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Universität Potsdam
Institut für Slavistik
Ausgewählte Fragen der polnischen Sprachwissenschaft - Morphologie
Komplex 1: Einführung in die Morphologie
Inhalt:
1.1. Der Gegenstand der Morphologie
1.1.1. Wesen und Gegenstand der Grammatik
1.1.2. Die Morphologie als Lehre von den Wortarten
1.1.2.1. Allgemeine Charakteristik
1.1.2.2. Semantische Definition der Wortarten
1.1.2.3. Morphologische Definitionen der Wortarten
1.1.2.4. Syntaktische Definitionen der Wortarten
1.1.3. Die Morphologie als Lehre von den morphologischen Kategorien
1.1.3.1. Der Begriff der morphologischen Kategorie
1.1.3.2. Grammatische Allgemeinbedeutungen und spezielle oder Teilbedeutungen
1.1.3.3. Formbildende und klassifizierende morphologische Kategorien
1.1.4. Die lexikalisch-grammatischen Subklassen
Fortsetzung
1.1. Der Gegenstand der Morphologie
1.1.1. Wesen und Gegenstand der Grammatik
Die Sprache ist das wichtigste Kommunikationsmittel der Menschen. Sie dient ihnen dazu, Bewußtseinsinhalte, d. h. Gedanken, Gefühle und Willensäußerungen untereinander auszutauschen. Die wichtigste sprachliche Einheit für die Realisierung dieser Funktion ist der Satz. In Übereinstimmung mit der Kommunikationsabsicht wählt der Sprecher/Schreiber aus seinem Wortschatz die erforderlichen Wörter aus und fügt sie nach bestimmten Regeln zusammen:
Wörter: brat - kupiæ - swój - syn - nowy - rower
Satz: Brat kupi³ swemu synowi nowy rower.
Die Bildung von Sätzen setzt folglich die Kenntnis der Lexik (leksyka, zasób leksykalny) sowie der Gesetzmäßigkeiten, nach denen die Wörter beim Zusammenschluß zum Satz geformt und miteinander verbunden werden, voraus. Diese Gesetzmäßigkeiten sind Gegenstand des grammatischen Baus der Sprache oder der Grammatik (gramatyka).
Die Lexik wird von der linguistischen Disziplin Lexikologie (leksykologia) beschrieben, der grammatische Bau dagegen von der Grammatik. Die Lexikologie untersucht die allgemeinen Eigenschaften der Wörter als Bestandteil des Wortschatzes und seiner Struktur. Die Grammatik hingegen untersucht und beschreibt den Aufbau von Sätzen und größeren kommunikativen Einheiten. Ihr Gegenstand sind die Gesetzmäßigkeiten der Verbindung der Wörter und Sätze (Syntax) sowie die für die Satzbildung notwendige Veränderung der Wörter (Morphologie). Das Wort Morphologie (morfologia) geht auf das Griechische zurück. Es setzt sich aus den Teilen morphé »Gestalt, Form« und logos »Wort, Lehre« zusammen. V. V. Vinogradov bezeichnet die Morphologie als grammatische Lehre vom Wort.
Traditionell wird der Morphologie die Aufgabe zugeschrieben, den gesamten Wortschatz einer Sprache auf der Grundlage bestimmter Kriterien, darunter auch morphologischer, in Klassen, in die sog. Wortarten oder Redeteile (czê¶ci mowy), aufzugliedern.
Die Wörter einiger dieser Wortarten oder Redeteile sind in der gebundenen Rede Veränderungen unterworfen und werden erst dort funktionswirksam. Die Gesamtheit der Veränderungen ein und desselben Wortes bildet ein System von korrelativen grammatischen Formen und Bedeutungen, das Paradigma genannt wird.
Die Wörter der veränderlichen Wortarten (Autosemantika) zeichnen sich dadurch aus, daß sie in Abhängigkeit von ihrer Zugehörigkeit zu der einen oder anderen Wortart, über jeweils spezifische grammatische Formen in Einheit mit entsprechenden grammatischen Bedeutungen verfügen. Damit sind solche grammatischen Erscheinungen wie z. B. Person, Tempus, Aspekt beim Verb, Kasus, Genus, Numerus beim Substantiv oder aber die Komparation beim Adjektiv und Adverb gemeint, die als grammatische oder morphologische Kategorien bekannt sind.
Eine morphologische Analyse des Wortbestandes einer Sprache zeigt, daß die Wörter der einen Wortarten in weitere sie konstituierende Wortteile aufgliederbar, also morphologisch strukturiert sind, andere dagegen nicht, vgl. z. B. badacz, biegacz, bia³o¶æ, ¿ywo¶æ, czytanie, ¶piewanie u. a. mit Tylko; Ach!; Brzêk!; Miau!
Die morphologische (paradigmatische) Wortform wird in der Rede zur syntaktischen (syntagmatischen) Wortform. Auch hier spielt die Einteilung der Wörter in Wortarten eine Rolle, da sie einerseits in bestimmten Wechselbeziehungen mit den Satzgliedern als Bestandteile des Satzes stehen und andererseits auf der Grundlage ihrer (individuellen) lexikalischen Bedeutung durch unterschiedliche Fügungspotenz oder Valenz in verschiedener Weise an der Satzkonstituierung beteiligt sind. Die Syntax ist also die sprachliche Ebene, die unmittelbar mit dem Kommunikationsprozeß verbunden ist. Sie untersucht und beschreibt die Regeln der Verbindung der Wörter (Wortformen) zu syntaktischen Einheiten und klassifiziert die Sätze nach verschiedenen Gesichtspunkten.
Mit der Morphologie ist, wie bereits angedeutet, die Syntax aufs engste verbunden. Zwar haben beide linguistische Disziplinen ihren spezifischen Gegenstand, der sie auch autonom ausweist, sie sind aber letztlich zwei sich gegenseitig durchdringende und gleichzeitig bedingende Seiten eines einheitlichen Ganzen. Diese enge Verbindung äußert sich u. a. darin, daß oft syntaktischen Kategorien morphologische zugrunde liegen. So hat die syntaktische Kategorie der Kongruenz solche morphologischen Kategorien wie z. B. das Genus, den Kasus, den Numerus oder die Person zur Voraussetzung, vgl.
nowy dom - nowego domu
nowa droga - nowej drogi
nowe okno - nowego okna
nowy dom - nowe domy
nowy student - nowi studenci
student czyta³ - studenci czytali
studentka czyta³a - studentki czyta³y.
Die linguistischen Disziplinen Morphologie und Syntax werden, vor allem in der traditionellen slavistischen Sprachwissenschaft, zusammengefaßt und als Grammatik bezeichnet. Dieser Terminus wird dabei zumindest in zweifacher Bedeutung gebraucht:
1. im Sinne des grammatischen Baus der Sprache und
2. als Lehre (Theorie) vom grammatischen Bau der Sprache, d. h. als Bezeichnung jener Teildisziplinen der Sprachwissenschaft, die die Regeln beschreibt, nach denen die Wörter im Prozeß der menschlichen Verständigung verändert und miteinander verbunden werden.
Die Grammatik zeichnet sich durch ihren abstrahierenden und verallgemeinernden Charakter aus. Für die Grammatik ist charakteristisch, daß sie vom konkreten lexikalischen Inhalt der Wörter abstrahiert und die Verhältnisse zwischen den Wörtern im Satz (auch zwischen Sätzen im Text) in Regeln beschreibt, die nicht für konkrete (einzelne) Wörter bzw. Sätze, sondern jeweils für bestimmte Klassen von Wörtern bzw. Sätzen Gültigkeit haben. Im folgenden soll der abstrahierende und verallgemeinernde Charakter der Grammatik an Beispielen aus der Morphologie illustriert werden:
Vergleicht man z. B. solche Wörter wie strona, brzoza, ¿ona, mapa, cena, ksi±¿ka, cecha, lampa miteinander, so stellt man fest, daß sie einerseits sich in einigen Merkmalen voneinander unterscheiden, andererseits aber über eine Reihe gemeinsamer Merkmale verfügen. Zu den unterscheidenden Merkmalen zählen vor allem:
1. die jeweils unterschiedliche Lautgestalt,
2. die jeweils unterschiedliche lexikalische Bedeutung.
