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Diethelm P. Krause schrieb am 14.8. 2012 um 01:15:09 Uhr über

Blumenverkäufer

Die Luft ist trocken und stickig. Der Blumenverkäufer und sein Kunde stehen vor einer dicken, grauen Stoffdecke, die als Vorhang in einem Halbkreis vor ihnen von der Zimmerdecke herabhängt. Der Halbkreis schließt sich links und rechts von der Tür, durch welche sie das Zimmer der Geburtstagsfeierlichkeiten betreten haben. Der Vorhang schwebt einige Zentimeter über dem Boden und durch den Spalt fällt Licht auf die Fläche, auf der Blumenverkäufer und Kunde bewegungslos stehen. »Sehen Sie«, flüstert der Blumenverkäufer dem Kunden zu, »jenes Licht, das durch den Spalt unter der Tür auf den Flur fiel, ist nur eine Verlängerung des Lichtes, welches wir hier unterhalb des Vorhanges vor uns sehenDer Kunde nickt im Halbdunkel und flüstert zurück: »Ja, es ist wahr. Hat diese Tatsache eine Bedeutung für unser weiteres Vorgehen?« Der Blumenverkäufer überlegt einen Moment und entgegnet: »Wir müssen davon ausgehen, dass ihr Chef eine unvermittelte Begegnung mit einem durch die Tür eintretenden Geburtstagsgast, der noch die Türklinke in den Händen hält, unter allen Umständen vermeiden möchte und wir deshalb mit großer Vorsicht und der erforderlichen Zurückhaltung vorgehen müssenDer Kunde antwortet, während er den Kopf schüttelt: »Sie stellen damit etwas fest, das schon ohne ihre Beobachtung als Tatsache feststand und das Sie selbst, wenn Sie nur hinreichend genau zugehört hätten, aus unseren früheren Gesprächen hätten ableiten könnenNach einer kurzen Pause fährt der Kunde fort, als er die Ratlosigkeit des Blumenverkäufers bemerkt: »Es ist ganz und gar undenkbar, meinem Chef ohne Vorsicht und Zurückhaltung gegenüberzutreten, wenn wir die heutige Herausforderung und überhaupt jede Aufgabe im Zusammenhang mit meinem Chef meistern wollenDer Blumenverkäufer legt dem Kunden die Hand auf die Schulter und flüstert wieder leise: »Hören SieSie vernehmen ein metallisches Klacken in einem langsamen, aber unregelmäßigen Rhythmus. Der Kunde spitzt mit angehaltenem Atem die Ohren. Nach einigen Sekunden sieht er den Blumenverkäufer an und zieht hilflos die Schultern hoch. Ein schwaches Rauschen ist aus der Ferne des Zimmers zu hören. Eine Stimme spricht leise, aber sie ist durch den dämpfenden Vorhang nicht zu verstehen. Der Blumenverkäufer tippt vorsichtig mit der Spitze eines Zeigefingers an den Vorhang. Der Kunde greift erschrocken seine Hand und zieht sie vom Vorhang zurück: »Was machen Sie denn?«, zischelt er dem Blumenverkäufer aufgeregt zu. »Ich suche nach einem Durchgang, der uns in das Innerste des Zimmers führen wird«, antwortet der Blumenverkäufer. »Ein Durchgang? Wird befinden uns doch schon im Zimmer«, entgegnet der Kunde. »Ich meine eine Stelle dieses Vorhangs, an welcher er sich in zwei Hälften teilt, von denen wir eine nach links und die andere nach rechts schieben können, um diese Barriere zu überwinden und den Raum endgültig betreten zu können«, erläutert der Blumenverkäufer seinen Plan. »Wir können in dieser dunklen Vorkammer nicht dauerhaft Halt machen«, ergänzt er seine Rede. »Sie haben Recht«, sagt der Kunde seufzend, »aber seien Sie vorsichtigDer Blumenverkäufer setzt sein tastendes Werk fort und bewegt seinen Finger kreisend über die Mitte des Vorhangs hin und her, wobei er zwischendurch die Spitze des Zeigefingers gegen dessen Knöchel austauscht. Der Kunde zieht die Hand des Blumenverkäufers wieder zurück: »Sie gehen etwas zu forsch vor«, wendet er ein, »Ihre klopfenden Bewegungen mit dem Knöchel könnten als sich bildende und wieder verschwindende Beulen auf der uns abgewandten Seite des Vorhangs zu sehen sein und eine bedenkliche Aufmerksamkeit erregenDer Blumenverkäufer beschwichtigt den Kunden: »Nun gut, mit Rücksicht auf Ihre eingeschränkte Belastbarkeit werde ich wieder zu meiner ursprünglichen Vorsicht zurückkehrenDer Kunde empört sich aufgebracht über Worte des Blumenverkäufers: »Müssen Sie unbedingt mich persönlich angreifen? In der nun folgenden Phase kommt es auf äußerste Konzentration an, die durch die Natur der Sache an und für sich vorgegeben und gänzlich unabhängig von meiner Belastbarkeit ist. Ihre zerfahrene Gelassenheit wird uns noch in schwere Not bringenDer Blumenverkäufer hat sich längst wieder der Betastung des Vorhangs gewidmet, als der Kunde seine Rede beendet hatte. Plötzlich verschwindet die Spitze seines Zeigefingers im Dunkel des Vorhangs und nur noch eine Hälfte seines Fingernagels ist zu sehen. Ohne die Hand weiter zu bewegen, sieht er den Kunden mit aufgerissenen Augen an und flüstert ihm zu: »Ich habe etwasStarr sieht der Kunde auf die Hand des Blumenverkäufers, während er gleichzeitig das andere Handgelenk ergreift und fest umklammert hält. Atemlos stehen beide in der Vorkammer und begleitet vom metallischen Schlagen aus dem Innersten des Zimmers schiebt der Blumenverkäufer seinen Zeigefinger langsam weiter in den entdeckten Abgrund des Vorhangs hinein.



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