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Glossar
Arbeit. Wenn man an diese Tausende von Jahren denkt und an die Tausende von Menschen, die etwas gemalt haben oder geschrieben ... das alles ist doch nur Müll und Unsinn. Denn alle diese Dinge sind das Produkt von Arbeit. Und alles, was Produkt einer Arbeit ist, ist allein dadurch völlig entwertet. Es gibt einfach diesen göttlichen Traum: zu kreieren, ohne sich anzustrengen; wie Gott es getan hat. Vielleicht hat auch Andy Warhol davon geträumt. Das ist der ewige Traum des Menschen. Man kann dies beschreiben, doch das eigentliche Glück besteht darin, es zu tun.
Archiv. Die Archive, die Museen sind die Vergleichsräume, in denen eine andere Neutralität, eine andere Homogenität herrschen – eine Neutralität und eine Homogenität der Unsterblichkeit. In Archiven werden Dinge gesammelt, zu denen man sich bekennt, von denen man meint: Diese Dinge sollen nicht vergehen, sie sollen dauern, sie sollen vor dem Tod gerettet werden, sie dürfen das Schicksal aller Dinge nicht teilen. Dadurch entsteht erst die Möglichkeit, diese Dinge miteinander zu vergleichen, denn vergängliche Dinge kann man nicht miteinander vergleichen. Wichtig ist allein die Entscheidung - die auch eine durchaus persönliche Entscheidung sein kann - zugunsten der Unsterblichkeit bestimmter Dinge, Gefühle, Attitüden. Eine solche Entscheidung öffnet zuallererst den Horizont dessen, was wir Kultur nennen.
Freiheit. Befreit sein heißt, ohne äußeren Zwang zu leben und sich nicht anstrengen zu müssen. Würde ich nicht durch die äußeren, vor allem ökonomisch diktierten Umstände dazu gezwungen zu reden, zu schreiben und zu reisen, würde ich mich einfach ins Bett legen und nie mehr aufstehen. Was heißt es, frei zu sein? Es ist Freizeit! Man tut einfach nichts. Und tut man nichts, dann hat man auch keine Individualität – man rezipiert, konsumiert, genießt nur. Man sagt heute oft: Die Völker Osteuropas wurden vom Kommunismus befreit. Aber im Kommunismus hatte man viel mehr Freizeit und deswegen auch viel mehr Freiheit.
Genetik. Wir sind die Museen der Gene. Durch die Genetik ist der Mensch zu einem wandernden Museum geworden. Wenn die Genetik wirklich ernst genommen werden soll, dann bedeutet das, dass wir alle von Anfang an tot sind in dem Sinne, dass das, was uns als Lebendige ausmacht, eine Sammlung von Genen ist, die uns von unseren Vorfahren vererbt wurden, und die uns auch überdauern, um in immer neue Konstellationen, in immer neue Kontexte einzutreten. Vom Standpunkt der Genetik aus sind wir alle Museen auf zwei Beinen.
Individualität. Individualität hat etwas mit Arbeit und Produktion zu tun. Ich stelle mir die Frage nach meiner Individualität, nach meiner Identität erst dann, wenn ich produziere, mich verkaufe, mich exportiere. Bleibe ich bei der Rezeption, dann brauche ich keine Individualität zu haben; es ist egal, was ich bin, solange ich konsumiere.
Innovation. Es wird oft übersehen, dass ich mich den Regeln am meisten dort unterwerfe, wo ich das Neue, Ungewöhnliche, Innovative, Unerwartete, Spontane, das Authentische oder was auch immer produzieren will. Gerade an diesem Punkt bin ich den Regeln der Tradition am stärksten unterworfen, weil es genau das ist, was diese Tradition von mir fordert.
Kommunismus. Der Kommunismus war tatsächlich das Reich der Freiheit. Nun ist er untergegangen. Warum? Weil diese Freiheit sich nicht durchsetzen ließ. Sie wurde übersetzt in die Sprache des ökonomischen Geschehens: einfach zur ökonomischen Ineffizienz. Man hat sich für den ökonomischen Zwang und gegen die politische Freiheit entschieden. Man hat sich diesen Zwängen unterworfen, und zwar mit Liebe. Man hat sich in diese Zwänge verliebt und sich ihnen hingegeben; das ist die libidinöse Komponente. Es ist keine reine Unterwerfung unter einen äußeren Zwang, es ist auch eine Verliebtheit, eine Kombination aus Zwang und Liebe, die typisch ist für das Funktionieren des Unbewussten. Und das bedeutet den Untergang des Staates, der Politik, des politischen Subjekts und überhaupt den Untergang der Kultur in allen uns bekannten Formationen.
