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Der erste Text am 14.3. 2001 um 20:02:21 Uhr schrieb
Rotzbatzen über Schwitters
Der neuste Text am 2.6. 2016 um 22:07:46 Uhr schrieb
Stefano über Schwitters
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am 2.6. 2016 um 22:07:46 Uhr schrieb
Stefano über Schwitters

am 20.1. 2004 um 22:38:22 Uhr schrieb
biggi über Schwitters

am 20.1. 2004 um 22:46:35 Uhr schrieb
KIA über Schwitters

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Assoziationen zu »Schwitters«

Rotzbatzen schrieb am 14.3. 2001 um 20:02:21 Uhr zu

Schwitters

Bewertung: 9 Punkt(e)

Franz Müllers Drahtfrühling

Erstes Kapitel
Ursachen und Beginn der großen glorreichen Revolution in Revon (Abdruck und Übersetzung, Verfilmung und Vortrag verboten)

Was müssen das für Bäume sein,
wo die großen Elefanten spazieren gehen
ohne sich zu stoßen

Das Kind spielte. Und sah einen Mann stehen. »Mama« sagte das Kind; die Mutter »Ja«. - »Mama« - »Ja« - »Mama« - »Ja« - »Mama, da steht ein Mann- »Ja« - »Mama, da steht ein Mann- »Ja« - »Mama, da steht ein Mann- »Wo- »Mama, da steht ein Mann- »Wo steht ein Mann- »Mama, da steht ein Mann- »Wo steht ein Mann- »Mama, da steht ein Mann- »Ach was- »Mama, da steht ein Mann- »Laß doch den Mann stehen- »Mama, da steht ein MannDie Mutter kommt. Tatsächlich steht da ein Mann. Merkwürdig, was mag der da wohl zu stehen haben? Man sollte doch lieber den Vater mal rufen. Die Mutter: »VaterDer Vater: »Jawohl- »Vater, da steht ein Mann- »Jawohl« ... »Vater, da steht ein Mann- »Laß ihn stehen- »Vater da steht ein Mann- »Was will denn der Mann- »Das weiß ich nicht, frag ihn doch mal- »Laß doch den Mann stehen- »Vater, nun komm aber endlich, da steht jemand und steht- Der Vater kommt. Tatsächlich, da steht jemand und steht. »Mein Herr, warum stehen Sie da- Der Mann steht. »Mein Herr, aus welchem Grunde stehen Sie da?« ... Der Mann steht. Das ist aber ganz außerordentlich, da steht ein Mann und antwortet nicht. »Mein Herr, ich frage Sie zum dritten Male, weshalb stehen Sie da- Der Mann steht.
Es kommt jemand vorbei. »Herr Nachbar, kommen Sie mal, da steht ein Mann- »Was ist los- »Da steht ein Mann- »Wieso- »Da steht ein Mann- Der Nachbar kommt. Tatsächlich steht da ein Mann. Es kommen Leute vorbei, es bildet sich eine Gruppe von Leuten um den Mann. Fragen werden laut, wie: »Warum steht der Mann da- »Weshalb steht der Mann da- »Wo steht denn ein Mann- »Mann, warum stehen Sie- »Herr, weshalb stehen Sie- Der Mann steht. Unter der Menge, welche den Mann umsteht, befindet sich übrigens noch ein Fremdling. Keiner kennt ihn. Der Autor verrät, daß er Alves Bäsenstiel heißt. Der Mann steht. Es ist dies derselbe Alves Bäsenstiel, der meinen verehrten Lesern aus seiner Erzählung von der Zwiebel her bekannt ist: »Es war ein sehr begebenswürdiger Tag, an dem ich geschlachtet werden sollte.« (Revon in Familienflaschen à 2,50 M.) Der Mann steht.
Inzwischen kommen andere Leute vorbei und bleiben stehen. »Was ist denn hier los- »Warum stehen denn die Leute da- »Weshalb stehen denn die Leute da- »Ist jemand angefahren?« - »Da steht ein Mann- »Wieso- »Der steht da- »Wieso steht der da- »Der steht da- »Was will der denn- »Der steht da- »Ja, wieso steht der denn da, der muß doch was wollen- »Das wissen wir eben auch nicht- Frau Schön befindet sich übrigens auch unter der Anwesenden, jedoch das wird den Leser kaum weiter interessieren. Der Mann steht.
Inzwischen kommt Herr Doktor Leopold Feuerhake vorbei. Herr Dr. Friedrich August Leopold Feuerhake stutzt. Plötzlich sagt Herr Dr. Friedrich August Leopold Kasimir Amadeus Feuerhake zu seiner Frau Gemahlin Frau Doktor Amalie Feuerhake: »Amalie«, sagt plötzlich Herr Dr. Friedrich August Leopold Kasimir Amadeus Gneomar Lutetius Feuerhake zu seiner Gattin, »Amalie, dort ist ein Auflauf- »Was für ein Auflauf«, fragt Frau Dr. Amalie ihren Gatten, den Herrn Dr. Friedrich August Leopold Kasimir Amadeus Gneomar Lutetius Obadja Feuerhake. »Ein Menschenauflauf natürlich.