Einige überdurchschnittlich positiv bewertete
Assoziationen zu »Donnerstagsbeichte«
masXin schrieb am 6.8. 2018 um 14:03:28 Uhr zu
Bewertung: 20 Punkt(e)
„Doch nicht Großmutter!“ so Ilyas über diese alte Dame nämlich, die ihn gesalbt und eingekleidet hatte neulich, und die meiner Meinung nach hätte seine Großmutter sein können. Nach allem, was ich erfuhr, ist sie eine Haussklavin eigentlich, indem sie vermutlich illegal in Wien lebt und ganz von des Ilyas Verwandtschaft abhängig ist. Nada heißt sie, und es ist wohl einzig Ilyas, von dem sie etwas Zuneigung erfährt, indem sie all seine Launen erträgt. Dieser hat, ganz unzusammenhängend übrigens, dies und jenes über sie und den Haushalt überhaupt mitgeteilt, wovon mir manches sehr komisch erschien, umso mehr, als er alles ganz ernst vorträgt. So ist die Nada für ganze Batterien von Tages- und Nachtcremes zuständig, derer des Ilyas empfindliche Haut bedarf, und die sachgemäß aufzutragen sie in all den Jahren immer noch nicht gelernt hat. Aber er ist nun einmal auf die Nada angewiesen, und für ihn ist sie gut genug, sagen alle immer. Ja, man hat schon gedroht, die nichtsnutzige Nada aus dem Haushalt zu entfernen und sie dorthin zurückzuschicken, wo sie herkommt, was ein ganz unbedeutendes Kaff in Ägypten sein muss, und er ist doch gelenkig genug, sich selbst überall einzucremen, womit auf eine Dienstleistung der Nada angespielt wird (das einzige, was sie wirklich gut kann, gab Ilyas zu), nämlich den Ort zu pflegen, dessen Eingang und Tiefe einem selbst nur mit Mühe und Überwindung zugänglich ist. Indem ich nicht alles sofort begriffen habe, glaubte Ilyas, ich hätte Zweifel, und sagte, was er schon ein paar Mal meinte bekräftigend sagen zu müssen: „so wahr ich meiner Mutter Sohn bin!“
masXin schrieb am 25.2. 2018 um 10:31:28 Uhr zu
Bewertung: 14 Punkt(e)
Wir inspizierten den größten Raum in Gerdas Wohnung, den Salon nämlich, auch stellte sich Adrian, mein Donnerstagsbub, bald an das Rednerpult und begann laut vorzutragen, was man eigentlich nur leise und nicht öffentlich bereden sollte. In diesem Sinn rief ich ihm zu. Adrian begriff sogleich und sprach unhörbar leise weiter und behalf sich mit pantomimischer Verdeutlichung. Unterdessen entdeckte ich im rückwärtigen Bereich ein Regal mit Schallplatten, sowie auf dem Regal, unter einem Tuch verborgen, einen Plattenspieler. Indem für ihn Technisches doch das Allerinteressanteste ist, war Adrian sofort zur Stelle, und es gelang uns in kürzester Zeit, Verstärker und Lautsprecher aufzufinden und mit dem Plattenspieler zu verkabeln, auch griff sich Adrian irgendeine Schallplatte heraus, es war Smetanas Moldau und andere populäre Stücke. Da aber übernahm ich ganz das Kommando, indem Adrian Schallplatten ganz unbekannt sind, und legte in übertriebener Vorsicht die Platte auf, auch musste die Nadel von Hand aufgesetzt werden.
Wie Gerda hereinkam bald darauf und ganz hingerissen war, sogar sprachlos gegen die Wand sich lehnen musste, indem schallend laut die Moldau erklang und Adrian und ich tanzten und umschlungen im Kreis uns drehten. Und wie Adrian formvollendet (nie hatte er Tanzstunde und dergleichen notwendig gehabt) die Gerda zum Tanz aufforderte dann.
masXin schrieb am 18.6. 2018 um 09:22:18 Uhr zu
Bewertung: 24 Punkt(e)
Es geht gar nicht darum, meine Erinnerungen zu verklären, besonders diese zweite Nacht in der Pension Silvia, Zimmer № 4. Wäre doch ein von argwöhnischem Personal beauftragter Hausdetektiv ins Zimmer geschlichen, oder hätte ein verstecktes Videoauge alle Geschehnisse protokolliert, ich wünschte mir nur ein Bild: meinen Donnerstagbuben, schlafend, im Bett daneben mich, schlafend.
