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Liamara schrieb am 11.5. 2000 um 23:23:50 Uhr über

Papst

Als man den Papst feuerte, war niemand erstaunter als er selbst. Natürlich nannten sie es nicht so. Sie nannten es „wohlverdienten Ruhestand nach einem arbeitsreichen Leben“. Was aber natürlich auf das Gleiche herauskam: man hatte ihn rausgeschmissen. Das war ein ziemlich harter Schlag. In den Medien wurde das ganze heruntergespielt und behauptet, er sei freiwillig von seinem schweren Amt zurückgetreten, weil seine Gesundheit es nicht mehr zuliess, dass er seine Aufgaben erfüllen konnte. Natürlich war auch das ein bisschen an der Wahrheit vorbeigedreht. Sie hielten ihn im Vatikan für senil, dabei waren diejenigen, die das dachten, die potentiellen Anwärter auf den Thron und selbst schon weit über 60 Jahre alt. Sicher, er war nicht mehr sehr fit. Aber wann war es jemals vorgekommen, dass der Papst gefeuert wurde? Das verbitterte ihn doch sehr. Aber noch schlimmer war, dass sie für ihn gleich ein, wie sie es nannten, „hübsches kleines Altersheim, natürlich katholischgefunden hatten, in das er sogleich verfrachtet worden war. Der Papst im Altersheim, das war doch wirklich zum Lachen! Aber Johannes Paul II. lachte nicht. Er sass trübsinnig in einem ziemlich unbequemen Sessel im Fernsehraum und starrte blind auf den Bildschirm. Um ihn herum sassen alte Menschen - teilweise verwirrt, teilweise krank und teilweise vollkommen plemplem. Sie glotzten den lieben langen Tag Gameshows und Talkshows. Manchmal versuchte sich einer, mit ihm zu unterhalten. Meist waren es liebe, alte Damen, die ihn erkannt hatten, obwohl er ja jetzt die typische Alte-Leute-Bekleidung trug: erdbraune Tweedhosen und komplizierte, karierte Hemden. Idiotisch, wenn man arthritische Finger hatte, aber nun gut. Kurz und gut, es war schrecklich, es war langweilig, und es war erniedrigend. Der Papst - beziehungsweise der Expapst - hatte allerdings nicht vor, diesen Zustand einfach so hinzunehmen. Gewiss war er nicht mehr sehr flott auf den Beinen, und sicher hatten sie ihn überrumpelt. Aber das hier... Charlie, wie er sich inzwischen in Erinnerung an seinen früheren, tatsächlichen Namen, selbst nannte - auch aus Trotz, natürlich, denn Johannes Paul stand ihm nun nicht mehr zu, und er wollte nicht als anonymer Karl in einem Altersheim sterben - hatte kurz daran gedacht, die Öffentlichkeit über die ganze Geschichte zu informieren. Das hatte nur den einen Haken: sie war ja bereits informiert. Und zwar vom Vatikan. Die Andeutungen über die geistige Seite seines Gesundheitszustandes waren subtil, aber verständlich genug gewesen, so dass man ihm, sollte er geifernd vor Wut zu einem Reporter rennen, bestimmt kein Wort glauben würde. Nächtelang hatte er in seinem neuen Bett - Seniorenbett! - gelegen und Pläne geschmiedet. Und schliesslich war ihm etwas eingefallen. Es würde vielleicht nur die lächerliche Rache eines alten Mannes sein, aber immerhin.
Charlie kannte einige Reporter. Mit dem Papststuhl war es so etwas ähnliches wie mit einem Königshaus gewesen: nur ausgewählte Journalisten durften zu ihm vordringen. Einen davon hatte er immer ganz gerne gemocht. Das war Pete. Der war Ire, und das würde die ganze Sache noch lustiger machen, dachte er sich. Er rief ihn an, und Pete, der sich freute, einen Exklusivbericht aus dem Leben eines Papstes im Ruhestand zu bekommen, sagte sofort zu.
Er kam schon am nächsten Tag, und Charlie führte ihn auf sein Zimmer - seine Seniorenwohnung, wie man hier sagte. Unglaublich.
Na, wie gehts denn so?“ fragte Pete fröhlich. Der Papst - der Expapst, erinnerte er sich - sah ziemlich gut aus, fand er. Für einen 80jährigen.
