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Ehrfurcht vor Soldaten
7. September 1973. Santiago de Chile. General und Begleitoffiziere aus einem Auto mit Maschinenpistole erschossen. 11. September 1973. Putsch durch CIA und General Pinochet.
Radiomeldungen
»Es drängt sich der Eindruck auf, daß die hier und da vorgekommene Gewaltschur eines Langmähnigen und die Verwüstungen im Haus des Dichters Neruda für die Junta nicht typisch sind.«
Martin Gester in der Illustrierten »Quick«, 11. November 1973
»Zur Frage der verfassungsgemäßen Legitimität des Sturzes von Allende wird immer wieder die Feststellung in den Vordergrund geschoben, daß Salvador Allende durch das einstimmige Votum der Unidad Popular und der Abgeordneten der christlich-demokratischen Fraktion in verfassungsrechtlich unanfechtbarer Weise zum Präsidenten von Chile gewählt wurde. Diese Feststellung hat ungeschmälert zu gelten. Aber die neuere Staats- und Verfassungslehre kommt nicht mehr umhin, sich die Frage vorzulegen, wie revoltierende Tendenzen innerhalb eines gegebenen Verfassungssystems zu einem Legitimitätsverlust führen können. ... Allendes Politik läßt sich nur legitimieren, wenn man sich auf eine politische Denkposition bezieht, nach der die Legitimität der geschichtlichen Entwicklung in der Trendlinie zum Sozialismus liegt ... Allende, ein sozialistischer Hitler - da sich der eine wie der andere durch gewährte Legatimitätsgarantien nicht behindert fühlte, einen anderen als den vorgefundenen staatlichen Zustand zu erstreben ... Das Desaster des sozialistischen Experiments in Chile, das sich mit dem Namen Allende verbindet, wäre auch offensichtlich geworden ohne die Tragik seines Todes - ebensowenig hätte Hitler durch den Verzicht auf einen selbstgewählten Tod die von ihm herbeigeführte Katastrophe korrigieren können. Ihr Selbstmord hat keinen Rang wie die Freitod-Entscheidung des Sokrates, weist nicht jenen Reflexionsreichtum auf, den Caesar und Augustus aufwiesen.«
Professor Lothar Bossle im »Rheinischen Merkur«, 16. Mai 1975
»AIDS-Kranke schlug der CSU-Bundestagsabgeordnete Horst Seehofer vor, müßzrm künftig «in speziellen Heimen» gesammelt werden. Er sprach von «konzentrieren», sein Parteifreund und neuer Bonner Staatssekretär Erich Riedl von «absondern".
Zum Vokabular des Herrenmenschen griff Bayerns Kultusminister Hans Zehetmair. AIDS sei das Symptom einer maroden Gesellschaft, die gesellschaftlichen Randgruppen müßten jetzt »ausgedünnt werden«. Homosexualität gehöre in den »Randbereich der Entartung«. Zehetmair: »Das Umfeld der ethischen Werte muß wiederentdeckt werden, um diese Entartung auszudünnen.«
»DER SPIEGEL« Nr. 12/1987
»Weil die Unterschrift von Kultusminister Hans Zehetmair unter einem Bußgeldbescheid für den Würzburger Soziologieprofessor Lothar Bossle fehlte, muß der Wissenschaftler die geforderten 9.000 Mark nicht bezahlen. Die Dienstvergehen Bossles, die das Ministerium mit dem Bußgeldbescheid ahnden wollte, sind nun verjährt. Bossle war vorgeworfen worden, in seinem inzwischen auf Druck des Ministeriums verkauften «Crator»-Verlag Arbeiten seiner Doktoranden veröffentlicht und damit gegen die Pflicht zur uneigennützigen Verwaltung seines Amtes verstoßen zu haben. Der SPD-Landtagsabgeordnete Heinz Kaiser sagte, Zehetmair habe sich als Dienstvorgesetzter des Hochschulprofessors vor der Unterschrift gedrückt, weil er das CSU-Mitglied Bossle nicht mit einer Gehaltskürzung belegen wollte.«
