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Die Erde hat uns gleich wieder
Romanfragment
Am Nachmittag saß er unter dem Baum, als wartete er auf eine Nachricht, die vor Jahren abgeschickt worden war.
Der Baum war zu groß für diesen Ort. Er war nicht gewachsen, er war zurückgelassen worden. Seine Äste lagen über der Wiese wie die Hände eines Menschen, der nichts mehr festhalten wollte und deshalb alles berührte. Dahinter der Zaun, dahinter das bleiche Land, dahinter Amerika, wenn man dem Prospekt glaubte. Ein Stück Erde, zurechtgeschnitten für Leute, die ihre Sehnsucht nur erkennen, wenn sie Kulissen trägt.
Er trug ein blaues Hemd. Nicht das Blau des Himmels, sondern das Blau von Arbeit, von Waschpulver, von Männern, die auf Fotografien so aussehen, als hätten sie gelernt, nicht zu frieren. Die Ärmel waren hochgeschoben. Am Handgelenk eine Uhr, obwohl hier niemand wusste, wie spät die Vergangenheit war.
Sie kam über die Wiese.
Das Kleid war weiß und in Stufen genäht, als hätte jemand aus mehreren Abschieden einen Sommer gemacht. Der schwarze Gürtel zog eine Grenze um ihre Mitte. Oberhalb davon das Gesicht, die Ohrringe, die hochgesteckten Haare. Unterhalb davon die Stiefel, die jeden Schritt in ein kleines Urteil verwandelten.
Sie lachte, bevor sie bei ihm war.
Das Lachen war nicht für ihn bestimmt. Es war für die Kamera, die anderen, den Nachmittag, vielleicht für die Frau, die sie einmal gewesen war und die auf keinen Fall hierherkommen wollte. Sie klatschte in die Hände. Einmal. Zweimal. Als ließe sich Wirklichkeit herbeirufen wie ein Pferd.
„Das ist ein Traum“, sagte jemand.
„Der amerikanische Traum“, sagte jemand anderes.
Niemand wusste später, wer damit angefangen hatte.
Er rückte auf der Bank ein Stück zur Seite, obwohl genug Platz war. Sie blieb stehen.
„Du siehst gut aus“, sagte er.
„Alles?“
„Alles.“
Sie sah an sich hinunter, an dem weißen Stoff, dem schwarzen Gürtel, den Stiefeln, die nicht ihr gehörten. Alles war geliehen. Das Land. Die Kleidung. Die Sätze. Nur die Körper mussten sie selbst mitbringen.
Auf der anderen Seite des Baumes standen Menschen in Westen und Hüten und warteten darauf, dass man ihnen sagte, in welchem Jahrhundert sie waren. Einer hielt die Hände auf dem Rücken. Einer sah zur Straße. Eine Frau lächelte in die falsche Richtung.
„Ich soll dich grüßen“, sagte er.
„Von wem?“
„Von den Indianern.“
Sie sah ihn an.
Das Wort blieb zwischen ihnen liegen wie ein Gegenstand, den niemand mehr anfassen wollte. Es gehörte zu einer alten Ordnung von Bildern, zu Federn, Filmplakaten, Schulheften, zu Männern, die behaupteten, ein Land zu entdecken, nachdem sie es betreten hatten. Hinter dem Zaun bewegte sich kein Tier. Nur das Gras bog sich, als flüstere dort jemand in einer Sprache, die sie nicht gelernt hatten.
„Und der Rest?“, fragte sie.
„Den Rest gibt’s zu Hause.“
Sie setzte sich nicht.
Zu Hause: Das war ein Wort mit Zentralheizung. Ein Wort mit unbezahlten Rechnungen, Zahnbürsten in einem Glas und einer Schublade, die nie richtig schloss. Ein Wort, das vorgab, ein Ort zu sein, obwohl es meistens nur die Gewohnheit war, dieselben Dinge nicht zu sagen.
„Alles gesund und munter?“, fragte er.
„Alles gesund und munter.“
„Wie geht es Benjamin?“
„Gut.“
Sie sagte es schnell. Gut war die kleinste verfügbare Lüge. Sie passte in jedes Gespräch und hinterließ keine Flecken.
Er nickte. In seinem Gesicht ging eine Tür zu.
Von irgendwoher kam eine Stimme: „Und deine Frau?“
Er blickte auf die Uhr.