Diese Merkmale sind keine grammatischen Merkmale. Von den genannten Wörtern abstrahierte und verallgemeinerte gemeinsame grammatische Merkmale sind dagegen:
1. die Zugehörigkeit aller genannten Wörter zu ein und derselben Wortart (Substantiv),
2. das Verfügen über
a) ein und dasselbe Genus (f.),
b) ein und denselben Kasus (N.),
c) ein und denselben Numerus (Sing.);
3. die Zugehörigkeit zur sog. Sachkategorie,
4. die Zugehörigkeit zur I. Deklination,
5. die Zugehörigkeit zu den Konkreta, d. s. zählbare Substantive (in der Regel mit einem vollständigen Numerusparadigma),
6. die Zugehörigkeit zu den grammatisch unbelebten Substantiven.
Das oben Gesagte zusammenfassend ist festzuhalten, daß die Morphologie jener Zweig der Grammatik ist, der das Wort im Hinblick auf seine
1. Zugehörigkeit zu einer bestimmten Wortart,
2. morphologischen Kategorien,
3. morphologische Struktur bzw. auf seine
4. Formenbildung untersucht.
Die Morphologie ist folglich:
1. Wortartenlehre,
2. Kategorienlehre,
3. Morphemlehre und
4. Paradigmenlehre.
Die Grammatik kann mit R. Ruzicka wie folgt charakterisiert werden:
»Die Grammatik ist ein Regelwerk, das den Aufbau des Satzes und seiner Elemente zu erklären vermag, und mit dessen Hilfe wir imstande sind, jeden richtigen Satz in der betreffenden Sprache zu bilden. « (»Fremdsprachenunterricht«, Nr. 4, 1964).
Die kleinste Einheit der Morphologie ist das Morphem, die größte das Wort.
Der Terminus Morphologie zur Bezeichnung jener linguistischen Teildisziplin, die die Formenbildung im weitesten Sinne zum Gegenstand hat, wurde erst im 19. Jahrhundert eingeführt. Davor verwendete man dafür den Terminus Etymologie in der Bedeutung »Lehre vom Bau der Einheiten der Sprache(n)« im Unterschied zur Lehre von der Verwendung der sprachlichen Einheiten. Im Grunde genommen waren damit Deklination und Konjugation gemeint. F. de Saussure nahm grundsätzlich keine Trennung zwischen Morphologie und Syntax vor. Im Gegensatz zu ihm war O. Jespersen der Auffassung, daß zur Syntax all das gehört, was gewöhnlich unter dem Gehalt (Bedeutung) grammatischer Kategorien zu verstehen ist. Der Morphologie ordnete er nur die formalen Ausdrucksmittel dieser grammatischen Bedeutungen, also das bloße Formensystem, zu. Die Vertreter der Prager Schule sahen die Morphologie nicht als selbständige linguistische Disziplin an.
In der polonistischen und russistischen Tradition werden Morphologie und Syntax konsequent auseinandergehalten, obwohl die Berührungspunkte zwischen beiden Disziplinen nicht zu übersehen sind.
Zur Erforschung der semantischen Morphologie haben vor allem die Vertreter des Prager Linguistenkreises, z. B. Havranek, Mathesius, Trnka, Trubeckoy, Karcevskij und R. Jakobson, viel beigetragen. Namentlich in R. Jakobsons Arbeiten von 1932 und 1936 war zum 1. Male das für die Phonologie ausgearbeitete Oppositionsprinzip zur Analyse und Beschreibung morphologischer Kategorien angewendet worden (Verb und Kasus des Nomens). Das Hauptziel dieser strukturalistischen Methode besteht darin, auf der Grundlage der Analyse der speziellen Bedeutungen morphologischer Kategorien die jeweilige invariante grammatische Allgemeinbedeutung der betreffenden morphologischen Kategorie herauszufinden und zu formulieren. Das Oppositionsprinzip als Beschreibungsmöglichkeit morphologischer Erscheinungen wird in der Gegenwart in sehr vielen morphologischen Beschreibungen von Sprachen praktiziert.
Um die Mitte des 20. Jahrhunderts wurde das traditionelle Inventar/Instrumentarium zur Beschreibung morphologischer Erscheinungen erweitert und ausgebaut. Neben den Beschreibungsgrößen »morphologische Kategorie« und »lexikalisch-grammatische Subklasse« begann der Begriff der »funktional-semantischen Kategorie« oder des »funktional-semantischen Feldes« größere Bedeutung zu gewinnen.
Im folgenden wird zunächst auf die Morphologie als Lehre von den Wortarten eingegangen.
1.1.2. Die Morphologie als Lehre von den Wortarten
1.1.2.1. Allgemeine Charakteristik
Der Begriff der Wortart (czê¶ci mowy) wird in der Sprachwissenschaft als unumgängliche Grundkategorie der grammatischen Beschreibung betrachtet. So weiß z. B. jeder, der eine allgemeinbildende Schule absolviert hat, daß es in seiner Sprache Wortarten gibt. Die auch im Polnischen anzutreffende Einteilung des lexikalischen Gesamtbestandes in zehn Wortarten leitet sich aus der griechisch-römischen Tradition her. So unterschied Aristoteles (384-322 v.u.Z.) in seiner Abhandlung Poetika bereits die folgenden vier Wortarten:
1. Nomen
2. Verb
3. Konjunktion
4. Artikel
Dionysios Thrax (alexandrinische Periode) arbeitete bereits mit einem System von acht Wortarten. Neben den bereits genannten vier sind das Pronomen, die Präposition, das Adverb und das Partizip. Die Autorität von Aristoteles bewirkte, daß später bei der Klassifizierung der Wörter zahlreicher Sprachen, europäischer wie nichteuropäischer, in Wortarten, sein Klassifizierungsschema zugrunde gelegt wurde. Dabei blieb es nicht aus, daß den realen Fakten der z. T. völlig anders strukturierten Sprachen ungewollt Gewalt angetan wurde. Die traditionellen Darstellungen der polnischen Wortarten in Grammatiken und anderen einschlägigen Handbüchern arbeiten gewöhnlich mit einem System von zehn Wortarten:
1. Substantiv (rzeczownik)
2. Verb (czasownik)
3. Adjektiv (przymiotnik)
4. Pronomen (zaimek)
5. Numerale (liczebnik)
6. Adverb (przys³ówek)
7. Präposition (przyimek)
8. Konjunktion (spójnik)
9. Partikel (partyku³a)
10. Interjektion (wykrzyknik).
Trotz dieser großen Tradition zählt das Problem der Klassifizierung von Wörtern des Wortschatzes einer Sprache nach Wortarten zu den schwierigsten Problemen der Linguistik. Nach wie vor gibt es keine allgemein anerkannte Prozedur der Klassifizierung von Wörtern nach Wortarten und keine allgemein akzeptierte Definition des Begriffs Wortart. Die existierenden Definitionen der einzelnen Wortarten sind unscharf und basieren auf heterogenen Klassifizierungskriterien, auf
semantischen,
morphologischen und auf
syntaktischen.
Oft werden in Grammatiken des Polnischen in Verbindung mit den Wortartenproblem grundsätzlich keine Definitionen gegeben bzw. keine Klassifizierungskriterien genannt. Die angeführten Klassifikationen beruhen auf einer ziemlich willkürlichen Kombination der drei o. g. Typen von Kriterien. Gelegentlich wird betont, daß diese drei Merkmale oder Kriterien nicht isoliert voneinander zu sehen sind, sondern einer nur gemeinsam in ihrer wechselseitigen Durchdringung und Verflechtung. Ausgehend davon werden Wortarten definiert als
»Klassen von Wörtern mit gleicher lexikalisch-grammatischer Allgemeinbedeutung, mit gleichen morphologischen Merkmalen und gleichen syntaktischen Funktionen.«
Mit den syntaktischen Funktionen sind in dieser Definition die traditionellen Satzglieder gemeint. Im folgenden sollen die drei Kriterien auf ihre Leistungsfähigkeit bzw. Tragfähigkeit für die Schaffung einer auf homogener Grundlage basierenden und widerspruchsfreien formalen Prozedur der Klassifizierung des Wortschatzes nach Wortarten beleuchtet werden.