« (Revon ohne Rosinen.) Frau Dr. Amalie stutzt nun ebenfalls und zwar in durchaus vornehmer Art und Weise und blickt in der Richtung nach dem Auflauf. Sie nimmt ihren Lornjong vor die Augen und sagt zu ihrem Gatten: »Leopold, erkundige dich doch einmal, was denn hier eigentlich los istHerr Dr. Leopold fragt einen Mann: »Was ist denn hier los- »Weiß ich nicht- Herr Dr. Leopold fragt weiter: »Was ist denn hier passiert- »Da steht ein Mann- »Wieso- »Da steht ein Mann- »Aber da kann doch kein Mann stehen- »Jawohl, da steht ein Mann- »Aber Mensch, überlegen Sie, wo soll da ein Mann stehn- »Jawohl, da steht ein Mann- Herr Dr. Leopold bahnt sich einen Weg durch die Menge, er will doch den Mann einmal stehen sehn. Frau Dr. Amalie folgt ihm. Tatsächlich, da steht ein Mann. Herr Dr. Dr. Friedrich August Leopold Kasimir Amadeus Gneomar Lutetius Feuerhake und seine Gemahlin Frau Dr. Amalie staunen; da steht tatsächlich ein Mann. Tatsächlich, da steht ein Mann. »Ja«, sagt darauf der Dr., »nun erwächst nur die eine, allerdings nicht ganz unwichtige Frage, warum der Mann da stehtHerr Feuerhake ist nämlich von Beruf aus Redakteur und Kritiker. Der fremde Herr Alves Bäsenstiel wird jetzt auf Feuerhake aufmerksam. Er ist im übrigen gerade damit beschäftigt, sich den unauffälligen Namen Meyer beizulegen. »Du hast recht«, sagt darauf Frau Dr. Amalie zu ihrem Gatten, »nun erwächst nur die eine, allerdings nicht ganz unwichtige Frage, warum denn der Mann da steht- »Das Einfachste wird sein, ich frage den Mann selbst- »Du hast recht«, sagt darauf Frau Dr. Amalie, »das Einfachste wird sein, du fragst den Mann selbstDarauf sagt der Dr.: »Mein Herr, warum stehen Sie eigentlich daDer Mann steht. »Mein Herr, aus welchem Grunde stehen Sie eigentlich daDer Mann steht. »Mein Herr, ich frage Sie zum dritten Male, weshalb stehen Sie eigentlich daDer Mann steht. »Mensch, sind Sie eigentlich taubDer Mann steht. »Antworten SieDer Mann steht. »Herr, ich begreife nicht, was Sie hier eigentlich zu stehen habenHerr Dr. Feuerhake ist nämlich von Beruf aus Kritiker. Der Mann steht.
Nun wird es aber Frau Dr. Amalie zuviel. Sie drängt ihren Gatten zur Seite und wendet sich an den Mann mit den Worten: »Meine Gatte fragte sie wiederholtermaßen, was Sie hier zu stehen haben. Wer sind Sie denn eigentlich? Wer sind Sie denn eigentlich, daß Sie meinem Gatten nicht antworten? Wissen Sie etwa nicht, wen Sie vor sich haben? Mein Gatte ist hochwohlgeboren Herr Doktor Friedrich August Leopold Kasimir Amadeus Gneomar Lutetius Obadja Jona Micha Habakuk Zephanja Hagai Sacharja Maleachi Feuerhake, Leiter der Zeitung Revon, und dieser Mensch steht da. Antworten Sie meinem Gatten, dem Herrn LeiterDer Mann steht.
Nun wird aber Frau Dr. Amalie erregt. Sie nimmt ihr Lornjong vor die Augen und nimmt dasselbe wieder ab. Es ist sehr heiß zwischen der Menge. (Bei rheumatischen Zahnschmerzen und Kopfweh genügen meist 2-3 Revontabletten, und zwar auf den Bauch.) Frau Dr. Amalie fühlt, daß aller Blicke auf sie gerichtet sind, Frau Dr. Amalie fühlt, daß sie heute die Hauptperson ist, Frau Doktor Amalie fühlt, daß sie jetzt etwas sagen muß, Frau Dr. Amalie schnauft wenige Sekunden, dann wendet sie sich an den Mann mit den Worten: »Was bildet sich dieser Mensch überhaupt ein? Ich bin Frau Dr. Amalie Feuerhake, dieser Herr hier ist mein Gatte, der Redakteur Feuerhake, Leiter der Zeitung Revon, und dieser Mensch steht da. Ich und mein Gatte, wir beide fragen diesen Menschen wiederholtermaßen, was er da zu stehen habe, und dieser Mensch steht da und antwortet weder mir, noch meinem Gatten. Herr, ich verbitte mir solche dreisten Beleidigungen-
»Liebe Amalie«, versuchte der Dr. Redakteur zu beruhigen. »Die Frau hat ganz recht«, sagte plötzlich der fremde Herr Alves Bäsenstiel. Alle Köpfe drehten sich nach ihm um. (Beim Fernsprecher aufzuhängen, Verpackung wird zum Selbstkostenpreis berechnet. Setzt man das Spielzeug wieder hin, läuft es von selbst weiter.) »Der Mann hat recht«, sagte jemand aus der Menge. »Wer hat rechtfragte eine Stimme aus der Menge. Der Dr. Redakteur wollte wieder etwas sagen, aber da fühlte seine Frau Gemahlin, daß sie etwas sagen mußte. »Dieser Mann«, sagte sie, »dieser Mann ist ein Lümmel.« Feuerhake zuckte zusammen. »Der Mann ist ein Verbrecher«, sagte Alves Bäsenstiel trocken. »Dieser Mann«, sagte Frau Dr. Amalie, »dieser Mann ist ein ganz ungezogener MenschUnd, als ob sie plötzlich ihre Selbstbeherrschung verloren hätte, sagte sie einen Ausdruck, einen Ausdruck, den sie wahrscheinlich von einem ganz ungebildeten Menschen gehört haben mußte, einen Ausdruck, den sie wahrscheinlich bislang nicht über ihre vornehmen Lippen gebracht hatte, einen Ausdruck, wie ihn der Autor selbst nie gebraucht haben würde, nämlich »Lauseaas.« - »Filou«, rief jemand, »Rübenschwein«. »Der Mann ist ein Verbrecher«, sagte Alves Bäsenstiel wieder ganz deutlich.

