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Märchenonkel schrieb am 20.10. 2015 um 22:03:22 Uhr über

Märchen

Das Märchen von Hündlein und Katerlein

Es waren einmal ein Hündlein und ein Katerlein, die lebten in einem kleinen Häuslein nahe des tiefen, dunklen Waldes. Weil das Hündlein allzu schmächtig und noch kleiner als das Katerlein war, hatten die beiden einander lieb und taten alles gemeinsam. Eines Tages indes trug es sich zu, dass eine große Teuerung ins Land kam und böse Armut sie befiel. Ja, die Not ward so bitter, dass sie den Speck aus den Mausefallen kratzten, um sich hernach in einer Eierschale ein Süppchen daraus zu kochen. Welch Duft zog durch ihr Stüblein! Doch als das Süppchen aufgegessen war, hungerten selbst die Mäuse, denn statt des fetten Speckes hatten Hündlein und Katerlein die Mausefallen mit einem Stückchen Papier versehen, worauf das WortSpeckgeschrieben stand. So bitter war die Armut im Lande. „Wir können uns das tägliche Brot nicht mehr beschaffen,” sprach eines Tages Katerlein zu Hündlein, „denn wie sollen wir uns nähren, wenn wir vor Hunger und Kummer selbst im Bette keine Ruhe finden.” „Weißt du was,” antwortete Hündlein, „wir wollen uns morgen in aller Frühe auf den Weg machen, um uns in der Fremde das tägliche Brot zu verdienen. Falls wir es dort zu Reichtum bringen, können wir ja irgendwann in unser bescheidenes Heim hier am Rande des Dunkelwaldes zurückkehren, um hier glücklich und zufrieden das Leben zu beschließen.” „Nein, Hündlein,” sagte da Katerlein, „ich könnte es nimmer über`s Herz bringen, unser schönes Heim so lange unbewohnt zu lassen, gewiss kämen irgendwann die Räuber!” „Oh du Narr!” rief Hündlein, „Hier gibt´s nichts zu holen für die Räuber. Willst du, dass wir beide Hungers sterben? Da kannst du gleich die Bretter für die Särge hobeln!” Hündlein ließ keine Ruhe, bis Katerlein schließlich einwilligte. Die zwei Ärmsten hatten vor Hunger nicht einschlafen können. Katerlein weinte bittere Tränen und sprach immer wieder zu Hündlein: „Was soll aus uns werden, da draußen in der bösen Welt? Im Walde werden wir uns verlaufen, niemand hat uns lieb, und wir werden nicht mehr zurückfinden.” „Sei getrost, liebes Katerlein,” sprach Hündlein, „in der Fremde werden wir unser Glück gewiss finden!” Als der Tag anbrach und die Sonne aufging, weckte das Hündlein das Katerlein: „Steh auf, du Faulenzer, wir wollen in den Dunkelwald gehen und uns Arbeit suchen!” Dann gab Hündlein Katerlein die letzte Krume Brot und sprach: „Da hast du was zu beißen. Iss es aber nicht auf einmal auf, weiter kriegst du nichts!” Katerlein steckte das Brot in sein Täschlein und gemeinsam machten sie sich auf die Suche nach Arbeit. Nachdem sie einige Schritte getan hatten, blieb Katerlein fortwährend stehen und blickte sich nach dem Häuslein um. Hündlein sprach. „Was guckst du da und bleibst zurück? Willst du Hungers sterben, du Narr?” „Ach,” antwortete Katerlein, „es sieht doch so hübsch aus, wie die goldene Morgensonne auf das Dach unseres Häusleins scheint!” Derweil hatte Katerlein aber einige Krümlein des kostbaren Brotes aus dem Täschlein geholt und eines nach dem anderen auf den Weg geworfen, in der Hoffnung, so wieder nach Hause zu finden. Und weil sie den ganzen Tag nichts gegessen hatten, fielen ihnen am Abend die Augen zu. Als sie wieder erwachten, war es finstere Nacht und Hündlein bekam es mit der Angst. „Du hattest recht, Katerlein,” sprach Hündlein, „wir hätten unser geliebtes Heim nimmer verlassen dürfen!” „Wart nur ein Weilchen,” sprach Katerlein ihm Trost zu, „sobald der Mond aufgegangen ist, werden wir schon heimwärts finden. Ich habe Brotkrumen gestreut, die uns den Weg weisen werden.” Als der Mond aufgegangen war, machten sich beide auf