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Als männlicher Therapeut, wie es mir damit geht? Gut, die Auseinandersetzung mit den
potentiellen Täterseiten, das hat Herr Biermann ja schon gesagt, ist etwas, was so in den
letzten 4 bis 5 Jahren ziemlich wichtig war. Es ist auch so, daß es wenig Patientinnen gibt,
die von mir in Einzeltherapie behandelt werden möchten, aber ein paar wenige gibt es. Die
fühlen sich von dem Täter - zu 90 % sind Männer die Täter - paradoxerweise ja manchmal
noch besser verstanden als von der sie nicht schützenden Mutterinstanz; darüber muß man
reden, aber die wollen von einem Mann behandelt werden, und das ist dann auch möglich.
Aber von den 18 Patientinnen bei uns behandle ich auch auf Grund meiner Funktion im
allgemeinen höchstens zwei. Die anderen Patientinnen werden von Therapeutinnen
behandelt.
Wenn die Patientinnen nach den 14 Tagen Diagnostik stabilisiert sind, gehen sie noch mal
ein paar Wochen nach Hause, bis ein Therapieplatz frei wird, und dann kommen sie für vier
Monate zur Traumaexposition.
Die Traumaexposition ist an sich technisch simpel, möchte ich fast sagen: Alle 14 Tage bis
drei Wochen, manchmal jede Woche, findet eine Traumaexposition statt, aber mit einer
bestimmten Technik. Diese Traumaexposition hat einmal zum Ziel, eine Synthese
herzustellen; Wort, Bild, Affekt und Körpersensation sollen wieder gestaltähnlich ganzhaft
erlebt werden. Zum andern soll die Dissoziation, die Aufspaltung, die im Trauma
überlebensnotwendig war, aufgehoben werden, sie soll rückgängig gemacht werden und
zwar so, daß die Patientin das aushält.
Es kommt nicht darauf an, daß möglichst viel passiert, möglichst viel Abreaktion, möglichst
viel Ausrasten, möglichst viel Kontrollverlust geschieht, sondern, daß die Szene ablaufen
kann mit begleitenden Gefühlen, mit begleitenden Körpersensationen und Bildern und zwar
in einer Form, daß die Patientin das noch gerade eben aushalten kann. Das ist die
Schwierigkeit. Die Schwierigkeit besteht darin, daß natürlich auf der einen Seite des Poles
die Berichte stehen, die Sie auch alle kennen: Da kann jemand über alle Scheußlichkeiten
seines Lebens völlig affektisoliert reden und erzählen, Ihnen wird immer mulmiger, weil Sie
die dazukommenden Affekte irgendwie spüren, oder aber jemand ist so in seinen Affekten
drin, daß er kein Wort mehr heraus bekommt. Die verschiedenen
Traumaexpositionstechniken versuchen, diese Situation so herbei zu führen, daß es zu einer
Synthese kommt.
Eine Methode, die aus der Hypnotherapie kommt, ist eine Technik, die so ähnlich ist wie die
Rücklauftechnik, nämlich die Bildschirmtechnik: Da sitzt man zusammen vor einem
imaginären Bildschirm, läßt die traumatische Szene ablaufen, sieht den Kinofilm und drückt
auf Standbild: Betrachten und beschreiben und Abstand herstellen und fühlen und Gefühle
zulassen und wieder auf Abstand gehen und mal abschalten und wieder einschalten und
weiterlaufen lassen, ganz langsam. Manchmal wird richtig in Zeitlupentempo versucht, die
traumatische Erfahrung bildlich darzustellen, die Gefühle zuzulassen, wieder ins Bild zu gehen
und Assoziation, Antiszene und Dissoziation gesteuert einzusetzen, um das Ganze erlebbar
zu machen. Das ist eine hochwirksame Technik, die Ihnen aber sehr nahe geht als
TherapeutIn, und zwar deshalb, weil die ganzen Affekte dicht im Raum stehen. Das ist also
sehr belastend, aber sehr wirksam.