Hier läßt der Autor zunächst ein selbstverfaßtes Gedicht folgen:
Viereck.
Laue Milch Kampf Deine Seele Dreieck
Blumen blüten gelbe Monde in der Sonne
Mond blauen gelbe, gelbe Tage
Und der Frosch schrägt die wäle Frage Deiner Augen
Tauen Augen Dir entgegen
Laue Milch Kampf Deiner Seele Dreieck
Dir
Und Du
Und Augen wälen Frage Samt den Frosch.

Und nun folgt zunächst der Anfang dieser Geschichte. Das Kind spielte. Und sah einen Mann stehen. »Mama«, sagte das Kind. Die Mutter: »Ja« - »Mama« - »Ja« - »Mama« - »Ja« - »Mama, da steht ein Mann- »Ja« - »Mama, da steht ein Mann- »Ja« - »Mama, da steht ein Mann- »Wo« - »Mama, da steht ein Mann- »Wo« - »Mama, da steht ein Mann- »Wo steht ein Mann- »Mama, da steht ein Mann- »Wo steht ein Mann- »Mama, da steht ein Mann- »Ach was- »Mama, da steht ein Mann- »Laß doch den Mann stehen. « - »Mama, da steht ein Mann- Die Mutter kommt. Tatsächlich steht da ein Mann. Merkwürdig, was mag der da wohl zu stehen haben. Man sollte doch lieber der Vater mal rufen. Die Mutter ruft den Vater, der Vater ruft den Nachbarn./Der Mann steht. Es bildet sich eine Gruppe von Menschen und zwar um den Mann, in Klammern ein Auflauf. Herr Dr. Friedrich August Leopold Kasimir Amadeus Gneomar Lutetius Feuerhake von der Zeitung Revon und seine Frau Gemahlin, Frau Dr. Amalie Feuerhake, erkunden sich vergeblich nach dem Grunde, weshalb der Mann da steht. Frau Dr. Amalie wird dabei aufgeregt und läßt sich hinreißen zu Ausdrücken, zu Ausdrücken, die sie wohl von einem ganz ungebildeten Menschen gelernt haben mußte, zu Ausdrücken, die sie bislang nicht auf, geschweige denn über ihre vornehmen Lippen gebracht hatte, z.B. »Lauseaas«. Es fallen noch mehr Schimpfworte, wobei es eine Preisfrage ist, ob es Schimpfworte oder Schimpfwörter heißt. Alves Bäsenstiel nennt den Mann sogar einen Verbrecher, er hat es zweimal deutlich gesagt, besonders das zweite Mal, nachdem Frau Dr. Amalie sich hatte hinreißen lassen zu Ausdrücken, wie sie der Autor nie gebraucht haben würde: »Lauseaas!«
In diesem kritischen Augenblick läßt der sein selbstverfaßtes Gedicht 'Viereck' folgen:

Viereck.
Laue Milch Kampf Deine Seele Dreieck
Blumen blüten gelbe Monde in der Sonne
Mond blauen gelbe, gelbe Tage
Und der Frosch schrägt die wäle Frage Deiner Augen
Tauen Augen Dir entgegen
Laue Milch Kampf Deiner Seele Dreieck, Viereck,
Fünfeck, Sechseck, Siebeneck, Achteck, Neuneck, Zehneck,
Dir
Und Du
Und Augen wälen Frage Samt den Frosch.