den Weg. Aber sie fanden keine einzige Brotkrume mehr, denn Vögel und anderes Getier des Dunkelwaldes hatten sie allesamt aufgezehrt und weggepickt. Hündlein und Katerlein irrten noch die ganze Nacht und noch einen Tag vom Morgen bis zum Abend durch den Dunkelwald, fanden aber nicht heraus und waren so hungrig, dass sie gar das Moos von den Bäumen kratzten. Wenn nicht bald Hilfe kam, so mussten sie elend verschmachten. Als seien ihre Gebete erhört worden, sahen sie von Ferne ein Licht. Und siehe da, sie gelangten an ein Häuslein, das ganz aus morschem Holze gebaut war, worauf indes die köstlichsten Pilze wuchsen. „Da wollen wir uns dranmachen,” sprach Hündlein, „und eine gesegnete Mahlzeit halten!” Hündlein und Katerlein brachen einen Pilz nach dem anderen, welche ganz vortrefflich schmeckten. Da ging auf einmal die Türe auf und ein uraltes, buckeliges Männlein trat heraus. „Was wollt ihr am Hause des alten Holzhackers?” sprach es, „Diese Pilze sind nicht gut, nicht gut! Wer Hunger hat, muss richtig essen!” Der alte Holzhacker führte Hündlein und Katerlein in das Holzhäuslein hinein, welches er gemeinsam mit einem Biber bewohnte. Da ward gutes Essen aufgetragen, Suppe, Fleisch, Krebse, Äpfel und Nüsse. Hernach wurden für Hündlein und Katerlein gar zwei schöne Bettlein weiß gedeckt, so dass die beiden glaubten, sich bereits im Himmel zu befinden. In Wahrheit aber war der alte Holzhacker ein böser Mensch mit absonderlichen und grauenhaften Gepflogenheiten. Wann immer jemand in seine Gewalt kam, so war er des sicheren Todes, zumal der alte Holzhacker gar eine besondere Vorliebe für Menschenfleisch hatte. Auch Hündlein und Katerlein gedachte er zu essen. „Das Katerlein ist schön fett,” sprach er höhnisch bei sich, „aber das Hündlein ist gar zu mager. Drum will ich´s mästen, und ist´s erst fett, werde ich beide schlachten. Das wird zwei gute Braten geben!” Früh morgens, als Hündlein und Katerlein aufgestanden waren, packte der alte Holzhacker Hündlein fest an, trug es zu einem vergitterten Ställchen unter der Treppe und sperrte es dort hinein, mochte es zetern, wie es wollte. „He, du Faulpelz,” rief er Katerlein zu, „geh Wasser holen und koche was Gutes für Hündlein. Ist Hündlein erst so fett wie du, will ich euch beide essen!” Katerlein hub an, bitterlich zu weinen, doch es war alles vergebens. Wie jeden Tag ritt nun der alte Holzhacker auf seinem Biber hinaus in den Wald, um Holz zu schlagen. Doch Katerlein konnte Hündlein nicht aus dem Gefängnis befreien, weil der alte Holzhacker den Schlüssel stets bei sich trug. Nun ward dem armen Hündlein täglich das beste Essen gekocht, doch all das gute Fleisch, welches der Alte im Hause hatte, war Menschenfleisch. Jeden Morgen schlich der böse Holzhacker zu dem Ställchen unter der Treppe und rief: „He, Hündlein, steck dein Pfötlein hinaus, ich will fühlen, wie fett du geworden bist.” In der Tat hatte Hündlein bereits etwas zugelegt. Doch es war schlau genug, und schob statt des Pfötleins seinen dürren Schweif durch das Gitter. Der alte Holzhacker hatte trübe Augen und meinte, es sei Hündleins Pfötlein. Der Alte wunderte sich, dass Hündlein nicht fett werden wollte. Als Wochen verstrichen waren, übermannte ihn die Ungeduld und er wollte nicht länger warten. „He,” rief er Katerlein zu, „geh Wasser holen! Hündlein mag fett oder mager sein, heute werde ich euch beide schlachten!” Katerlein weinte bittere Tränen, als es das Wasser vom Brunnen holte. „Allmächtiger Gott, so hilf uns doch!” jammerte es, „Wenn wir doch im Walde verhungert wären, dann müssten wir jetzt nicht leiden!” „Spar dir dein Geplärre,” schalt der alte Holzhacker, „es hilft dir ja doch nichts!” Dabei stieß er das arme Katerlein mit dem Fuß zum Backofen, aus dem schon die