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Thomas Pynchon wird nie den Nobelpreis für Literatur bekommen. Gelobt sei er dafür!
Thomas Pynchon ist der älteste Junge der Welt. Und er ist der jüngste 69-Jährige der Weltliteratur. Er ist so jung wie sein Lachen, dieses gut gelaunt gurgelnde Geräusch, dieses unverschämte Gelächter, das jetzt gerade wieder an allen vier Ecken der Welt anhebt, wo sein Buch – das manche an einen Toaster erinnert hat, weil es so dick ist, als ob es nicht schon früher dicke Bücher gegeben hat– in Amerika in den Läden liegt und leider auch in den Redaktionen, und nun müssen wir arme Redakteure uns damit abmühen, als gelte es, Kopernikus Einfallslosigkeit nachzuweisen oder Thomas Edison Altersstarrsinn. Wir schäumen und beben: Wir, die nie jung genug waren, um die Welt gesehen zu haben, wie Pynchon sie sieht – als einen zauberhaften Jahrmarkt, als ein Karussell außer Kontrolle, als eine Konstruktion, die man mit physikalischen Formeln beschreiben kann. Oder eben mit Sätzen, die dem Geheimnis dieser Welt nachlauschen.
Aber wir können nicht hören, wir Kritiker. Oder wir wollen einfach nicht. Wir haben schon zu viel zu tun mit dem letzten Genie der Saison oder mit dem selig siechenden Philip Roth, wir bewundern John Updike, wie er sich in einen islamischen Terroristen hineindenken kann, und gönnen Orhan Pamuk im Chor den Nobelpreis.
Pynchon wird nie den Nobelpreis bekommen. Gelobt sei er dafür! Denn er ist zu gewissenhaft, um moralisch zu sein nach Stockholmer Maßstäben; er ist zu tief vorgedrungen zum dunklen Beben dieser Welt, als dass er das anders vermitteln könnte als hell und schwebend; und vor allem ist er zu gelassen und zu heiter, um zu verzweifeln. Er ist, um es kurz zu machen, kein Schriftsteller für die Kritik, und wenn man das liest, was in Amerika über seinen neuen Roman Against the Day geschrieben wurde, dann scheint es so, dass vor allem Leute geschrieben haben, die ihn noch nie mochten und das jetzt endlich sagen können: Es zeigt sich aber vor allem, dass zwischen Pynchon und der Literaturkritik wohl schon immer ein Missverständnis war.
Es geht um mehr als um das Grummeln enervierter Kritiker
Aber das Warten war eben so lang, fast zehn Jahre seit seinem letzten Roman Mason & Dixon, der in den amerikanischen Bürgerkrieg zurückführte – und wenn Pynchon nun einfach so leichthändig abhebt, an Bord des Luftschiffes Inconvenience, mit dem doppeldeutigen Ruf »Now single up all lines«, der die Seile wie die Sätze meinen kann, und sich treiben lässt, über Landschaften und Menschen und Zeiten hinweg, von der Weltausstellung in Chicago im Jahr 1893 über den Einsturz des Campanile in Ve-nedig 1902 bis an die Pforten des Ersten Weltkrieges: Dann sind wir uns nicht mehr sicher, ob wir mit ihm über die Welt lachen oder ob wirdann aus Versehen auch über uns selbst lachen.Wir haben verlernt, Thomas Pynchon zu lesen.
Etwas ist passiert in jenen Jahren des Wartens, als das Phantom der Weltliteratur sich nur einmal sehen ließ, in New York mit seinem Sohn, und was für eine Sensation war dieses Foto – etwas ist passiert, das mit unserem Verhältnis zur Welt zu tun hat und der Art, wie die Literatur das reflektiert. Und deshalb sind auch die Pynchon-Verrisse, die gemeldet wurden wie die aktuellsten Wasserstandsmeldungen von der Klimakatastrophe, so interessant: Es geht um mehr als um das Grummeln von enervierten Kritikern. Es geht darum, wie weit einen der Glauben trägt, dass diese Welt dort draußen überhaupt beschreibbar ist.
Pynchon sagt: Ja, sie ist beschreibbar, aber nicht mit den Worten, die ihr benutzt; sie ist beschreibbar nur von den Rändern her, der Vernunft, der Sprache, der Wissenschaft; nur in den Extremen, wie es Louis Menand im bislang einzigen klugen Verriss im New Yorker geschrieben hat, im stetigen Kampf von utopischem und totalitärem Denken, von Anarchismus und Konzerndenken, von Natur und »techne«, von Sklaven und Herren. Diesen Kampf kämpft in Against the Day auch Webb Traverse, gegen die Interessen der Stahlkonzerne im Westen Amerikas, zu dieser Schwellenzeit Ende des 19. Jahrhunderts, als die Technik in ihren wüsten und wunderbaren Möglichkeiten aufschien, als eine Wende, und das ist Pynchons dauerndes Fragen, zum Guten vielleicht noch denkbar war. Webb Traverse wird recht rasch ermordet – und so bleibt der Rest des Romans eine Exkursion in Sachen Unmöglichkeit.
Auch der neue Roman Pynchons ist ein Comic für Bildungsbürger
Und das ist es, was Propagandisten eines literarischen Realismus, wie er nicht nur in Amerika seit Jahren herrscht, nervös macht. Literarische Traditionalisten glauben, dass diese Welt, die, und auch das steckt im Namen von Webb Traverse, in Zeiten des Internet noch verschlungener und noch verrätselter geworden ist, dass diese Welt also mit ganz altmodischen Waffen, wie es Worte sind, zu erobern sei.
Was für sie nun an diesem ausufernden Buch, in dem die Charaktere Heino Vanderjuice heißen, Pig Bodine oder Alonzo Meatman, in dem es einen sprechenden und sehr anhänglichen Kugelblitz mit Namen Skip gibt und auch sonst allerhand höheren Unsinn, was also an Against the Day so fantastisch wie verstörend ist, das ist die Einsicht, dass dieser Roman, wie im Grunde alle Pynchons, ein Comic ist für Bildungsbürger. Poetisch explodiert die Sprache, grell leuchten die Sätze, es ist ein Gleiten und Schweben über Oberflächen, die aussehen wie unsere Welt und doch nach ganz anderen Gesetzen funktionieren. Früher einmal, in politisch bewegteren Zeiten, nannte man das Pynchons Paranoia; heute ist es eher die sanfte Schwester, die Melancholie.
Und so ist es ein anderer Pynchon, den der erlebt, der mit ihm zurückreisen will in eine Zeit, in der sich der Glaube an die Veränderbarkeit der Welt auf mysteriöse Weise verselbstständigt hat; in der die Welt, wie wir sie kennen, sich geformt hat; in der, und das gibt dem Buch seinen politischen Kern, wenn man will, sich Amerikas hegemoniales Wesen herausgebildet hat. Er hat uns etwas gegegeben wie einen »Traumatlas«, so hat Liesl Schillinger das genannt in ihrer schönen Lobeshymne in der New York Times, die dem Chor der Verächter eine erste Stimme der spielerischen Vernunft entgegengesetzt hat – wer das Buch also wirklich liest, das sieht man an diesem Text, und wer verstehen will, was Pynchon uns sagt, der wird sich in diesem Roman verlieren und finden, wie es nur in einem seiner Wundergebilde möglich ist.
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