Einige überdurchschnittlich positiv bewertete
Assoziationen zu »Schömberg«
ruecker42 schrieb am 15.5. 2011 um 23:56:59 Uhr zu
Bewertung: 4 Punkt(e)
Am Sonntagmorgen beschloß Peters, an die frische Luft zu gehen. Er hatte nun seit über 48 Stunden nicht geschlafen und er kannte diesen Zustand zur Genüge - auf dem Boden sitzen und Löcher in die Luft starren. Das ziellose Schlendern durch die Straßen und Gassen, so hoffte er, würde seine rasenden Gedanken zur Raison bringen. Ein Teil seines Kopfes war unbeteiligter Beobachter, der sich das Theater im anderen Teil ansah, dort ging es (wieder einmal) um die Entstehung und das Vergehen der Welt, und nichts geringeres. Bevor er die Wohnung verließ, schaute er sich im Spiegel an. »Geben sie Gedankenfreiheit, Sire« murmelte er seinem Gegenüber zu und brach auf.
Sein Weg führte ihn diesmal schließlich ans Flußufer, er setzte sich auf eine der Bänke an der Promenade. Ein Mann durchsuchte die Papierkörbe, die neben den Bänken aufgestellt waren. Peters staunte über die Routine, die der Mann, er mochte Mitte 50 sein, dabei an den Tag legte. Als er an seiner Bank ankam, nickte er Peters kurz zu, warf einen kurzen Blick in das leere Behältnis und ging weiter. Peters schaute ihm lange hinterher, dabei nickte er schließlich ein.
Die Leiche schrieb am 16.5. 2011 um 10:29:13 Uhr zu
Bewertung: 3 Punkt(e)
Das Fernsehprogramm wurde Schömberg alsbald unerträglich. Schon zuhause hatte er nur noch wenig »geglotzt« - einige Nachrichten- und Magazinsendungen, ein paar Filme. Er bevorzugte es schon seit Jahren, DVDs über das Internet zu bestellen, und Filme »aus der Konserve« zu gucken. Wenn er nun bei schlechtem Wetter auf seinem Sofa lag, eingekuschelt in die Fleece-Decke, seine Medikamente auf dem Couchtisch in Reichweite, sein Tee - dann fühlte er fast eine wohlige Behaglichkeit beim Ansehen alter Westernfilme. Alleine »High noon« mit Gary Cooper hatte er im Dezember und Januar bestimmt 20 mal angesehen. Fast als Zumutung erschien es ihm dann, wenn er sein kuscheliges Lager verlassen mußte, etwa um zur Toilette zu gehen, oder weil er Hunger verspürte. Er erwog öfters, mal einen Pizza-Service anzurufen - doch dann entscheid er, daß er zur Entgegennahme der Pizza doch ebenso aufstehen müsse. Während Helen Ramirez einer entsetzt dreinschauenden Grace Kelly in harten Worten das Wesen der Liebe nahezubringen suchte, malte sich Schömberg aus, wie eine lauwarme, matschige Pizza schmecken würde, deren Käsefäden sich überall verbreiteten, und rote Tomatenflecken seine Fleecedecke verunzieren würden. Also seufzte er, verschob die Abrechnung von Frank Miller mit Bill Cane auf den frühen Abend, und erhob sich. Er bemühte sich, straff und entschloßen zur Zubereitung von Bratwürsten zu schreiten, die er gestern im Aldi erworben hatte.
ruecker42 schrieb am 7.6. 2011 um 02:09:44 Uhr zu
Bewertung: 3 Punkt(e)
Die Gassen rochen nach Staub und die Hitze lungerte träge zwischen den Häusern, Peters hatte Assoziationen eines Miasmas, das aus den Wänden quoll um die Menschen, die geduckt ihrer Wege schlichen, heimtückisch und endgültig niederzustrecken. (Für einen Moment wähnte er sich mit dieser Vorstellung in seinem Büro im 16. Stock. Die klare Erkenntnis, daß das Verlassen des Turmes unweigerlich zum Tode führen würde, zeigt ihm auf, daß er den Tod auch haben könne, wenn er einfach in seinem Büro verharrte, nur die Ursache wäre eine andere, verhungert oder verdurstet. Wo wäre letztendlich der Unterschied? Sollte er daher nicht einfach ins Freie gehen?)