»Süddeutsche Zeitung«, 7. Mai 1992
»Bei seinem Besuch in Santiago de Chile erklärte der CSU-Vorsitzende Franz-Josef Strauß: Ohne Parteien und Gewerkschaften sei Demokratie nicht möglich. Beide müßten jedoch ihre Aufgaben korrekt erfüllen. Dann sei der Auftrag der Militärs, die sich selbst als Übergangsstaatsführung ansähen, beendet. ... Strauß sagte, er wisse nach seinen Gesprächen mit der chilenischen Staatsführung unter General Pinochet, wie schwer sie an ihrer Last trage.«
»Berliner Tagesspiegel«, 22. November 1977
In La Legua, einem Vorstadtslum Santiagos aus Holz-, Lehm- und Wellblechhütten, ist Rabatz. Die 35.000 Leguanos feiern das Zehn-Jahres-Jubiläum der Junta auf ihre Weise. ... Am eifrigsten trommeln 13-, 14jährige Kinder. Ihre Eltern hatten, als in Chile die Volksfront Salvador Allendes an die Macht kam, vergebens Hoffnung geschöpft ... Allendes Aufbruch in eine neue Zeit hatte gegen die Versteinerung politischer und wirtschaftlicher Strukturen mit den wenigen oben und den vielen unten keine Chance. ... Die Leguanos hatten während des Putsches 1973 tagelang erbitterten Widerstand geleistet, einen Bus mit den verhaßten Carabineros angezündet und schwer dafür büßen müssen. Ihren Widerstandsgeist haben sie in all den Jahren nicht verloren. Die Wände ihrer Häuser sind voll gemalt mit Parolen: »Pinochet - Mörder«, »Pinochet, ab in die Hölle«."
»DER SPIEGEL« Nr. 38/1983
»Die Vermeidung von Ordnungsstörungen ist besonders Bürgern solcher Staaten zuzumuten, in denen es im Ordnungsbereich leichter zu Exzessen kommt, als dies in gefestigten Demokratien der Fall ist.«
Aus der Ablehnung des Asylantrags einer Chilenin durch das Bundesamt für ausländische Flüchtlinge, Bescheid vom 19. Februar 1986
»Nach Pinochets Machtübernahme geschah ein unerbittlicher Kampf gegen das Drittel der Chilenen, das die Volksfront getragen hatte. Außerdem wurden die Brücken zu den zwei Dritteln, die hinter den christlichen Demokraten stehen, abgebrochen: Für Pinochet tragen sie Mitschuld ... Seit einiger Zeit befindet sich die Regierung Pinochet im Aufwind; fast sechs Prozent Wirtschaftswachstum im letzten Jahr ... Dabei handelt es sich nicht um eine Scheinblüte, sondern um eine durch harte Anpassungsmaßnahmen erarbeitete wirtschaftliche Modernisierung und Umstrukturierung.«
»Frankfurter Allgemeine Zeitung«, 31. Juli 1987
"Interview mit Walter Schreiber, Bundestagsabgeordneter der CDU/CSU.
Herr Schreiber, Sie haben Herrn Blüm bei seinem Besuch in Chile begleitet. Wie waren ihre Eindrücke?
Schreiber: ... Mein Eindruck danach ist, daß in Chile gefoltert wird, daß eine Atmosphäre der Angst herrscht, daß Geständnisse unter Folter zustande kommen."