„Die ist nicht da.“
Es war erstaunlich, wie viele Bedeutungen ein kurzer Satz tragen konnte, ohne unter ihnen zusammenzubrechen.
Die ist nicht da.
Nicht auf der Wiese. Nicht in Amerika. Nicht mehr im Gespräch. Vielleicht saß sie zu Hause, in einer Gegend mit dunklen Bäumen und schlechtem Empfang, vor einem Fenster, in dem der Tag früher endete. Vielleicht stellte sie gerade eine Tasse ab und spürte, ohne zu wissen warum, dass ihr Leben in einem Satz vorkam, den andere Menschen unter einem fremden Baum sagten.
„Na dann“, sagte die Stimme.
Das war alles.
Kein Vorwurf, keine Musik, kein Glas, das zu Boden fiel. Nur dieses kleine Na dann, diese sprachliche Schulterbewegung, mit der Menschen Katastrophen an sich vorbeilassen, solange sie ihnen noch nicht gehören.
Sie strich über den Rock ihres Kleides.
„Er geht fremd mit der im Stufenkleid“, sagte sie.
Sie sagte es leise, beinahe sachlich, als lese sie die Beschreibung unter einem Bild.
Er hob den Kopf.
Für einen Moment war nicht klar, ob sie von ihm sprach, von einer Figur, von einem Film oder von einem Mann, der ihnen beiden ähnlich sah. Vielleicht war das der Trick: Man musste nur lange genug Kostüme tragen, bis die eigenen Verbrechen wie Handlung wirkten.
Sie lächelte.
„So würde es später heißen.“
„Was?“
„In der Zusammenfassung. In der Mediathek. Folge sechs: Er geht fremd mit der im Stufenkleid.“
„Du bist nicht die im Stufenkleid.“
„Heute schon.“
Sie setzte sich nun doch. Nicht neben ihn, sondern an das Ende der Bank, wo das Holz unter der Farbe wieder sichtbar wurde.
Über ihnen schob der Baum seine Schatten langsam weiter. Der Nachmittag war eine Maschine, die alles in Erinnerung verwandelte, noch während es geschah.
Er sagte: „Wir verabschieden uns.“
Sie antwortete: „Gar nichts.“
„Was?“
„Gar nichts verabschiedet sich. Es hört nur auf, gleichzeitig zu sein.“
Er lachte, aber nur mit dem Mund.
Später würden Kritiker schreiben, dies sei der Augenblick, in dem der Roman seine eigentliche Zeitform finde: nicht Vergangenheit, nicht Gegenwart, sondern das Überlappen der verpassten Möglichkeiten. Sie würden das Wort Schwebezeit verwenden, als hätten sie es erfunden. Sie würden erklären, das Kleid verkörpere die gestufte Narration, der Gürtel die Gewalt der Form, der Baum das koloniale Gedächtnis der Landschaft.
Sie würden irren.
Das Kleid war ein Kleid.
Und weil es ein Kleid war, konnte es alles bedeuten.
„Ich danke dir“, sagte er.
Sie wartete.
„Ich danke dir, dass du auf all das verzichtet hast, was eine solche Situation gewöhnlich sehr schwierig macht.“
„Welche Situation?“
„Diese.“
Er deutete nicht auf sie, nicht auf sich, nicht auf die Wiese. Er machte eine Bewegung, die alles einschloss, was keinen Namen bekommen sollte.
„Dafür danke ich dir.“
„Du dankst mir dafür, dass ich keine Szene mache.“
„So habe ich es nicht gesagt.“
„Aber so hast du es eingerichtet.“
Die Kamera war jetzt näher. Jemand hob eine Hand. Noch nicht. Gleich. Das Licht war gut.
Sie wandte sich ab und sah über den Zaun. Das Land dahinter war flach und gelblich. Am Horizont stand ein Gebäude, das so tat, als wäre es eine Scheune. Weiter hinten begann die Straße, und auf der Straße die Gegenwart: Lieferwagen, Navigationsgeräte, Klimaanlagen, Menschen, die mit Kopfhörern durch ihre Einsamkeit gingen.
„Schau raus“, sagte er.
„Ich schaue doch.“
„Die Erde hat uns gleich wieder.“
Sie sah ihn an.
Es war der schönste Satz, den er je gesagt hatte, und deshalb konnte sie ihm nicht verzeihen.
