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ThoR schrieb am 11.12. 2005 um 01:21:31 Uhr über

ThomasMann

Die Hunde aus dem Souterrain

Der Glanz der Literatur und die Pein des Lebens:

Hermann Kurzke erzählt das Triebschicksal des Thomas Mann und wirbt um Sympathie für seinen Helden

VON ROLF SPINNLER

Hermann Kurzke: Thomas Mann. Das Leben als Kunstwerk. Eine Biographie. C.H.Beck Verlag, München 1999. 672 Seiten, 40 Abbildungen

Schon wieder Thomas Mann! Wissen wir über den nicht schon alles? Als vor 22 Jahren mit der inzwischen abgeschlossenen Edition seiner Tagebücher begonnen wurde, hat das dem öffentlichen Interesse an Tommy noch einmal einen kräftigen Schub gegeben und die Bücherregale um einige Meter Forschung vermehrt. Nur über Goethe wird noch mehr geschrieben. Und doch: Je indiskreter Biographen und Germanisten, Journalisten und Editoren dem Autor der »Buddenbrooks« und des »Zauberberg« auf den Pelz rücken, desto mehr scheint der solchermaßen Bedrängte sein Geheimnis zu wahren. Will er überhaupt erkannt werden? Und woher kommt überhaupt das Interesse an seiner Biographie? Sollen die Leute doch seine Bücher lesen und den Autor in Ruhe lassen.

Die Beschäftigung mit der Person des Schriftstellers hat zwei Ursachen. Zunächst, seit den »Betrachtungen eines Unpolitischen« aus der Zeit des Ersten Weltkriegs, waren es seine Stellungnahmen zur Politik, die die Aufmerksamkeit auf sich zogen. Thomas Manns Wandlung vom konservativen Monarchisten des Kaiserreichs zum Vernunftrepublikaner der Weimarer Republik, Gegner des Nationalsozialismus und Fürsprecher einer Versöhnung von Demokratie und Sozialismus hat ihn zu einer umstrittenen Person des öffentlichen Lebens gemacht.

Heute, wo manche dieser alten Kontroversen überholt sind, rückt ein zweiter Aspekt in den Vordergrund. Seit Goethe und Rousseau erwartet das bürgerliche Publikum von seinen Dichtern, daß ihre Werke »Bruchstücke einer großen Konfession« seien, also einen autobiographischen Kern haben. Und da bereitete das Oeuvre von Thomas Mann so seine Probleme. Der steife und disziplinierte Ehemann und Familienvater wollte nicht so recht zu jenen seiner Romanfiguren passen, die wie Tonio Kröger, Gustav von Aschenbach oder Hans Castorp von den »Abenteuern des Fleisches« heimgesucht werden. Seit der Veröffentlichung der Tagebücher sieht man hier zwar ein bißchen klarer; doch stellt sich jetzt die Frage, wie sich die intimen Geständnisse und die öffentlichen Masken zueinander verhalten.

Peter de Mendelssohn, der Herausgeber der ersten fünf Bände von Thomas Manns Tagebüchern, war der erste, der sich seit der Veröffentlichung dieser intimen Journale an einer Lebensbeschreibung des »Zauberers« versuchte. Sie blieb wegen Mendelssohns Tod ein Fragment, das über das Jahr 1918 nicht hinauskam. Als dann 1995 die monumentale Thomas-Mann-Biographie aus der Feder des Publizisten Klaus Harpprecht erschien, erntete sie überwiegend begeisterte Kritiken. Nur Reinhard Baumgart ließ sich in seiner Rezension in der »Zeit« von dieser imposanten Fleißarbeit nicht einschüchtern und legte den Finger auf die wunden Punkte von Harpprechts Unternehmen.

Dieser Biograph, so Baumgarts Kritik, führe sich auf wie ein Schulmeister, der alles besser weiß. Thomas Mann wird mit den Kriterien der political correctness in Augenschein genommen und holt sich dabei so manche Rüge. Der Dichter mag die Frauen nicht, findet Harpprecht und zeigt sich verstimmt. Er entdeckt bei Thomas Mann Anzeichen von Antisemitismus, sieht Ressentiments gegenüber dem Amerika der McCarthy-Ära und tadelt - ganz der ehemalige Kalte Krieger - das Wohlwollen, das der Schriftsteller gegenüber dem Kommunismus an den Tag gelegt habe. Auch die Privataudienz im Vatikan 1953 verärgert den schwäbischen Pfarrerssohn. So erfährt man aus Harpprechts Buch viel über die Ansichten des Biographen, kommt aber dem Lebensgeheimnis von Thomas Mann nicht auf die Spur.