Was müssen das für Bäume sein, wo die großen Elefanten spazieren gehn, ohne sich zu stoßen!
Und wenn Du denkst, der Mond geht unter, er geht nicht unter, es scheint bloß so. Et quand tu songes, la lune se couche, il ne se couche, elle ne fait qu'ainsi.
Und wenn Du denkst, der Mond geht unter, er geht nicht unter...
Und nun folgt zunächst wieder der Anfang dieser Geschichte! Das Kind spielte. Und sah einen Mann stehen. »Mama«, sagte das Kind. Die Mutter: »Ja- »Mama- »Ja- »Mama- »Wo- »Mama- »Wo- »MamaDer Leser weiß es nun selbst, wie es weitergeht; aber es kann nicht deutlich genug gesagt werden, daß da ein Mann steht resp. gestanden hat. Wir werden ja sehen.
Kurz darauf erscheint Anna Blume. Anna Blume? Jawohl, geliebter Leser, dieselbe Anna Blume, von hinten wie von vorne A-N-N-A, aber es war noch vor der Zeit, als Steegemann sie verlegt hatte, sie war noch nicht einmal im 'Sturm' erschienen, geschweige durch den deutschen Blätterwald mit Anmerkungen der Redaktionen gehetzt. Sie war noch so gut wie unbekannt. (Zur Erhöhung der Betriebssicherheit ist bei der Bergfahrt die vordere Hälfte, bei der Talfahrt die hintere Hälfte stärker zu besetzen. Jeder Mißbrauch wird strafrechtlich verfolgt.) Bescheiden stellte sie sich weit hinten ab. Blau ist die Farbe Deines gelben Haares. Und sah, daß da viele Menschen versammelt waren, aber sie getraute sich nicht zu fragen. Und in der Mitte erschien ein Mann und bewegte sich nicht. Es schien Anna Blume, als ob die Leute wegen dieses Menschen da standen. (Lucie, Du liebst mich nicht, wohl weil ich ein Friseur bin?) Ein leises Summen, wie von einer Summe von Fragen summte durch die Leute. »Sit«, summte plötzlich der Dr. Redakteur und wollte sich damit lateinisch ausdrücken, »sit, aber warum antwortet denn der Mann nicht wenigstensDiese verwogene Bemerkung hätte er lieber unterlassen sollen, denn mit einem Male packte der heilige Zorn Frau Dr. Amalie Feuerhake.
»Was?«, rief sie »u-und Sie wollen jetzt etwa i-immer noch ein ge-ge-b-b-bil-de-ter Mensch sein? Flegel, mein Mann ist K-Kunstkritiker, Redakteur, L-L-Leiter, Herausgeber, M-Minister, jawohl Minister des Staates Revon, Sie Lümmel, Lulatsch, Lumich, Schwein, Sie Schwein, Sie gemeines Schwein, Sie Hanswurst, Sie Trottel, Sie blödes Aas, Sie Rindskaffer, Sie Lauseaas!« Und mit diesen Worten fuhl Sie in Ohnmacht. Der Autor weiß an dieser Stelle sehr wohl, daß es eigentlich fiel heißen muß, aber Frau Dr. Amalie fuhl, denn das paßte besser zu ihrer durchaus vornehmen Persönlichkeit. »Der Mann ist ein Verbrecher«, sagte Alves Bäsenstiel, aber keiner achtete auf ihn. Man sah Frau Dr. Amalie sinken, sinken in die Arme ihres Gatten, des Redakteurs Herrn Friedrich August Leopold Kasimir Amadeus Gneomar Lutetius Feuerhake. (Revon vor blutigen Ereignissen.)
Ich stelle hier ausdrücklich fest, daß es die Frau jenes angesehenen Redakteurs und Kritikers Feuerhake, einer der angesehensten Zeitungen der Stadt Revon war, welche jetzt ohnmächtig in den Armen ihres Gatten lag. Blut rinste Eimer dick fest Peitsche Quirl Zitrone. Die Leute standen Spalier, während Frau Amalie von ihrem Gatten und einem herbeigeeilten Arzte zur Seite auf einer Rasenbank geschleift wurde. Das Lornjong fuhl dabei unter die Menge, worüber sie fast wieder zum Bewußtsein erwacht worden wäre. Und der Mann stand immer noch.
