>Info zum Stichwort Punk | >diskutieren | >Permalink 
Gronkor schrieb am 17.11. 2005 um 23:10:56 Uhr über

Punk

Der ist zwar nicht von mir, noch nicht mal mein Stil, aber irgendwie finde ich ihn schön:


Schicksal

Janina ist Punk.
Die Klamotten, die man dafür braucht, hatte sie schon vor zwei Jahren bei H&M eingekauft und sie so lange gewaschen und zerschnitten, bis sie einigermaßen tragbar waren, und auch einen Iro, der regelmäßig die Farbe wechselt, hat sie seit gut einem Jahr.
Natürlich wohnt sie nicht mehr zu Hause: »Die alten Spießer haben mich rausgeschmissen, als ich mit meinem Nasen-Piercing ankam«, erzählt sie, und Matte, Scheibe und Ecke nicken wissend.

Schon bald nach ihrer Aufnahme in die Punk-Peer-Group wurde klar, dass sie nicht länger Janina heißen konnte.
»Krümel, vielleicht«, schlug Matte vor, der früher einmal Moritz hieß, aber das war bevor er im hohen Bogen in die Nackenhaare eines HSV-Fans gekotzt hatte.
Er eröffnete ihr, dass sie als Punk einen neuen Namen bekommen musste.
»Damit du mit deinem alten Leben abschließt. Hört sich doch auch scheiße an: Janina, schmeiß mal 'n Astra rüber. Das is ja wie'n Indianer, der Harald heißt
»Ich dachte, ich könnte mir meinen neuen Namen verdienen, so wie du«, sagte Janina enttäuscht, und nahm ein Schluck Dosenbier.
Von den Kapitalisten, die durch die Ottenser Hauptstraße schlenderten und überlegten, welche unnütze Geldausgabe sie als nächstes tätigen sollten, wurden sie nicht beachtet.
Ein Schuhgeschäft, eine Eisdiele, ein Baum, eine Gruppe biertrinkender Punks, ein Schuhgeschäft.
Einkaufsstraßenflair.
Acht Astra später trug Janina den Namen Platte, und sie ärgerte sich, dass sie die Handtasche der Oma nicht getroffen hatte, denn Tasche hätte ihr besser gefallen.
Neun Astra später traf Janina die Alditüte einer vorbeieilenden Mutter, die davon nichts mitbekam, weil sie ihrem Kind an der anderen Hand gerade mit der Winnie Pooh-Bank drohte, denn das hatte sie so bei der Super-Nanny gesehen. Der Aldi-Tüten-Treffer ersetzte natürlich sofort den Namen Platte durch Aldi, und alle freuten sich, außer Aldi selbst, denn die war mittlerweile auf einer Bank eingeschlafen.

Aldi weiß, was man als Punk wissen muss: Nazis sind scheiße, Bullen sind alle Nazis und deshalb auch alle scheiße, Kapitalismus ist scheiße, Kommunismus ist gut und man muss mindestens ein möglichst unbekanntes Land wissen, in dem dieser hervorragend funktioniert, falls Irgendeiner diskutieren will und mit dem Standardspruch: »Kommunismus ist ja eine gute Idee, aber in der Realität nicht umsetzbar« daherkommt.
Konsum ist scheiße, außer Bierkonsum, hinter allem Übel steckt am Ende immer das System, Arbeit ist scheiße, aber nur im Kapitalismus, und alle, die das anders sehen, sind Spießer.