Bei dieser Ausgangslage stimmt es einen zunächst skeptisch, wenn ein Universitätsmann wie der Mainzer Germanistikprofessor Hermann Kurzke eine neue Biographie des Romanciers vorlegt. Kurzke, 1943 in Berlin geboren, ist seit 25 Jahren ein ausgewiesener Thomas-Mann-Kenner, hat im Verlag C.H. Beck ein »Arbeitsbuch« über den Schriftsteller und bei S. Fischer eine sechsbändige kommentierte Ausgabe seiner Essays vorgelegt. Doch welch angenehme Überraschung! Verkehrte Welt: Während der freie Publizist Harpprecht als Oberlehrer daherkommt, schreibt der Universitätslehrer Kurzke fast wie ein Romancier. Er hat sich zu einem »leise humoristischen Verfahren« entschlossen, »das sich von der üblichen Wissenschaftspedanterie ein Stück weit freizumachen sucht, ohne deshalb ins Unseriöse und Beliebige abzugleiten.«

Dafür bürgen schon die 50 Seiten Anmerkungen am Schluß des Buches. Doch sonst kommt Kurzke mit halb soviel Platz aus wie sein Vorgänger. Auf 560 Seiten erzählt er uns Thomas Manns Leben. Den äußeren biographischen Daten wird dabei nicht viel Raum gewährt; nicht jede Vortragsreise, jeder Besuch im Weißen Haus oder jede Preisverleihung sind ausführlich dokumentiert. Kurzke setzt vielmehr die Kenntnis des Lebenslaufs seines Helden wie die Bekanntschaft mit seinem literarischen Werk weitgehend voraus. Was er an neuem Material einbringt, sind eher die marginalen Texte: an entlegener Stelle publizierte Essays oder Stellungnahmen des Dichters; unveröffentlichte Briefe, die noch in Archiven schlummern; Passagen aus den Tagebüchern, die seinerzeit der Zensur Peter de Mendelssohns zum Opfer fielen.

Kurzke folgt hier den Maximen des Detektivromans und der Psychoanalyse: Die kaum beachteten Stellen verraten mehr als die offiziellen Verlautbarungen. Also ist in seinem Buch wenig von Staatsaktionen und repräsentativen Auftritten die Rede - dafür kommen die Hunde zu ihrem Recht. Die vierbeinigen: Motz, Bauschan, Lukas, Mouche, Bill oder Alger, die dem Dichter auf seinen einsamen, den Fortgang des literarischen Werks bedenkenden Spaziergängen Gesellschaft leisteten. Aber natürlich auch die »Hunde im Souterrain«, wie Thomas Mann im Anschluß an Nietzsche seine sexuellen Nöte apostrophiert.

»Die Biographie seines Herzens steht verzaubert in seinen Dichtungen«. So lautet der Grundgedanke von Kurzkes Buch. Die These, daß »das dichterische Werk als die am reichsten sprudelnde biographische Quelle« zu betrachten sei, wendet sich gegen einen biographischen Positivismus, der die Wahrheit eines Lebens an nachprüfbaren Dokumenten festmachen will. Kurzke dagegen geht es gerade um jene »Bereiche des Lebens, die ihrer Natur nach keine Dokumente hinterlassen« haben. Erst die »indiskrete Diskretion der Kunst« habe es Thomas Mann erlaubt, Geheimnisse auszuplaudern, die er sonst sorgsam zu »versiegeln« wußte. Psychoanalytisch gesehen handelt es sich dabei um einen Prozeß der Abwehr und der Sublimierung. Der Abwehr, weil die literarischen Werke und der »Kunstbau« des eigenen Lebens Thomas Mann vor jenen »Hunden im Souterrain« Schutz und Sicherheit gewähren sollen. »Das Grundmotiv seines Lebens und Schaffens ist die Ansgt vor der Leidenschaft, die Angst, daß das sorgsam überwachte Gleichgewicht seines Lebens kippen könnte, die Angst vor der Wiederkehr des Verdrängten und dem Zusammenbruch des treuen Kunstbaus.« Die Leidenschaft, die abgewehrt wird, ist homosexuelle Begehren. In Thomas Manns Werk wird sie als »Heimsuchung« beschrieben: als »Einbruch trunken zerstörender und vernichtender Mächte in ein gefaßtes und mit all seinen Hoffnungen auf Würde und ein bedingtes Glück der Fassung verschworenes Leben«, wie es in »Joseph in Ägypten« einmal heißt. Zugleich aber - und darin liegt eine Paradoxie - ist diese »Heimsuchung« durch die Leidenschaft das, was das Leben überhaupt erst lebenswert macht. »O, unfaßliches Leben, das sich in der Liebe bejaht«, schreibt der 75jährige erschüttert in sein Tagebuch, als er sich in den Kellner Franzl Westermeier vom Zürcher Hotel Dolder verliebt hat. Deshalb darf die Leidenschaft für schöne Knaben nicht nur abgewehrt, sondern muß auch konserviert werden: Der Kunstbau des Werks, das gegen die Liebe errichtet wird, setzt ihr zugleich ein Denkmal. Die Pein des Lebens verwandelt sich in den Glanz der Literatur.

