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Selbstbefleckung Kapitel 4
Am nächsten Morgen erwache ich ausgeschlafen und erfrischt. Es geht nichts über das eigene Schlafzimmer und eine harte Matratze. Hotels mit harten Matratzen gibt es nicht, daher schätze ich mein eigenes Bett um so mehr. Im Schlaf heilt sich der Körper selbst, das ist bei mir jetzt besonders wichtig.
Ich schwinge mein Gipsbein aus dem Bett und stehe auf. Der morgendliche Gang zur Toilette folgt. Da das Masturbieren mit voller Blase schwierig ist, muss ich diese erst entleeren. Danach geht es noch mal kurz zurück ins Bett für die übliche Morgenentspannung.
Jetzt kann der Tag beginnen. Wieder ins Bad, Taschentuch entsorgen, Gesicht und Hände waschen, Zähneputzen. Rasieren kann ich mich später. Ich ziehe mich an. T-Shirt, Jogginghose, Sweatshirt. In die Küche zum Frühstücken. Müsli, Milch. Wichtig für die Knochen! Während ich mein Müsli kaue, läuft der Kaffee durch. Normalerweise trinke ich an einem freien Tag meinen ersten Becher Kaffee im Arbeitszimmer, während ich meine Mails checke und die Nachrichten im Internet lese. Doch wie soll ich mit Krücken einen Becher Kaffee transportieren? Da fällt mir ein, ich habe doch irgendwo noch eine Thermoskanne aus Edelstahl, ein Werbegeschenk. Zum Wegwerfen war sie mir zu schade und ich habe noch niemanden gefunden, an den ich sie weiterverschenken könnte. Sie muss im obersten Fach des Küchenschrankes sein. Zum Glück komme ich ohne Leiter an sie heran. Ich spüle sie mit heißem Wasser aus, fülle den Kaffee ein, nehme einen leeren Kaffeebecher und bewege mich Richtung Arbeitszimmer. Dort fahre ich erst einmal den Rechner hoch.
Ich könnte eine Mail an meinen Chef schreiben und ihm den Sachverhalt schildern. Aber ich warte lieber bis morgen damit. In meinen privaten Mails gibt es nichts Neues, ich habe sie im Urlaub täglich gecheckt. Die Nachrichten aus aller Welt sind ebenfalls nicht interessant. Ich gehe auf die Seiten mit meinem bevorzugten Fetisch, um zu sehen, ob neue Bilder oder Filme eingestellt sind. Na ja, nicht Filme, die kosten Geld, aber Teaser. Diese kurzen Appetitanreger kosten nichts und reichen mir völlig aus. Da sie so kurz sind, schaue ich sie mir einfach mehrere Male hintereinander an, wenn es nötig ist. Oder ich gehe auf Standbild.
Doch jetzt habe ich dafür keine Zeit. Ich schließe alle einschlägigen Seiten. Mein Alptraum ist, dass ich eine Seite nicht geschlossen habe, aber durch den Bildschirmschoner der Monitor schwarz wird. Dann kommt jemand in die Wohnung, stößt aus Versehen an den Schreibtisch oder stützt sich auf ihm ab, und das Bild ist wieder zu sehen. Das wäre verdammt peinlich, zumal bei den Bildern, die ich mir gerne betrachte.
Es ist halb zehn, und das Telefon klingelt. Das kann nur meine Mutter sein. Sie hat, rücksichtsvoll wie sie ist, gewartet, bis der Zeiger endlich auf halb zehn vorgerückt war, und dann sofort zum Telefonhörer gegriffen. Natürlich ist sie schon seit vielen Stunden wach.
„Ich wollte dir nur sagen, dass ich jetzt losfahre. Soll ich dir was Besonderes zum Essen mitbringen? Hast du auf irgendwas Spezielles Lust?“
„Nein, mach dir bloß keine Umstände, ich habe noch genug zu essen im Haus, ich verhungere nicht, keine Sorge.“
Mütter sind so. Es macht sie glücklich, wenn sie etwas für einen tun können. Daher füge ich hinzu:
„Na ja, wenn du unbedingt willst, kannst du mir Milch mitbringen, die ist gut für die Knochen, und vielleicht ein wenig Joghurt. Ach, und frisches Obst, ein paar Äpfel und Bananen. Sonst brauche ich wirklich nichts, vielen Dank.“
„Was für Joghurt isst du denn gern?“
Erschreckend, wie wenig Mütter über ihren eigenen Nachwuchs wissen, wenn er einmal ein paar Jahre aus dem Haus ist. Früher war es ihnen egal, welchen Joghurt man gern mochte, denn da wurde gegessen, was auf den Tisch kam. Und heute wissen sie nicht, was sie einem auf den Tisch stellen sollen, wenn sie schon mal die Gelegenheit dazu haben.
„Ist mir eigentlich egal, ich esse alles außer Nuss, Schoko und Pfirsich-Maracuja. Also am einfachsten ist Kirsche, Erdbeere und Himbeere.“
Das wird sie sich hoffentlich merken können.
