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Mensch und Heilkunde bei Hildegard von
Bingen
(Teil 1)
1998 feiern wir die neunhundertste Wiederkehr des Geburtstags einer Frau des Mittelalters, die in
den letzten Jahren weit über den engeren Kreis der Theologen und Mediävisten hinaus nicht nur in
Deutschland, sondern in der ganzen westlichen Welt bei alt und jung, bei Menschen
unterschiedlichster Herkunft, bekanntgeworden ist wie wohl keine andere Frau jener Jahrhunderte.
Hildegard wird, so muß man sagen, in Anspruch genommen, dient als Zeugin für viele, kaum
vereinbar erscheinende Aussagen. Vielseitig war sie, das steht immerhin fest, wie nur ganz wenige.
Doch darf man in Hildegard von Bingen auch (wie es der Titel eines 1927 erschienenen Buches
suggeriert) die erste deutsche Ärztin und Naturforscherin sehen?
Ehe man auf diese und ähnliche, damit zusammenhängende Fragen eine Antwort versuchen kann,
ist es angebracht, sich einige wichtige Stationen ihres Lebensweges ins Gedächtnis zu rufen.
Hildegards Leben
Als 10. Kind des Edelfreien Hildebertus und seiner Gattin Mechthild wird Hildegard 1098 in
Bermersheim, wenige Kilometer nördlich von Alzey in Rheinhessen, geboren. Im Alter von acht
oder neun Jahren kommt sie in die Obhut einer nur wenig älteren entfernten Verwandten, der 1090
geborenen Jutta von Spanheim (heute Sponheim), die sich mit anderen Frauen bei dem
benediktinischen Männerkloster auf dem Disibodenberg, am Zusammenfluß von Glan und Nahe,
1112 als Klausnerin niederläßt. Nach Juttas Tod (1136) übernimmt Hildegard die Leitung über die
inzwischen angewachsene Gemeinschaft frommer Frauen auf dem Disibodenberg. Ein eigenes
Kloster auf dem Rupertsberg bei Bingen, nördlich der Mündung der Nahe in den Rhein, begründet
sie 1147; die Lösung vom Kloster auf dem Disibodenberg war schwierig, da sich der Abt dagegen
stellte, doch Hildegard setzte sich hier wie auch bei zahlreichen späteren Gelegenheiten gegen
äußere Widerstände durch.
1147, im Alter von rund 50 Jahren, arbeitet sie auch an ihrem ersten großen Visionenbuch, dem
Scivias (»Wisse die Wege«), das sie 1141 auf göttlichen Befehl begonnen hatte und 1151, zehn
Jahre nach dem Beginn der Niederschrift, abschließen wird. Im selben Jahr 1147 korrespondiert
sie mit Bernhard von Clairvaux, dem weithin berühmten, nur wenig älteren (* 1091) Kirchenlehrer
und Begründer der mittelalterlichen Mystik; der Erzbischof von Mainz erhält bereits fertiggestellte
Teile des Scivias übersandt und leitet sie an Papst Eugenius den III. weiter, als der sich zu einer
Synode in Trier aufhält. All das läßt erkennen, daß Hildegard damals eine Stellung erlangt hat, die
sie von anderen Nonnen und Äbtissinnen unterscheidet. Vier zwischen 1158/59 und 1170
unternommene pastoral motivierte Reisen und eine ausgedehnte, erhaltene Korrespondenz mit
bedeutenden Gestalten der Kirche bis hin zum Papst und mit Vertretern der weltlichen Macht bis
hin zum Kaiser unterstreichen dies. (Daß es sich hier vielfach um engere und weitere, auch durch
Heirat dazugekommene Verwandte der aus dem Adel stammenden Hildegard handelt, muß
berücksichtigt werden, damit wir uns kein falsches Bild machen. Inwieweit sie realen Einfluß hatte
oder nehmen wollte, muß dahingestellt bleiben.)
