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Erste Sequenz:
Ich befinde mich auf den Grundstück meiner Oma. Mein Onkel möchte auf den Dachboden und mir etwas dort zeigen. Einen Übergang nämlich. Ich bin neugierig, weil der Onkel in meinen Träumen immer maskulin und attraktiv ist. Ich folge ihm also. Es gibt mindestens zwei Dachgeschosse. Im unteren gibt es Kammern und schummrige Säle aus Holz. Der Geruch des Todes hängt noch in der trägen Luft zwischen den Balken. Man hat dort den letzten Geburtstag der Urgroßmutter gefeiert, und alle moribunden Verwandten, alle Alten haben daran Teil genommen. Dieser Geruch von Krankenhaus und körperlicher Gebrechlichkeit hatte ihnen nichts mehr an. Irgendwo dort oben ist sie dann gestorben.
Ein zweites Dachgeschoss erreichen wir. Es ist verlassener noch als das erste. Vergessen. Dunkel. Von Osten her ein Lichtschein. Mein Onkel öffnet eine Tür, und wir treten hinaus auf eine Terasse hoch oben. Da sind Fenstersimse mit dem Symbol einer Kanone. Diese Kanone hat etwas zu bedeuten - ich sage, ich hätte sie schon irgendwo und irgendwann einmal in diesem Haus gesehen. Vermutlich sei sie nach dem Krieg von allen sichtbaren Flächen entfernt worden, aber ich habe sie irgendwo gesehen.
Wir gehen nach unten und suchen danach, finden sie aber nicht. Mein Onkel will noch einmal hinauf. Ich folge ihm wieder, aber an der Strickleiter zum zweiten Dachgeschoss versagen meine Kräfte. Ich kann mich nicht hinaufziehen, und ich traue dem seltsamen gehäkelten Netz nicht. Meine Arme sind zu schwach, um mein Gewicht zu tragen. Ich finde es schade, dass ich heute kein zweites Mal zur Terasse hinauf kann.
Zweite Sequenz:
Ich befinde mich zuhause. Es hat Frost gegeben. Ich denke an die Fische im Teich! Schnell gehe ich dorthin. Der Teich ist nicht mehr alleine. Neben ihm ist ein zweiter entstanden. Von selbst hat sich dort der Boden gesenkt. Die Wassertemperatur liegt ein halbes Grad über dem Gefrierpunkt; die Fische sind benommen. Es handelt sich um einen roten, einen blauen und um einen braunen. Sie sind etwa einen halben Meter lang. Der braune ist eine Art Stör oder Seeteufel oder eine Mischung daraus. Knochenplatten und Anhängsel. Bei der Rettung geht etwas schief: fahrlässig ist mein Vater, der braune Fisch fällt zu Boden. Er wird notdürftig versorgt, aber ich denke, er liegt im Sterben.
Ich gehe in den Keller, wo die Fische untergebracht sind. Ich schäme mich, weil ich so sehr versagt hatte und will nach dem Rechten sehen. Eine der vielen Katzen hat die Fische gefressen, weil mein Vater unaufmerksam war. Ich ticke aus.
Weil ich Geburtstag habe, bekomme ich Kuscheltiere geschenkt. Meine Aquarienbeleuchtung missfällt, weil es eine Halogenlampe ist. Ich werfe die Kuscheltiere in den Müll, will sie verbrennen, pinkele in das Aquarium, in dem nur ein paar dürre Pflanzen hängen, renne in den Garten und pisse in den Teich, um ihn umkippen zu lassen...
Ich befinde mich nun auf dem Dachboden, wo alles voll mit geschenkten Kuscheltieren ist. Ich werfe sie aus dem Fenster. Als wäre ihnen das Genick gebrochen, liegen sie unten auf der Erde. Mutter schaut hilflos zu und Vater ist nicht da. Einen kleinen Plastikaffen hänge ich wie ein Totem an die Bodentür. Ich flüchte, die Busfahrerin bedient sich aus meinem Portemonaie und gibt mir ein Ticket für 2,50 €.
