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Vor dem gelben Stern
gab es für Jüdinnen
den gelben Schein
Noch bis zum 28. Februar
zeigt das Deutsche Auswandererhaus in Bremerhaven
die Ausstellung »Der Gelbe Schein - Mädchenhandel 1860-1930«.
Die Parallelen zum Heute sind beklemmend:
Die Gründe, warum so viele Mädchen und Frauen
in den Bordellen des Westens
aus den Schtetln des Ostens kamen,
sind die gleichen,
aus denen heute bis zu 90 Prozent der Frauen
in deutschen Laufhäusern, Wohnungsbordellen
oder auf dem Straßenstrich
aus Rumäniene, Moldawien oder Bulgarien stammen:
Armut, Verzweiflung, Perspektivlosigkeit.
Warschau, 1925.
Auf der Beerdigung ihres Großvaters
wird die 19-jährige Paula Waismann
von einem Herrn um die 40 angesprochen.
Er stellt sich als Shulim Babki vor,
er sei Kaufmann aus Buenos Aires.
Der charmante und augenscheinlich gut situierte Mann
macht der jungen Frau Komplimente
und bietet ihr schließlich an,
sie mit nach Paris zu nehmen.
Paula, die aus einer einfachen jüdischen Familie kommt, ist hingerissen.
Zunächst geht die Fahrt nach Danzig.
Dort werden die beiden am 29. Oktober
in einem Gasthaus verhaftet.
Die Polizei hatte einen Tipp aus dem Rotlichtmilieu bekommen:
Shulim Babki ist ein Mädchenhändler.
Er hat mehrere gefälschte Urkunden,
17000 Sloty und zwei Visa nach Mexiko bei sich.
Die Polizei nimmt ihn in Untersuchungshaft
und übergibt die schwangere Paula Waismann
dem „Danziger Komitee zur Bekämpfung des Mädchenhandels“.
Über ihr weiteres Schicksal ist nichts bekannt.
Sicher hingegen ist,
dass Paula Waismann kein Einzelfall war.
Im Gegenteil: Zehntausende junge jüdische Frauen
wurden von skrupellosen Zuhältern getäuscht
und aus ihrer trostlosen und ärmlichen Heimat in Osteuropa
dahin verschleppt,
wo sie den größtmöglichen Profit versprachen
– in die Großstädte des Westens,
vor allem aber in die rasant wachsenden Metropolen in Übersee.
63 Millionen Europäer zogen zwischen 1815 und 1930 in die Neue Welt.
New York, Buenos Aires oder Rio de Janeiro
werden zu Millionenstädten
voll mit alleinstehenden jungen Männern, Arbeitern,
Seeleuten, Soldaten,
die gierige Abnehmer der Ware Frau sind.
Allein in Buenos Aires sind um die Jahrhundertwende
rund 12000 Prostituierte registriert,
jede dritte von ihnen ist Jüdin.
Viele Umschlagplätze der Mädchenhändler
von Ost nach West liegen, ganz wie heute,
in Deutschland: Frankfurt, Bremerhaven, Hamburg.
Im Jahr 1912 zum Beispiel reisen 849 junge Frauen
zwischen 16 und 23 aus Russland via Hamburg
nach Südamerika,
über 80 Prozent haben,
so zeigt die Passagierliste, jüdische Namen.
Aber auch in den europäischen Metropolen Berlin,
Paris oder Moskau blüht der Handel mit Mädchen aus den Schtetln,
deren Suche nach einem besseren Leben
in sexueller Versklavung endet.
Die Ausstellung „Der Gelbe Schein“,
die im Centrum Judaicum
und im Deutschen Auswandererhaus Bremerhaven gezeigt wird,
hat sich auf die Spuren von Paula Waisman
und ihren Leidensgenossinnen begeben
– und auch auf die der Menschenhändler.
Ein heikles Thema.
Denn: „Die Figur des jüdischen Zuhälters,
der aus Geilheit und Geldgier junge Frauen
in den moralischen Abgrund zieht,
zählt zu den Klassikern des antisemitischen Narrativs“,
schreibt die Jüdische Allgemeine.
„Aber es gab sie wirklich, die jüdischen Mädchenhändler
(und, so viel Gleichberechtigung muss sein,
auch -händlerinnen).
Sie hießen Lazar Schwarz, John Meyrowitz,
Rifka Bedner oder Mascha Fischer.
Und ihre Opfer gingen in die Zehntausende.“
So durften Juden in Russland
seit Ende des 18. Jahrhunderts
nur in einem schmalen Streifen des Reiches siedeln,
dem so genannten „Ansiedlungsrayon“,
der von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer reichte.
„Aus dem überfüllten, verarmten Ansiedlungsrayon
gab es für Männer einen Ausweg: Bildung.
Akademiker durften ab 1861
und ausgebildete Handwerker ab 1865
auch in andere Gebiete des russischen Reichs ziehen.
Den Mädchen und Frauen blieb dieser Weg versperrt:
Ihnen blieb die Prostitution
und der ‚Gelbe Schein‘“,
schreiben die AusstellungsmacherInnen
in ihrem beeeindruckenden Begleitbuch.
