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Die Leiche schrieb am 9.4. 2008 um 22:59:04 Uhr über

Führer

Beim Führer zum Vortrag befohlen zu werden, war stets stets eine sehr unangenehme Angelegenheit. Der Befehl hierzu traf meist erst wenige Tage vor dem angestetzen Termin ein, manchmal erst am Tag vor dem Termin, und man mußte alles stehen und liegen lassen. Was mein Ressort anbetrifft, so wurde mir in aller Regel normalerweise in dem Befehl recht präzise umrissen, was ich vorzutragen und worüber der Führer mit mir zu sprechen wünsche, so daß man sich meist noch vorbereiten konnte, in dem man sich von seinen Mitarbeitern entsprechende Berichte anfertigen lies. Diese mußten regelmässig in ad hoc angesetzten Nachtschichten erstellt werden - ich las sie dann unterwegs, so gut es ging. Das funktionierte ganz gut, wenn man mit dem Zug nach Berchtesgaden fuhr - aber dann nach Russland hinein, da mußte man fliegen - mit der Kuriermaschine zum Führerhauptquartier.

Egal ob man mit dem Flugzeug kam oder mit dem Zug - sofort war man umgeben von SS-Wachen und den SD-Leuten, die einen in Empfang nahmen und mit dem Wagen dann ins eigentliche Führerhauptquartier brachten. Auf dem Weg dorthin wurde man mindestens ein halbes Dutzend mal kontrolliert, teils an festen Kontrollstellen, teils wurde der Wagen unterwegs von einer Trupp SD-Leuten angehalten, und mindestens einmal wurde man auch durchsucht. Diese Prozedur nahm mehrere Stunden in Anspruch, bis man schließlich in dem inneren Sperrkreis des Führerhauptquartiers angekommen war. Man wurde dann in eine Baracke gebracht, in der eine Art Salon eingerichtet war. Tee und Kaffee wurden gereicht, und wer hungrig war, konnte sich einen Eintopf oder belegte Brote servieren lassen. Meist traf man dort einige höhere Offiziere von Wehrmacht und SS, manchmal auch Kollegen aus anderen Ministerien. Die Unterhaltungen waren ziemlich gedämpft, und über die eigentlichen Themen, mit denen man befasst war, sprach man meist nur mit äusserster Zurückhaltung. Meistens bemühte man sich, mit den Leuten nur Konversation zu führen. Mit dem Feldmarschall Kesselring habe ich mich einmal zwei Stunden lang über das Wetter unterhalten können, was um so befremdlicher war, als daß der Feldmarschall fast ständig dabei grinste. Erst nach dem Krieg erfuhr ich, daß das auf ein Nervenleiden zurückzuführen war. Doch die meisten waren mit ihren Unterlagen beschäftigt, oder mit ihren Besprechungsnotzien, in denen sie festhielten, was sie in ihren Dienststellen nach ihrer Rückkehr alles zu veranlassen hatten. Manchmal saß man dort stundenlang herum, bis eine Ordonnanz erschien, und einem eröffnete, wie man nunmehr mit dem Besucher verfahren wolle. Manchmal wurde man zum Führer geleitet, manchmal aber auch in ein Gästezimmer in einer dieser Baracken. Diese Gästezimmer waren sehr klein, regelrechte Kammern, nur mit Bett, Waschbett, einem Schrank und einem kleinen Schreibtisch ausgestattet. Die Waschräume mit den Duschen lagen in einer speziell dafür eingerichteten Baracke, und die Toilette war auf dem Gang. Meistens bekam man nur lapidar mitgeteilt, der Führer könne einen zunächst nicht empfangen, man solle sich einrichten, über Nacht zu bleiben. Zu diesem Zwecke gab es immer einen »FHQ-Koffer« bei mir zuhause und im Büro, in dem ich das nötigsten für 1-2 Wochen griffbereit hatte. Einmal habe ich eine ganze Woche so im Führerhauptquartier verbracht, im November 1942 in der Ukraine. Es regnete in Strömen, und die gesamte Anlage drohte im Matsch zu versinken. Man hatte hölzerne Laufstege zwischen den Baracken verlegt - und diese waren stets erstaunlich sauber. Sie wurden in kurzen Abständen von den Wachmannschaften gesäubert. Aber trotzdem konnte man allenfalls zwischen den Baracken hin und her laufen, wobei man ständig dem Wachpersonal Auskunft