1.1.2.2. Semantische Definition der Wortarten
Trotz gewisser Unterschiede ist allen einzelnen Varianten der semantischen Definitionen der Wortarten gemeinsam, daß sie auf ontologische Begriffe Bezug nehmen sowie vom Postulat vorhandener Beziehungen existierender Beziehungen zwischen sprachlichen Tatbeständen und der außersprachlichen Realität ausgehen. Konkret sieht das so aus, daß Substantive als Bezeichnungen für Gegenstände charakterisiert werden, Adjektive dagegen als Bezeichnungen für Merkmale und Eigenschaften von Gegenständen, Verben als Bezeichnungen für Handlungen oder Zustände, Adverbien als Bezeichnungen für Merkmale und Eigenschaften von Handlungen, Prozessen, Zuständen bzw. für Merkmale und Eigenschaften von Gegenständen oder von Merkmalen, Konjunktionen als Wörter zur Verbindungvon Sätzen oder Wörtern, Partikeln als Wörter zum Ausdruck der Modalität einer Aussage oder zur Verdeutlichung eines Aussageabschnittes nur. Diese semantische Charakteristik geht von der Tatsache aus, daß nicht alle Wörter einer Sprache einen »Wirklichkeitsbezug« aufweisen. Das führt zur Klassifizierung der Wortarten in solche mit »Wirklichkeitsbezug« (»Begriffswörter«) und in solche ohne »Wirklichkeitsbezug«, letztere sind Wörter, die nicht fähig sind, allein und direkt Erscheinungen der objektiven Realität abzubilden. Die ersteren Wörter werden Autosemantika (wyrazy samodzielne), die letzteren dagegen Synsemantika (wyrazy niesamodzielne) genannt. Autosemantika sind das Substantiv, das Adjektiv, das Numerale, das Verb und Adverb. Präpositionen, Konjunktionen und Partikeln zählen zu den Synsemantika. Das Pronomen wird gewöhnlich den autosemantischen Wortarten zugeordnet. Es scheint dies aber nicht gerechtfertigt zu sein, da das Pronomen auf Erscheinungen der Wirklichkeit verweist, sie aber nicht benennt. Die Interjektionen nehmen im System der Wortarten insofern eine Sonderstellung ein, als mit ihrer Hilfe der Sprecher/Schreiber zwar seine Gefühle wiedergeben kann, ohne daß er sie mit ihrer Hilfe zu benennen vermag, z. B. Oj! Boli! Jezu mój!
Natürlich ist jeder Versuch zur Klassifizierung der Wörter einer Sprache nach Wortarten allein auf semantischer Grundlage zum Scheitern verurteilt. Das zeigen beispielsweise die Wörter bia³y »weiß« (Adjektiv), bia³o »weiß« (Adverb), biel »Weiß(e)« (Substantiv), bieleæ »weiß werden, bleichen, weiß erscheinen, weiß schimmern«, bieliæ »weißen, tünchen, kalken, weiß anstreichen«, die letztlich Bezeichnungen für ein und dieselbe Eigenschaft, nämlich für die des »Weiß-Seins« sind. Dessen ungeachtet ist bia³y ein Adjektiv, bia³o ein Adverb, biel ein Substantiv, bieleæ und bieliæ dagegen Verben.
Grafik1
Die Autoren der polnischen Akademiegrammatik (Bd. 1, 1984) unterscheiden innerhalb der autosemantischen Wortarten zwischen Wörtern (Lexemen) mit expressiver und symbolischer Funktion. Die Wörter mit symbolischer Funktion werden bei ihnen unterteilt in
1. benennende Wörter (leksemy nazywaj±ce),
2. deiktische Wörter (leksemy wskazuj±ce) und in
3. »ordnende« Wörter (leksemy szereguj±ce).
Sie fassen die Übersicht über die semantischen Klassifizierung der Wörter des Polnischen nach Wortarten in der folgenden Übersicht zusammen: (not yet)
Die Autoren der Gramatyka wspó³czesnego jêzyka polskiego, Bd. 1. 1984, nennen folgende Mängel der semantischen Klassifikation:
1. sie erfaßt nicht alle Lexeme (sie umfaßt lediglich die autosemantischen Lexeme);
2. indem sie mit heterogenen Kriterien operiert (der Charakter des außersprachlichen Seins - die Art der Beziehung der sprachlichen Äußerung auf außersprachliche Seinsweisen), bietet sie keine getrennte Klassifikation
3. sie operiert mit subjektiven, unpräzisen Kriterien, die die Möglichkeit der Schaffung einer formalen Prozedur zur Bestimmung der Wörter nach Wortarten ausschließen.
Erklärungen wie, biel sei eine Bezeichnung für eine Eigenschaft, die man sich als vergegenständlicht, d. h. als Gegenstand vorzustellen habe, bieleæ hingegen bezeichne dieselbe Eigenschaft als Prozeß, basieren auf dem Trugschluß: daß biel eine Eigenschaft als Gegenstand, bieleæ dagegen diese Eigenschaft als Prozeß bezeichnet, wissen wir doch nur deshalb, weil biel ein Substantiv und bieleæ ein Verb ist. Es ist jedoch offenkundig, daß man die entsprechende kategoriale Bedeutung z. B. der Gegenständlichkeit bei biel dieser sprachlichen Einheit erst zuschreiben kann, nachdem man die Frage nach der Zugehörigkeit zu einer bestimmten funktionalen Klasse geklärt hat. Das ist aber nur möglich unter Berücksichtigung formaler Merkmale des interessierenden Wortes. Ein bedeutend wichtiges Kriterium für die Klassifizierung der Wörter nach Wortarten ist daher das morphologische Kriterium.
1.1.2.3. Morphologische Definitionen der Wortarten
Morphologische Definitionen des linguistischen Begriffs Wortart basieren auf formalen Kriterien, die die flexivischen Eigenschaften von Wörtern berücksichtigen. Dies Kriterium führt zu einer Klassifizierung der Wortarten in zwei Klassen, in die Klasse
1. der flektierbaren Wortarten (czê¶ci mowy odmienne) und in die Klasse
2. der unflektierbaren Wortarten (czê¶ci mowy nieodmienne).
Flektierbare Wortarten sind die konjugierbaren und deklinierbaren Wortarten. Das Verb ist im Polnischen die einzige konjugierbare Wortart. Deklinierbare Wortarten werden nach dem Kasus abgewandelt. Deklinierbare Wortaten sind das Substantiv, Adjektiv, Numerale und Pronomen. Doch auch die morphologischen Klassifizierungen sind nicht universell, da sie nicht den gesamten Wortschatz erfassen. So ist z. B. eine »innere« Klassifizierung der in funktionaler Hinsicht heterogenen Gruppe der unflektierbaren Wortarten nicht möglich. Wollte man sich auf dieses Kriterium stützen, müßte man den Unflektierbaren auch indeklinable Substantive (foyer, tabu, zebu, Mont pelier) und Adjektive (bordo, khaki, mini) zu ordnen.
Ein Vorzug der morphologischen Klassifizierungen ist die fraglose Transparenz der Kriterien bei der Bestimmung der flektierbaren Wortarten. Wir übernehmen hier die mophologische Klassifizierung der polnischen Wörter nach Wortarten aus der Gramatyka wspó³czesnego jêzyka polskiego, t. 2. morfologia; pod red. R. Grzegorczykowej, R. Laskowskiego i H. Wróbla. - Warszawa 1984, S. 29.
Grafik2
Problematisch erscheinen u. E. die sog. czasowniki niew³aúciwe vom Typ trzeba »man muß, es ist notwendig«, brak »es mangelt an«, widaæ »es ist zu sehen, man kann sehen«, die als Zustandswörter oder Prädikative bekannt sind.
1.1.2.4. Syntaktische Definitionen der Wortarten
Als einziger Typ von Kriterien, der die Schaffung einer auf homogener Grundlage gestützten und innerlich widerspruchsfreien formalen Prozedur der Klassifizierung des Wortschatzes nach Wortarten erlaubt, sind die syntaktischen Kriterien anzusehen. Es existieren zwei Typen der syntaktischen Klassifizierung von Wörtern nach Wortarten:
1. distributive Klassifikationen und
2. funktionale Klassifikationen.
Im ersten Falle basiert die Klassifizierung auf distributionellen Eigenschaften (auf der Verbündbarkeit) der Lexeme, auf der Möglichkeit ihres Auftretens in für jede Wortart spezifischen Kontexten. Die so ermittelten Distributionsklassen sind jedoch nicht Wortarten im traditionellem Sinne, sondern vielmehr Klassen von Textwörtern (wyrazy tekstowe).