Kultur & Gewalt 1. Wenn man über die Gewalt spricht, dann spricht man nicht über etwas, das sich außerhalb der Kultur befindet und die Kultur möglicherweise sprengen oder bedrängen kann. Vielmehr ist die Kultur selbst eine Form der Gewaltanwendung im Namen der Unsterblichkeit. Das bedeutet aber auch, dass ich, wenn ich mich zu einem Ding bekenne, das meiner Überzeugung nach Unsterblichkeit verdient, eine gewisse Gewalt anwenden muss im Verbund mit dem Staat oder gegen den Staat, um diesem Ding eine Dauer zu verschaffen.
Kultur & Gewalt 2. Die Individualität eines Künstlers wird durch die selbst auferlegten Regeln definiert, denen seine Kunst folgt. Und je strenger diese Regeln sind, desto stärker ist die Individualität seiner Kunst ausgeprägt. Wenn ein Künstler sich von allen Regeln befreien will, dann entdeckt er seine Individualität nicht, sondern er verliert sie. Es gibt bei der Individuation eine Dimension der Gewalt, die Unterwerfung unter eine bestimmte Methode.
Lebenszeit. Was ist das Leben überhaupt? Es ist ein bestimmter Umgang mit der Zeit. Wir haben ein bestimmtes Quantum an Lebenszeit, und wir verwenden diese Zeit für unterschiedliche Beschäftigungen. Und eine Beschäftigung ist nicht besser als die andere. Wir können in dieser Zeit reisen, den Garten pflegen oder hundert Meter laufen oder Philosophie praktizieren oder über unser Begräbnis nachdenken.
Medium und Zeichen. Das Verhältnis zwischen Medium und Zeichen ist ein dynamisches und zwar ein Verhältnis des ständigen Austausches zwischen Zeichen und Medium. Man kann Gott entweder nur als Zeichen oder nur als Medium sehen. Man muss sich also für das eine oder das andere entscheiden. Aber diese Entscheidungen sind zugleich in einen Prozess des Austauschs zwischen dem Medialen und dem Zeichenhaften einbezogen und ihm unterworfen, und zwar so, dass man zu bestimmten Zeiten und an bestimmten Orten gar nicht umhin kann, Gott als ein Medium zu sehen, während man zu anderen Zeiten nicht umhin kann, Gott nur als ein Wort zu sehen.
Menschwerdung. Mein Menschwerden geschieht nicht in mir, sondern im Kontext, im Vergleich zwischen mir und anderen Menschen. Wie ich den Kontext gestalte, in welchen Vergleich ich mich stelle, darauf kommt es an, und nicht, wie ich aussehe und was für ein Ding ich bin.
Metaphysik. Man kann die Metaphysik nicht wirklich aus der Welt schaffen, denn ein solcher Akt der Abschaffung der Metaphysik ist selbst ein durch und durch metaphysischer Gestus – die ganze Geschichte der Metaphysik besteht im Grunde nur aus solchen Akten der Metaphysikbekämpfung. Die Metaphysik funktioniert geschichtlich als Kritik der Metaphysik. Indem man die Metaphysik wieder einmal kritisiert, ihre Abschaffung anstrebt, ihre Überwindung fordert, bereichert man also nur die Archive der Metaphysik – und verfestigt die metaphysischen Unterstellungen, die diese Archive tragen.
Museum. Das moderne Museum ist eine Kirche nicht für Seelen, sondern für Körper, für Dinge. Auch für Menschen, aber nur soweit sie Dinge sind.
Das Neue. Das Neue bedeutet nicht die Überwindung des Alten. Und auch nicht die Lossagung vom Alten. Wo das Alte überwunden wird, können wir das Neue nicht mehr erkennen, denn das Neue zeigt sich im Vergleich mit dem Alten. Woher kommt der Drang nach dem Neuen? Weil es mir durch das Archiv der Philosophie verboten ist, das Alte zu tun, das heißt die Rechte der anderen Autoren auf das schon Gesagte zu verletzen.