zu geben hatte, wer man war, wohin man ging, und was man dort wollte. Für die Mahlzeiten gab es eine Art Kantine, in der eine sehr einfache Kost gereicht wurde: eine Suppe, Fleischgerichte und Gemüse, und eine Süsspeise als Dessert. Es wurde übrigens auch Alkohol ausgeschenkt - wobei es aber überhaupt nicht ratsam war, mit einer Bier- oder Schnapsfahne beim Führer zu erscheinen. Und man mußte ja ständig damit rechnen, zu ihm gerufen zu werden - auch mitten in der Nacht. Einmal bin ich um halb drei Uhr morgens zu ihm geführt worden. Hitler schien das gewohnt zu sein. Jedenfalls wirkte er keinesfalls so erschöpft, wie man es hätte erwarten können. Im persönlichen Umgang war der Führer jedoch meistens verhältnismässig angenehm. Er begrüsste den Besucher mit einer gewissen Herzlichkeit, forderte ihn auf, an seinem Schreibtisch oder einem separaten Besprechungstisch Platz zu nehmen, und leitete dann rasch zum Thema der Besprechung über. Den Vortrag hörte er sich meistens sehr ruhig und konzentriert an. Manchmal stellte er Fragen, unterbrach für eine kurze Diskussion von Einzelheiten, um den Besucher dann fortfahren zu lassen. Nicht immer schloß sich hieran eine ausgiebige Diskussion an - aber häufig. Die Sachentscheidungen, die der Führer traf, waren regelmässig gut begründet - meist entschied er sich recht schnell für eine der ihm angetragenen Alternativen. Er war auch sachlichen Argumenten durchaus zugänglich, und hatte viel eher vor Augen, als viele Militärs, und erst recht die SS und die Parteidiensstellen, daß man die Transportkapazitäten der Reichsbahn nicht in beliebiger Menge und ad hoc von A nach B verschieben konnte, wie es die jeweilige Lage manchmal vielleicht verlangt hätte. Manchmal geschah es auch, daß der Führer sich mit anderweitigen Verpflichtungen entschuldigte, und darum bat, zunächst noch im FHQ zu bleiben, damit man das Gespräch fortsetzen könne. Diese Bitte war natürlich nur ein höflich formulierter Befehl, ebenso wie ich die manchmal von ihm geäusserte Aufforderung, mich im FHQ »erst mal ein wenig zu erholen«, immer mehr als bittere Ironie empfand, je mehr Zeit ich in dieser beklemmenden Atmosphäre der Sperrkreise, den allgegenwärtigen schwerbewaffneten SS-Wachen und der Angst vor Bespitzelung verbringen mußte. Ich habe mich damit beholfen, mir stets ein, zwei Bücher mitzunehmen. Telefonieren nach draussen konnte man - aus einer speziellen Fernsprechbaracke und nach vorheriger Genehmigung. Das ging im allgemeinen recht flott, zumal man ja vom Führerhauptquartier aus jedermann sofort am Hörer hatte. Meine Familie habe ich von dort aus nur angerufen, wenn sich mein Aufenthalt unerwartet verzögerte. Ansonsten habe ich meist nur mit meiner Dienststelle im Ministerium telefoniert, um mich mit meinem Referenten kurz auszutauschen. Die Leitung des Hause übernahm bei solchen Gelegenheiten sofort der Staatsekretär - weil man ja nicht absehen konnte, wann man wieder zurück sein würde. Wenn man vom Führer dann aber endlich entlassen wurde, bekam man von der Adjutantur die Möglichkeiten der Heimreise mitgeteilt. Die Kuriermaschine nach Berlin ging täglich, mehrfach am Tage gingen auch einer oder mehrere Waggons von und zum Führerhauptquartier ab, die dann an reguläre Linienzüge angehängt wurden. Manchmal wählte ich bewußt den Zug, vor allem, wenn ein Schlafwagen und einer der bequemen Salonwagen als Kurswagen nach Berlin gingen, oder man an einen Sonderzug angehängt werden konnte. Nach den bedrückenden Tagen dort in dieser gefängnisartigen Atmosphäre war ich zwar stets wieder froh, draussen zu sein, zu meiner Arbeit und meiner Familie zurückzukommen - aber manchesmal brauchte ich einfach die 1-2 Tage Zugreise, um eine gewisse Distanz zu diesen Aufenthalten und meinem Alltag zu bringen.


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