Oh, prima, prima“, zwitscherte Charlie. „Ich habe Ihnen eine wichtige Mitteilung zu machen. Ich habe Sie kommen lassen, damit Sie der Welt berichten, dass ich geläutert bin.“
„Geläutert?“ fragte Pete stirnrunzelnd und packte rasch sein Bandgerät aus. Er justierte es, schaltete es ein und nahm das Unglaubliche auf:
Ja, ich glaube nicht mehr an Gott“, sagte der Papst. Der Ex-Papst.
Pete fiel die Kinnlade herunter.
Bitte?“ stotterte er. Charlie nickte.
Ja, es ist wahr. Ich bin endlich zu der Erkenntnis gekommen, dass diese ganze Sache ein Irrtum war. Ich habe mein Leben der falschen Sache geweiht. Eigentlich fühle ich mich in diesem katholischen Altersheim- er betonte das absichtlich schön scharf -auch nicht sehr wohl.“
Pete schüttelte den Kopf. Das hier war absolut unglaublich. Er kontrollierte kurz das Bandgerät. Davon wollte er keine Sekunde versäumen!
Aber... woran glauben Sie jetzt?“ fragte er.
Charlie lächelte weise und deutete mit dem Zeigefinger auf Pete.
Eine gute Frage. Ich will es Ihnen gerne sagen, Pete. Ich glaube an Zeus. Und an Thor.“
Pete zitterte. Das Mikrofon geriet ausser Kontrolle, und er nutzte die Zeit, die er sich auf technische Details konzentrieren musste, um sich ein bisschen zu beruhigen. War der alte Knacker verrückt geworden? Er sah schon die Schlagzeile vor sich: Ex-Papst verliert seinen Verstand im Altersheim!
Götter?“ sagte Pete. „Also ich meine, Zeus ist doch ein Gott? Und dieser Thor...“
Zeus ist sozusagen der oberste aller Götter“, dozierte Charlie. „Und Thor, nun ja, das ist dieser mit dem Hammer, Sie wissen schon.“
Genaugenommen wusste er selbst nichts. Er hatte nicht gerade die Zeit gehabt, sich in der Bücherei über diese Typen zu informieren. Es war nur eine spontane Idee gewesen. Und glücklicherweise war Pete mit dieser Mythologie alles andere als bewandert.
Hammer“, wiederholte Pete, als würde er alles aufschreiben und es nicht aufzeichnen.
Ja ja“, sagte Charlie rasch, „er schwingt den Hammer der Gerechtigkeit, sozusagen.“
Er betonte Gerechtigkeit auf eine eigenartige Weise, so dass Pete den Kopf hob und ihn rasch ansah.
Ist das metaphorisch?“
Charlie zuckte die Achseln.
Sehen Sie das wie Sie wollen. Ich habe jedenfalls erkannt, dass die Weisheiten der alten Griechen das einzige sind, was heutzutage tatsächlich Gültigkeit hat.“
Aber dieser Thor... stammt das nicht aus den germanischen Sagen?“ wagte Pete einzuwerfen.
Verdammt, er war also doch nicht ganz so blöde! Ausserdem war er nicht wirklich entsetzt, wie Charlie bemerkte. Dabei waren die Iren doch solche Erzkatholiken!
Ach“, sagte er schnell und wischte diesen Einwand mit einer raschen Handbewegung fort. „Das verwischt doch alles, wenn man es erst einmal durchschaut hat. Sehen Sie, es gibt nicht einen Gott. Es gibt viele. Es gibt den Gott des Handwerks und des Handelns und den Gott der Winde und der Schiffahrt und so weiter. Jedem Bereich unseres Lebens ist im Grunde eine Gottheit zugeordnet. Ich finde das faszinierend.“
Pete nickte mechanisch. Eindeutig verrückt, dachte er.
Aber wie... wie sind Sie zu dieser Erkenntnis gekommen?“ fragte er vorsichtig.
Aha, dachte Charlie.
Nun sehen Sie... ich kam hier in dieses Altersheim, zu all diesen reizenden Menschen, von denen ich einige gleich näher kennenlernte. Immer abends, wenn ich meine Medikamente bekommen habe, treffe ich mich mit ihnen im Fernsehzimmer. Da sprach mich doch plötzlich einer an und sagte, er wäre Zeus.“
Pete verlor das Mikrofon. Zum Glück ging es nicht entzwei, als es auf dem Boden landete.