Während ein Teil der Menge sich mit Interesse um Frau Dr. Amalie gruppierte, war es Anna Blume möglich, ein wenig näher vorzukommen. Sie sah jetzt den Mann ganz deutlich, ein schöner Mann, ein wenig zerlumpt angezogen, so etwa wie der Volksmund sich Franz Müller vorstellt. Der Anzug war auch etwas eigenartig. Anna Blume dachte dabei etwa an die Merzplastiken des Autors. Er war nicht etwa gestopft oder geflickt, sondern mit Brettern vernagelt und mit Draht umspannt. Anna Blume dachte dabei etwa an die Merzplastiken des Autors; ekelhaft, so etwas in die Tat umzusetzen; eine wandelnde Merzplastik, d.h. der Mann wandelte ja gar nicht, der Mann stand. Er tat ihr so leid, sie wußte nicht weshalb. Es ist übrigens die Stelle, wo der Autor den Anfängen einer Liebe zwischen Anna Blume und Franz Müller nachspüren könnte. Jedoch tut er dieses nicht, sondern wendet seine Aufmerksamkeit Alves Bäsenstiel zu. Alves Bäsenstiel benutzte die ganze Aufregung um die Ohnmacht der Frau Dr. Amalie, um näher an den stehenden Mann heranzukommen. Gerade als Frau Schön »Pfuideubel« sagte, mitten auf das Parkett spuckte und sich dadurch zum Mittelpunkt des lebhaftesten Interesses machte, marschierte Alves Bäsenstiel vor, unmittelbar vor das Gesicht des Mannes. Der Mann stand immer noch, er hatte, wie der Chronist Hans Arp sagt, ohne Frage einen schweren Stand.
Plötzlich sagte Alves Bäsenstiel: »Ihr Leute hört auf mich, seht diesen Mann an, dieser Mann fordert euch Euch heraus. Dieser Mann, der hier steht, steht hier, dieser Mann fordert Euch heraus, dieser Mann, der hier steht, dieser Mann fordert Euch heraus, dieser Mann steht hier. Der Mann, der Euch herausfordert, steht hier, der Mann, der hier steht, fordert Euch heraus, der Mann, der hier steht, steht hier, der Mann, der Euch herausfordert, fordert Euch heraus; das kommt aber einer Herausforderung gleich, oder denkt Ihr etwa, der Mann stände hier bloß zum Spaß; o nein, zum Spaß steht hier niemand nirgends. Dieser Mann hat eine Absicht, wenn er hier steht, seht ihn an, wie er hier steht, so steht keiner ohne Absicht. Aber was wird seine Absicht sein? O Ihr einfältigen Toren, Ihr könnt natürlich den Schwindel nicht durchschauen; aber ich weiß, welche Absicht er hat, ich kenne diese Art Menschen. Der Mann ist ein Verführer, einer Verführer des Volkes.« »Bravo«, jubelte die Menge. »Du bist belogen, Volk, Du wirst belogen, Volk, Dein Los ist Lüge.« »Bravo«, jubelte die Menge. »Ich aber sage Euch die Wahrheit, der Mann ist ein Verführer, wer aber Euch verführt, beleidigt Euch. Ein Volk darf sich nicht beleidigen lassen. Ein Volk, das Ehre hat, zu beleidigen, kommt aber einer Majestätsbeleidigung gleich. Ein beleidigtes Volk, das Ehre hat, muß handeln. Männer von Revon, habt Ihr Ehre? Dann handelt, handelt, handelt! Wenn Ihr nicht handelt, beschämt Euch dieser Mann.« »Bravo«, jubelte die Menge - »Der Mann hat Euch schon beschämt, der Mann ist ein Beschämer. Ein Beschämer ist ein Dorn im Auge des Volkes. Wollt Ihr einen Dorn in Euerm Auge dulden? Männer von Revon, Balken kann man im Auge haben, Balken darf man im Auge haben, denn Balken sind gesetzlich erlaubt, Dornen aber nicht. Balken machen den Menschen sehend, daß er die Splitter im Auge des Nächsten erkennt, Dornen aber schmerzen und machen den Menschen blind. Dieser Mann ist kein Balken, dieser Mann ist ein Dorn- »Bravo«, jubelte die Menge. »Wißt Ihr, was man mit einem Dorn im Auge tut- »Bravo«, übereiferte sich die Menge.