In der Mitte der sechziger Jahre begründet sie ein weiteres Frauenkloster (St. Giselbert) auf der
Bingen gegenüberliegenden Rheinseite, in Eibingen. Als sie am 17. September 1179 stirbt,
hinterläßt sie ein dem Umfang und dem Gewicht nach bedeutendes Werk, das außer den
Visionenbüchern - auf das Scivias folgten ein Liber vitae meritorum und ein Liber divinorum
operum - ihre Kompositionen geistlicher Gesänge, zu denen man auch das Spiel vom Ordo
virtutum stellen kann, die schon erwähnte Korrespondenz, eine Reihe kleinerer christlicher
Schriften und solche zur Medizin und Naturkunde umfaßte, auf die wir noch besonders
zurückkommen werden. Von ihrer Autobiographie haben sich zwölf längere Abschnitte durch
wörtliches Zitat in der von ihrem Sekretär Gottfried begonnenen und 1181 von Theoderich
(Theodericus) von Echternach vollendeten Lebensbeschreibung erhalten.
Die Sprache, derer sich Hildegard bedient, ist - wie könnte es anders sein? - die Sprache der
Kirche, das Lateinische. Wir wissen über Hildegards Bildungsgang fast nichts; aber wie sie
schreibt und die Tatsache, daß sie sich ihr Latein (casus, tempora et genera heißt es in
Theoderichs Vita) von Helfern verbessern, redigieren läßt - was auf jeden Fall für die meiste Zeit
ihres Lebens gilt -, weist darauf hin, daß wir uns nicht vorstellen dürfen, sie habe etwa Unterricht in
der Klosterschule auf dem Disibodenberg erhalten. Wenn es eine solche Ausbildung im dortigen
Kloster damals gab, hat Hildegard davon - ihr Sprachstil zeigt es deutlich - nicht profitiert; ihre
Sprachkenntnisse sind durch den täglichen Umgang mit den liturgischen, biblischen und
theologischen Texten immer weiter gewachsen, an ihnen gleichsam 'geschult'. Was sie von Jutta
lernen konnte, war, so sagt sie selbst, kaum das Alphabet. Die Möglichkeit des Zugangs zum
Verständnis der Bibel, der Kirchenväter und der Philosophen wird ihr, wie sie berichtet, in einer
Vision geschenkt. Die Forschung hat erkannt, daß dieser Vorgang bei Augustinus in den
Confessiones in ähnlichen Worten beschrieben wird, und daß wir bei Hildegards sicher ernst
gemeinten Beteuerungen ihrer eigenen Unwissenheit nicht vergessen dürfen, daß dabei auch ein
damals geläufiger Topos zumindest anklingen mag.
Die Frage der Bildung und der Bildungsquellen, d. h. der zugänglichen Literatur, ist gerade für den
wichtig, der sich mit den naturkundlichen und medizinischen Aussagen Hildegards befaßt. Klöster
waren im Mittelalter nicht nur Burgen des Glaubens, sondern auch Burgen der Wissenschaft,
Bewahrer der Überlieferung des Wissens aus der Antike: Lorsch z. B., Fulda, die Reichenau,
Echternach sind uns als Orte bekannt, wo man medizinische Schriften finden konnte. Vom Kloster
auf dem Disibodenberg wissen wir in dieser Hinsicht nichts, auch darüber hinaus nichts hinsichtlich
einer Bibliothek oder eines Scriptoriums, wo Bücher durch Abschreiben vervielfältigt worden
wären, und wie Hildegard selbst eines auf dem Rupertsberg einrichtet (von dort stammt der
berühmte Wiesbadener Riesenkodex). Es bleibt uns deshalb nichts anderes übrig, als in dieser
Frage äußerst vorsichtig zu sein und die Untersuchung bezüglich möglicher Quellen für jede Stelle
einzeln und neu zu führen, da Hildegard selbst uns keine Hinweise gibt.
Die »Hildegard-Medizin«
Bedenken dieser Art entfallen, wenn man in Hildegard, pointiert formuliert, nur das Werkzeug, die
unwissende Vermittlerin einer göttlichen Botschaft sieht:
"Wunderbar ist Gott in seinen Heiligen und sehr merkwürdig die Welt in ihrem Urteil. Da hat ER
vor achthundert Jahren (um 1155 nach Christus) einem armseligen Geschöpf seine Medizin
geoffenbart, für alle Welt greifbar - und kein einziger Mensch unserer Tage hat bisher diese
Tatsache ernsthaft zur Kenntnis genommen als allein der Verfasser des vorliegenden Buches."
