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Es war der Tag vor Weihnachten und Rex, der alte Schäferhund, lag wie so oft im alten Kinderzimmer und schlief. Vorbei war die Zeit, als er sich bereitwillig für die Geschwister Amanda und Elizabeth in einen Seehund, ein Pferd oder sonst etwas hatte verwandeln lassen. Die Kinder waren nun groß. Jetzt war ihm nichts weiter geblieben als ein vertrauter grauer Wollteppich.
Wenn er dort lag, träumte er davon, wie er einst die Hasen im Dickicht gejagt oder im hohen Grass Verstecken gespielt hatte. Dann zuckten seine alten Beine, und er stieß ein kurzes, aufgeregtes Gebell aus. Manchmal träumte er von den Tagen, in denen Amanda ihn nicht weggestoßen hatte, sondern ihn liebte und streichelte und verwöhnte.
Amanda war eine wirkliche Schönheit und verdiente als Fotomodell viel Geld. Rex hatte früher viel zu ihrem Erfolg beigetragen. Beide zusammen hatten so auffallend gut ausgesehen, das schlanke blonde Mädchen und der riesige schwarze Hund - ein wundervolles Bild, bei allen Modezeitschriften sehr begehrt!
Amanda fiel allen Leuten auf, aber ihre Schwester Elizabeth beachtete niemand. Sie war erst sechzehn. Wie Rex war auch sie häufig im Wege. Rex war zu alt, und Elizabeth war zu jung.
„Mit Rex muss bald was geschehen“, sagte Amanda und betrachtete den alten Hund voller Widerwillen. „Er wird ganz scheußlich, schnarcht und riecht furchtbar aus dem Mund“, meinte sie und jagte Rex aus ihrem Zimmer.
„Wie kannst du bloß!“ rief Elizabeth entrüstet. „Er kann doch nichts dafür, dass er alt wird! Du wirst auch mal alt!“
Amanda lachte und glaubte nicht, dass auch sie eines Tages alt werden würde. Sie war zwanzig, und die Sonne schien, und sie glaubte, dass ihr Leben ewig so währen würde.
Dreizehn Jahre lang hatte Rex treu neben Amandas Bett geschlafen und sie überallhin begleitet. Er war ihr Maskottchen und er liebte sie. Und jetzt musste er allein im alten kalten Kinderzimmer schlafen, weil sie nichts mit ihm zu tun haben wollte. Manchmal heulte er jämmerlich.
„Wir müssen den Hund endlich abschaffen“ sagte Herr Winter zu Elizabeth. „Dieses Geheule, seinetwegen habe ich wieder die ganze Nacht kein Auge schließen können!“ Als ihr Vater das beim Frühstück sagte, liefen Elizabeth dicke Tränen übers Gesicht. Sie legte den Löffel hin und konnte nicht weiteressen. Tom, Amandas Verehrer, blickte sie erschrocken an. Herr Winter wollte sie beruhigen und fuhr fort: „Heutzutage geht des völlig schmerzlos. Wenn erst mal die Beine nachgeben, darf man nicht sentimental sein!“
Ja, es stimmte, dass Rexs Hinterbeine schwach waren. Vor dem Frühstück nämlich waren sie alle über die verschneite Heide gewandert. Amanda war dagegen gewesen, dass der Hund mitgenommen wurde. „Er fällt uns bloß zur Last!“ sagte sie.
Aber Tom hatte gesagt: „Lass ihn doch mitkommen!“ Er liebte den alten Hund, denn mit Rex hatte ja die Sache zwischen ihm und Amanda angefangen: er hatte den Hund neben Amanda in einem Wagen sitzen sehen, als er sich in sie verliebte.
„Wer ist das Mädchen?“ hatte er damals seine Mutter gefragt. „Amanda Winter. Ein sehr begabtes Ding. Ein Fotomodell“, hatte seine Mutter geantwortet und den ganzen Sommer über hatten sich Amanda und Tom dann oft gesehen.
Sie waren zwar nicht verlobt, aber Amandas Mutter hoffte, dass es dazu käme. So lud sie Tom ein, Weihnachen bei ihnen zu verleben.
Und nun war Tom da, und Schnee lag rings auf den Bergen, und sie wanderten über die Heide. Rex kam bis an die Brücke. Dann setzte er sich hin. „Ich hab's dir gleich gesagt! Jetzt muss er eben hier sitzen bleiben, bis wir zurückkommen“, entschied Amanda schnippisch. Aber Tom meinte, der alte Hund könne sich erkälten.
Plötzlich sagte Elizabeth, sie habe sich den Knöchel verknackst. „Ich muss umkehren und nehme Rex mit ins Haus. Geht ihr nur weiter!“ Amanda lachte: „Lass sie nur Tom! Sie ist vollkommen vernarrt in Rex!“
Der Weihnachtsbaum stand schon in einer Ecke des Wohnzimmers und glitzerte mit seinen Silberkugeln und Lamettafäden. Die üblichen Pakete in buntem Papier lagen hübsch verschnürt unter dem Baum.
Amanda hätte gar zu gern gewusst, ob Tom ihr das aufregendste aller Geschenke geben würde –
den Verlobungsring, den sehnlich erwarteten. Doch es lag noch kein kleines Kästchen da.