„Bis gleich dann.“
„Ja, fahr vorsichtig!“
Bis sie kommt, muss ich noch einen Kontrollgang durch die Wohnung machen. Im Schlafzimmer mache ich das Bett, sonst ist alles in Ordnung. Ich wundere mich, was man alles auf einem Bein stehend vollbringen kann. Im Bad wische ich über den Rand der Toilettenschüssel und über das Waschbecken. Ich hoffe, ich habe die richtigen Lappen für die richtigen Zonen verwendet. Dann fällt mir ein, dass ich mich noch rasieren muss.
Im Arbeitszimmer prüfe ich noch mal nach, ob alle kompromittierenden Internetseiten geschlossen sind. Im Wohnzimmer steht eine leere Wasserflasche. Die kann da stehen bleiben. Zu aufgeräumt darf es auch nicht aussehen, das wirkt, als ob man ein schlechtes Gewissen hat. Auch die Küche ist in Ordnung.
Ich warte eine Viertelstunde und denke, dass ich mir in der Zeit gut noch etwas Entspannung hätte verschaffen können. Ärgerlich. Das hätte ich vor meinem Rundgang durch die Wohnung tun sollen. Beim Wohnungsrundgang überrascht zu werden wäre kein Problem gewesen. Wäre schon gut, etwas entspannter zu sein, wenn man Besuch von seiner Mutter bekommt. Da klingelt es schon an der Tür.
Ich humple gemächlich hin und drücke den Türöffner. Mit zwei schweren Einkaufstaschen bepackt schleppt sich wenig später meine Mutter die Treppe hoch. Schwer atmend stellt sie die Taschen ab und umarmt mich vorsichtig. Da ich auf Krücken stehe, kann ich sie nicht richtig umarmen. Sie küsst mich und strahlt über das ganze Gesicht vor Freude, mich zu sehen. Nun wechselt ihr Gesichtsausdruck und sie mustert mich besorgt.
„Wie geht es deinem Bein? Hast du Schmerzen? Du bekommst doch bestimmt Tabletten? Ich kann nachher noch in die Apotheke gehen, wenn du etwas brauchst.“
„Jetzt komm doch erst mal herein“, unterbreche ich sie.
Mit ihren Taschen geht sie sofort in die Küche. Sie beginnt, Sachen auszupacken. Als ich endlich auch in der Küche angekommen bin, räumt sie gerade Milch und Joghurt in den Kühlschrank.
„Ich habe dir deine Joghurt-Lieblingssorten mitgebracht.“
Es sind nicht meine Lieblingssorten, es sind nur die, bei denen man am wenigsten falsch machen kann, denke ich.
„Und ich habe dir Eintopf mitgebracht. Den gab es gestern bei uns, und ich habe einfach mehr gekocht, nachdem du angerufen hattest, ich dachte, den kannst du dir aufwärmen, das geht ganz einfach.“
Natürlich weiß sie, dass ich von Kochen keine Ahnung habe. Außer Aufwärmen und Auftauen kann ich wirklich nichts, was mit der Zubereitung von Nahrungsmitteln zu tun hat.
„Lecker, da freue ich mich, das war eine super Idee.“
„Ich stelle den Topf hier auf den Herd, der braucht nicht in den Kühlschrank. Vergiss nicht umzurühren, wenn du ihn warm machst. Kannst du überhaupt stehen, du hast die Hände nicht frei, mit deinen Krücken.“
„Nein, das geht schon ganz gut, ich habe mich erstaunlich schnell daran gewöhnt.“
„Hier ist Obst, das lege ich dir hierhin, du hast ja keinen Obstkorb oder so etwas, ich muss dir mal einen mitbringen.“
„Ich brauche keinen, das geht gut ohne, mach dir um Gottes Willen keine Mühe.“
Ich fürchte, dass ich demnächst einen designmäßig völlig indiskutablen Obstkorb geschenkt bekomme.
„Und jetzt gehe ich ins Bad und fülle dir die Waschmaschine, du hast doch bestimmt viele Sachen aus dem Urlaub mitgebracht, die jetzt gewaschen werden müssen. Das geht wirklich nicht gut, wenn man auf einem Bein stehen muss.“
Verdammt, jetzt wühlt sie in meiner Schmutzwäsche herum. Es sind doch hoffentlich nirgends Spermaspuren zu finden? Nichts mit verräterischen Flecken, nichts unangenehm Riechendes, keine Stinkesocken? Sie ist schon auf dem Weg ins Bad. Hätte ich doch bloß selbst noch die Waschmaschine angeworfen! Verflucht, irgendwas vergisst man immer!
„Und ich hänge dir die Wäsche dann auch noch auf, wenn sie fertig ist“, ruft sie mir aus dem Bad zu.
Ich fange an zu bedauern, dass ich keine stärkeren Schmerzmittel bekommen habe. Ich werde weder müde noch gleichgültig noch sonst etwas, wenn ich sie nehme. Ich bin zu einhundert Prozent bei vollem Bewusstsein und weiß nicht, wie ich die nächsten zwei Stunden überstehen soll. So lange dauert es, bis die Waschmaschine fertig ist. Der beste Grund für meine Mutter, so lange zu bleiben.