Nicht verklären will ich, sondern vergegenwärtigen. Hätte ich doch gern die ganze, nicht nur einen Teil der Nacht den schlafenden Adrian neben mir betrachtet, mal auf dem Rücken und mit offenem Mund atmend, mal seitlich liegend. Dann mir abgewandt. Dann wieder mir zugewandt; und wie doch die unschuldigste Zu- und Abwendung eine veränderte Ausschüttung von Hormonen auslöst sogleich.
Indem ich also mir alles vergegenwärtigen will, muss ich auch vervollständigen, das wäre: erkunden, was hat er, er denn gefühlt und gedacht in dieser Nacht? Indem ein Bub in seinem Alter nicht alles zur Sprache bringt, gar reflektiert, es sei denn etwas dem spontanen Fauchen oder Schnurren eines Katers vergleichbares, so will ich doch manches im Nachhinein noch ergründen; es will aber der Adrian viel lieber in Gegenwärtiges sich vertiefen als in Vergangenes.
masXin schrieb am 3.10. 2018 um 10:09:28 Uhr zu
Bewertung: 19 Punkt(e)
Indem es momentan in im Physikunterricht um Licht geht und um das Spektrum, versuche ich Adrian einleuchtend zu machen, wie es zwar um Wellenlängen nur geht im so kleinen Bereich zwischen 0,4 und 0,7 μm - dass diese uns aber das weite, schöne Spektrum der Farben eröffnen. Farben gibt es nicht eigentlich, sage ich ihm, sie sind eine Zutat unserer Augen, ein Geschenk!
Wie sind doch die Zahlen 10, 11, 12, 13, 14, 15, 16 unbedeutend für die meisten Menschen, selbst wenn sie, wie im vorliegenden Fall, ein menschliches Lebensalter bedeuten. Aber wie bedeutsam sind sie mir!
Ich sehe meinen Donnerstagsbuben das Ende dieses Spektrums durchwandern und wundere mich immer wieder aufs neue, wie er sich verwandelt.
masXin schrieb am 17.9. 2018 um 18:55:16 Uhr zu
Bewertung: 15 Punkt(e)
Musste natürlich hin und im Arcadia Opera Shop nach meinem Tod in Venedig schauen, und siehe da, er war nicht übel placiert. Wie froh ich bin, dass ich beim Nachdruck noch im letzten Augenblick »Edition Favoriten« hinzuerfunden habe und auch die Adresse »Barnabitenstiege«, indem wo ich wohne zwar Rennweg ist, aber es gibt von der Barnabitengasse her auch einen Zugang, und eine wenigstens leichte Verschlüsselung ist mir schon immer ein Vergnügen gewesen, oft auch eine Notwendigkeit.
Es liegen 3 Exemplare flach auf dem Tisch und eines ist aufgestellt und angelehnt. Ich habe alle unauffällig mit dem Fingernagel markiert, so dass ich, wenn ich wiederkomme, einen Verkauf feststellen kann eventuell.
Thomas Xaver Innsbruckner
Marimbaphon
Ein Tod in Venedig
Edition Favoriten
Barnabitenstiege
(€ 22,--)
masXin schrieb am 16.5. 2018 um 16:58:38 Uhr zu
Bewertung: 13 Punkt(e)
Indem mitgeteilt wurde, dass meines Donnerstagsbuben 3D-Abbild – sagen wir doch einfach Fotoplastik – vollendet ist und abholbereit, machten wir uns auf sogleich zu den Stadtbahnbögen und zur dort befindlichen „3D-Lounge“. Ich zeigte noch hinüber zum Gebäude dieser Zaha Hadid, irgend ein Urteil, eine Verurteilung erwartend, aber es ging zügig weiter. Zu sehr verlangte es Adrian, den Karton entgegenzunehmen, zu öffnen, sich selbst in Noppenfolie gewickelt und auf strohartigem Füllmaterial gebettet herauszunehmen, zu enthüllen, so, wir wir es vor 4 Wochen eine Kundin haben tun sehen, aber viel vorsichtiger, indem diese Kundin in unbeherrschter Eile einem Hündchen ein Bein abgebrochen hatte.
„Ganz schön aufregend“ bemerkte Adrian im Weitergehen, in einem beiläufigen und verächtlichen Ton. Mir fiel ein: das Bauwerk könnte auch einen Lärm machen, eine unaufhörliche Knallerei – wäre das nicht noch aufregender? Auch zuckende Blitze könnten installiert sein, ohne dass es Bau- und Unterhaltskosten erheblich belasten müsste.
So ist es doch nur eine in Stummheit erstarrte Katastrophe, indem, was eigentlich stürzen muss, mitten im Fall einfach stehenbleibt.