Dritte Sequenz:
Ich bin daheim. Ich sitze auf meinem Bett und ich bin vage unglücklich. Das Kinderzimmer. Es ist Geburtstag, aber ich wünsche mir doch nichts! Darauf geht keiner ein - ich bekomme irgendwelche Plüschtiere, die ich missmutit wegwerfen will. Es bricht mir zwar das Herz, aber ich will, dass es mir nich schlechter geht als ohnehin schon. Die Verwandten sind weg, auch meine Cousine. Mein Cousin ist noch da und stört. Ich möchte mein Bett verteidigen, er solle doch diese Grenze nicht überschreiten. Er will nicht hören, und wie einen jungen Hund werfe ich ihn zu Boden und drücke ihn. Nun lässt er mich in Ruhe. Ich bin fertig, weil ich es nicht geschafft habe, meine Fische zu versorgen und zu beschützen. Ich hatte die Verantwortung und ich habe versagt. Ich hasse mich, wie nur ein Kind sich hassen kann. Der Trubel ist vorbei. Ich bin im Dunkeln. Es mauzt von der Wohnzimmertür her. Der kleine schwarze Kater will ins Bett zu mir. Ihm ist es erlaubt. Er mauzt, und ich verstehe vage Worte, die ich in menschliche übersetze. Eine Art Gespräch entspinnt sich. Mutter hört uns zu und ist verblüfft: zum ersten Mal hört sie, was Katzen sagen. Sie haben ja keinen Sprechapparat wie wir und können sich deshalb nur näherungsweise an unsere Phonetik herantasten. Ich dolmetsche.
Ich erkläre etwas in der Art und noch ein wissenschaftliches Fatum, und Mutter beginnt, meine Einsamkeit zu ahnen. Ich darf solche Dinge noch nicht wissen und denken... Ich werde in der Dunkelheit alleine gelassen und weine. Ich denke daran, mich selbst zu verletzen, aber die Spitze des Skalpells ist abgebrochen. Ich träume, dass ich mit meinem Skalpell Träume. Ich gehe eine Treppe hinauf und sehe eine Kirche. Choräle bei Nacht. Ich nehme mein Skalpell und versuche, mir die Pulsadern aufzuschneiden. Ich ritze mir nur die Fingerspitzen an und verteile das Blut auf den Händen. So viel Trauer. Ich weiß, dass ich träume, aber nicht, dass ich den Traum selbst nur träume. Ich mache Licht an und bemerke erleichtert, dass ich mich nur im Traum mit Blut beschmiert habe. Das reicht auch...
Vierte Sequenz:
Ich gerate in einen Schachteltraum. Dabei bin ich in Langendorf. Mein Opa ist aus dem Heim zurück und Chen ist sein Zivi. Ich träume, ich hätte geschlafen und versuche festzustellen, wie spät es ist. Kurz vor zehn am Abend! Ich bin durstig, wahrhaft ausgedörrt. Dass ich einen ganzen Tag verschlafen habe, irritiert mich maßlos. Ich fühle mich frustriert.
Chen ist nicht da. Das macht nichts. Ich gehe in den Hof hinunter. Eine riesige Kehrmaschine fährt zum Tor herein. In der Scheune entdecke ich Opa auf seinen krücken. Er ist erstaunlich fit. Der Mann mit der Kehrmaschine sei der Pfarrer. Ich hätte ihn nicht gegrüßt. Egal. Wir gehen nach oben. Er hat einen Wutanfall, weil einer seiner Zettel heruntergefallen ist. Er bückt sich, was oben am Ende der Treppe gefährlich ist. Ich hebe den Zettel auf und den Klebestreifen. Er ist morsch und deshalb heruntergefallen.
Ich erwache wieder in einem neuen Traum, der aber zur selben Sequenz gehört. Wieder mein Zimmer in Langendorf, das sich mit dem im Wohnheim überschneidet. Zumindest die Stelle, an der das Bett steht. Ich träume, dass ich erwacht bin. Es ist Nachmittag, das sehe ich am Licht, aber ich musste ausschlafen, um träumen zu können und um die Mandelentzündung los zu werden. Mühsam ziehe ich mich an. Ausgedörrt wie ich bin... Da liegt ein Mosaikheft. Ich sehe Califax auf dem Einband bei irgendeinem Abenteuer. An den Titel kann ich mich ums Verrecken nicht erinnern. Es ist eine DDR-Ausgabe. Das rauhe Papier...
Ich erwache wieder und finde mich daheim in einem neuen Traum. Ich erzähle Janine W. davon. Sie ist meine Sandkastenliebe, aber sie hört nur unwillig zu. Ich erkläre ihr, dass der rote Fisch mein weibliches, der blaue Fisch mein männliches und der braune Fisch mein schattenhaftes Gefühlsleben darstellt. Sie macht Abwasch, hört nicht zu. Ich will essen und Kaffee, aber sie bringt alles durcheinander. Sie behauptet, der verkrustete Teller, der als Futternapf den Katzen dienlich ist, sei voller Butter.
Mein Vater und meine Mutter sind im Wohnzimmer. Ich sage ihnen, das Janine da ist. Mein Vater nimmt sie auf den Arm und meint, man erkenne sie gar nicht mehr, sie müsse noch auswachsen.
Es gelint mir endlich, wirklich zu erwachen, aber der Körper ist noch gelähmt. Ich mache mich mühsam frei aus der Umklammerung des Schlafes und stelle fest, dass meine Mandeln wieder in ordnung sind.
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