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keinesweges, lieber mcnep!
"Neue Zürcher Zeitung
Atmosphären, Orte, Räume
Hermann Schmitz' «Neue Phänomenologie»
Von Hans-Dieter Gondek
Ist es inzwischen auch in der philosophischen Öffentlichkeit vornehmlich zu einer Frage des Etiketts geworden, ob und wann ein Werk Beachtung findet? Lange galt Hermann Schmitz, der bis zu seiner Emeritierung 1993 Philosophie an der Universität Kiel lehrte, eher als eine Art Sonderling, ein Geheimtip bestenfalls für diejenigen, die partout den gängigen Strömungen der zeitgenössischen Philosophie entsagen wollten.
Jens Soentgen, Verfasser einer «Einführung in die Neue Phänomenologie von Hermann Schmitz», hält es für die «gravierendste Fehlentscheidung» von Schmitz, seinem frühen Werk die Gestalt eines vielbändigen Systems der Philosophie gegeben zu haben: In den Konsequenzen sei dies einer Selbsteinsargung gleichgekommen, zumindest habe sich dadurch seine Rezeption entschieden verzögert. – Um die es freilich inzwischen nicht besser bestellt sein könnte: Dank der Schul- und Programmformel einer «Neuen Phänomenologie», einer geschickt angelegten Kongress- und Publikationstätigkeit (insbesondere beim Berliner Akademie-Verlag) und der neuerlichen Aufmerksamkeit bekennender Schüler und umtriebiger Kollegen wie etwa Gernot Böhme erfährt Hermann Schmitz in späten Jahren eine Resonanz, die zu verhindern er in der Tat einst alles nur Erdenkliche getan hat.
VERGESSEN: DER LEIB
Doch was hat es auf sich mit der Neuen Phänomenologie? Stellen wir die Frage nach dem Verhältnis zur «alten» oder älteren Phänomenologie, von der sich Schmitz deutlich abgrenzt, erst einmal zurück. Denn es geht um mehr als um einen Streit zwischen Schulen und ihre (Be-) Gründung. Bei Schmitz wird – wie ähnlich schon bei Heidegger oder beim frühen Derrida – die gesamte Philosophie seit Demokrit und Platon einer Vergesslichkeit wegen getadelt. Exakt den Ausgang der Seeschlacht vor Salamis 480 v. Chr., in der sich «die europäische Intellektualkultur» gegen die «orientalische Autoritätskultur» durchsetzte, macht Schmitz für eine Entwicklung verantwortlich, in der im Zuge der «demokritisch-platonischen Revolution der Denkungsart» «drei Viertel der unverkünstelten Lebenserfahrung aus der als objektiv anerkannten Welt ausgewiesen und in das Halbdunkel des den Dichtern, Frauen und Erbaulichrednern überlassenen bloss Subjektiven abgedrängt» wurden. In Vergessenheit geriet – unter dem sich durchsetzenden Vorrang fester Körper und quantifizierbarer Grössen als Erkenntnisgegenständen –: der Leib.
Der Begriff des Leibes wird von Schmitz in entschiedenster Gegenstellung zu dem des Körpers verstanden: Untersteht letzterer dem Vorrang des Perzeptiven und der geometrischen Konstruktion und Projektion, so ist der Leib das, was sich unmittelbar zu spüren gibt – wenn man auf das Zeugnis der fünf Sinne als Massgabe verzichtet. Der «spürbare Leib» ist ein «Gewoge von Lebensinseln», von spontanen Regungen und Erregungen mit wechselnden Herden, «vitaler Antrieb» in einer zwischen einem «Engepol» und einem «Weitepol» sich vollziehenden «leiblichen Dynamik» von Spannung und Schwellung (mit «Defäkation» und «Ejakulation» als Extremereignissen). Dieser Leib ist trotz einer gewissen «chaotischen Mannigfaltigkeit» und «Binnendiffusion» ganzheitlicher Natur. Und insofern er der geometrisch-räumlichen Objektivierung, der Relativität von «Lage» und «Abstand», vorausliegt, ist er als «absoluter Ort», als der «leibliche Ganzort» der «ganzheitlichen leiblichen Regungen» bestimmt. Zurückzuweisen ist daher sowohl jeder Körper-Seele-Dualismus – worin der Leib wie in einer «Gletscherspalte» untergegangen sei – als auch die Dualität von Subjektivem und Objektivem. Schmitz postuliert dagegen die Anerkennung «subjektiver Tatsachen» – Tatsachen, die nur einer, nämlich «ich», im Modus der ersten Person ausspricht (Schmitz nimmt auf zeitgenössische «Performativitätstheorien» keinen Bezug).