Die funktionalen Klassifizierungen dagegen gehen von der Analyse der syntaktischen Beziehungen aus, die die Wörter mit anderen Wörtern im Rahmen einer Äußerung eingehen können. Im folgenden wird eine solche funktionale Klassifizierung näher vorgestellt. Die stammt von R. Laskowski und findet sich in der Encyklopedia jêzyka polskiego. 1994. S. 47-50. Wesentlich ist hierbei die von J. Kury³owicz eingeführte Unterscheidung zwischen primären oder grundlegenden und sekundären oder zweitrangigen syntaktischen Funktionen. So ist z. B. die Funktion eines Substantivs als Hauptglied, d. h. als konstituives Glied einer Nominalgruppe, eine primäre Funktion, z. B. ten zmurza³y drzewniany dom. Sekundär kann das Substantiv jedoch auch in der Funktion eines abhängigen Gliedes einer Nominalgruppe auftreten, z. B. dom ojca, droga przez las.
Unter dem Aspekt der Rolle, in der ein Wort in den zwei grundlegenden Einheiten einer Äußerung, im Satz oder in der Nominalgruppe, auftreten kann, lassen sich die folgenden vier grundlegenden syntaktischen Funktionen unterscheiden:
1. die Funktion des Hauptgliedes (des Zentrums, des konstituierenden Gliedes) des Satzes;
2. die Funktion des Hauptgliedes einer Nominalgruppe;
3. die Funktion des sekundären Gliedes des Satzes (adverbielle Determinierung);
4. die Funktion des sekundären Gliedes (abhängigen) einer Nominalgruppe.
Wörter mit der primären Funktion des Hauptgliedes des Satzes (Prädikat) sind Verben und Prädikativa.
Wörter mit der primären Funktion des Hauptgliedes einer Nominalgruppe sind Substantive und die substantivischen Pronomina.
Die Funktion der adverbiellen Determinierung (Adverbiale) ist die primäre Funktion der Adverbien: Die Funktion der adnominalen Determinierung (Attribut) dient als primäre Funktion der Adjektive, Numeralia und der hinweisenden Pronomina.
Morphologisch sind die Wörter mit der primären Funktion des Prädikats durch die flektierenden Kategorien des Tempus, Modus und der Person charakterisiert. Wörter mit der Funktion des Hauptgliedes einer Nominalgruppe sind durch die morphologischen Kategorien des Kasus, Genus und Numerus bestimmt. Wörter mit der Funktion der Adverbiale sind dagegen unflektierbar.
Unter den Wörtern, die zu keiner der o. g. Wortarten gehören, üben die Präpositionen und die Konjunktionen eine »Dienstleistungsfunktion« aus (in Verbindung mit den Flexionsendungen der Nomina) charakterisieren sie die Beziehung der Nominalgruppe zu den übrigen Konstituenten einer Äußerung, indem sie darüber hinaus bestimmte semantische Relationen signalisieren. Die Konjunktionen verbinden Sätze (einige von ihnen können auch Wörter verbinden) zu syntaktischen Einheiten höherer Ordnung. Partikel sind freie Konstituenten einer Äußerung, die deren Inhalt modifizieren. Interjektionen sind Wörter, die primär selbständige Äußerungen bilden. Hinzuzufügen ist, daß Verben, Substantive, Adjektive, Adverbien und Interjektionen offene Klassen bilden, die leicht durch neue lexikalische Einheiten auf dem Wege der Wortbildung oder der Entlehnung bereichert werden können. Die übrigen Wortarten bilden im wesentlichen abgeschlossene Reihen oder Klassen, die nur mit Mühe durch neue Elemente erweitert werden, und die oft einen beträchtlichen Konservatismus in der Morphologie und Phonetik bezeugen.
Im einzelnen kann man die Wortarten wie folgt charakterisieren:
Verben sind Wörter mit der primären Funktion des Prädikats, die den Kasus einer Nominalgruppe determinieren, welche in dem betreffenden Satz in der Funktion des Subjekts oder Objekts auftritt. Morphologisch sind sie durch die Kategorie des Aspekts und durch die syntaktisch unabhängigen Flexionskategorien Modus und Tempus charakterisiert. Die überwiegende Mehrheit der Verben ist darüber hinaus durch die syntaktisch abhängigen Flexionskategorien Person, Numerus und Genus charakterisiert. Die morphologischen Kategorien des Verbs werden sowohl vermittels synthetischer Flexionsformen als auch analytischer Flexionsformen ausgedrückt.
Prädikativa (»unveränderliche unpersönliche Verben«) bilden eine kleine Gruppe von Wörtern des Typs mo¿na »man kann, man darf, es ist möglich«, widaæ »man sieht, man kann sehen, es ist zu sehen«, szkoda, ¿e »es ist schade, daß« mit der Funktionen des Hauptgliedes des Satzes. Sie besitzen lediglich die Kategorien Modus und Tempus. Ihre Flexion ist analytisch. Im Hinblick auf die Semantik handelt es sich bei ihnen um modale Wörter.
Substantive sind Wörter mit der primären Funktion des Hauptgliedes einer Nominalgruppe. Sekundär können Substantive in der Funktion des Prädikats (als Bestandteil des Hauptgliedes des Satzes), des Attributs und der Adverbiale auftreten. Sie haben ein festes Genus, die syntaktisch unabhängige Kategorie des Numerus und die syntaktisch abhängige (vom Prädikat) Kategorie des Kasus. Sie determinieren Kasus, Numerus und Genus von Wörtern, die syntaktisch von ihnen abhängig sind.
Pronomen (substantivische) sind Wörter mit den syntaktischen Funktionen des Substantivs, die aber im Gegensatz zum Substantiv keine attributiven Determinierungen annehmen (in Ausdrücken vom Typ my m³odzi, my Polacy, oni trzej liegen prädikative Determinierungen vor). Sie haben kein Genus oder ein festes Genus und besitzen die Flexionskategorie des Kasus. Sie vermögen nicht Gegenstände zu benennen, sie sind aber in der Lage, vom Blickpunkt des Sprechaktes aus und ihrer Teilnehmer auf diese zu verweisen, d. h. auf sie hinzuweisen (Pronomen im weiteren Sinne umfassen alle Wörter mit hinweisender bzw. verweisender Funktion, darunter auch solche mit adnominaler und adverbieller Funktion).
Adjektive haben primär die Funktion der adnominalen Determination; sekundär können sie in der Funktion des Prädikats auftreten. Sie verfügen über die syntaktisch abhängigen Flexionskategorien des Genus, Numerus und Kasus. Im Hinblick auf ihre syntaktischen Funktionen und morphologischen Merkmale gehören auch die adjektivischen Pronomina sowie die Ordinalia zu den Adjektiven.
Die Numeralia (Kardinalia u. Kollektivzahlwörter) sind ähnlich wie die Adjektive sekundäres Glied einer Nominalgruppe: in der Nominalgruppe nimmt das Numerale die Position vor allen anderen Determinanten nach dem Demonstrativpronomen ein. Die Numeralia werden nicht nach dem Numerus abgewandelt, wohl aber nach dem Kasus und Genus. Sie verweisen auf die Anzahl der Gegenstände.
Adverbien sind primär adverbielle Determinanten. Einige von ihnen vermögen Adjektive und Adverbien, ja sogar Substantive zu determinieren. Sie sind unflektierbar, können aber der Komparation unterliegen. Im Hinblick auf die syntaktischen Funktionen gehören auch Pronominaladverbien sowie Wörter vom Typ trzykrotnie »dreimal, dreifach« und dwojako »doppelt, zweifach, zweierlei« zu den Adverbien. Traditionell werden sie allerdings als Numeralia angesehen.
Präpositionen sind syntaktisch nicht selbständige Wörter, die eine Ganzheit erst in Verbindung mit einer Nominalgruppe in einem abhängigen Kasus bilden. Sie sind unflektierbar und unveränderlich.
Konjunktionen üben eine syntaktische Funktion aus, die in der Verbindung von Sätzen oder Wörtern zu größeren syntaktischen Einheiten besteht. Sie sind unveränderlich.
Partikeln sind unveränderliche Wörter, die als Bestandteile des Satzes keine der o. g. syntaktischen Funktionen ausüben. Sie können die Bedeutung eines Satzes als Ganzes (nie, chyba, jeszcze, oby, nawet) oder die Bedeutung einzelner Wörter (chod¿¿e, który¿, kto¶) modifizieren.
Interjektionen, die primär außerhalb jeglicher syntaktischer Beziehungen stehen, können sekundär (einige!) in der Funktion des Prädikats auftreten (Wszycy bêc na pod³ogê - »Alle plumpsten auf den Fußboden«).