Als er in Ufernähe kam, wurde es etwas kühler. Schließlich erreichte er die Promenade und ließ sich auf einer Bank nieder. Die Lichter vom anderen Ufer brachen sich in Reflexionen auf den Wellen des Maines, ein Anblick, der ungemein beruhigend auf Peters wirkte. Nach etlichen Minuten weckte ein anschwellendes Dröhnen sein Interesse. Er wandte den Kopf in die Richtung, aus der das Dröhnen kam und konnte schließlich im Dämmerlicht in einiger Entfernung eine Gestalt ausmachen, die zwischen drei schwarzen Würfeln stand und wohl eine Gitarre umhängen hatte, sich aber nicht bewegte. Neugierig ging Peters auf diese Erscheinung zu und dabei fielen ihm andere Menschen auf, die auf der Wiese saßen und dem oszillierenden dumpfen Gedröhn regungslos lauschten. Als er nahe genug herangekommen war, erkannte er tatsächlich eine Gitarristin, die völlig versunken auf eine Batterie von kleinen Kästchen und Pedalen starrte, die sich zu ihren Füßen ausbreitete und die untereinander mit einem Gewirr von Kabeln verbunden waren. Die schwarzen Würfel waren Verstärker, aus denen das Geräusch erklang. Nur minimale Bewegungen führte die Musikerin aus und Peters bemerkte, daß nach jeder Bewegung ein neuer Klang langsam zwischen den anderen Klängen vernehmbar wurde, sich dazwischen schob, während andere Töne dahinter verschwanden, sich auflösten. Peters ging langsam zurück zu der Bank, von der er gekommen war. Im Westen verglühte der letzte Fetzen Abendrot.
Dabei fiel ihm eine Bemerkung Furgesons vom Morgen ein: »Infrarot, Peters, wenn so ein Auditor das Patchkabel ziehen und dann einen roten Punkt sehen würde, dann hätten wir nicht viel gekonnt. Machen sie sich darum keine Gedanken.«
Die Leiche schrieb am 10.5. 2011 um 00:54:56 Uhr zu
Bewertung: 3 Punkt(e)
Frühsommer im Mai - die Freibäder öffneten, und Schömberg raffte sich dazu auf, in shorts und ärmelosen shirt in den Park zu schlendern. Früher, als er noch gearbeitet hatte, wagte er nur im Urlaub derart luftige Bekleidung. Sein Arzt hatte ihn ermuntert. Die frische Luft würde ihm guttun. Und so saß er dann auf einer Parkbank im Halbschatten einer üppigen Kastanie, blätterte in der SZ herum, und fand das Leben solange schön, bis sich wieder in seiner Schläfe jener stechende Schmerz, in seinen Beinen dieses Kribbeln einstellte und sein Kreislauf in Sturzflug überging. Schömberg blieb ruhig, er wußte, welche Medikamente er seinem »Detlev« zu entnehmen hatte. Ohne dieses »schwule Ding« als Medikamentenbox ging er nie aus dem Haus.
ruecker42 schrieb am 28.5. 2011 um 19:53:17 Uhr zu
Bewertung: 2 Punkt(e)
Bücherregale hatten schon immer eine Anziehung auf Peters ausgeübt. Er konnte sich an glückliche Kindheitsmomente erinnern, mit einem Buch auf dem Teppich, das er zwar kaum verstand, aber alleine das Umschlagen der Seiten und das Anschauen des Schriftbildes und der Zeichnungen und Tabellen hatten ihm Glücksgefühle bereitet. Es gab immer Neues in den Büchern zu entdecken und es war ihm bis auf den heutigen Tag nie langweilig geworden. So war es nicht verwunderlich, daß er begann, das Regal in Westphals Büro genau zu inspizieren und dabei die Welt um sich herum so ziemlich vergaß. Sein Blick blieb kurz an »Understanding Bollinger Bands« hängen und dann fand er, was er gesucht hatte. »Die Sprache der Märkte. Elliott Wellen: Struktur für die Zukunft.« Er zog das Buch aus dem Regal und ließ sich auf dem Boden nieder.