In diesem Augenblick wurde der Redner unterbrochen. In der Luft fuhr ein mit 4 Ponys bespannter Leiterwagen, in Form eines Regenschirms, vorbei, auf dem in feuriger Schrift mit nur großen Buchstaben der Name P-R-A zu lesen war. Der Name hatte überhaupt nur Anfangsbuchstaben. Der Autor verrät, daß es eine Vorahnung war, welche mit 4 Ponys bestückt mit einem Leiterwagen gleich einem Kanonenrohr durch die Luft sauste. Einer sagte: »Das hat der Autor gemacht, denn das paßt nicht hierherUnd damit war die ganze Stimmung für die große Rede Alves Bäsenstiels aus. Da nun inzwischen auch Frau Dr. Amalie soweit wiederhergestellt worden war, daß wir sie hier wieder einmal erwähnen müssen, glaube ich, daß es nun endlich an der Zeit ist, die Polizei zu holen. Denn wozu haben wir überhaupt eine Polizei! Herr Dr. Friedrich August ging deshalb persönlich in einige Nebenstraßen und suchte, bis er einen verkrochenen Schutzmann fand. Er war nämlich in jener so überaus sensiblen Stadt von jeher so Sitte, daß die Polizei nur in den dringendsten Fällen eingriff, d.h. wenn die Fälle gänzlich gleichgültig waren, und wenn der Beamte gefahrlos und mit großer Geste, besonders aber ohne die Menge aufzuregen, irgendeinen gänzlich harmlosen Menschen festnehmen konnte. Ich erwähne hier ausdrücklich, daß dieses eine Sitte der Polizei nur des Freistaates Revon war. Sah der Beamte aber Menschenansammlungen, so entfernte er sich unauffällig, taktvoll und in weiser Voraussicht. Herr Dr. Friedrich August hatte es infolgedessen auch nicht leicht, einen Schutzmann zu finden, und als er einen gefunden hatte, denselben zu überzeugen, daß hier seine Mitwirkung erforderlich wäre. (Sois donc gentile.) Der Beamte hatte nämlich die falsche Meinung gehabt, daß er etwa den Volksredner Alves Bäsenstiel festnehmen sollte; als er jedoch erfuhr, daß es sich nur um einen Mann handelte, der bloß dumm dastände, kam er sofort mit.
»Mein Herr«, sagte er zu dem Manne. Der Mann steht. »Ich muß, so leid es mir tut, Ihre Personalien feststellen- Der Mann steht. »Wie heißen Sie- Der Mann steht. Anna Blume lebte Welten in einer Minute. Der Mann steht. »Im Namen des Gesetzes sind Sie verhaftetDer Mann steht. »Der Mann hat das Volk beleidigt«, sagte Alves Bäsenstiel. »Der Mann hat nichts getan, er hat bloß dagestanden«, sagte Frau Schön. »Kommen Sie«, sagte der Beamte und hob seinen rechten Arm. Der Mann steht. »Eine Weigerung würde einer Beamtenbeleidigung gleichkommen.«
Da geschah das Unerhörte. Der Mann wandte den Kopf zur Seite. Schreck wühlte Augenlichter zwischen Eingeweide. Der Polizist lächelte einen lackierten Apfel. Das Publikum war auf das äußerste gespannt, man wartete irrsinnig, was sich ereignen würde. Einige sahen schon wieder den Namen P-R-A mit nur großen Anfangsbuchstaben, nach Muster gefärbt. Ein junger Künstler rief dazwischen: »An sich ist ein Künstler doch etwas Lächerliches, haben Sie nicht auch das Empfinden.« (Spart Licht und Heizung!) Die Letzten von den Zuschauern setzten sich auf die Zehenspitzen. (Die Männer schwindeln ja alle.) Ein Kind wurde zwischen zwei dicken Frauen zerquetscht. (Bin ich nicht ein süßer Fratz?) Man warf die schlappen Überreste des Kindes achtlos unter die Füße. (Das Auge sieht den Himmel offen.) Einige kleinere Leute bemächtigen sich des Leichnams und stellten sich darauf, weil sie auch etwas sehen wollten. Frau Dr. Amalie auf der Rasenbank fühlte schmerzhaft, daß sie nicht mehr im Mittelpunkt des lebhaften Interesses stünde. (Weißt Du es, Anna, weißt Du es schon, man kann dich auch von hinten lesen, und DU, DU Herrlichste von allen, Du bist von hinten wie von vorne Q-R-S-T-U-V-W-Z.) Warte nur, balde, ruhest Du auch. Dieses Wort »balde« gehört zweifelsohne zu den schönsten Erfindungen der Neuzeit. »Kommen Sie«, sagte der Beamte und hob das linke Bein. Der Mann steht. »Kommen Sie«, sagte der Beamte und hob den rechten Arm. Der Mann steht. »Mein Herr, wenn Sie nicht sofort mitkommen«, der Mann steht. »hole ich Verstärkung