Das kleine viereckige Päckchen, nach dem sie Ausschau gehalten hatte, lag in der Nacht vor dem Heiligen Abend noch immer zwischen Toms Taschentüchern im Koffer.
Es war tatsächlich ein Ring und er war für seine Verlobung mit Amanda vorgesehen. Tom konnte sich nicht erklären, weshalb er solange damit zauderte. So in Gedanken legte er sich Schlafen. Kurz nach Mitternacht hörte er Rex heulen und Schritte auf der Treppe.
Im Treppenhaus stieß Tom mit Elizabeth zusammen, die den alten Hund am Halsband gepackt hatte. «Pst!, sei leise» flüsterte sie. «Ich bin's bloß! - Rex heult, weil er sich einsam fühlt, und dann kann Papa nicht schlafen. Ich bringe ihn lieber in mein Zimmer.»
«Ich dachte, er wäre Amandas Liebling?» «Früher, ja! Und dann hat sie ihn ausgesperrt, und er kann es nicht verstehen, der Arme. Ich kann's nicht ertragen, wenn er nachts heult, und wenn Vater dann beim Frühstück sagt, dass man es heutzutage völlig schmerzlos macht ... » Ihre Stimme zitterte.
«Wie wär's, wenn wir uns erst mal in die Küche schleichen und eine Tasse Kakao machen?» schlug Tom vor.
Im altmodischen Kochherd glomm noch die Glut. Rex legte sich auf einen schwarzen Vorleger. Tom fühlte sich merkwürdig wohl und glücklich, während er den Kakao mischte und auf Elizabeth blickte, als sähe er sie zum erstenmal.
Und während er ihr im Kerzenlicht gegenübersaß, kamen ihm seltsame Gedanken. «Eines Tages werde ich alt sein, und vielleicht werden auch meine Beine nachgeben. Man weiß ja nicht, was einem bevorsteht.»
Der alte Hund jaulte plötzlich im Traum auf, und Elizabeth bückte sich und legte beruhigend die Hand auf seinen Kopf. Tom dachte: «Ich werde auch einmal eine tröstende Hand brauchen!»
Plötzlich sagte Elizabeth:„Was wird wohl aus Rex werden, wenn ihn Amanda loswerden will, ich glaube sie möchte einen jungen Hund haben?“
„Sorge dich nicht», sagte Tom «Mir wird schon ein Ausweg einfallen.“ „O Tom, wirklich?» Sie klammerte sich an die Hoffnung. „Überlass es nur mir», sagte er.
In der Nacht hatte Tom einen komischen Traum. Amanda kam zu ihm und sagte: «Tut mir leid, Tom, du bist nun alt und wacklig aber ich habe jemand jüngeren gefunden! Schau her: Und sie zeigte ihm einen Mann. ja es war sehr merkwürdig, mit dem Gesicht eines jungen Hundes»
Am nächsten Morgen war Tom so glücklich wie jemand, der am Rande eines Abgrunds geschwebt hatte und wohlbehalten nach Hause gekommen war. Vor dem Frühstück hatte er ein langes Telefongespräch mit seiner Mutter gehabt, die nur 5 Km entfernt wohnte.
In der Halle stieß er mit Amanda zusammen. «Ich habe dich überall gesucht!» rief sie freudig und zeigte ihm ein Foto. «Du musst ihn dir anschauen – den süßesten kleinen Hund, den es gibt!» Tom musste lachen, den der Hund sah genauso aus wie der Mann in seinem Traum.
Elizabeth fand er dann im alten Kinderzimmer vor, wo sie bei Rex saß.
Sie streichelte ihn. „Ich habe es geschafft», erzählte Tom. «Meine Mutter will Rex zu sich! Es macht ihr nichts aus, dass Rex alt ist. Die beiden können sich gegenseitig Gesellschaft leisten und du kannst so oft hinfahren wie du möchtest und ihn besuchen.
Tom nahm die Pfote, die Rex ihm dankbar hinstreckte und drückte sie herzlich. «Wie du mir, so ich dir, sagte Tom zu Rex. Elizabeth verstand nicht, was er damit meinte, und überhaupt war sie vor Erleichterung den Tränen nahe.
Vor der Bescherung überdachte Tom in seinem Zimmer noch mal seine Geschenke. Für Frau Winter einen Seidenschal, Herr Winter soll teure Zigarren bekommen, für Elizabeth die Belgische Schokolade und für Amanda das dicke Foxterrierhündchen. Selbst an Heilig Abend war es nicht schwierig für Tom den kleinen Hund heimlich für Amanda zu erwerben, da er zu einem Wurf von acht Foxterriern in der Nachbarschaft gehörte.
Den Verlobungsring aber holte er aus der Schachtel und stand ein Weilchen da, ihn nachdenklich betrachtend. Der Stein hatte die gleiche Farbe wie Elizabeth Augen. Komisch, dass es ihm noch nie aufgefallen war. Die kleine Schachtel schnappte laut zu und wurde bei seinem Pass und anderen Dingen aufbewahrt, die er einstweilen noch nicht brauchte. Solange nicht, bis Elizabeth 18 werden würde. Tom ging gelöst und zufrieden die Treppe hinunter - nun konnte es wirklich Weihnachten werden...
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