Der „Gelbe Schein“ ist das polizeiliche Dokument,
das Frauen im Russischen Reich ausgehändigt bekommen,
wenn sie der Prostitution nachgehen.
Wer den gelben Schein haben will,
muss dafür alle seine Ausweispapiere abgeben.
Sie je wieder zurückzubekommen,
ist so gut wie unmöglich,
denn niemand geht davon aus,
das „so eine“ jemals wieder einen sittlichen Lebenswandel führen wird.
Der Sinn des Dokuments ist selbstredend
nicht der Schutz der registrierten Frauen,
sondern der ihrer Kunden vor Tripper und Syphilis.
Einmal pro Woche muss die Inhaberin des Scheins
sich einer gesundheitlichen Untersuchung unterziehen.
Ist sie frei von Geschlechtskrankheiten,
bekommt sie einen blauen Stempel,
ist sie es nicht,
bekommt sie einen roten und Arbeitsverbot.
Der „Gelbe Schein“ war der Ausstellungs-Kuratorin
Irene Stratenwerth zunächst im gleichnamigen Stummfilm
mit Pola Negri
aus dem Jahr 1918 begegnet,
als sie 2004 die Ausstellung
„Pioniere in Celluloid – Juden in der frühen Filmwelt“ vorbereitete.
Wenig später stieß die Hamburger Journalistin
bei einer Recherche wieder auf das Thema:
In der galizischen Hauptstadt Lemberg
fand 1903 einer der ersten internationalen Kongresse
gegen Mädchenhandel statt.
Und so begab sich Stratenwerth in Odessa,
Czernowitz, Lemberg, Buenos Aires,
Wien und Berlin auf die Suche
nach den Schicksalen der getäuschten und verschleppten Mädchen.
„Liebe Mutter, lieber Vater!
Ihr schreibt, dass Ihr nicht versteht,
was das bedeutet, dass ich verkauft worden bin.
Das ist so ein Haus,
das das ‚schwarze Kaffeehaus genannt wird;
in demselben befinden sich solche Mädchen,
die wie Kühe und Kälber verkauft werden;
das Übrige müsst ihr euch selber dazu denken.
Und wenn eine einmal verkauft ist,
muss sie 8–9 Monate drinnen bleiben oder gar 2 Jahre,
auch dann kommt sie schwer heraus.“
Der Vater von Olga Koprivec erstattet Anzeige
bei der Wiener Polizei,
als er diesen verzweifelten Brief seiner Tochter
aus einem Bordell in Zagreb bekommt.
„White Slavery“ nennen die britischen Frauenrechtlerinnen
um Josephine Butler,
die bereits 1875 die Fédération Abolitionniste Internationale (FAI)
zur Abschaffung der Prostitution gegründet hatte,
das, was sich hinter den verschlossenen Bordelltüren abspielt
– „weiße Sklaverei“.
Auch heute wird die Prostitution
von internationalen Abolitionistinnen wieder so bezeichnet.
Tatsächlich sind die Mädchen und Frauen
regelrecht kaserniert,
und zwar nicht nur durch ihre Zuhälter,
sondern auch durch den Staat:
In den durch die Industrialisierung enorm anwachsenden Städten
hat die Prostitution „ungeahnte Dimensionen angenommen.
Für das deutsche Reich
wird die Zahl der Prostituierten um 1900
auf 330.000 bis 1,5 Millionen geschätzt“.
Jeder zehnte Patient eines Großstadt-Krankenhauses
hat Syphilis oder Tripper.
Die Behörden entschließen sich,
die Prostitution zu „reglementieren“,
sprich Bordelle und Bordellstraßen einzurichten,
die die Frauen nicht verlassen dürfen.
Es sind die Pionierinnen der Ersten Frauenbewegung,
die die katastrophalen Zustände in diesen Ghettos
als erste öffentlich anprangern,
ebenso wie die Doppelmoral,
die hinter der Verachtung der Prostituierten steckt.
„Ihr seid es, die die Prostitution schaffen!“
klagt Johanna Elberskirchen (1864–1943) die Freier an.
Und Lida Gustava Heymann (1868–1943),
die reiche Hamburger Patriziertochter,
die mit ihrem Erbe Suppenküchen und Umschulungshäuser
für Prostituierte einrichtet,
beklagt die fragwürdige Rolle des Staates:
„Es kann doch nicht sein,
dass Staat und Behörden,
indem sie die Prostitution regeln,
sie die Berechtigung derselben anerkennen“,
schrieb Frauenrechtlerin Heymann und verklagte den Staat Hamburg
wegen „Zuhälterei“.
Natürlich vergeblich.
„Bekämpfen wir die Nachfrage.
Mütter, erzieht eure Söhne besser!
Bekämpfen wir die ‚staatliche Reklame‘ für die Prostitution!“,
forderte Heymann.
Ob die Pionierin ahnte,
wie aktuell ihre Worte hundert Jahre später noch sein werden?
Nun erkennen auch jüdische Organisationen,
dass sie etwas gegen den grassierenden Mädchenhandel
unternehmen müssen.