Philosoph und Künstler. Der Philosoph ist, wie auch der Künstler, nicht jemand, der sieht, sondern jemand, der zeigt.
Politik der Unsterblichkeit. Wer an Gott, den Weltgeist, das Sein, das Unbewusste oder etwa an den absolut Anderen glaubt, der braucht sicherlich nicht philosophische Diskurse zu entwickeln oder Kunstwerke zu schaffen, die für die Dauer angelegt sind. Dann reicht die ontologische Garantie allein, der man vertraut, dass sie auch ohne eine Intervention dem Untergang aller Dinge Einhalt gebietet. Wer aber in Bezug auf die ontologische Garantie der Unsterblichkeit zum Skeptizismus neigt und trotzdem für die Unsterblichkeit optiert, der beginnt, die Politik der Unsterblichkeit oder zumindest die Politik der langen Dauer zu praktizieren. Er beginnt dafür zu sorgen, dass bestimmte Diskurse – und seien es auch die Diskurse über Gott oder das Unbewusste – strategisch positioniert werden, erhalten werden, institutionell verankert werden.
Sansara gleich Nirwana. Alles, was Teil des Sansara ist, also alles, was uns quält und schlecht gelaunt macht – das alles, ohne jede Kompensation und Änderung, kann uns auch glücklich machen. Man muss nur den Gesichtspunkt und den Kontext der Betrachtung richtig wählen.
Stalin und Hitler. Stalin und Hitler haben uns gezeigt, dass die Hierarchien nichts taugen, dass man alles zerstören und falsifizieren kann, Märchen erzählen jeglicher Art, die Programme umschreiben, wie man will, und niemand merkt etwas. So wurde uns allen eine absolute Respektlosigkeit und Verachtung für die Kultur eingeimpft. Wir wissen, dass die ganze Geschichte jederzeit in Müll verwandelt werden kann - die ganze Kultur ist ein großer Müllhaufen. Ohne dieses Wissen, ohne diese totalitäre Erfahrung wäre die sogenannte Postmoderne nicht möglich gewesen.
Strategie und Hoffnung. Alles, was strategisch gedacht und geplant wird, ist ein Grund der Hoffnung – aber gleichzeitig auch zur Enttäuschung und Verzweiflung. Nur die Ahnung einer Chance jenseits aller Strategien bringt uns dazu, überhaupt irgend etwas zu tun. Ansonsten ergibt das Ganze keinen Sinn.
Subjektivität. Meine Subjektivität gründet nicht in einem Selbstbewusstsein, sondern in einem Verdacht seitens der anderen, dass ich ein Subjekt bin und deswegen die Verantwortung für mich selbst tragen kann und soll. Deswegen ist es auch unmöglich, sich selbst zu reflektieren. Es ist nicht so, dass es in meiner Seele dunkle Stellen gibt wie Triebe oder Traumata, die von mir selbst nicht genügend beleuchtet werden können. Vielmehr ist meine Seele, mein »Ich« von Anfang an bloß eine Unterstellung seitens der anderen und kann deswegen von mir selbst nicht »innerlich« erfahren werden.
Wettbewerb mit den Toten. Alles Lebendige ist vergänglich. Dieses Wissen allein genügt, um nicht besonders beeindruckt zu sein. Die Toten sind eine viel ernstere Angelegenheit für uns, denn auf der einen Seite sind sie, Gott sei Dank, tot, aber auf der anderen Seite gehen sie uns immer weiter auf die Nerven. Als Philosophen oder Künstler stehen wir vor allem in einem Wettbewerb mit den Toten. Im Grunde wollen wir, dass Hegel oder Kant uns lesen und sagen: Auf diese Idee bin ich nicht gekommen, wie wunderbar hast Du das gemacht. Unsere eigentlichen Leser sind die Toten. Auch wenn wir meinen, Platon oder Kant überwunden zu haben, wirklich beseitigen können wir sie nicht.
Der Glossar ist gewonnen aus vier Gesprächen von Boris Groys mit Thomas Knöfel, die unter dem Titel »Politik der Unsterblichkeit« im Hanser Verlag (München 2002) erschienen sind.
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