So beginnt die Einführung in das Werk So heilt Gott, eines Buches, das allein in seiner deutschen
Originalfassung mehr als einhundertfünfzigtausendmal verkauft worden ist. Erst seit seinem
Erscheinen im Jahre 1970 gibt es die »Hildegard-Medizin«, wie sie von ihren Anhängern und von
ihren Gegnern genannt wird. Die Hildegard-Medizin charakterisiert der Verfasser des Buches im
Untertitel als »neues Naturheilverfahren«, 'neu' selbstverständlich im Sinne von 'unbekannt' und
'Naturheilverfahren' im Gegensatz zu einer Medizin, deren Arzneischatz überwiegend synthetische
Pharmaka einsetzt.
Der Prophet der Hildegard-Medizin und Autor von So heilt Gott war der Arzt Dr. med. Gottfried
Hertzka (1913-1997). Seine Hildegard-Praxis in Konstanz wird, seit er sich zur Ruhe setzte, von
dem als Heilpraktiker ausgebildeten Dr. rer. nat. Wighard Strehlow weitergeführt.
Die Autorität dieser Hildegard-Medizin beruht auf der Annahme bzw. Voraussetzung, bei den uns
überkommenen medizinischen Schriften Hildegards handele es sich um göttliche Offenbarung, also
Gottes medizinische Botschaft für die leidende Menschheit (wobei an den christlichen Gott, speziell
den von Katholiken verehrten, gedacht ist). Die zahlreichen beobachteten Heilungen erwiesen
diese Annahme als zutreffend; auch im eher theoretischen Bereich der Physiologie und Pathologie
seien erstaunliche Kenntnisse dargelegt, die unserer heutigen wissenschaftlichen Sicht z. T.
entsprächen, z. T. über sie hinausgingen.
Diesen Anspruch erhebt Hildegard selbst allerdings nicht. Hertzkas Aussagen stehen auch im
Widerspruch zum Urteil moderner Theologen, denen man eine Zuständigkeit nicht gut absprechen
kann. Sie rechnen das, was uns unter dem Namen Hildegards zu Medizin und Naturwissenschaft
überliefert ist, zur Gruppe der nicht-visionären, also nicht göttlich inspirierten Werke, wie wir es
dem großen Artikel über Hildegard im Dictionnaire de Spiritualité entnehmen können, der etwa zur
selben Zeit (1969) wie Hertzkas Buch erschienen ist. Verfaßt wurde er von Marianna Schrader,
ein Name, der uns mitten in die Geschichte der modernen Erforschung von Hildegards Wirken
führt.
Hildegards Klostergründungen, am Rupertsberg in Bingen und, in Sichtweite an den Hängen am
anderen, nördlichen Ufer des Rheins, in Eibingen, haben die Zeitläufte nicht überdauert. Immerhin
wurde zu Beginn dieses Jahrhunderts oberhalb von Eibingen ein neues Nonnenkloster erbaut, wo
man sich um das Erbe der heiligen Hildegard mindestens seit den dreißiger Jahren (sicher
mitveranlaßt durch die Feier ihres 750. Todestages im Jahre 1929) auch durch wissenschaftliches
Forschen bemühte. Die 1956 veröffentlichte Untersuchung Die Echtheit des Schrifttums der
heiligen Hildegard von Bingen, verfaßt von Marianna Schrader in Zusammenarbeit mit ihrer
Ordensschwester Adelgundis Führkötter, stellt vermutlich den bis heute wichtigsten Punkt in der
Erforschung von Hildegards Werk dar.
Wenn Marianna Schraders Ansicht nach Jahrzehnten wissenschaftlicher Beschäftigung mit dem
Thema gegen die Gottfried Hertzkas steht, kann man sie nicht einfach beiseite wischen, denn es
geht nicht um den Gegensatz zwischen einem medizinischen Laien und dem wissenschaftlich
ausgebildeten Arzt, sondern um jenen zwischen der historisch gebildeten Theologin und einem
Arzt, der als Beleg für seine Einschätzung nur auf die vielen Heilerfahrungen, die er gemacht hat,
verweisen kann, sich aber, wie bei der Lektüre seiner Schriften immer von neuem offenbar wird,
bei der Beschäftigung mit dem Werk Hildegards nicht um den Erwerb theologischer oder
historischer Kenntnisse glaubte kümmern zu müssen. Seine Enttäuschung über die offensichtlich
schlechten "Erfahrungen ..., die ich [Hertzka] wegen Hildegard mit meinen lieben Christen gemacht
habe," die in der oben bereits zitierten Einführung anklingt, war sicher kaum zu vermeiden, denn
das, was Hertzka mit Erfahrung, Glaube und Inbrunst für hinreichend begründet hält, liegt auf einer
Ebene, von der die Brücke zu wissenschaftlicher Argumentation kaum geschlagen werden kann.