Aber sie sind zunächst zögerlich,
weil sie dem wachsenden Antisemitismus
keine Munition liefern wollen.
Schon jetzt kursieren Broschüren mit Titeln
wie „Bordell-Juden“.
1897 gründet der Hamburger Orden Bne Briss
dennoch das „Jüdische Komitee gegen den Mädchenhandel“.
Bertha Pappenheim (1859–1936) ist beides:
Jüdin und Frauenrechtlerin.
„Totschweigen kann eine Todsünde sein“
hält die Leiterin eines Frankfurter Waisenhauses
jenen Gemeindemitgliedern entgegen,
die den großen Anteil jüdischer Mädchen und Frauen
an den Prostituierten lieber verschweigen würden.
1903 geht Pappenheim auf eine mehrmonatige Erkundungsreise
nach Galizien und kommt erschüttert zurück.
Sie schreibt:
„Es bedarf keines tiefgründigen Einblicks
in den Zusammenhang der Dinge,
dass mangelnde Sesshaftigkeit, Unwissenheit,
Arbeitslosigkeit und Armut
teils Urheber, teils Schutzpatrone der Prostitution sind,
und wenn wir unsere Augen nach den Quellgebieten richten,
aus denen der Strom kommt,
für den wir oft verantwortlich gemacht werden,
was sehen wir da?
Die rumänischen Juden, Fremde in ihrer Heimat,
müssen jeden Augenblick gewärtig sein,
über die Grenze geschoben zu werden;
Schulen, die sie mit ihren Mitteln gründen,
dürfen ihre Kinder nur bis zu 10 Prozent der Schülerzahl besuchen.
Landarbeit und Industriearbeit ist ihnen versagt,
höhere Berufe verschlossen,
aber in den Hotels, in den Bordellen,
Bädern, Varietés,
da duldet man die jüdischen Mädchen als Prostituierte,
und die jüdischen Mädchenhändler duldet man,
wo ein anständiger und ehrlicher Jude
mit seiner Familie niemals geduldet würde.“
Angesichts der „furchtbaren Arbeitslosigkeit“
sei es „gar nicht verwunderlich,
wenn die Mädchen jede Möglichkeit erfassen,
ihr elendes Dorf zu verlassen,
und sei der Vorwand dazu noch so unwahrscheinlich,
so märchenhaft, so unsinnig,
wie Agenten und Mädchenhändler sie nur erfinden“.
Um die Mädchen aufzuklären,
gründet Pappenheim den „Verein Weibliche Fürsorge“.
Die jungen Frauen, die aus dem Osten
am Frankfurter Bahnhof ankommen,
werden von den Vereinsfrauen abgefangen,
über ihr Reiseziel befragt und,
wenn irgend möglich,
von der Weiterfahrt ins Verderben abgehalten.
Pappenheim in Frankfurt kooperiert mit Bne Briss in Hamburg,
die das selbe an den Ablegestellen der Schiffe nach Übersee tun.
Nicht alle Mädchen sind völlig ahnungslos.
Einige wissen durchaus,
was sie nach ihrer Ankunft in der Neuen Welt tun sollen.
Aber: „Wer versucht,
sich eine Vorstellung von der Lebenssituation
dieser Mädchen und Frauen zu machen,
wird irgendwann aufhören, die Frage zu stellen,
die in der Debatte um den Mädchenhandel
immer wieder die größte Rolle spielt:
Ob die Frauen ‚freiwillig‘ in die Prostitution gingen.
Ob sie wussten, was sie erwartete,
wenn sie nach Istanbul, New York,
Havanna oder Buenos Aires aufbrachen“,
schreibt Irene Stratenwerth im Begleitbuch zur Ausstellung.
„Viele waren kaum älter als 14,
manche sogar noch jünger,
als jemand, der ihren Marktwert kannte,
sie zwang, nötigte, verführte oder überredete,
ihren Körper zu verkaufen.
Aufklärungsbroschüren, die versuchten,
ihnen die Gefahren eines solchen Lebens vor Augen zu führen,
konnten sie kaum beeindrucken.
Ihr Leben war ohnehin in Gefahr:
durch Hunger, Kälte,
Pogrome oder Krieg.
Durch Krankheiten, die besonders die Armen trafen:
Tuberkulose, Cholera oder – in Südamerika – Gelbfieber.
Durch Schwangerschaften und Geburten,
von denen jede einzelne riskant war.
Oder durch die Gewalttätigkeit
eines betrunkenen, verzweifelten Ehemanns.“
Die Parallelen zum Heute sind beklemmend.
„Das Thema des Mädchenhandels
hat nichts von seiner Aktualität eingebüßt“,
schreibt Stratenwerth.
„Seine Prinzipien – Armut, Diskriminierung, Chancenlosigkeit
und das Wohlstandsgefälle
zwischen verschiedenen Regionen
– erleben ihre Wiederkehr
in unserer globalisierten Gegenwart.“
Zum Beispiel auf dem Straßenstrich an der Oranienburger Straße,
in der das Centrum Judaicum die Ausstellung zeigt.
EMMA Januar/Februar 2013
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