Da geschah das Unerhörteste. Langsam und mit der Ruhe einer vollkommenen Maschine ging der Mann, freundlich nach allen Seiten grüßend, aber nicht mit dem Beamten, sondern in entgegengesetzter Richtung. Die Weiber kreischen, die Männer staunen Bäume, die Kinder liefen Schrei. Frau Dr. Amalie fuhl in ihre zweite Ohnmacht, wobei es ihr sehr zustatten kam, daß sie noch auf der Rasenbank ruhte. Der Beamte stand, wie der Mann vorher gestanden hatte; und der Mann ging.
In kurzer Zeit bot der Schauplatz der Handlung ganz deutlich das Bild einer gewaltigen Explosion. Wie der Pulverturm platzt durch den zündenden Funken, so liefen die Leute wie von einer plötzlichen Panik ergriffen nach allen Seiten auseinander. Tumult jagte Entsetzen wilde Flucht. Einige stolperten über den Leichnam des zerquetschten Kindes und fielen. Diese Unglücklichen wurden von der rasenden Menge totgetreten. Frau Dr. Amalie bekam bei dieser Gelegenheit einen Fußtritt in die Gegend des Bauches und erwachte infolgedessen relativ schnell aus ihrer zweiten Ohnmacht, um in die dritte zu fallen. Genau wie bei der Explosion einige Grundmauern unverletzt stehenbleiben so waren hier fünf Menschen stehen geblieben, die Leichen nicht mitgerechnet; auch der Beamte stand und nahm das Protokoll auf.
Er notierte, daß ein Unbekannter, dessen Personalien infolge von Schwerhörigkeit oder Widersetzlichkeit oder aus einem dritten Grunde oder aus einem vierten Grunde leider nachträglich nicht mehr festgestellt werden konnten, welcher auch den umstehenden Anwesenden leider nicht bekannt gewesen wäre, durch ungesetzliches Betragen den Tod von eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs Bürgern und einem Kinde des Freistaates Revon verschuldet habe. Infolgedessen habe sich der unterzeichnete Beamte veranlaßt gesehen, den Mann rechtzeitig festzunehmen. Der Festnahme aber habe dieser sich leider plötzlich und unerwartet durch derartig übereilte Flucht entzogen, daß diese auch behördlicherseits leider nicht mehr verhindert werden konnte, zumal da die Polizei zu jener Zeit und an jenem Orte leider nicht über ausreichende Kräfte verfügt hätte. Leider ereigneten sich dabei oder vielmehr infolgedessen einige höchst bedauerliche Unglücksfälle, und nun folgt die Aufzählung derselben. Die anwesenden Zurückgebliebenen wurden als Zeugen notiert. Alves Bäsenstiel nannte sich bei dieser Gelegenheit Lutetius Hagedorn. Darauf folgt die behördliche Beschlagnahmung der Leichen. Die Leute wurden gestempelt, gewogen, auf Trichinen untersucht und in die Leichenschauhalle gebracht zwecks Feststellung ihrer Personalien, eine der Hauptaufgaben der hiesigen Polizei.
Ein mit Ziegenböcken bespannter buckliger Jüngling aber lief mit einer elektrischen Schelle durch die Straßen von Revon und rief: »Außerordentliche Sitzung des Parlaments, außerordentliche Sitzung des Parlaments, es handelt sich um nichts Geringeres, als um den Ausbruch der großen, glorreichen Revolution