Das ist die Technik, mit der überwiegend im Zentrum für Folteropfer in Berlin gearbeitet
wird. Ein sehr Prominenter hat ganz offenkundig mit dieser Technik auch gearbeitet, nämlich
Reemtsma; einige von Ihnen kennen vielleicht sein Buch »Im Keller«. Reemtsma hat in
Abgrenzung von und Annäherung an seine Erfahrung als Geisel offenkundig die
Bildschirmtechnik mit angewendet, um sich das Ganze genau zu betrachten, aber trotzdem
Abstand herzustellen. Er spricht von »dem da« im Keller und von sich selbst als jemand, der
davor und danach war, um das traumatische Ereignis integrieren zu können, aber nicht das
Trauma sein ganzes Leben verändern zu lassen; das ist ein Beispiel für Bildschirmtechnik.
Eine weitere Methode kommt aus der Verhaltenstherapie und stellt eine neue Art von
Reizüberflutung dar. Dabei läßt man das Ereignis wieder und wieder ablaufen, bis man sich
sozusagen habituiert hat, bis man sich daran gewöhnt hat. Auch das dosiert, auch das so,
daß man nicht dekompensiert, daß man nicht ausrastet, daß man es gerade noch ertragen
kann.
Es geht immer darum zu integrieren, die Zeit der Katharsis, des Loswerdens durch
rauslassen, diese Zeit ist Geschichte. Es geht vielmehr darum, daß man seiner Geschichte
gewachsen ist; man wird traumatische Erfahrungen nicht los. Traumaexposition ist dann
erfolgreich gewesen, wenn aus einer Intrusion und einem Flash-back eine Erinnerung
geworden ist. Dann hat diese Technik ihr Ziel erreicht, mehr ist damit nicht erreichbar. Es
wird auch nachher bei den Therapieergebnissen deutlich, daß keine Psychotherapie
erreichen kann, daß alles wieder in Ordnung ist. Vielmehr geht es nur darum, aus den
Intrusionen und Flash-backs Erinnerungen zu machen, Erinnerungen, an die man sich
gefühlshaft erinnern kann ohne auszurasten, ohne sich betrinken zu müssen, ohne
irgendwelche Drogen nehmen zu müssen, über die man mit einem Therapeuten oder sehr
nahen Angehörigen vertraulich sprechen kann, wo man vielleicht etwas weint, wo man dann
tief Luft holt, auf den Balkon geht und sagt: »So, die Gegenwart geht weiter«. Das ist das
Ziel der Therapie.
Die dritte Technik ist so ziemlich das unseriöseste, was man sich vorstellen kann, das ist
nämlich EMDR: Eye-Movement-Desensitization and Reprocessing (Augenbewegung -
Desensibilisierung und Neuverarbeitung). Ich arbeite fast nur noch mit dieser Technik. Das
ist eine Technik, die Francine Ende der 80er Jahre durch Zufall entdeckt hat. Shapiro
schreibt selber, daß sie damals in Schwierigkeiten war. Sie hatte eine Krebskrankheit
überlebt, hat sich in dieser Zeit mit Psychologie und Copingsstrategien und ähnlichem
beschäftigt, ist Psychologin geworden, und eines Tages hatte sie irgendwie Beziehungsstreß
oder Sorgen und ging durch den Park, setzte sich auf eine Bank und merkte plötzlich, daß
es ihr besser ging. Der Kopf war freier, und sie fragte sich: »Wie kommt das denn?« Das ist
nun eine der wesentlichsten Fragen überhaupt: »Warum geht es mir eigentlich gut?« Die
meisten Menschen überlegen sich ja nur, warum es ihnen schlecht geht; und wenn es ihnen
gut geht, denken sie nicht groß darüber nach, das ist sicher unfunktional. Die Frage: "Warum
geht es mir eigentlich gut?" ist oft sehr viel hilfreicher als das ständige Grübeln, warum es mir
nun schlecht geht und welche Ursachen in der Ehe meiner Großeltern dafür zuständig sind,
daß ich heute das Wetter irgendwie nicht toll finde. Shapiro fragte sich also: "Warum geht es
mir eigentlich gut?" und sie stellte dann fest, daß sie vorher die Augen schnell hin und her
bewegt hatte. Das tat ihr gut, der Kopf wurde dadurch freier.
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