Die Gramatyka wspó³czesnego jêzyka polskiego, 1994, faßt die syntaktische Klassifizierung der Wörter des Polnischen nach Wortarten unter funktionalem Aspekt auf Seite 32 in den nachfolgenden Schema zusammen.
Grafik3
Die hier vorgenommene Klassifizierung des polnischen Wortschatzes in Wortarten weist eine hierarchische Struktur auf. Die Anordnung der einzelnen syntaktischen Eigenschaften der Wörter des Polnischen, die als distinktiv relevante Eigenschaften oder Merkmale zu verstehen sind, erlauben eine hierarchische Klassifizierung des lexikalischen Bestandes des Polnischen in immer kleinere funktionale Klassen.
Auf der Grundlage der berücksichtigten syntaktisch relevanten Eigenschaften lassen sich die folgenden funktionalen Klassen innerhalb des lexikalischen Bestandes des Polnischen konstituieren:
1. die Klasse der asyntagmatischen Wörter oder der Asyntagmatika
und
2. die Klasse der syntagmatischen Wörter oder der Syntagmata.
Die asyntagmatischen Wörter treten als selbständige sprachliche Äußerungen auf, die keinerlei syntaktische Beziehung mit anderen Textelementen eingehen. Es sind dies Äußerungen wie hej!, bêc!, halo!, bzz, tak und nie.
Die syntagmatischen Wörter sind syntaktisch nicht selbständig. Sie erfüllen primär die Funktion von Komponenten einer sprachlichen Äußerung oder von Anzeigern syntaktischer Beziehungen, die zwischen den Komponenten einer sprachlichen Äußerung bestehen.
Innerhalb der Asyntagmatika ist eine Aufteilung des lexikalischen Bestandes in zwei weitere Klassen (Subklassen) möglich, nämlich in
1. die Klasse der Kontextwörter (leksemy kontekstualne) und
2. die Klasse der Nicht-Kontextwörter (Leksemy niekontekstualne).
Die Kontextwörter fungieren als sprachliche Äußerungen und sind obligatorische Komponenten größerer Texteinheiten. Sie implizieren immer das Vorhandensein eines Textes. Kontextwörter sind z. B. tak »so«, nie »nein«, oczywy¶cie »natürlich«, czy¿by »ob?«, istotnie »tatsächlich«, owszem »natürlich«, wla¶nie »ebendeshalb«.
Wörter, die zu dieser Klasse gehören, nennen wir dopowiedzenia (Ergänzungen, Hinzufügungen, Appositionen).
Die Nicht-Kontextwörter dagegen implizieren nicht das Vorhandensein eines Textes, können aber selbst einen Text bilden. Es sind das die Interjektionen, z. B. uwaga!, psst!, brzêk, mee.
Sie unterteilen sich in zwei weitere Teilklassen, in die
1. Appellwörter und
2. Onomatopoetika (lautmalende Wörter).
Die Appellwörter können sich sekundär mit Imperativformen (Halo, poczekaj!) sowie mit Vokativformen (uwaga, ojcze!) verbinden. Die Onomatopoetika treten sekundär in der Funktion des Hauptgliedes des Satzes auf: Dziecko bêc jak d³ugie., Kula bzz ko³o ucha.
Die syntagmatischen Wörter zerfallen in
1. die autosytagmatischen Wörter oder Autosytagmatika und in
2. die synsyntagmatischen Wörter oder Synsyntagmatika.
Die Autosyntagmatika kommen primär in der Funktion einer Komponente einer sprachlichen Äußerung vor, indem sie Beziehungen der Subordination mit anderen Komponenten dieser sprachlichen Äußerung eingehen. Sekundär können sie in der Funktion einer Äußerung auftreten, wobei sie dann das Vorhandensein eines bestimmten sprachlichen oder außersprachlichen Kontextes implizieren, vgl. z. B. Bierze.,Jod³a., Jutro., Niesno¶ny, die allein auf dem Hintergrund eines breiteren sprachlichen Kontextes oder einer näheren Kenntnis der Situation, auf die sich der Redeakt bezieht, zu verstehen sind.
Die synsyntagmatischen Wörter üben keine der obengenannten Funktionen aus. Sie verbinden sich im Satz mit einem autosyntagmatischen Wort oder mit einer komplexen syntaktischen Struktur, welche autosyntagmatische Elemente enthält. Am häufigsten sind sie Anzeiger syntaktischer Beziehungen zwischen den Komponenten sprachlicher Äußerungen.
Unter den Autosyntagmatika treten in der primären Funktion des Hauptgliedes des Satzes (als satzkonstruierend) die Prädikativa auf, die zwei morphologisch verschiedene Subklassen einschließen,
1. die Verben und
2. die nichtverbalen Prädikativa (gering an Zahl).
Lexeme, die primär in der Funktion des syntaktisch abhängigen Gliedes des Satzes auftreten, bilden mehrere funktionale Klassen. Wörter mit der Funktion des Hauptgliedes der Nominalgruppe sind Substantive. Hier ist eine abgeschlossene, syntaktisch und morphologisch definierte Subklasse der Pronomina (die sog. substantivischen Pronomina), inbegriffen. Wörter dagegen, für die die Funktion des abhängigen Gliedes der Nominalgruppe relevant ist, sind Adjektive.
Wörter mit der Funktion des abhängigen Gliedes der Nominalgruppe (und in ihr die Position I/2 einnehmen, vgl. TabelleI, Die Syntaxder Nominalgruppe) und die mit dem Hauptglied der Nominalgruppe in der Beziehung der reziproken grammatischen Determination stehen (siehe 2.3.), sind Numeralia.
Wörter, die syntaktisch vom Hauptglied des Satzes abhängen, sind Adverbien. Einige Adverbien können darüber hinaus auch als unabhängiges Glied in der Nominalgruppe vorkommen, vgl. z. B. »Bardzo ³adna dziewczyna«.
Wörter, die eine Beziehung der syntaktischen Abhängigkeit von einer beliebigen Komponente des Satzes eingehen können und sich durch die Freiheit, im Satz unterschiedliche syntagmatische Positionen zu besetzen, auszeichnen, werden schließlich Modalisatoren genannt.
Die synsyntagmatischen Wörter erfüllen in einer sprachlichen Äußerung meistens die Funktion von Konnektoren (Konnektiven), d. h. von Wörtern, die syntaktische Beziehungen zwischen den Komponenten einer sprachlichen Äußerung anzeigen.
Konnektoren als Anzeiger von Relationen zwischen syntaktisch beiderseitig unabhängigen Komponenten sind die koordinierenden Konjunktionen. Sie verbinden Sätze (im Rahmen einer polyprädikativen Struktur) oder Komponenten des Satzes (z. B. Nominalgruppen oder Komponenten der Nominalgruppe). Die Möglichkeit der Verbindung von nichtsatzbildenden Bestandteilen eines Satzes betrachten wir hier als eine distinktive Eigenschaft der koordinierenden Konjunktionen, die sie von den subordinierenden Konjunktionen unterscheidet. Konnektoren als Anzeiger der Beziehung der Subordination unterteilen sich in zwei Gruppen in Abhängigkeit davon, ob sie auf eine syntaktische Abhängigkeit der Nominalgruppe oder des Satzes beziehen. Die ersteren sind die Präpositionen, die zweiten die subordinierenden Konnektoren sowie die relativen Konnektoren (Relativpronomina).
Relative Konnektoren nehmen die syntagmatische Position der syntaktisch abhängigen (subordinierten) Komponente des Satzes ein. Synsyntagmatische Lexeme, die im Satz nicht die Funktion eines Konnektors ausüben, sind Partikel.
1.1.3. Die Morphologie als Lehre von den morphologischen Kategorien
1.1.3.1. Der Begriff der morphologischen Kategorie
Das Wort Kategorie stammt aus dem Griechischen, wo es die Bedeutung Aussage, Urteil hat. Der Begriff Kategorie kommt aus der formalen Logik. Dort meint er eine größere Klasse oder Gruppe gleichartiger Erscheinungen, die auf Grund eines gemeinsamen Merkmals zu einer Klasse zusammengefaßt werden können. In der Philosophie versteht man unter Kategorien übergeordnete logische Begriffe, die als Grundformen oder Grundrelationen des Seins anzusehen sind, z. B. Raum, Zeit, Qualität, Quantität, Kausalität, Bewegung, Materie.