Mittlerweile ist Aldi seit vielen Monaten Punk. Eigentlich geht es ihr gut.
Wäre da nicht vor einiger Zeit dieser unheimliche Zwischenfall gewesen.
Aldi stand bei Spar und versuchte, sich etwas zu Essen auszusuchen, der Ladendetektiv hatte mit dem ihr mittlerweile bekannten Code »Die 261 und die 543 bitte in den Bereich 13« dafür gesorgt, dass ein Azubi und eine Kassiererin hinter und unter ihr Regale einräumten, als sie bemerkte, dass sie vor sich hin summte. Normalerweise, wenn das Summen nicht ein Zeichen einer nahenden Alkoholvergiftung ist und eher wie ein meditatives Ohmm klingt, summt sie höchstens, so wie es sich gehört, Punk-Rock. Echte Punks summen nicht, echte Punks grölen. Sie halten ein Bier in der einen und eine Kippe in der anderen Hand, stampfen mit dem Fuß auf, wippen mit dem Kopf und grölen wichtige politische Aussagen wie: Schnauze, Deutschland oder Bulle, stirb!
Aber diesmal war es anders, ihr Fuß schlug rhythmisch im Takt, ihr Becken kreiste in seltsam lasziver Art und der Azubi unter ihr blickte ihr irritiert sabbernd unter den Rock.
Sie hielt inne.
Einkaufsradio.
Sie hatte es schon immer gehasst. Aber jetzt, das wurde ihr schlagartig klar, spielte Einkaufsradio »Destiny's Child« und sie wackelte dazu mit dem Hintern. Ausgerechnet »Destiny's Child«, die in ihren Songs davon singen, dass sie jetzt endlich, wo der Macker weg ist, wieder den pinken Minirock zum passenden Lippenstift tragen und ihren eigenen Porsche fahren, die pseudo-feministischste, kapitalistischste Frauenband, die es auf diesem Planeten gibt, und Aldi stand vor dem Regal und summte »I'm a survivor«, während ihr ein blasser Auszubildender unter den Rock starrte und so tat, als würde er Olivendosen einsortieren.

Sie ließ die Dose Ravioli, die sie in der Hand hatte, auf den Azubi fallen und stürmte aus dem Laden.

»Was is denn mit dir passiert«, fragte Matte, als sie sich draußen auf die Bank fallen ließ, »du siehst ja aus, als wärst du 'nem Nazi begegnet
»So was ähnliches«, sagte Aldi, und steckte sich eine Zigarette an.

Von diesem Moment an wurde Aldi von »Destiny's Child« verfolgt. Wie ein unglücklich Verliebter, der plötzlich nur noch Menschen begegnet, die den Namen seiner Angebeteten tragen, hörte Aldi aus sämtlichen Läden Altonas, aus jedem vorbeigetragenen MP3-Player, von allen Straßenmusikern und aus jedem Kinderlachen die Musik von »Destiny's Child«, sogar Ton, Steine, Scherben klangen wie sie, und Aldi wurde klar, dass sie dringend eine Lösung brauchte.

Punk zu sein und die Musik von »Destiny's Child« zu mögen ist in etwa das Gleiche wie ein religionsloser Pazifist zu sein und als Berufswunsch Selbstmordattentäter anzugeben.

Vielleicht eine Therapie, dachte Aldi, und sah sich schon auf der Couch eines Psychiaters liegen.
»Guten Tag, Frau ... Aldi, wo drückt denn der Schuh?«, würde er fragen.
»Ja, wissen sie, also, ich bin Punk und...«, sah Aldi sich sagen, und kaum hatte sie das Wort Punk ausgesprochen zückte der Psychiater seinen Stift und fing an zu schreiben, und er schrieb und schrieb und hörte gar nicht mehr auf, und Aldi sagte: »Aber Sie wissen doch mein Problem noch gar nicht!«, und er blickte nur kurz auf um sie mitleidig anzusehen und weiterzuschreiben und sie schließlich nach ihren Eltern zu fragen, und als Aldi sich aus der Praxis kommen sah wusste der Psychiater viel von ihren Eltern und nichts von ihrem Problem und so beschloss sie, dass eine Therapie keine Lösung sei.

Aldi fiel bald nichts Besseres mehr ein, als abzuwarten und zu hoffen, dass es sich nur um eine Phase handele, die irgendwann von selbst wieder vorbeigehen würde.

Mittlerweile lebt Aldi sehr zurückgezogen und verbringt die meiste Zeit allein in ihrem Bauwagen, sie traut sich kaum vor die Tür, aus Scham und vor Angst, entdeckt zu werden.
Der kalte Entzug dauert nun schon Wochen.
Nur auf dem Bauwagenplatz fühlt Aldi sich einigermaßen sicher, aber auch hier meidet sie, um Rückfälle zu verhindern, jegliche Form von Musik.
»Aber mal zu Matte rübergucken, das wird ja wohl drin sein«, denkt sie sich, denn Matte hat keine Musikanlage in seinem Bauwagen.