Flammen herausschlugen. „Kriech hinein!” rief der alte Holzhacker, „Kriech hinein und schau, ob das Feuer gut brennt!” Katerlein indes ahnte, dass der Alte nichts Gutes mit ihm vorhatte und stellte sich darum dumm. „Wie soll ich´s machen,” sprach es, „da passe ich doch nicht hinein und das böse Feuer ist so heiß.” „Einfältiger Narr!” rief der alte Holzhacker, „Schau, das Loch ist groß genug, ich selbst könnte hinein. Schau!” Damit trat er heran und steckte den Kopf in den Backofen. Da gab Katerlein dem Alten einen heftigen Stoß, machte rasch die eiserne Tür zu und schob den Riegel vor. Entsetzlich heulte der alte Holzhacker in dem Ofen, doch was half´s, er musste elendiglich verbrennen. Katerlein aber lief schnurstracks zu Hündleins Ställchen und rief: „Wir dürfen leben, denn der alte Holzhacker brennt in seinem eigenen Ofen!” „Schließ mein Ställchen auf und lass mich nicht länger schmachten!” bat Hündlein. Aber, ach, Katerlein hatte den Schlüssel nicht, denn diesen trug noch immer der alte Holzhacker bei sich, während er in den Flammen brannte. „Sorge dich nicht,” sprach Katerlein, „wart nur bis der Alte verbrannt und die Asche kalt ist. Dann werde ich den Schlüssel gewiss finden. Das Feuer indes brannte den ganzen Tag und begann erst zum Abend hin langsam zu verlöschen. Als Katerlein die Ofentür öffnete, um nach der Glut zu schauen, war von dem bösen Holzhacker nichts mehr übrig. Doch in der hintersten Ecke des Ofens lag feuerrot glühend der Schlüssel. Katerlein vermochte ihn nicht zu erreichen, darum musste Hündlein eine weitere Nacht in dem Ställchen zubringen. Noch bevor die Sonne aufgegangen war, schaute Katerlein erneut in den Ofen hinein und befand, dass die Asche zur Genüge abgekühlt war, um in den Ofen hineinzukriechen und in den Besitz des begehrten Schlüsselchens zu gelangen, welches den entsetzlichen Flammen schadlos widerstanden hatte. Rasch lief Katerlein mit dem Schlüsselchen zum Ställchen unter der Treppe, um die Gittertür zu öffnen. Hündlein war frei! Nun galt es, diesen entsetzlichen Ort zu verlassen. Sie setzten sich auf den Biber, das einstige Reittier des alten Holzhackers, und ritten auf seinem Rücken davon. Als sie viele Stunden lang geritten waren, gelangten sie an ein großes Wasser. „Wie kommen wir herüber?” sprach Hündlein, „Ich sehe keine Brücke und keinen Steg. Es fährt auch kein Schifflein!” „Sei unbesorgt,” antwortete Katerlein, „wir reiten doch auf einem Biber, der auch im Wasser sein Vorankommen hat.” Der Biber glitt mit seinen beiden Reitern ins Wasser, ruderte, bis sie glücklich drüben waren und ein Weilchen weiterritten. Diese Gegend des Dunkelwaldes kam ihnen mit einem Mal immer bekannter vor, und endlich erblickten sie von Ferne ihr kleines Häuslein am Waldesrand. Wie glücklich waren sie darüber, dass ihr Häuslein noch stand und auch nicht von den Räubern heimgesucht worden war. Der Biber indes nagte am Stamme eines mächtigen Baumes, welcher auf diese Weise zu Fall kam. Hündlein und Katerlein sahen dieses und Hündlein sprach: „Das gute Tier erspart uns die Axt. Wir wollen das Holz verkaufen, um unser tägliches Brot zu verdienen.” Und so geschah es, dass Hündlein und Katerlein den Biber täglich in den Dunkelwald hinausführten, um mit dem gefällten Holze reicher und reicher zu werden. So reich, dass sie selbst wieder Speck für die Mausefallen kaufen konnten und die Mäuse so fett wurden wie niemals zuvor. Die Zeit des Hungers war nun zu Ende, so wie auch das Märchen. Hündlein und Katerlein, so viel sei noch verraten, lebten grücklich und zufrieden mit ihrem Biber in dem Häuslein am Rande des Dunkelwaldes, und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie heut noch dort.



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