Nach wie vor überlege ich, ob etwas Kompromittierendes im Wäschekorb war.
„Machst du die Wäsche eigentlich selbst oder macht die sonst auch diese Marita oder wie sie heißt?“
Der Tonfall beim Aussprechen der Worte „diese Marita“ ist an Verachtung nicht zu überbieten.
„Nein, die Wäsche mache ich selbst, und ‚diese Marita’ heißt Mareike, und ich bin froh, dass ich sie habe.“
„Kann man der auch vertrauen? Sie hat doch den Schlüssel zu deiner Wohnung, nicht dass da etwas wegkommt.“
Augenrollend gebe ich zurück: „Mutter, Mareike putzt seit Jahren für mich und ist vollkommen zuverlässig, da passiert bestimmt nichts.“
„Wollen wir es hoffen. Komm, jetzt setzen wir uns ins Wohnzimmer und du erzählst mir ganz genau, wie der Unfall passiert ist und was die Ärzte gesagt haben. Wie lange musst du überhaupt diesen Gips tragen? Hast du hier schon einen Arzttermin? Du nimmst doch deine Tabletten regelmäßig?“
Sie hilft mir, mein Bein aufs Sofa zu legen und stabilisiert es mit ein paar Kissen.
„Willst du die Wolldecke? Nicht dass es kühl wird, wenn man nur so herumsitzt.“
„Nein, bitte nicht“, antworte ich leicht panisch. Was, wenn die Wolldecke verräterische Flecken hätte? Ich weiß nicht, wie sich Sperma auf Wolle verhält. Ich weiß nicht mal, aus was die Wolldecke überhaupt besteht. Schafwolle? Kunstfaser? Eine Mischung aus beidem?
Ich lenke ab: „Wenn du dauernd Fragen stellst, kann ich dir nicht den ganzen Unfallhergang erzählen, wie du es willst.“
Sie spielt die Reumütige: „Ja, entschuldige, ich bin vielleicht etwas zu hektisch. Ich will halt, dass es dir gutgeht. Und ich bin aufgeregt, weil mein Bub sich verletzt hat und im Krankenhaus war. Ich unterbreche dich jetzt nicht mehr, also erzähle alles von Anfang an.“
Ich unterdrücke den Impuls, mit den Augen zu rollen, und erzähle ganz genau, wie es zu dem Sturz kam und was danach alles passierte. Dabei spiele ich die Sache, die ohnehin nicht allzu schlimm ist, nach Möglichkeit noch etwas herunter, um bei ihr nicht noch mehr Emotionen zu wecken. Außerdem will ich vermeiden, dass sie jetzt jeden Tag kommt, um mich zu bemuttern.
Unter ihren Kommentaren und Zwischenbemerkungen ist immerhin ein konstruktiver Einwurf: „Wie machst du das jetzt mit der Arbeit? Du musst doch ab Montag wieder arbeiten, nicht wahr? Lässt du dir Arbeit nach Hause schicken? Hast du schon mit deinem Chef gesprochen? Du brauchst doch auch eine Krankmeldung.“
Damit hat sie recht. Ich habe wenig Lust, mich um diesen Kram zu kümmern. Ich hasse Formulare, Bescheinigungen, Atteste, Meldungen und alles, was damit zu tun hat.
„Ach Gott, die Waschmaschine ist doch bestimmt fertig! Ich gehe mal ins Bad, um nachzusehen. Dann hänge ich dir die Wäsche noch auf. Wo sind deine Wäscheklammern?“
„Mutter, ich besitze keine Wäscheklammern, ich trockne die Wäsche im Schlafzimmer, da sind die Fenster immer auf, und da es dort nicht windig ist, brauche ich keine Wäscheklammern.“
Ich stelle mich daneben und zeige ihr meine Technik, wie ich bestimmte Wäschestücke aufhänge. Ohne Klammern und so, dass man hinterher nichts bügeln muss.
Selbst die besorgteste Mutter merkt glaube ich irgendwann, dass sie ihrem Sohn nach einiger Zeit auf die Nerven geht. Und so kommt es, dass ich das Glück habe, dass sie jetzt tatsächlich ans Gehen denkt. Natürlich erst, nachdem sie mehrere Male gefragt hat, ob ich noch etwas brauche, ob sie mir etwas zu Essen machen soll oder ob sie noch irgend etwas besorgen soll.
Wiederholt versichere ich ihr, dass sie nicht jeden Tag zu kommen braucht und dass ich alles habe, was ich brauche.
Endlich geht sie. Genauer gesagt, sie reißt sich von mir los. Sie zieht die Wohnungstür von außen zu, während ich auf dem Sofa liegenbleibe. Ich atme einige Male tief durch.
„Puh, war das anstrengend“, sage ich laut zu mir selbst. Dann angle ich mir die Wolldecke. Ich breite sie über meinen Beinen aus. Gemütlich und in aller Ruhe hole ich mir einen herunter.
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