Kurzke macht das Thomas Mann nicht zum Vorwurf, wie das viele Kritiker getan haben. Der Biograph soll kein Urteil über seinen Helden fällen, sondern versuchen, ihn zu verstehen. Kurzke entdeckt gerade in der Ambivalenz von Abwehr und Faszination, mit der Thomas Mann auf seine Homosexualität reagiert, die Quelle seiner Produktivität. Wo andere dem Schriftsteller seinen Narzißmus und seine Verklemmtheit vorhalten, weiß sein Biograph, daß sie die lebensnotwendigen Bedingungen seiner Literatur sind. Sie verdanke sich diesem besonderen individuellen »Triebschicksal«, meint Kurzke und gibt zu bedenken: »Die Intensität des Liebens bemißt sich nicht an der sexuellen Erfahrung«.

Oscar Wildes Geliebter Lord Alfred Douglas nannte das homosexuelle Begehren einmal eine »Liebe, die sich nicht aussprechen darf«. Genau dieses Nichtsagbare aber schlägt, so will Kurzke zeigen, in Thomas Manns Werk um ins Metaphysische und Religiöse: »Dem Mann des Worts geht es um das Wortlose (...) Das viele Reden ist die Außenseite, die als Innen ein Unaussprechliches beschwört, ein Heiliges, das im Kern erotisch istWie in der Theorie von Freud wird das sexuelle Tabu zur Quelle religiöser Erfahrung. Die »Erschütterung«, die der Jüngling Tadzio bei Gustav von Aschenbach auslöst, führt ihn ins »Verheißungsvoll-Ungeheure«.

Klaus Happrecht war in seiner Thomas-Mann-Biographie eigentlich gar nicht am literarischen Werk interessiert. Er benutzt es nur als Fundgrube von Meinungen und weltanschaulichen Positionen, die er dem Homo politicus Mann zuschreiben will. Kurzke dagegen geht es in den zwanzig Kapiteln seines Buchs um die »innere Biographie« Thomas Manns. Er liest dessen Erzählwerk als intime Geständnisse, die der Biograph zu einer éducation sentimentale nach dem Modell des Entwicklungsromans zusammenfügt. Liebe, Tod und Religion sind dessen zentrale Themen, die sich durch Kurzkes Darstellung wie musikalische Leitmotive ziehen.

Kurzke deutet auch Manns politische Parteinahmen vor dem Horizont des zentralen Triebkonflikts: die »Erschütterung« durch den Ersten Weltkrieg als Begeisterung für den »Knaben Krieg«; den Kampf gegen den Nationalsozialismus als Verteidigung des »Kunstbaus« der Zivilisation gegen die »Heimsuchung« durch archaische Mächte. Der Vorwurf des Antisemitismus wird dabei überzeugend entkräftet.

Die implizite Gleichsetzung von Manns Widerstand gegen den Faschismus mit der Abwehr des eigenen homosexuellen Begehrens hat freilich einen fatalen Beigeschmack. Ist Homosexualität faschistisch? Das kann Kurzke doch so im Ernst nicht meinen. Und wenn der gutdotierte C-4-Professor an einer anderen Stelle anmerkt, »ein paar Jahre Armut hätten wir Thomas Mann schon gegönnt, nur so zum Kennenlernen«, dann ist das ein eher peinlicher Ausrutscher in einem Buch, das sonst wohltuend auf belehrende Urteile verzichtet.

Kurzkes Thomas-Mann-Biographie hat ihre Vorläufer in wichtigen literaturwissenschaftlichen Veröffentlichungen der letzten zehn Jahre. Genannt seien hier nur die Arbeiten von Karl Werner Böhm, Heinrich Detering, Gerhard Härle und vor allem Michael Maars großer Essay »Geister und Kunst«. Theoretisch knüpft die These vom Leben als Kunstwerk an den Gedanken einer »Ästhetik der Existenz« an, wie ihn der späte Michel Foucoult entwickelt hat. Diese Auffassung unterläuft den protestantischen Dauerkrieg zwischen Ethik und Ästhetik, der seit Kierkegaards Entweder-Oder von Kritikern immer wieder neu inszeniert wird. Der Mainzer Professor hält dagegen: Gerade die Stilisierung des eigenen Lebens zum Kunstwerk angesichts schwerer innerer Triebkonflikte ist eine große ethische Leistung des Menschen und Autors Thomas Mann. Kurzkes glänzend geschriebene Biographie verbindet den souveränen Überblick und die profunde Materialkenntnis des Literaturwissenschaftlers mit dem einfühlsamen Gespür des Erzählers, der um Verständnis wirbt für einen scheuen, schwierigen und nicht immer nur sympathischen Mann.

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