Die Erde hat uns gleich wieder.
Als seien sie gerade noch über ihr. Als habe ihre Liebe eine Umlaufbahn besessen. Als hätten sie eine Zeit lang die Schwerkraft überwunden, statt bloß Termine verschoben, Nachrichten gelöscht und in Hotelzimmern die Vorhänge zugezogen zu haben.
„Man kann nicht endlos schweben“, sagte er.
„Nein.“
„Irgendwann muss man runter.“
„Du warst nie oben.“
Er schwieg.
Am Rand der Wiese lachte jemand zu laut. Eine Fliege setzte sich auf die Rückenlehne. Das Licht traf ihr Kleid und machte es für einen Augenblick durchscheinend, nicht den Stoff, sondern die Idee davon: Reinheit, Hochzeit, Gespenst, Fahne, Leichentuch. Weiß war keine Farbe. Weiß war eine Behauptung.
„Hast du ein Hotel?“, fragte sie.
„Nein.“
„Wo schläfst du?“
„Ich bin mitten in der Wüste.“
„Hier gibt es keine Wüste.“
„Dann bin ich eben in einer anderen.“
Sie wollte fragen, ob das sein Ernst sei, aber der Ernst war längst kein verlässliches Kriterium mehr. Männer sagten Wüste und meinten Einsamkeit. Sie sagten Freiheit und meinten Abwesenheit. Sie sagten Amerika und meinten eine Version ihrer selbst, in der niemand die Rechnungen kannte.
Er zog ein Telefon aus der Tasche.
Es sah in seiner Hand falsch aus, ein schwarzes Rechteck zwischen dem Baum, dem Zaun, den Stiefeln, den Hüten. Die Zukunft hatte keine Geduld mit Kulissen.
„Da ich schon hier bin“, sagte er, „sehe ich mir noch ein Handy an.“
Sie lachte.
Diesmal wirklich.
„Gegen ein Handy?“
„Was?“
„Du hast gesagt: gegen ein Handy.“
„Nein.“
„Doch.“
„Eine Frau wird mir erzählen, was das ist.“
„Eine Frau.“
„Im Laden.“
„Natürlich.“
„Dann kann sie alle Wagen gebrauchen.“
„Was soll das heißen?“
„Keine Ahnung.“
Sie lachten beide.
Die Sprache zerfiel zwischen ihnen, aber für einen Moment machte gerade das sie leicht. Falsche Wörter, falsch verstandene Sätze, ein Handy gegen ein Handy, Wagen, Wüste, Frau. Vielleicht war Liebe nichts anderes gewesen: zwei Menschen, die dieselben Fehler lange genug für Bedeutung hielten.
Die Kamera lief jetzt.
Sie standen auf. Er neben der Bank, sie vor ihm. Die anderen sammelten sich unter dem Baum. Westen, Hüte, lange Röcke. Eine künstliche Gemeinschaft im Schatten eines echten Gewächses.
„Noch einmal von vorn“, sagte jemand.
Von vorn.
Das war die grausamste Anweisung des Tages.
Sie nahm ihre Position ein. Er legte die Hände locker an die Seiten. Sie sollte lachen, dann zu ihm sehen, dann an ihm vorbei. Die Szene brauchte Nähe, aber keine Berührung.
„Bereit?“
Sie nickte.
„Und bitte.“
Sie lachte. Sie klatschte in die Hände. Sie trat auf ihn zu.
Er sah sie an, als käme sie zurück.
Das war seine größte Begabung: Er konnte jedes Erscheinen wie eine Heimkehr aussehen lassen.
„Dass du auch wieder da bist“, sagte er, „das ist das Allerschönste.“
Der Satz stand nicht im Text.
Niemand stoppte.
Sie blieb stehen. Für den Bruchteil einer Sekunde wusste sie nicht, ob sie antworten oder die Szene retten sollte. Dann lächelte sie, dieses schöne, brauchbare Lächeln, das alle später für Glück halten würden.
Hinter dem Zaun ging der Wind durch das Gras.
Jenseits des Bildrandes klingelte ein Telefon.
Irgendwo, weit entfernt, saß eine Frau in einer Landschaft aus Tannen, Rechnungen und Nachmittag und hob den Kopf, weil sie ihren Namen zu hören glaubte.
Doch niemand hatte ihn gesagt.
Noch nicht.
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