Es kann deshalb auch nicht überraschen, wenn ein Fachmann auf beiden Gebieten, der der
Hildegard-Medizin ganz offensichtlich positiv gegenübersteht, der Pater Dr. theol. und Dr. med.
Alfons Berkmüller, in seiner Arbeit Aspekte der Hildegard- Medizin zu dieser doch ganz
wichtigen Frage: Ist die Hildegard-Medizin göttlich inspiriert?, kein Wort sagt.
Doch ganz gleich, wie man diese Frage beantworten möchte, stehen dem unmittelbaren
Verständnis von Hildegards Naturkunde und Medizin Schwierigkeiten entgegen, die man nicht
einfach übergehen darf. Viele der bei ihr erwähnten Krankheiten und Leiden können nicht einfach
mit heutigen Begriffen gleichgesetzt werden. Wenn Hildegard z. B. sagt, Nierenschmerzen seien
häufig auf Magenschwäche zurückzuführen, dann wird man fragen dürfen, wie die Pathogenese
aussieht, ob die Niere als Organ schmerzt, oder der Schmerz nur in der Nierengegend lokalisiert
ist. Geht es dann um die Behandlung, stehen wir vor der Frage, ob wir die meist pflanzlichen
Heilmittel tatsächlich immer mit der nötigen Sicherheit identifizieren können, nicht nur, um damit
vielleicht ebenfalls einen Versuch zu unternehmen, sondern auch, um die Gefahr der
Selbsttäuschung auszuschließen.
Zur Echtheit der Hildegard-Schriften
Doch ehe wir überhaupt das Buch zur Hand nehmen, sollte die allerwichtigste Frage gestellt
werden: Ist das, was wir vor uns haben, das, was Hildegard schrieb? Die Frage klingt banal, leben
wir doch in einer Zeit, in der mechanische Methoden der Vervielfältigung eine beliebig große
Anzahl gleicher Exemplare einer Schrift erzeugen kann. Für frühere Zeiten gilt umgekehrt, daß die
Vervielfältigung durch den Menschen, durch den Umweg über sein Auge, sein Ohr, seine Hand,
dafür sorgt, daß kein Exemplar völlig dem anderen gleicht. Wenn wir also nicht das Original aus
der Hand des Autors besitzen (im Mittelalter ein äußerst seltener Fall), steht eine Kette der
Überlieferung zwischen uns und dem, was er gewollt hat. Den Menschen des Mittelalters war
dieser Umstand vertraut, und deshalb hat Hildegard sicher nicht nur die sprachliche Redaktion
ihrer Schriften, sondern auch ihre Vervielfältigung sorgsam überwacht bzw. überwachen lassen.
Doch während wir viele ihrer Werke mehr oder weniger in ihre Zeit und zum Scriptorium auf dem
Rupertsberg zurückverfolgen können (wo der Sponheimer Abt Johannes Trithemius [1462-1516]
sie Anfang des 16. Jahrhunderts noch gesehen hat und sich Abschriften herstellen ließ), haben wir
gerade bei dem naturkundlichen und medizinischen Schrifttum Probleme.