Vom Leib her werden je eine Theorie der Räumlichkeit, der Zeitlichkeit und der Identität als Weitungen einer ursprünglichen «Enge» des Daseins, einer «primitiven Gegenwart», entwickelt. Dem geometrisch neutralisierten Raum stellt Schmitz eine Hierarchie von Räumen gegenüber: Auf den leiblichen als den elementaren ursprünglichen Raum folgt als Weiterung der Gefühlsraum, sodann «der dem Leib durch Fläche entfremdete . . . Ortsraum» und schliesslich «die Wohnung als Kultur der Gefühle im umfriedeten Raum». Erstaunlich bruchlos gelingt Schmitz der Übergang zu Kultur und Ästhetik; was er freilich zur Erklärung des weiblichen «sex appeal» in der Kunst zum besten gibt, hat mehr als den Charme selbstgestrickter Unbekümmertheit nicht zu bieten, könnte aber durchaus als Sexismus ausgelegt werden.
Es ist klar, dass dieser radikale Neuansatz vielfältige Veränderungen für das Verständnis von Fühlen, Denken und Erkennen, für das In-der-Welt-Sein und das Verhältnis zu Institutionen nach sich zieht. Am profiliertesten hat Schmitz die Theorie der Gefühle reformuliert. Gefühle sind «räumlich, aber ortlos(,) ergossene Atmosphären» – eine vielfach wiederholte Definition, variiert nur durch die Weglassung des Kommas. Schmitz macht die Gefühle «nach unten hin» anschlussfähig für atmosphärische Empfindungen des Wetters und der Stimmung(en). Die Richtung «nach oben hin» zum Pol des reflektierten, kulturell überformten Empfindens interessiert ihn weniger.
SPONTANES VERSTEHEN
Es geht ihm um Leistungen eines spontanen Verstehens von Stimmungen, die nicht in bewusste Prozesse übersetzt werden können, aber mit untrüglicher Sicherheit vonstatten gehen; und um ein Agieren in Situationen, die sich als chaotisch-mannigfaltig darstellen und dennoch in einem leibbestimmten «Koagieren» auf adäquate Weise «ganzheitlich beantwortet» werden. Als Beispiele gibt Schmitz solche des Verkehrs an: die «Virtuosität» des Autofahrers, der in einer komplexen Gefahrensituation genau das Richtige tut, oder das spontane «Ballett» auf den Gehwegen unserer Städte, bei dem trotz kaum mehr berechenbaren Bewegungsverläufen grössere Karambolagen ständig vermieden werden. Generell ist festzustellen, dass Schmitz die illustrative Seite seines Überzeugungsunternehmens mit einem eher bescheidenen Repertoire an Beispielen bestreitet, das durch permanente Wiederholung an Kraft verliert. Hier könnte ein neuer Anlauf guttun.
Wie das Buch von Soentgen geben die beiden Werke von Schmitz, «Der Leib, der Raum und die Gefühle» und «Höhlengänge», jeweils einen guten Ein- und Überblick. «Der Leib . . .» ist als die in sich geschlossene Durchführung zu empfehlen, wenn man Schmitz in seiner Breite kennenlernen möchte. In den «Höhlengängen» expliziert Schmitz seine Grundideen fortlaufend an wechselnden Gegenständen. Doch die Vielzahl von Wiederholungen – nicht nur in den Beispielen, sondern in der gesamten Argumentation – macht die Lektüre zunehmend unerfreulich. Hinzu kommt, dass hier Schmitz auch seine unangenehmen Seiten hervorkehrt: einen gewissen Dogmatismus, dem ein hohes Mass an Selbstüberzeugtheit korrespondiert. Was er zur modernen Ethik im Schatten von Faschismus und Atombombe sagt, ist nicht gerade auf der Höhe der Zeit; und seine Überlegungen zu den «ethischen Vorgefühlen» Zorn und Scham als «Quellen» von Rechtskulturen sind bestenfalls irrelevant. Wenn dies aber nicht, so sind sie höchst gefährlich. Wie überhaupt an manchen Stellen eine Nähe zu, vorsichtig gesagt, konservativen Traditionen durchschimmert.