»Sie sind hier nicht zu Hause, Peters. Oder ist ihnen die Begegnung mit Heinsbergen so in die Knochen gefahren, daß sie es nicht mehr in einen Stuhl geschafft haben?« Peters ließ erschrocken das Buch fallen und wandte sich um. In der Türe des Büros stand Westphal, mit einem Grinsen im Gesicht. »Guter Gott, Peters. Haben Sie nichts besseres zu tun, als ausgerechnet dann hier aufzutauchen, wenn Heinsbergen durch die Gänge streicht? Lassen Sie es sich gesagt sein: Es ist besser, mit dem nicht die Luft im selben Gang teilen zu müssen. Der frißt Abteilungsleiter zum Frühstück und er hat ein Auge auf euch da in der sechzehn.«
Die Leiche schrieb am 31.5. 2011 um 09:39:50 Uhr zu
Bewertung: 2 Punkt(e)
Schömberg lebte also nun mit seinem Sohn Lars in der kleinen Zweiraumwohnung zusammen. Schömberg bewohnte das größere Zimmer, Lars das kleinere, das ehedem Schömbergs Schlafzimmer gewesen war. Schömberg fühlte sich an seine Studentenzeit erinnert, die WG in Regensburg, wohin ihn die ZVS verschlagen hatte. Frühmorgens fuhr Lars Schömberg mit dem Zug in die benachbarte Kreisstadt zum Gymnasium, am Spätnachmittag kam er nachhause, manchmal auch erst mit dem letzten Zug, manchmal garnicht, auch für mehrere Tage. Schömberg fragte nie, wo er war, wann er wiederkommen würde - es sei denn, wenn sie sich verabredten, etwa zum gemeinsamen Kochen oder einem Besuch im »Mykonos-Grill«. Diese unaufgeregte Gleichgültigkeit erregte in Schömbergs Sohn Lars weitaus größere Sympathien für seinen Vater, als Schömberg vermutet hätte. Er konnte gehen, wohin er wollte, und wenn er wiederkam, fühlte er sich herzlich willkommen. Daß Vater und Sohn Schömberg gerade ihre ersten Vorstrafen abgefasst hatten - Schömberg wegen Insidergeschäften, sein Sohn als Schulhofdealer - trug ebenso zur familiären Solidarität bei, wie ihrer beider Affinität zum rumschwulen; gleichwohl war diese bei Schömberg ausgeprägter, als bei seinem Sohn, der öfters seine Freundin Jasmin mitbrachte. Schömberg zog sich dann regelmässig am frühen Abend mit seinem Campingbus aus der 65-qm-Wohnung zurück.
Die Leiche schrieb am 4.5. 2011 um 21:19:05 Uhr zu
Bewertung: 3 Punkt(e)
Schömberg hatte gute Tage, gute Wochen. Dann schlief er gut, und wurde unternehmungslustig. Er unternahm Spaziergänge, ja regelrechte Wanderungen, wischte und räumte in seiner Wohnung herum, veranstaltete Kochexperimente, und genoß es intensiv, im Sonnenschein auf Parkbänken zu sitzen. Doch dann gab es immer wieder die schlechten Tage und schlechten Zeiten, manchmal wochenlang, manchmal Monate, in denen Schömberg erst im Morgengrauen Schlaf fand, und sich dann in wechselnden Stufen der Depression durch den Tag schleppte. Manchmal konnte er kaum gehen, bekam Schweißausbrüche davon, den Mülleimer runterzubringen, mußte auf dem Weg von und zum Supermarkt schnaufend anhalten, so daß meist ältere Mitmenschen besorgt auf ihn zukamen und ihre Hilfe anboten.