Hildegards Biograph Theoderich teilt uns die Titel ihrer Werke nicht mit; "mit prophetischem
Geist,» so schreibt er, habe sie «Ausführungen über die Natur des Menschen und der Elemente
sowie der verschiedenen Geschöpfe gemacht, und wie dem Menschen durch sie zu Hilfe zu
kommen sei, und viele andere Geheimnisse." Schon ob es um ein oder zwei Werke geht, bleibt
unsicher; jedenfalls ist ein Liber simplicis medicine (Buch der einfachen Medizin) und ein Liber
composite medicine (Buch der zusammengesetzten Medizin) schon einige Jahrzehnte nach
Hildegards Tod in den Kanonisationsakten bezeugt, im 15. Jahrhundert dann in zwei
Bibliothekskatalogen und bei Trithemius. Können wir sie mit den (der?) 1533, 1544 und 1855
gedruckten Physica bzw. den Causae et curae, die zum ersten und einzigen Mal 1903 nach einer
einzigen Handschrift veröffentlicht wurden, gleichsetzen? Das Verzeichnis der medizinischen
Bücher der Heidelberger Universität von 1438 nennt (unter der modernen Nummer 37) eine heute
nicht mehr existierende Handschrift: Item Summa Hildegardis de infirmitatum causis et curis in
uno volumine. Cuius primum folium incipit 'Deus ante creacionem mundi', penultimum vero
incipit 'qui et quarta'. Die Übereinstimmung von Titel und Textanfang mit dem Codex 90b der
Neuen königlichen Sammlung in Kopenhagen, der aus dem Kloster St. Maximin in Trier stammt,
weist in diese Richtung, während die Formulierung in der literaturhistorischen Übersicht des
Katalogs der 1372 gegründeten Kartause am Salvatorberg in Erfurt: Simplicis medicine lib. I.
Composite medicine lib. I keine weitere Klarheit gibt.
Immerhin können wir den Titel Liber simplicis medicine einigermaßen verstehen, denn die
Physica behandeln in 9 Büchern Gebiete der Natur, von den Pflanzen zu den Metallen, ihre
Eigenschaften und medizinischen Anwendungen. Wenn wir den Liber composite medicine mit
den Causae et curae gleichsetzen, haben wir nicht etwa ein Buch vor uns, das Rezepte mit
mehreren Bestandteilen aufführt - sie gibt es in den Physica ebenfalls -, sondern ein jetzt in 5
Bücher geteiltes Sammelsurium, dessen therapeutische Abschnitte (Buch 3 und 4), wie jüngst
nachgewiesen wurde, großenteils den Physica entnommen sind. Was sich sonst findet, paßt
durchaus zu den Angaben bei Theoderich, springt aber so häufig von einem Thema zu einem
anderen, daß man an eine Sammlung von Auszügen aus einem größeren Werk glaubt. Um eine
solche handelt es sich bei dem von Schipperges entdeckten Berliner Fragment, das sich z. T. mit
den Causae et curae berührt, wo aber ebenfalls die Echtheitsfrage für jede Aussage neu gestellt
und beantwortet werden muß. Insgesamt freilich sollte man die Authentizität der Hildegard
zugeschriebenen naturkundlich-medizinischen Werke nicht in Abrede stellen, denn Hildegards
Denkweise und ihr Sprachstil sind so eigentümlich, daß an der Verknüpfung mit den visionären
Werken und den dort überlieferten Aussagen zu Anthropologie, Natur und Kosmos kein
vernünftiger Zweifel bestehen kann.
(Ein weiterer Beitrag zur Medizin im Werke Hildegards wird folgen.)
Weiterführende Literaturhinweise:
1. Zu Leben und Persönlichkeit
Heinrich Schipperges, Hildegard von Bingen, München 1995 (Beck'sche Reihe.
2008) (zur Einführung; mit Angaben weiterführender Literatur, leider ohne
Berücksichtigung der jetzt maßgebenden Ausgaben des Corpus Christianorum.
Continuatio mediaevalis, wo allerdings die medizinisch-naturkundlichen Werke noch
fehlen; um den Nachdruck der alten Ausgaben hat sich die Basler
Hildegard-Gesellschaft verdient gemacht)
Lebensbeschreibung: Vita Sanctae Hildegardis, cura et studio Monicae Klaes,
Turnholti 1993 (Corpus Christianorum. Continuatio mediaevalis. 126) (mit
ausführlicher Einleitung in deutscher Sprache zu allen Fragen des Lebens der Hl.
Hildegard und Literaturverzeichnis)
2. Zu den medizinischen Schriften
Causae et curae, deutsch: Die Reihenfolge der lateinischen Ausgabe von Paul Kaiser
wahren die Übersetzungen von Hugo Schulz (Der Äbtissin Hildegard von Bingen
Ursachen und Behandlung der Krankheiten, zuerst München 1933) und von Manfred
Pawlik (Hildegard von Bingen: Heilwissen, Augsburg 1990, nachgedr. Freiburg i. Br.
usw. 1991), während Heinrich Schipperges (Heilkunde [Causae et curae]. Das Buch
von dem Grund und Wesen der der Heilung der Krankheiten, zuerst Salzburg 1957)
den Stoff systematisch anordnet und als einziger, oft unter Zuhilfenahme moderner
Begriffe, erläutert.