Er sagte was?“
Na ja, er stellte sich mir als Zeus in seiner irdischen Gestalt vor. Ich dachte natürlich zuerst: oh Himmel, was ist das für ein Verrückter? Aber dann brachten die Schwestern den Tee, und danach fühlte ich mich sofort etwas aufgeschlossener. Guter Tee hier, wirklich. Jedenfalls, ich sagte natürlich: Zeus, aha? Wirklich? Und er sagte: Ja, ich bin Zeus. Zweifle nicht länger. Befreie dich von deinem engstirnigen Glauben. Es gibt nicht einen Gott. Es gibt sehr viele Götter. Wir sind überall. Nun ja, und nach ein paar Tagen kam die Erleuchtung über mich, und ich erkannte, dass er recht hatte. Die Götter sind real. Sie existieren! Sie sind hier, unter uns, immer bei uns! Sie regeln alles. Ob es schneit oder regnet oder ob das Haus über Ihnen einstürzt: die Götter machen all das!“
Pete schluckte.
Es wird Zeit“, sagte er leise. „Ich muss gehen, Johannes Paul.“
Ich heisse jetzt Charlie“, sagte der Ex-Papst kühl.

Zwei Tage später konnte Charlie befriedigt in der Zeitung einen reisserischen Artikel über das Altersheim lesen. Die alten Leute bekämen Drogen, hiess es dort. Der ehemalige Papst müsste in einem Haus mit Verrückten leben. Man beeinflusse ihn mental, um seinen Glauben zu schwächen. Und so weiter. Natürlich stürmten sie von der Heimleitung auf ihn zu und befragten ihn, ob er tatsächlich diesem Reporter dieses Interview gegeben hätte. Und natürlich sagte er: Nein, das habe er nicht. Wieso hätte er das tun sollen? Es sei doch alles wunderbar hier. Leider konnte sich eine alte Dame, die er mal wegen ihrem beschränkten Wunsch nach einem Autogramm abgekanzelt hatte, sehr gut an den Reporter erinnern und auch daran, dass Charlie mit ihm zu seinem Zimmer gegangen war. Kurz und gut, der frühere Papst wurde schon wieder gefeuert. Diesmal aus dem Altersheim.
Und da stand er nun: ein alter Mann, mit einer kleinen Pension, ohne Angehörige. Ohne Freunde. Irgendwie war seine Aktion nach hinten losgegangen. Wo waren denn die aufgebrachten Menschen, die lautstark forderten, der Ex-Papst müsste in einer angemessenen Umgebung untergebracht werden? Es war nun eher so, dass die Leute, die ihn auf der Strasse erkannten, ihn stirnrunzelnd ansahen und mit ihren Kindern flüsterten, die sie fest an die Hand nahmen und sogar die Strassenseite wechselten.
Nun hatte er ein ziemliches Problem. Er hatte keine Wohnung, er hatte noch nicht mal Ahnung, wie man heutzutage an eine Wohnung kam. Immerhin hatte er ziemlich lange andere Leute für sich eine Menge Dinge regeln lassen. Und so stand er dann dort, ein alter Mann mit einem ziemlich kleinen Koffer, allein an der Strasse, und das war der Moment, wo ein wundersam gekleideter Mann auf ihn zukam und ihn ansprach und seinen Namen flüsterte. Seinen echten Namen.
Ich heisse jetzt Charlie“, sagte Charlie müde. Der Mann nickte. Er sah wirklich seltsam aus. Er schien eine Art Toga zu tragen, und Sandalen. Im Februar. Aber er schien nicht zu frieren. Charlie kniff die Augen zusammen. Sah er jetzt etwa schon Dinge, die nicht da waren?
Ich glaube, ich kann dir helfen, Charlie“, sagte der Mann.
Mir? Wer sind Sie denn überhaupt?“ fragte der frühere Papst misstrauisch.
Der Mann lächelte.
Ich höre es immer gerne, wenn jemand zum alten Glauben zurückkehrt“, antwortete er. „Ich bin natürlich Zeus. Geh ein Stück mit mir die Strasse hinunter, dann können wir uns unterhalten.“
Und so gingen der Mann, der einmal der Papst war, und ein Mann, der sehr merkwürdig aussah und sich Zeus nannte, zusammen ein Stück die Strasse hinunter. Und wer ganz genau hingeschaut hätte, hätte vielleicht gesehen, dass sie am Ende ihres Weges einfach verschwanden. Aber vielleicht waren sie auch niemals dort gewesen.



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