Die Leiche schrieb am 21.5. 2011 um 09:10:56 Uhr zu
Bewertung: 2 Punkt(e)
Schömberg hatte sich vom Schock der Hausdurchsuchung immer noch nicht erholt, als die nächste Überraschung über ihn hereinbrach. Sein Sohn Lars stand vor der Tür, mit einem olivgrünen Seesack über der Schulter. »Mama hat mich rausgeschmissen !« Auch bei Schömbergs zukünftiger Exfrau hatte eine Hausdurchsuchung stattgefunden. Bei Schömberg hatte man Haschisch gefunden, Schömbergs Sohn war einschlägig vorbestraft - also ?! »Gefunden haben sie nix! Ich bin nich blöd!« grinste Lars. Vater und Sohn saßen nebeneinander auf Schömbergs Couch, und tranken Bier aus der Flasche. Schömberg betrachtete die Tätowierungen auf den nackten Schultern und Oberarmen seines Sohnes, der nur ein Trägershirt trug. »Triple Style« erklärte Lars. »Voll krass, gell ?« Nun klar, Schömberg konnte und wollte seinem Sohn das Asyl nicht verweigern. Erst recht nicht, als er auf entsprechende Nachfrage seines Sohnes erklären mußte, wieso sie bei ihm, Schömberg, eine Hausdurchsuchung veranstaltet hätten. Diese Erklärungen waren umfangreicherer Natur, da Lars Schömberg die Begriffe des Bank- und Börsenrechts durchaus fremd waren. Er hatte den -ehemaligen - Beruf seines Vaters nie leiden mögen. Doch nun erwuchs in ihm eine kumpelhafte Achtung vor seinem wirtschaftskriminellen Vater. »Ey Dad, das hätt' ich Dir nie zugetraut ! Aber jetzt sind wir quitt, wa ?« - Das bezog sich auf Lars Schömbergs Indiskretion über die Bezahlung des Strafverfahrens gegen Lars Schömberg wegen Betäubungsmitteln, aufgrund derer Schömberg nunmehr von seiner zukünftigen Exfrau - Larsens Mutter - auf Auskunft über sein Einkommen und Unterhalt verklagt wurde. Immerhin: der Unterhaltsanspruch für Lars, den seine Exfrau geltend gemacht hatte, war nun erledigt: Lars lebte ja jetzt bei seinem Vater ! Dieser konnte im Gegenteil nunmehr gegen seine zukünftige Exfrau Unterhalt für Lars, der ja noch 2 Jahre die Schulbank drücken würde (»Mindetens !«) geltend machen. »Ey klar, Alter, das machen wir ! Die blöde Alte soll uns kennenlernen ! Prost !« Und als sie die Flaschen abgesetzt hatten, grinste Lars seinen Vater schelmisch an: »Haste Bock, was zu rauchen ?«
Die Leiche schrieb am 25.5. 2011 um 08:14:57 Uhr zu
Bewertung: 2 Punkt(e)
Schömbergs Sohn Lars hatte erstmals Besuch, seitdem er in die Zweiraumwohnung seines Vaters eingezogen war - ein junges Mädchen seines Alters, mit dem er sich alsbald in sein Zimmer zurückzog. Schömberg, der sich an die Anwesenheit seines Sohnes recht schnell gewöhnt und die Beschränkung auf das größere der beiden Zimmer willig aktzeptiert hatte, fühlte auf einmal einen Anflug von Platzangst. Er beschloß kurz vor der üblichen Abendessenzeit, sich in seinen Campingbus zu setzen, und wegzufahren. Es war ein regnerischer Abend, und Schömberg steuerte ziemlich ziellos in die Dämmerung. Dann kam ihm die rettende Idee. Er würde ins Kino gehen. Warum nicht ? Er war zwar erst gestern dort gewesen - aber so günstig liese sich ein Abend ausser Haus kaum gestalten an so einem regnerischen, kalten Frühsommerabend, den in seinem Campingbus zu verbringen Schömberg nicht die geringste Lust in sich verspürte, wohingegen alleine der Gedanke, daß sein Sohn Lars Schömberg just in dieser Zeit in seiner kleinen Wohnung bumsen würde, auch in Schömberg Lustempfindungen wachwerden lies.
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