Physica, deutsch: Marie-Luise Portmann, Hl. Hildegard: Heilkraft der Natur
»Physica«, Augsburg 1990
Irmgard Müller, Die pflanzlichen Heilmittel bei Hildegard von Bingen, Salzburg 1982
(mit Literaturangaben) (Taschenbuch: Freiburg i. Br. 1993)
Anschrift des Verfassers:
Prof. Dr. phil. Klaus-Dietrich Fischer, M.A.
Medizinhistorisches Institut der Johannes Gutenberg-Universität
Am Pulverturm 13
55131 Mainz
Aus: Ärzteblatt Rheinland-Pfalz, Ausgabe März 1998, S. 101-104 (Wiedergabe mit freundlicher
Genehmigung des Kirchheim-Verlags)
Mensch und Heilkunde bei Hildegard von
Bingen
(Teil 2: Geschlecht und Charakter)
zu Teil 1
Nachdem wir im ersten Teil des Beitrags Leben und Werk Hildegards von Bingen, aber auch ihre
heutige Vereinnahmung kurz kennengelernt haben, sollen im folgenden einige ihrer Ansichten zu
Vererbung, Geschlecht und Charakter dargestellt werden. Damit sind wir in einem Bereich, der zu
den medizinischen Grundlagen gehört (im Mittelalter wird das oft physica 'Naturkunde' genannt);
bewußt lasse ich das Gebiet der Therapie beseite, das ohne den großen Zusammenhang mit
heutzutage auch den meisten Medizinhistorikern wenig vertrauten Quellenschriften nicht sinnvoll
erörtert werden kann. Ein weiterer Vorteil ergibt sich daraus, daß wir hinsichtlich der Echtheit von
Aussagen Hildegards dort, wo es Parallelen zwischen den visionären Werken, zu allererst dem
Scivias und dem Liber divinorum operum, und den medizinischen Schriften gibt, in einer
unvergleichlich besseren Ausgangsposition sind als bei den vielen Rezepten der Physica, wo
spätere Änderungen und Zusätze weniger leicht erkannt werden können.
Charakter und Samen im Scivias
Hildegard fragt: Warum sind die Menschen so, wie sie sind? Warum sind sie voneinander
verschieden, nach ihrem körperlichen Äußeren, nach ihrem Charakter und nach ihrem
Lebensschicksal? Damit stellt sie die Frage nach der Determination unseres Seins, unseres
So-Seins; sie spricht die Frage der Prädestination und des freien Willens an, Grundprobleme der
Anthropologie also, ganz gleich, ob man sich ihnen aus theologischer oder aus
allgemeinphilosophischer Sicht nähert.
Die erste Textstelle, die ich erörtern möchte, entstammt dem frühesten überhaupt von Hildegard
schriftlich niedergelegten Werk, dem großen Visionenbuch Scivias - Wisse die Wege. In der 4.
Vision des 1. Teils wird dort u. a. die Frage behandelt, welcher Zusammenhang zwischen dem
menschlichen Samen und den damit gezeugten Kindern besteht. Wir bemerken zu unserer
Überraschung, daß Hildegard nicht theologisch-philosophisch argumentiert, sondern daß ihre
Erklärung eher naturwissenschaftlich-materialistisch ausfällt. Dazu muß man freilich anmerken, daß
erst der gewaltige Wissenszuwachs in den Naturwissenschaften im Gefolge der Renaissance zu
dem uns geläufigen Gegensatz theologischer und naturwissenschaftlicher Positionen geführt hat; für
Hildegards Zeit gelten andere Voraussetzungen.
