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Die Rückseite des Baumes
Der Baum zieht sich nachts
als Kleiderständer an.
Morgens
steht er im Schlafzimmer,
schwarz lackiert,
auf vier Rollen,
und trägt Hemden,
die niemand vermisst,
weil Vermissen
immer zuerst
die Körper trifft.
Draußen
heißt derselbe Baum
Amerika.
Seine Rinde
liest sich
wie eine Haut,
die vergessen hat,
dass sie einmal weich war.
Ich sehe eine Frau
im Stufenkleid.
Nein.
Ich sehe,
wie Licht
beschließt,
Stoff zu werden.
Die Ärmel
sind zwei Atemzüge,
die der Wind
nicht zu Ende spricht.
Der Gürtel
ist keine Mode.
Er ist der Versuch,
eine Landschaft
in der Mitte
zusammenzuhalten.
Unterhalb davon
fallen Volants.
Nicht nach unten.
In die Zeit.
Jede Stufe
ein Sediment
aus Berührungen.
Ein Kleid
ist nichts anderes
als Geologie,
die beschlossen hat,
einen Körper
zu begleiten.
Sie steht
zwischen Männern
mit Hüten,
Westen,
Arbeitshemden.
Sie gehört
nicht weniger dazu.
Sie gehört
anders.
Das Weiß
des Stoffes
ist niemals nur Weiß.
Mittags
nimmt es den Himmel an.
Abends
die Schatten.
Später
das Gedächtnis.
Jemand erklärt etwas.
Jemand hört zu.
Niemand merkt,
dass der Baum
die ganze Zeit
mitlauscht.
Dann
klatscht sie.
Der Klang
geht nicht
durch ihre Hände.
Er läuft
durch die Falten.
Der Stoff
applaudiert
dem Körper.
Die Luft
antwortet
mit Staub.
Staub
ist Landschaft,
die sich
an alles erinnert.
Ich glaube,
jede Bewegung
bleibt irgendwo
als Falte zurück.
Im Kleid.
Im Bett.
In der Rinde.
Sie beugt sich
zu einem Mann.
Nicht aus Mitleid.
Nicht aus Liebe.
Vielleicht
weil jede Höhe
ein Gegenüber braucht.
Der Mann sitzt,
als hätte jemand
die Zeit
auf seinen Schultern
abgestellt.
Seine Hände
halten nichts.
Gerade deshalb
sehen sie aus,
als trügen sie
ein ganzes Leben.
Der Baum
schiebt einen Arm
über beide.
Nicht schützend.
Eher
wie ein Satz,
der noch nicht weiß,
wo er endet.
Im nächsten Bild
ist sie fort.
Der Baum
ist geblieben.
Der Mann
ist geblieben.
Der Raum
zwischen beiden
nicht.
Er sitzt jetzt
neben ihm.
Unsichtbar.
Man kann
Abwesenheit
nicht fotografieren.
Man erkennt sie daran,
dass plötzlich
alles andere
schärfer wird.
Am Abend
öffnet sich
ein anderes Bild.
Ein Bett.
Eine Decke,
zerknittert
wie ein Gedanke,
der die ganze Nacht
versucht hat,
kein Traum zu werden.
Vor dem Fenster
ein Wäscheständer.
Daneben
ein Kleiderständer.
Ich erkenne sie sofort.
Das sind
keine Möbel.
Das sind
Bäume,
die gelernt haben,
innen zu wachsen.
Die Hemden
hängen dort,
wie Menschen
auf alten Fotografien.
Still.
Bereit,
wieder
jemand zu werden.
Ein T-Shirt
trocknet.
Eine Hose
vergisst
die Form
ihrer Knie.
Das Handtuch
atmet Wasser aus.
Niemand sieht zu.
Vielleicht
ist genau das
Würde.
Das Rollo
zerteilt
den Morgen
in schmale Streifen.
Es erinnert mich
an die Baumrinde.
An die Stufen
des Kleides.
An die Falten
der Bettdecke.
Plötzlich
verstehen sich
alle Dinge.
Der Baum
ist
der Kleiderständer.
Der Kleiderständer
ist
der Stamm.
Die Bettdecke
ist
das Kleid,
nachdem der Körper
aufgestanden ist.
Die Volants
sind dieselben Wellen,
die nachts
über den Schlaf laufen.
Die Rinde
ist Stoff,
der sich
zu lange
an die Erde erinnert.
Vielleicht
sind Erinnerungen
gar keine Bilder.
Vielleicht
sind sie Falten.
Sie entstehen,
weil etwas
lange genug
an derselben Stelle
gewesen ist.
Ein Körper.
Ein Arm.
Ein Kopf
auf einem Kissen.
Eine Frau
unter einem Baum.
Ein Mann,
der sitzen bleibt.
Amerika
ist vielleicht
gar kein Land.
Vielleicht
ist Amerika
dieser kurze Moment,
in dem Menschen glauben,
ein Kleid
gehöre einem Körper.
Obwohl
es längst
vom Licht getragen wird.
Am Morgen
steht das Zimmer
still.
Die Kleidung
wartet.
Der Baum
wartet.
Der Mann
wartet.
Nur die Frau
ist verschwunden.
Oder nicht.
Vielleicht
ist sie jetzt
das Licht,
das durch den schmalen Spalt
zwischen Wand
und Rollo fällt.
Vielleicht
trägt heute
das ganze Zimmer
ihr Stufenkleid.
Und niemand merkt,
dass wir alle
seit Jahren
in den Falten
eines einzigen Stoffes
wohnen.
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