungen, die sich aus Wahlkämpfen,
Wahlversprechen und Wahlspenden schließlich ergeben:
"Tatsächlich kann man gar nicht von zwei Parteien in den USA sprechen, es gibt nur
eine Partei, die Partei des Geldes, die von den Reichen und von den Unternehmen
dominiert wird."
Über Krieg und Kulturexport wird der Einfluss dieser Partei rund um den Erdball
ausgedehnt. Eduardo Lourenco beschreibt im amerikanischen Kulturleben einen "Fluss
selbst-referentieller Bilder, die weder der Sphäre der Kommunikation noch der Ästhetik
angehören, sondern nur noch der des Konsums" und sich auf dem kleinsten gemeinsamen
Nenner mühelos verbreiten lassen. Morris Berman glaubt, dass der amerikanische
»Exportmüll« deshalb so reißenden Absatz findet, weil er auf unmittelbare
Triebbefriedigung gerichtet ist und den Konsumenten ein letztlich infantiles Gefühl von
Geborgenheit in einer chaotischen Welt vermittelt.
Während Benjamin R. Barber nun versucht, durch weitgehende Kompromisse zwischen
Politik und Wirtschaft, Bürger und Konsument einen Ausweg aus der heillosen Situation
zu finden, sieht Thomas Frank das gesamte amerikanische Gemeinwesen in einer tiefen
Depression, weil der vielzitierte Normalbürger jeden Glauben an soziale Gerechtigkeit,
politische Veränderungen und ein absehbares Ende der "uneingeschränkten Herrschaft der
Unternehmen" verloren hat.
Noam Chomsky spricht deshalb von einer »völlig entpolitisierten Gesellschaft«, die sich
dem Entscheidungsmonopol einer mehr oder weniger anonymen Führungskaste überlassen
hat: "Etwa ein Sechstel des Bruttoinlandsprodukts, über eine Billion Dollar, wird jedes
Jahr für Marketing ausgegeben, das heißt für Manipulation und Verhaltenssteuerung." Der
Krieg gegen den Irak ist deshalb nicht nur unter wirtschaftlichen und geostrategischen
Überlegungen zu betrachten, sondern natürlich auch eine Art innenpolitischer
Notwendigkeit:
"Nicht wegen Saddam Husseins Atompilz über New York, sondern weil im
nächsten Winter der Wahlkampf bereits im vollen Gange ist, und da müssen die
Amerikaner schon in der richtigen Stimmung sein. Unter keinen Umständen dürfen
sie über die Renten oder die Gesundheitsversorgung nachdenken."
Das Bild, das dieses Buch von der aktuellen Weltlage und der einzig verbliebenen
Führungsnation entwirft ist bedrückend, ja deprimierend. Von einer konstruktiven
Auseinandersetzung mit den in vielerlei Hinsicht aufschlussreichen Texten, sollte sich
gleichwohl niemand abhalten lassen. Schließlich kann die Achse des Bösen beliebig
verlängert werden.
Stefan Fuchs (Hg.): Die Hypermacht. Die USA in Nahaufnahme, Edition Nautilus, 10,90
€
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last modified: 24.02.2003
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