Daß der Nachwuchs in seinen äußeren Merkmalen eine Übereinstimmung mit den Eltern zeigt, war
bei Mensch und Tier schon lange beobachtet worden. Man hatte auch versucht, diesen
Vererbungsvorgang in Hypothesen zu beschreiben und zu erklären. Hildegard begibt sich in ihrer
Vision auf ein verwandtes und doch ganz anderes Gebiet, sie will verständlich machen, wie die
sinnlich wahrnehmbaren Eigenschaften des menschlichen Samens mit dem Charakter der damit
gezeugten Kinder zusammenhängen; die Überschrift dieses Abschnitts lautet Von der
Uneinheitlichkeit des menschlichen Samens und der Verschiedenheit daraus entstandener
Menschen.
Wie man unschwer vermuten kann, läuft das auf eine Typologie hinaus. Im vorliegenden Fall bildet
Hildegard drei Gruppen, die das Spektrum menschlicher Lebenswege und Schicksale abdecken
sollen oder vielleicht auch bloß die drei Gruppen sind, die sie besonders interessieren. Derartige
Unterteilungen kehren übrigens bei Hildegard häufig wieder; ich möchte darin ein Charakteristikum
ihrer Arbeitsweise sehen, sicher nicht ohne Bezug zur beginnenden Scholastik und demnach ein
Zeugnis dafür, daß Hildegard der Wissenschaft keineswegs so fern stand, wie man aus manchen
ihrer Selbsteinschätzungen unbefangen schließen würde.
Die erste dieser drei Gruppen zeichnet sich aus durch Tüchtigkeit (strenui). Diesen Menschen
eignet eine große Herrlichkeit an geistlichen und weltlichen Gaben; für alle sichtbar, gedeihen sie
hervorragend in ihren Werken bei Gott und den Menschen, mit Klugheit, Mäßigung (discretio,
mâze) und Fähigkeit sind sie reich begabt, und der Teufel kann sie nicht anfechten.
Eine zweite Gruppe stellt dazu das Gegenbild dar: diese Menschen sind töricht, unentschieden
(tepidi, wörtlich: lau) und unnütz, was sie tun, bleibt ohne Erfolg vor Gott und den Menschen, weil
sie Gott nicht angestrengt suchen.
Die dritte Gruppe schließlich ist durch Häßlichkeit (informes), Bitterkeit, Schwierigkeit und
Bedrückung gekennzeichnet, so daß es diese Menschen oft nicht vermögen, ihren Sinn zu
Höherem zu erheben. Gleichwohl gelingt es vielen von ihnen, ein nützliches Leben zu führen,
obgleich sie und vor allem, weil sie viele Stürme und Widrigkeiten zu bestehen haben; Ruhe
nämlich würde sie lau und unnütz machen. Trotz eher negativer Anlage haben sie letztendlich Erfolg
und gehen als Sieger aus dem Lebenskampf hervor.
Als Ursache für diese Unterschiede in Charakter und Lebensweg sieht Hildegard die
Beschaffenheit des menschlichen Samens an. (An dieser Stelle ist wohl allein an einen
Zeugungsbeitrag des Mannes gedacht; anderswo nennt sie in traditioneller Weise das das
Menstruationsblut als weiblichen Zeugungsbeitrag.) Hildegard bedient sich des schon in der Bibel
(bei Hiob 10,10) erwähnten geläufigen Vergleichs des menschlichen Samens mit gerinnender Milch
bei der Käseherstellung, der erklärt, wie aus etwas Flüssigem, dem Samen, etwas Festes, nämlich
die Leibesfrucht, wird: aus dicker, somit fetter Milch wird starker Käse, bei dünner Milch ist es
genau umgekehrt, und - damit sind wird bei der dritten Kategorie - mitunter hat die Milch eine
faulige Beimischung (tabes), die Ursache bitteren Käses (fortis-debilis-amarus).
- In Fall 1 ist der Samen stark, gut gekocht und gut gemischt (d. h. zusammengesetzt);
- in Fall 2 schwach, nur halb gar und halb zusammengemischt;
- in Fall 3 in untauglicher Weise abgesondert (nequiter eductum) und in unbrauchbarer
Zusammensetzung (Mischung).