In der Sprachwissenschaft, insbesondere in der Grammatik, wird der Begriff Kategorie gleichfalls als Abstraktionsklasse verstanden. Die Meinungen der Linguisten zum Begriff der grammatischen Kategorie gehen allerdings stark auseinander. So wird z. B. der Begriff Kategorie in der russischen Linguistik zur Bezeichnung der Wortart Prädikativ verwendet, vgl. kategorija sostojanija. A. V. Isaèenko sieht in den Wortarten schlechthin grammatische Kategorien höherer Ordnung, im Gegensatz zu den grammatischen Kategorien der autosemantischen Wortarten, die er als Kategorien niederer Ordnung ansieht.
Im allgemeinen versteht man aber in der Sprachwissenschaft unter grammatischen Kategorien die Grundeigenschaft autosemantischer Wortarten, grammatische Formen bilden zu können. Die grammatischen Kategorien in der Morphologie sind also die allgemeinsten Begriffe, auf deren Grundlage die Formenbildung konkreter autosemantischer Wörter erfolgt. Damit sind u. a. die konkreten grammatischen Formen solcher morphologischer Kategorien wie Kasus, Numerus, Genus, Tempus, Modus, Genus verbi, Person usw. gemeint. Der Bedeutungsumfang morphologischer (grammatischer) Kategorien verengt sich noch mehr, wenn man damit die Glieder morphologischer Kategorien , wie etwa Singular und Plural beim Numerus oder Präsens, Präteritum und Futurum beim Tempus als morphologische Kategorie ansieht. Grammatische Kategorien (kategorie gramatyczne) in der Morphologie werden morphologische Kategorien (kategorie morfologiczne) genannt.
Morphologische Kategorien sind sprachliche Einheiten von Inhalt und Form. Den Inhalt einer morphologischen Kategorie bildet immer eine grammatische Bedeutung. Diese grammatische Bedeutung ist überindividuell, sie wird immer auf dem Wege der Abstraktion und Verallgemeinerung gewonnen und gilt für alle Wörter einer autosemantischen Wortart. So verfügen beispielsweise alle polnischen Verbalformen über die morphologischen Kategorien Aspekt, Tempus, Modus verbi, und Genus verbi.
Unter der Form einer morphologischen Kategorie sind jene grammatischen Formen zu verstehen, die die eine oder andere grammatische Bedeutung ausdrücken. So wird z. B. im Polnischen die grammatische Bedeutung »die durch den Stamm des Verbs bezeichnete Handlung liegt vor dem Redemoment« formal durch das formbildende oder grammatische Suffix (³, l) ausgedrückt, z. B.
on mówi³, ona mówi³a, oni mówili.
In der dialektischen Einheit von grammatischer Bedeutung und grammatischer Form kommt der Inhaltsseite, der grammatischen Bedeutung, das größere Gewicht zu. Sie ist die Konstante in dieser Einheit, die grammatische Form dagegen die Variable. Schauen wir uns daraufhin die Endungen polnischer Substantive im Nominativ an. Das, was man sich auch immer unter der grammatischen Bedeutung »Nominativ« vorzustellen hat, realisiert sich im modernen Polnischen über die folgenden grammatischen Formen (Endungen, Endungsmorpheme):
ø: dom, student; wie¶, kolej, noc, sól;
-/a/: kobieta, siostra, g³owa, barwa, kolega;
-/o/: drzewo, b³oto, pole, serce, zdanie;
-/ov'e/: Persowie, profesorowie, królowie, panowie;
-/i/: koty, dêby, anieli, studenci, Polacy;
-/e/: lekarze, nauczyciele, rosjanie;
-/a/: drzewa, b³ota, pola, serdca.
Die deskriptive Grammatik definiert die morphologischen Kategorien als Systeme korrelativer grammatischer Bedeutungen und Formen. Morphologische Kategorien können aus zwei oder mehr Gliedern, Formen oder Formenreihen bestehen. Zweigliedrige morphologische Kategorien des modernen Polnischen sind der Aspekt, der Numerus, die Belebtheit-Unbelebtheit, die Personal- und Sachkategorie.
Dreigliedrige morphologische Kategorien sind hingegen die grammatische Person und die Komparation des Adjektivs. Das polnische Tempus ist eine fünfgliedrige morphologische Kategorie, der Kasus des Substantivs setzt sich aus sieben Gliedern (Formen) zusammen.
Alle Glieder einer morphologischen Kategorie haben eine gemeinsame grammatische Allgemeinbedeutung. Diese Bedeutung, die für alle Glieder einer morphologischen Kategorie gleich ist, macht den Gehalt der betreffenden morphologischen Kategorie aus. Andererseits unterscheiden sich die Glieder einer morphologischen Kategorie mindestens in einem Merkmal voneinander. Diese Bedeutung wird differentielle Bedeutung genannt. So kann beispielsweise die grammatische Allgemeinbedeutung der fünfgliedrigen Tempuskategorie des Polnischen als zeitliche Beziehung zwischen einem durch den Stamm des Verbs bezeichneten Sachverhalt (Inhalt der Rede) und dem Redemoment angegeben werden. Die differentiellen Bedeutungen der polnischen Tempuskategorie betreffen das unterschiedliche Verhalten der einzelnen Glieder der Tempuskategorie zum Redemoment und damit die Frage nach der Aktualität der einzelnen Handlungen zum Redemoment. Für die Beschreibung der grammatischen Bedeutungen und Funktionen wurde im Zuge der Entstehung und des Ausbaus der strukturellen Sprachwissenschaft die Forderung erhoben, dabei den Systemzusammenhang der Sprache zu beachten. Freilich war man sich auch schon früher darin einig, daß die grammatischen Formen und grammatischen Bedeutungen (die Funktionen dieser Formen) in engem Zusammenhang stehen.
Einige Vertreter des Prager Linguistischen Zirkels beschritten den folgenden Weg der Analyse und Beschreibung grammatischer Bedeutungen. Sie gingen dabei von den aus der Beschäftigung mit der Phonologie gewonennen Erkenntnis aus, daß es für das Funktionieren der lautlichen Seite der Sprache nicht schlechthin auf die Eigenschaften der Laute, sondern vielmehr auf bestimmte Unterschiede, Oppositionen zwischen den Lauten ankommt, die in der Phonologie distinktive Oppositionen genannt werden. Bezogen auf die Morphologie bedeutet das, daß es nicht so sehr auf die Beschreibung einer grammatischen Bedeutung ankommt, sondern auf die Beschreibung der Unterschiede zwischen grammatischen Bedeutungen.
Das Wesen dieses Prinzips in Anwendung auf die Morphologie besteht in der Erkenntnis, daß morphologische Kategorien in Gegenüberstellungen, also in Gegensatzpaaren, d. h. Oppositionen, angeordnet sind, und am besten in ihren Gegensätzen zu erkennen sind. Die Ausarbeitung der Methodik dieser Oppositionsanalyse führte dazu, daß die grammatische Kategorie schließlich selbst als (privative) Opposition definiert wurde, vgl. die Definition von D. A. Šteling in Voprosy jazykoznanija, Nr. 1, 1959, S. 55-64, wo die grammatische Kategorie als Gegenüberstellung zweier semantisch einander ausschließender Formenreihen bestimmt wird. R. Jakobson chrakterisiert in seiner 1936 erschienenen Arbeit »Beitrag zur allgemeinen Kasuslehre« das Wesen der privativen (assymetrischen) Opposition wie folgt:
»Die merkmalhaltige Kategorie nimmt ein gewisses Merkmal «... der gegenständlichen Gegebenheit in den Blick», wogegen die andere, merkmallose Kategorie «das Vorhandensein oder Nichtvorhandensein dieses Merkmals unerwähnt läßt." (TCLP, VI, 1936, S. 252.)