Nicht so bei Schmitz' Schüler Soentgen: Als Einführung hat «Die verdeckte Wirklichkeit» zweifellos ihre Meriten; das Buch informiert zielstrebig, konzentriert sich allerdings zu sehr auf die Theorie des Leibes und der Gefühle. Mit der scharfen Polemik gegen das gesamte neuzeitliche Philosophieren und der Übertypisierung des Gegensatzes zwischen dem heutigen, technisch geprägten Wissenschaftsbetrieb und einem Verständnis von Phänomenologie, das der «Versuch der Philosophie» sein soll, «wieder schlicht zu werden», erweist Soentgen seinem Mentor wohl eher einen Bärendienst.
Von Adorno und Derrida her drängt sich der Verdacht auf, es hier erneut mit einer Apologie des Unmittelbaren, der Feier des schlichten Lebens und der autoritativen Bemächtigung der Quellen des Ursprungs zu tun zu haben. Eine andere Auseinandersetzung, die weniger hoch und grundsätzlich ansetzt, wäre aber wichtiger: Schmitz und auch Soentgen wenden sich scharf gegen die «alte» Phänomenologie von Husserl und Heidegger. Husserl gilt Schmitz als letzter Repräsentant des beklagten leibvergessenen Denkens; Heidegger habe einen fulminanten Durchbruch geschafft, es dann aber versäumt, das Gelände zu sichern, und sei wieder in die alte Tradition zurückgefallen. In seiner Husserl-Interpretation tut Schmitz alles, um besagtes Bild zu vereindeutigen. Der an Husserl anschliessenden neueren Phänomenologie schenkt Schmitz – mit Ausnahme des problematischen Falls Sartre – keinerlei Beachtung: Merleau-Ponty (der einmal beiläufig erwähnt wird), Levinas, Derrida und Waldenfels werden trotz offenkundigen sachlichen Bezügen schlicht ignoriert. Vor allem Merleau-Pontys späte Philosophie des «Fleisches» als einer vorgängigen Leibdimension müsste in ihrer Radikalität für Schmitz eine klare Herausforderung sein. Bedauerlich und wohl letztlich zu seinem Schaden, dass er dies – und anderes – nicht aufnimmt. Das Buch «Husserl und Heidegger» ist trotzdem äusserst lesenswert: zum einen, weil man hier Schmitz an der unmittelbaren Arbeit mit Texten und Textstellen, in der detaillierten Interpretation beobachten kann; zum anderen, weil der Eröffnungsteil des Buchs eine gute Erläuterung der Subjektivitätstheorie von Schmitz liefert.
Kurzbeschreibung
Platon stellt sich die Menschen bekanntlich als gefesselte Zuschauer in einer Höhle vor, den Blick starr auf an die Wand projizierte Schatten, die sie für die Dinge der wirklichen Welt halten, gerichtet, während diese Welt (der übersinnlichen Ideen) in Wahrheit erst dem entfesselten, umgewendeten, ans Tageslicht geführten und dort der Sonne ansichtig gewordenen Betrachter zugänglich sei. Platons Höhle ist aber keine natürliche Umgebung der (angeblich gefallenen) Menschen, sondern das von den Philosophen für sie gebaute Gefängnis der Tradition, und die Schatten, auf die sie fixiert sind, sind die von Philosophen entworfenen, von Theologen und Naturwissenschaftlern weiter ausgeführten Projektionen eines Herrschaftswillens zur Selbst- und Weltbemächtigung. Hermann Schmitz will uns aus dieser Höhle hinausführen. Die Neue Phänomenologie stellt dazu den Ansatz und die Begrifflichkeit bereit. Sie hilft uns, mit scharfen und zusammenhängenden Begriffen zu sagen, wie es uns wirklich ergeht."
rez: amazon.
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