In solche Gedanken war ich versunken, und nahm kaum wahr, wie Adrian sein Ebenbild, im Maßstab 1:10 etwa, in seine Hände nahm und voll Freude betrachtete.
masXin schrieb am 21.2. 2018 um 14:59:28 Uhr zu
Bewertung: 16 Punkt(e)
Bei Hausaufgaben braucht Adrian, der Donnerstagsbub, so gut wie nie Hilfe, gestern aber meinte er, Gleichungen mit zwei Unbekannten seien ihm eine ärgerliche Sache.
Wir setzten uns also hin, und indem ich auf unserem Schreibtisch etwas Ordnung schaffte, dachte ich mir eine Übungsaufgabe aus. Heute ist dein Alter ein Drittel von meinem, erklärte ich ihm. Wenn du dereinst doppelt so alt bist wie heute, dann bist du nur noch halb so alt wie ich.
Indem ich also ein Papier mit Algebra bedeckte, »x« sei das das Alter von mir, Xaver, und »a« sei das von ihm, Adrian, indem ich also rechnete und rechnete, schaute Adrian gar nicht hin, schaute mich nur an und hatte den Mund geöffnet und machte Spielereien mit seiner Zunge die ganze Zeit.
Sollte ich mich darüber ärgern? Ich unterbrach die Algebra, wir gingen hinüber zum Bett und widmeten uns einer Aufgabe, wo ich als Lehrmeister erfolgreich war immerhin insofern, als Adrian gelernt hat, dass die schnellste Bewältigung bei weitem nicht die schönste ist.
Danach bat er mich, ihn für heute mit unsinnigen Matheaufgaben zu verschonen. Für heute nur? Nein, für immer.
masXin schrieb am 2.7. 2018 um 12:29:29 Uhr zu
Bewertung: 13 Punkt(e)
»Indem ein Bub in seinem Alter nicht alles zur Sprache bringt, gar reflektiert, es sei denn etwas dem spontanen Fauchen oder Schnurren eines Katers vergleichbares...«
- das habe ich, gar nicht lange her, behauptet, und bin nun einigermaßen beschämt.
Hat nicht, erstens, Hochleitner, der Deutschlehrer, Adrians Aufsätze besonders gelobt seinerzeit?
Und zweitens - dass ich darauf ganz vergessen habe! - durfte ich selbst doch erleben, wie mein Donnerstagsbub übersprudeln kann vor Beredsamkeit, und zwar in ganz klaren Worten, indem ich ihm ein einziges Mal einen einzigen Zug erlaubt habe an meiner Geheizten, einer mit Cannabis angereicherten Zigarette also.
Nun hat er doch neulich in der Nacht, nur aus einem überfließenden Herzen heraus, so schön gesprochen wiederum! Hat auch aus einem Buch von mir zitiert, den Memoiren eines Neffen, zu meiner allergrößten Überraschung, indem ich selbst kein Exemplar davon mehr besitze (ich bin ein zu unbedenklicher Ausleiher von Büchern), und auch mein Buchhändler in der Garbergasse hat einen Nachdruck angefordert zum wiederholten Mal bereits. Es muss der Adrian ein Exemplar versteckt haben unter seinen Sachen, die ich aber nicht anrühren will.
masXin schrieb am 18.9. 2018 um 16:07:23 Uhr zu
Bewertung: 16 Punkt(e)
Donnerstagsbub Adrian erschien heute verspätet zum Mittagsmahl. Wir richten uns immer nach den Unterrichtszeiten, heute aber musste Gerda Adrians Anteil beiseite tun, um ihn dann wieder aufzuwärmen.
Nun war es so heute, dass er zum Arcadia Opera Shop gegangen ist gleich nach der Schule, wo derzeit ein Buch von mir verkauft wird. Er kennt es zwar bereits, indem Freunde von ihm, John und Alexander, darin vorkommen.
Er brachte aber jetzt eine Visitkarte mit, die, wie er behauptet, in alle Bücher eingesteckt sei! War ich nicht heute früh schon dort und habe diese nicht bemerkt! Oder sie sind inzwischen eingesteckt worden.
Auf dieser Karte will sich eine Firma bekannt machen:
De Waal
(Inh. Malte Regow)
Barnabitenstiege
WIEN
Ich muss da doch etwas erschrecken, indem ich bei einem Nachdruck meines Werks (»Marimbaphon, ein Tod in Venedig«) eine »Edition Favoriten« und als Verlagsort »Barnabitenstiege« hinzuerfunden habe.
Wir haben in Wien zwar eine Barnabitengasse, und zwar hier gleich um die Ecke, aber keine Barnabitenstiege.
Indem Adrian nur die frühere Ausgabe des Todes in Venedig besitzt, will er jetzt unbedingt noch die neue haben mit dieser Ergänzung.
»Signiert hast du ja bereits« sagt er »aber schreib mir noch eine Widmung dazu!«
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