A. V. Isacenko, R. Ruzicka, A. V. Bondarko haben versucht, das gesamte morphologische System des russischen Verbs als einen Komplex von binären privativen Oppositionen darzustellen. Die Wahl der privativen Opposition als Beschreibungs- bzw. Erklärungsmöglichkeit in der semantischen Morphologie liegt überall dort vor, wo das eine Glied einer binären morphologischen Kategorie in allen seinen Vervendungsweisen ein positives invariantes semantisches Merkmal besitzt und damit markiert ist, während das andere Glied der Kategorie als nichtmarkietes oder merkmalhaltiges Glied das Vorhandensein des Merkmals des markierten Gliedes weder ankündigt noch negiert, sich ihm gegenüber folglich »neutral« verhält. So wird z. B. in der binären Numeruskategorie die Teilkategorie Plural als die markierte, d. h. merkmalhaltige Kategorie interpretiert, der Singular als die merkmallose oder merkmalneutrale Teilkategorie. Das invariante semantische Merkmal der Pluralformen (des »Plurals«) soll die ausgedrückte Gegliedertheit des bezeichneten Gegenstandes oder der bezeichneten Erscheinung in der Wirklichkeit sein. Das Merkmal der Gegliedertheit des bezeichneten Gegenstandes besagt, daß eine Vielheit oder Gesamtheit in Bestandteile bzw. Glieder zerlegt werden kann. Die Bedeutung der diskreten Vielheit der Pluralformen von Substantiven wird dabei als die am häufigsten anzutreffende sprachliche Realisierungsform der Gegliedertheit verstanden, z. B. domy »Häuser«, ksi±¿ki »Bücher«, studenci »Studenten«, krowy »Kühe«. Als eine weitere Form der Gegliedertheit ist die natürliche Paarigkeit oder das Zusammengesetztsein eines Gegenstandes aus zwei gleichen Teilen anzusehen, z. B. no¿yce »Schere(n)«, okulary »Brille(n)«, wrota »Tor(e)«. Problematisch erscheint es aber des Merkmal der Gegliedertheit auf Pluralia tantum mit Stoffbedeutung anzuwenden, z. B. fusy »Bodensatz«, perfumy »Parfüm« u. ä. Die Singularformen von Substantiven, die Singularia tantum eingeschlossen, sollen sich als merkmallose oder merkmalneutrale Formen dem Merkmal der Gegliedertheit gegenüber neutral verhalten, sollen es unausgedrückt lassen, vgl. die folgenden Verwendungsweisen der Singularformen:
(1) Das Buch meines Freundes;
(2) Das Buch als Lehrmittel;
(3) Zdech³a mu krowa,
(4) Krowa ma zwyk³e rogi.
1.1.3.2. Grammatische Allgemeinbedeutungen und spezielle oder Teilbedeutungen
Seit N. P. Nekrassov und F. F. Fortunatov ist es üblich, bei der Beschreibung morphologischer Kategorien zwischen grammatischen Allgemeinbedeutungen einerseits und speziellen Bedeutungen andererseits zu unterscheiden. Diese Unterscheidung geht davon aus, daß ein Glied einer morphologischen Kategorie in der Rede unterschiedliche Bedeutungen annehmen kann. Diese verschiedenen Bedeutungen werden dabei als Varianten einer invarianten grammatischen Allgemeinbedeutung angesehen. Sie werden in der wissenschaftlichen Literatur auch spezielle oder Teilbedeutungen genannt. Die grammatische Allgemeinbedeutung des Gliedes einer morphologischen Kategorie ist eine invariante (unveränderliche) Bedeutung, die im Unterschied zu den variablen Eigenschaften, durch die sich die speziellen Bedeutungen eines Gliedes einer morphologischen Kategorie voneinander unterscheiden, beim Übergang von einer speziellen Bedeutung zu einer anderen, erhalten bleibt.
Die moderne Sprachtheorie sieht in der grammatischen Allgemeinbedeutung die Abstraktionsklasse aller speziellen Bedeutungen, die das Glied einer morphologischen Kategorie bei seiner Verwendung in der Rede ausdrücken kann.
Von einer speziellen Bedeutung kann nur dann gesprochen werden, wenn die Bedeutung, die im Ergebnis einer semantischen Analyse ermittelt worden ist, in Klassen von Kontexttypen auftritt, d. h. typisiert ist und sich die spezielle Bedeutung in die Semantik eines Gliedes einer morphologischen Kategorie eingeschliffen hat.
Erst auf der Grundlage der ermittelten speziellen Bedeutungen des Gliedes einer morphologischen Kategorie erfolgt die Erschließung der grammatischen Allgemeinbedeutung des betreffenden Gliedes. Sind die speziellen Bedeutungen eines bestimmten Gliedes einer morphologischen Kategorie ermittelt und auf ihrer Grundlage die grammatische Allgemeinbedeutung dieses Gliedes gewonnen worden, können die speziellen Bedeutungen als Varianten einer invarianten grammatischen Allgemeinbedeutung angesehen werden. Spezielle Bedeutungen sind (dann) potentielle Bedeutungen des Sprachsystems, die in der Rede aktualisiert bzw. konkretisiert werden.
1.1.3.3. Formbildende und klassifizierende morphologische Kategorien
Morphologische Kategorien können nach sehr verschiedenen Gesichtspunkten klassifiziert werden. Hier soll näher auf die Unterscheidung zwischen formbildenden morphologischen Kategorien und klassifizierenden morphologischen Kategorien eingegangen werden. Grundlage dieser Unterteilung der morphologischen Kategorien ist die Art und Weise, wie die grammatischen Bedeutungen der Glieder morphologischer Kategorien formal ausgedrückt werden, ob die grammatischen Bedeutungen der Glieder einer morphologischen Kategorie durch die grammatischen Formen nur eines Wortes oder verschiedener Wörter ausgedrückt werden.
Formbildende morphologische Kategorien realisieren sich immer über die grammatischen Formen ein und desselben Wortes. Eine formbildende morphologische Kategorie des polnischen Substantivs ist z. B. der Kasus. Die Kasuskategorie umfaßt im Polnischen sieben Glieder. Es sind dies:
Nominativ (mianownik)
Genitiv (dope³niacz)
Dativ (celownik)
Akkusativ (biernik)
Instrumental (narzêdnik)
Lokativ (miejscownik)
Vokativ (wo³acz)
Diese Kasus dienen dem Ausdruck syntaktischer Beziehungen (d. s. Zuordnungs- und Abhängigkeitsbeziehungen der Substantive von bzw. zu anderen Wörtern oder Wortfügungen). Beim Substantiv strona »Seite« sind das die folgenden Wortformen:
Singular Plural
Nominativ strona strony
Genitiv strony stron
Dativ stronie stronom
Akkusativ stronê strony
Instrumental stron± stronami
Lokativ stronie stronach
Vokativ strono! strony!
Diese 14 grammatisch abgewandelten Formen (Kasusformen) gelten als grammatische Formen des Substantivs strona.
Klassifizierende morphologische Kategorien zeichnen sich demgegenüber dadurch aus, daß an ihrer Realisierung grammatische Formen verschiedener Wörter beteiligt sind. Das Genus sowie die Belebtheit/Unbelebtheit des polnischen Substantivs sind klassisifzierende morphologische Kategorien. Um die Genuskategorie des polnischen Substantivs ausreichend beschreiben zu können, braucht man mindestens fünf Substantive (nach traditioneller Auffassung drei !), und zwar:
1. ein maskulines Substantiv (nowy dom)
2. ein feminines Substantiv (nowa droga)
3. ein neutrales Substantiv (nowe miasto)
4. ein Substantiv zweierlei Genus (nowy sierotka - nowa sierotka)
5. ein Plurale tantum (nowi rodzice)
In Gegensatz zu einer Reihe polnischer Linguisten sehen wir in der Personalkategrie (»rozdaj mêskoosobowy«) kein Subgenus des maskulinen Genus, sondern eine eigenständige morphologische Kategorie.
Die Kategorien des polnischen Adjektivs, Verbs, Numerale, Pronomens und Adverbs sind ausnahmslos formbildende morphologische Kategorien.
1.1.4. Die lexikalisch-grammatischen Subklassen
Die systemorientierte Beschreibung unterscheidet in der Morphologie zwischen morphologischen (grammatischen) Kategorien (kategoria grammatyczna/morfologiczna) und lexikalisch-grammatischen Subklassen (leksykalnie-semantyczna klasa).
Morphologische Kategorien wurden von uns als Systeme korrelativer grammatischer Formen und Bedeutungen definiert. Im Gegensatz zu den morphologischen Kategorien sind lexikalisch-grammatische Subklassen grammatisch relevante Bedeutungsgruppen autosemantischer Wortarten mit inkonsequenter formaler Kennzeichnung.
Lexikalisch-grammatische Subklassen sind folglich nicht schlechthin beliebige Bedeutungsgruppen innerhalb der autosemantischen Wortarten, sondern nur solche, die auf Grund der jeweils spezifischen Bedeutungsstruktur für die Grammatik relevant sind.