Die Vorstellung von der Kochung und Mischung des Samens, von dickem, demzufolge gutem, und
dünnem, somit schwachem Samen können wir in der antiken Medizin wiederfinden. Für die
Menschen des Altertums hatten Kochen und Mischen eine ganz bestimmte, weitergehende
Bedeutung, die wir uns erst verdeutlichen müssen: Durch Kochen werden viele Nahrungsmittel erst
genießbar, d. h. das Kochen verändert sie so, daß sie genutzt werden können; das Mischen ist
nicht nur bei der Bereitung des Weins, dem stets Wasser, kaltes, heißes und sogar Salzwasser,
zugesetzt wurde, sondern vor allem in der Technik bei der Herstellung von Metallegierungen von
entscheidender Bedeutung für die Eigenschaften des Endprodukts. Wenn wir die Nuance ein klein
wenig verschieben und statt des antiken Begriffs der Mischung (griech. krasis, lat.
temperamentum, mittellat. in diesem Sinne complexio) den der Zusammensetzung verwenden,
leuchtet uns das noch leichter ein.
Trotzdem bildet die antike Medizin und Naturwissenschaft letztendlich nur die Basis, eine -
wenngleich unverzichtbare - Grundlage, auf welcher Hildegard anschließend ihr eigenes Gebäude
errichtet, das Theologie, religiöse Schau und Naturwissenschaft in eigentümlicher Weise verbindet.
Charakter und Samen in den Causae et curae
Später geht Hildegard diesen Weg selbständiger theoretischer Entwürfe weiter. In ihrem
Hauptwerk zu Medizin und Physiologie nämlich, den Causae et curae, entwirft sie ein weitaus
differenzierteres Schema (CC S. 35,17-36,12 Kaiser). Dieses soll nicht allein, wie zuvor im
Scivias, eine Verbindung zwischen Samen und Charaktereigenschaften herstellen, sondern darüber
hinaus das Geschlecht des Kindes erklären.
Hinsichtlich des Charakters beschränkt sich Hildegard wiederum auf eine grobe Einteilung. Der
positive Typ ist prudens und virtuosus (besonnen und reich an guten Eigenschaften), was dem
strenuus, utilis entspricht, bei dem die prudentia ja auch angeführt wurde. Der negative Typ wird
als amarus (bitter oder herb) bezeichnet, was man am ehesten im Sinne der gerade behandelten
Scivias-Stelle verstehen kann. Als weitere Eigenschaft ist 'schwach' genannt, und wir könnten
sogar so weit gehen, hier eine Wiederholung des Dreierschemas aus dem Scivias zu sehen. Eine
ähnliche Einteilung verwendet Hildegard an einer anderen Stelle (CC S. 77,33-78,7 Kaiser), wo
sie vom guten Einfluß des zunehmenden und umgekehrt vom schlechten Einfluß des abnehmenden
Mondes auf die Zeugung spricht.
Die Konsistenz des Samens ist bei dieser Einteilung, die uns hauptsächlich beschäftigt, allerdings
nicht mehr die einzige Variable. Als weitere Determinante führt Hildegard die Liebe ein, und zwar
differenziert sie dabei sehr genau zwischen der Liebe des Ehemannes zu seiner Frau einerseits und
andrerseits der Liebe der Ehefrau zu ihrem Mann. Entscheidend ist wohlgemerkt das Ausmaß der
Liebe im Augenblick der Zeugung. Hildegards Angaben lassen sich in einer Tabelle
zusammenfassen, die ich um die letzte Zeile - eine Kombination, die in Hildegards Text fehlt -
ergänzt habe.
Samen
Liebe
/
Liebe
/
Kind
stark
+
+
besonnen, voll guter Eigenschaften
stark
+
-
schwach
dünn
+
+
voll guter Eigenschaften
dünn
+
-
dünn
-
+
stark
-
-
bitter
dünn
-
-
bitter
(stark
-
+
)
Wie wir erkennen, wird das Geschlecht des Kindes durch die Beschaffenheit des (männlichen)
Samens bestimmt. Der Charakter des Kindes hingegen ist abhängig von der Liebe zwischen Mann
und Frau. Die günstigste Kombination - Zeile 1 der Tabelle - liegt vor, wenn ein starker Same und
die Liebe beider Eltern zusammentreffen; dann entsteht ein männliches Kind, das besonnen und
reich an guten Eigenschaften ist. Im ungünstigsten Fall - vorletzte Zeile der Tabelle - entwickelt sich
bei mangelnder Liebe aus dünnem Samen ein Mädchen, welches 'bitter' ist.
Hildegard probiert also mehrere versc
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