»die tageszeitung«, 4. August 1987
»Petra Schlagenhauf vom Berliner Forschungs- und Dokumentationszentrum Lateinamerika zur Situation in Chile: Sehr oft wird bei Verhören mit Elektroschocks gefoltert, Vergewaltigungen und Stromstöße an den Geschlechtsteilen gehören zu den am häufigsten gebrauchten Methoden ... Schläge auf alle Körperteile und das Eintauchen des Kopfes in Exkremente bis kurz vor dem Erstickungstod. Gabriela Sierck von der katholischen deutschen Kommission «Justita et Pax» sprach kürzlich in einem Interview von der «Einführung lebender Ratten in alle Körperöffnungen des Gefangenen».«
»Frankfurter Rundschau«, 12. August 1987
»Innenminister Friedrich Zimmermann sieht in der Asyl-Gewährung für 14 chilenische Sozialisten, die mit Waffen gegen die Junta kämpften, ein «Sicherheitsrisiko». Kanzler Kohl sagte, es bestehe «kein Handlungsbedarf».«
»die tageszeitung«, 14. August 1987
»Philip Agee, von 1957 bis 1969 CIA-Agent: «Als Allende 1970 die Wahl gewann, befahl Präsident Nixon der CIA, »die Wirtschaft dagegen zu mobilisieren«. Die CIA finanzierte eine massive Propaganda-Kampagne gegen Allende und die Streiks der Lastwagenfahrer 1972 und 1973 ... Chile war unter General Pinochet und seinen Nachfolgern führend in der Verwirklichung der US-Globalisierungspolitik."
konkret: Viele von Pinochets Folterknechten waren auf der Schule der Diktatoren ausgebildet worden, an der US-Spezialisten lehrten. Gibt es die Schule noch?
Agee: »Das Training Center der US-Armee in Panama wurde in den 80ern nach Fort Benning in Georgia verlegt. Das Pentagon gab im vergangenen Jahr zu, daß die Schule Foltertechniken lehrt.«
»KONKRET« 1/1999
»Pinochet ließ 780 politische Gegner ins Meer werfen. Ein pensionierter Oberst berichtete einem katholischen Geistlichen auch, daß 144 Gefangene im Militärhospital der Hauptstadt Santiago verstümmelt wurden. Ihnen wurde die Hornhaut entfernt, oder ihr Knochenmark wurde für Transplantationen verwendet. ... Bereits in den 80ern hatte ein ehemaliger Unteroffizier berichtet, man habe viele Verschwundene ins Meer geworfen.«
»Süddeutsche Zeitung«, 5. August 2000
»Anfang Oktober 1973 wurden 72 politische Häftlinge, die unmittelbar nach dem Staatsstreich festgenommen worden waren, in fünf Städten im Norden und im Süden Chiles aus ihren Gefängnissen gezerrt, ohne Gerichtsurteil von Armee-Offizieren in abgelegene Gegenden geschleppt und dort erschossen. Die reisende Mördertruppe geht als «Todeskarawane» in Chiles Geschichte ein.«
»Süddeutsche Zeitung«, 9. August 2000
»Für Henry Kissinger, den Sicherheitsberater und Außenminister der Präsidenten Nixon und Ford, verlangt der englische Journalist Christopher Hitchens Anklage wegen Kriegsverbrechen, Verbrechen wider die Menschlichkeit und internationales Recht, Verschwörung zum Mord, Entführung und Folter.«
»Berliner Zeitung«, 30. Juni 2001
»Der 11. September 2001 wird als ein schwarzer Tag in die Geschichte eingehen«, sagte Bundeskanzler Schröder. Es war eine »Kriegserklärung gegen die gesamte zivilisierte Welt«. ... »Wir stehen in diesen schwersten Stunden an der Seite Amerikas«, betonte Oppositionsführer Friedrich Merz. ... Die Bilder des Schreckens und die »Tat aus der Hölle« (CSU-Abgeordneter Michael Klos) haben die Parlamentarier fassungslos gemacht. ... »Heute sind wir alle Amerikaner«, sagte SPD-Fraktionsvorsitzender Peter Struck.
»Berliner Morgenpost«, 13. September 2001
7. September 1973. Santiago de Chile. General und Begleitoffiziere erschossen. 11. September Putsch.
Ich hab Ehrfurcht vor diesen Soldaten.
Ich hab Ehrfurcht vor Tränen in deinem Gesicht.
Ich hab Ehrfurcht vor Lebenserfahrung.
Doch Ehrfurcht vor Peter Struck und seinen »Amerikanern« habe ich nicht.
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