Im Unterschied zu den morphologischen Kategorien wird bei den lexikalisch-grammatischen Subklassen eine verallgemeinerte grammatische Bedeutung formal nicht konsequent und durchgängig zum Ausdruck gebracht. So gehören beispielsweise die nachfolgenden Substantive ein und derselben lexikalisch-grammatischen Subklasse an, ohne daß dies formal angezeigt bzw. ausgedrückt wäre:
azot »Stickstoff« nieg »Schnee«
cukier »Zucker« sól »Salz«
d¿em »Konfitüre« srebro »Silber«
glina »Lehm« tlen »Sauerstoff«
krew »Blut« z³oto »Gold«
miód »Honig« dro¿d¿e »Hefe«
mleko »Milch« drwa »Brennholz«
piasek »Sand« fusy »Bodensatz«
piwo »Bier« perfumy »Parfüm«
Es handelt sich hierbei um Substantive, die jeweils einen homogenen Stoff bezeichnen, der sich zwar messen, aber nicht zählen läßt. Der Aggregatzustand des Stoffes spielt dabei keine Rolle. Für alle diese Substantive kann man eine auf dem Wege der Abstraktion und Verallgemeinerung gewonnene Bedeutung, eine Allgemeinbedeutung, angeben. Diese verallgemeinerte Bedeutung (»homogener, nichtaufgliederbarer Stoff«) wird im Polnischen formal nicht konsequent ausgedrückt. Wir haben es folglich bei den polnischen Stoffnamen nicht mit einer morphologischen Kategorie, sondern einer lexikalisch-grammatischen Subklasse zu tun. Aus der hier nicht gegebenen Möglichkeit, den bezeichneten Stoff in seine einzelnen Bestanteile aufzuteilen, folgt als »Konsequenz« für die Grammatik die grundsätzliche Nemerusdefektivität der Stoffnamen. Stoffnamen kommen immer nur in einem Numerus vor: sie sind entweder Singularia tantum oder Pluralia tantum.
Für die folgenden Substantive kann zwar auch eine auf dem Wege der Abstraktion und Verallgemeinerung gewonnene Allgemeinbedeutung angegeben werden, diese wird aber weder durch spezielle sprachliche Mittel angezeigt noch ist sie grammatisch relevant, vgl.
mleko »Milch«
nieg »Schnee«
wapno »Kalk«
len »Leinen, Linnen«
pla¿a »Strand«!
papier »Papier« usw.
Man kann diese Substantive zu einer semantischen Klasse zusammenfassen, da sie alle nach unserem Verständnis weiße Gegenstände bezeichnen. Eine logische oder semantische Klasse der »weißen« Gegenstände ist aber im polnischen grammatisch nicht relevant.
Innerhalb der Wortart Substantiv gibt es die folgenden lexikalisch-grammatischen Subklassen:
1. Eigennamen: nazwy (imiona) w³asne, nomina propria
2. Konkreta: rzeczowniki konkretne
3. Abstrakta: rzeczowniki abstrakcyjne
4. Stoffnamen: rzeczowniki jak nazwy substancji
5. Sammelnamen: rzeczowniki zbiorowe, Kollektiva
Um die Beziehungen zwischen der semantischen Struktur der einzelnen Subklassen und deren Relevanz für die Grammatik transparent zu machen, werden im folgenden kurze Arbeitsdefinitionen für die lexikalisch-grammatischen Subklassen gegeben:
Konkreta:
Konkreta sind Substantive, die zählbare Gegenstände bezeichnen und in der Regel ein vollständiges Numerusparadigma besitzen: stó³, krowa, oko, kobieta, lwica, jagniê; drzwi, sanie, wrota.
Abstrakta:
Abstrakta sind Substantive, die die gedankliche oder ideelle Gegenständlichkeit ausdrücken und folglich nur in einem Numerus vorkommen. Abstrakta bezeichnen:
1. abstrakte Begriffe: bieda, ból, gniew, odwaga, pokój, przyja¿ñ, strach, wstyd, ¿al
2. Eigenschaften: bia³o¶æ, dobroæ, mêstwo, mi³o¶æ, ¶mia³o¶æ, wysoko¶æ
3. Handlungen: pisanie, chodzenie, bicie, mówienie, bieganie
4. Zustände: milczenie, siedzenie, spanie, bezsenno¶æ
5. Beziehungen: zale¿no¶æ, warto¶æ, równonprawnienie
Sammelnamen oder Kollektiva:
Sammelnamen oder Kollektiva bezeichnen eine Gesamtheit von Personen, Tieren und Gegenständen als unteilbares Ganzes (»eine Vielheit als Einheit«), z. B.:
ch³opstwo »Bauernschaft«, generalicja »Generalität«, kupiectwo »Kaufmannschaft, Kaufleute«, m³odzie¿ »Jugend«, nauczycielstwo »Lehrerschaft«, profesortawo »Professorenschaft«, proletariat studenteria »Studentenschaft«; byd³o »Vieh, Rind«, dziczyzna »Wild«, ptactwo »Vogelwelt, Federvieh, Geflügel«, robactwo »Ungeziefer«.
Eigennamen:
Eigennamen sind Individualbezeichnungen mit identifizierender Funktion. Sie bezeichnen eine bestimmte Person, ein bestimmtes Tier, eine bestimmte Einrichtung, eine bestimmte geographische Gegebenheit u. ä.
Eigennamen haben keinen begrifflichen Kern und können deshalb auch nicht von einer Sprache in die andere übersetzt werden; vgl. Polska, Warszawa, Jan, Mickiewicz, Morze Czarne usw.
Die Konkreta, Abstrakta, Sammelnamen und Stoffnamen lassen sich zu der lexikalisch-grammatischen Subklasse höherer Ordnung der Gattungsnamen (Appellativa) zusammenfassen. Für die Gattungsnamen ist charakteristisch, daß sie als Bezeichnung für eine Gattung gleichartiger Erscheinungen (Personen, Tiere, Pflanzen, Dinge), wie auch für das einzelne Glied der Gattung, vgl. das Substantiv student als Bezeichnung
1. der Klasse bzw. Gattung und
2. eines einzelnen Studenten
Die Bezeichnung von Klassen gleichartiger Individuen unterscheidet die Appellativa von den Eigennamen. Den Gattungsnamen an sich gibt es nicht. Er ist ein Konstrukt und realisiert sich über die Konkreta, Abstrakta, Stoffnamen und Sammelnamen.
Die grammatische Relevanz der lexikalisch-grammatischen Subklassen des polnischen Substantivs ist durch die jeweilige subklassenspezifische Semstruktur geprägt. So verlangt z. B. das für Konkreta spezifische Sem »zählbar« das Vorhandensein eines vollständigen Numerusparadigmas, d. h. das Vorhandensein korrelativer Singular- und Pluralformen, z. B.
dom - domy »Haus - Häuser«
droga - drogi »Weg - Wege«
b³oto - b³ota »Sumpf - Sümpfe«
Dies wird auch nicht durch solche polnischen Substantive in Frage gestellt, die wegen eines formalen Defekts nur über Pluralformen verfügen und als zählbare Pluralia tantum existieren:
chrzciny »Taufe(n)«, drzwi »Tür(en)«, bleszcze »Zange(n)«, no¿yce »Schere(n)«, okulary »Brille(n)«, rodzice »Eltern, Elternpaar(e)«, sanie »Schlitten«, spodnie »Hose(n)«, usta »Mund, Lippen«, wrota »Tor(e)«.
Die übrigen lexikalisch-grammatischen Subklassen sind auf Grund ihrer Bedeutungsstruktur (Definitionen!) ausnahmslos numerusdefektiv; sie treten in der Regel als Singularia tantum auf, können aber auch Pluralia tantum sein. Im Hinblick auf die Opposition belebter und unbelebter Substantive ist zu konstatieren, daß die Substantive der Klasse der Stoffnamen, Sammelnamen und Abstrakta grammatisch unbelebt sind, und daß lediglich innerhalb der Subklasse der Eigennamen und Konkreta zwischen grammatisch belebten und unbelebten Substantiven unterschieden wird.
Innerhalb der Wortart Adjektiv lassen sich die folgenden lexikalisch-grammatischen Subklassen unterscheiden:
1. Qualitätsadjektive (przymiotniki jako¶ciowe, kwalitatywne)
2. Eigentliche Beziehungsadjektive (przymiotniki relacyjne, wzglêdne)
3. Possesivadjektive (przymiotniki dzier¿awcze).
Beim Verb sind das solche Klassen wie transitive, intransitive, persönliche, unpersönliche, terminative, aterminative Verben bzw. auch solche wie die Aktionsarten oder die Reflexivverben.
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