Als Aldi an seine Tür klopft dauert es einige Zeit, bis Matte sie öffnet.
»Stör ich?«, fragt Aldi und schiebt sich an ihm vorbei in seinen Wagen.
»Nein, ja, komm rein«, murmelt Matte hilflos und guckt etwas verschreckt.
»Was guckst'n so bekloppt?«, fragt Aldi, als sie sich auf sein Bett fallen lässt. Ein leises Knacken ersetzt die Antwort. Irritiert greift Aldi unter die Decke und zieht einen Kopfhörer unter ihrer rechten Po-Backe hervor.
»Du hast Musik hier«, fiepst sie mit erstickter Stimme, die plötzliche Angst vor einem Rückfall nimmt ihr den Atem.
»Nein«, kreischt Matte, »der geht nicht!«, und er macht einen Schritt auf sie zu, um ihr den Kopfhörer aus der Hand zu reißen, während Aldi sich nach links dreht, um ihm auszuweichen.
»Das ist Wahnsinn, warum schickst du mich in die Hölle? Hölle, Hölle, Hölle, Hölle.«, dröhnt plötzlich aus dem Kopfhörer.
Matte erstarrt.
Aldi guckt verständnislos auf das vibrierende, schwarze Ding in ihren Händen.
»Wolfgang Petry?«, fragt sie schließlich, „Matte, wie kommt Wolfgang Petry in deinen Kopfhörer?"
Matte wird fast genau so rot wie sein Iro.
Schließlich gesteht er.
Seit Wochen schon lebe er zurückgezogen in seinem Bauwagen und traue sich kaum vor die Tür, aus Scham und vor Angst, entdeckt zu werden.
Sogar im Internet habe er sich schon informiert und festgestellt, dass er nicht der Einzige mit diesem Problem sei. Die mittlerweile entstandene Selbsthilfegruppe »Punks mit einem Musikgeschmack der gar nicht geht« komme schon lange nicht mehr den ganzen Fragen hinterher. Verzweifelte Xavier Naidoo-Fans und Michelle-Liebhaber bitten dort um Hilfe, sogar Selbstmorde soll es schon gegeben haben.

»Stell dir das mal vor, Aldi, ich in einer Selbsthilfegruppe: Hallo, ich bin der Matte, und ich steh auf Wolfgang Petry
Er schüttelt bleich den Kopf.
»Na, immerhin sind wir schon zu zweit«, sagt Aldi, und legt ihren Kopf auf seine Schulter.
»Du auch?«, fragt Matte überrascht »Was hast du denn? Doch nicht auch Wolle, oder
»Destiny's Child«, antwortet sie, und lächelt entschuldigend.
»Das ist auch echt übel«, sagt Matte betroffen. »Wie hast Du's bemerkt
»Einkaufsradio. Und du
»Besuch bei Oma

Und während sie sich unterhalten, wird aus der Freundschaft ein starkes Gefühl der Verbundenheit, und plötzlich guckt Matte Aldi an und Aldi guckt Matte an und in diesem Moment wissen beide, dass sie sich lieben, und sie küssen sich lange und zärtlich und sie sind glücklich, denn jetzt, da sie sich haben, brauchen sie keine Selbsthilfegruppe mehr und alles wird gut.

Und so verlassen sie händchenhaltend den Bauwagen und tanzen singend in den Sonnenuntergang.

...................................................................
Mehr von der Sorte gibt's bestimmt auf dem nächsten Poetry-Slam in Heimfeld


   User-Bewertung: +2
Ist Dir schon jemals »Punk« begegnet? Schreibe auf was dabei geschehen ist.

Dein Name:
Deine Assoziationen zu »Punk«:
Hier nichts eingeben, sonst wird der Text nicht gespeichert:
Hier das stehen lassen, sonst wird der Text nicht gespeichert:
 Konfiguration | Web-Blaster | Statistik | »Punk« | Hilfe | Startseite 
0.0412 (0.0262, 0.0136) sek. –– 1000450290