Einige überdurchschnittlich positiv bewertete
Assoziationen zu »Tagebuch«
ich schrieb am 26.7. 2000 um 14:19:36 Uhr zu
Bewertung: 5 Punkt(e)
Abfall für alle. Mein tägliches Textgebet. Tagebuch, Reflexions-Baustelle, Existenz-Experiment. Geschichte des Augenblicks, der Zeit, Roman des Umbruch-Jahres 1998.
Ein Tagebuch zunächst mal also, so erzählt Abfall für alle vom Leben eines Schreiber-Ichs in Berlin. Er sitzt an dieser Arbeit, schreibt und probiert zu schreiben, er geht einkaufen, schaut Ausstellungen an. Und er verreist und trifft Freunde, fast schon fiktiv, und redet ganz echt mit allen Mitbewohnern und Sprechern im Raum des Medialen.
Dem Internet, wo das Buch, in täglichen Lieferungen publiziert, Stück für Stück entstand, verdankt der Text seine äußere Gestalt: die häppchenartige Form; das Ideal seiner Sprache, alltäglich, zugänglich, lebensnah. Und vor allem die innere Ökonomie: von den Gedanken an das schweigende Leser-du, von dessen Interessen, Eile und Ungeduld fühlte der Text sich geführt und gehalten, erwartet und hervorgebracht.
Neben diesem fiktiven Leser, einer milden Freundlichkeits-Instanz, hat der Roman einen herrischen Autor: die Zeit. Sie schickt ihren Helden hinaus ins Leben, täglich neu. Minuten-Notizen protokollieren das Erlebte, Geistes-Zustände, Blicke, Beobachtungen, Geschehnisse außen und innen; hysterisch, verschleiert, konkret und absurd, grotesk überpräzise und komplett normal zugleich. Spannend.
Auf die Art stellt Abfall für alle auch noch einmal die alte Frage nach dem Abenteuerlichen gerade auch der FORM des Romanes. Was ist das eigentlich, ein Roman? Die Frankfurter Poetik-Vorlesung Praxis, fünf mal Dienstag hier im Mai, versuchte eine Antwort. Experimentell, theoretisch, realistisch kompliziert; und dabei doch plausibel in der Evidenz der Kollision von Welt und Ich: irgendwie kaputt.
Schließlich war, ein Traum, der wahr geworden ist, das Buch entstanden, das ich bin. Das ich immer schreiben wollte, von dem ich immer dachte, wie könnte es gelingen, das einfach festzuhalten, wie ich denke, lebe, schreibe. Von seiten des Todes her gesehen. – Was mir also gefällt, am Buch Abfall:
der Realismus der Ideen-Vorrang die Banalität der Dämonie des Alltags das Schreiberle die Stille der mediale Lärm die Funktionalität der auftretenden Personen die argumentative Pedanterie das Tasten das urteilsmäßige Rumholzen die Gleichwertigkeit aller Dinge die Poetologie, die ästhetische Theorie strukturell fragmentarisch, fragmentiert von Zeit die Zeitmaschine das Jahr die Minutendinger und ihre Plausibilität die Sekundengedanken: der Wahn Tag für Tag, die Erzählung Zahlen und Ziffern ALLES IST TEXT und über und unter und in allem: Melancholie
rainaldgoetz
13.03.2013 schrieb am 13.3. 2013 um 22:33:53 Uhr zu
Bewertung: 1 Punkt(e)
Es ist schon verrückt, das Leben.
Vorhin kam mein Bruder zu mir, er studiert seit zwei Tagen (!) und meinte, sein Studium wäre nichts für ihn, er würde lieber Psychologie studieren.
Der Mann, den ich liebe, sagte mir, er habe ein Skript für eine Serie beim BBC geschrieben und vorhin eingeworfen. Ich sagte, was wenn es genommen wird, das wirft dein ganzes Leben über den Haufen. Er darauf, das sei ihm egal.
Meine Mutter hat keine Lust mehr auf ihren Job, sie sagt, sie kann es nicht mehr, ständig verantwortlich für das Leben von so vielen Menschen, und was wäre wenn, und was, wenn sie schuld wäre.
Manchmal habe ich das Gefühl, ich sei der einzige Mensch, der über seine Träume hinweg in eine Richtung geht. Ich denke immer, dass das von mir erwartet wird, aber vielleicht ist das nicht so, und alle warten nur auf den Moment, in dem ich unter dem verrückten Leben zusammenbreche, und nachgebe, und etwas tue, von dem ich geträumt habe.
Aber was?
was?
was?
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