hrafnaz schrieb am 16.7. 2001 um 22:48:31 Uhr zu

Schwitters

Bewertung: 3 Punkt(e)

AN ANNA BLUME
Merzgedicht I

O du, Geliebte meiner siebenundzwanzig Sinne, ich liebe dir!
Du deiner dich dir, ich dir, du mir. Wir?
Das gehört <beiläufig> nicht hierher.
Wer bist du, ungezähltes Frauenzimmer? Du bist bist du?
Die Leute sagen du wärest, laß sie sagen, sie wissen nicht, wie der Kirchturm steht.
Du trägst den Hut auf deinen Füßen und wanderst auf die Hände, auf den Händen wanderst du.
Hallo, deine roten Kleider, in weiße Falten zersägt.
Rot liebe ich Anna Blume, rot liebe ich dir!
Du deiner dich dir, ich dir, du mir. - Wir?
Das gehört <beiläufig> in die kalte Glut.
Rote Blume, rote Anna Blume, wie sagen die Leute?
Preisfrage:
1. Anna Blume hat ein Vogel.
2. Anna Blume ist rot.
3. Welche Farbe hat der Vogel?
Blau ist die Farbe deines gelben Haares.
Rot ist das girren deines grünen Vogels.
Du, schlichtes Mädchen im Alltagskleid, du liebes grünes Tier, ich liebe dir!
Du deiner dich dir, ich dir, du mir, - Wir?
Das gehört <beiläufig> in die Glutenkiste.
Anna Blume! Anna, a n n a, ich träufle deinen Namen.
Dein Name tropft wie weiches Rindertalk.
Weißt du es, Anna, weißt du es schon?
Man kann dich auch von hinten lesen, und du, du Herrlichste von allen, du bist von hinten wie von vorne:
»a n n a«.
Rindertalk träufelt streicheln über meinen Rücken.
Anna Blume, du tropfes Tier, ich liebe dir!
(kurt schwitters)

Bettina Beispiel schrieb am 14.12. 2003 um 20:30:58 Uhr zu

Schwitters

Bewertung: 1 Punkt(e)

dada ist nichtkunst nichtda nichtsein nichtwahr der schatten in unserem leben dadaistnet dadaistnett
Zitata: Und nun: Wollen Sie wissen, ob der Dadaismus noch lebt? Er lebt und wirkt - wie die Heilsarmee - am häufigsten im Verborgenen und tritt von Zeit zu Zeit immer in einer anderen Gestalt ans Tageslicht. Der Gedanke, daß Dadá überhaupt einmal sterben könnte, ist unsinnig. Dadá tritt immer von neuem in Erscheinung, so oder anders, immer, wenn sich zuviel Dummheit angesammelt hat. Die Tragödie eines jeden Wachsens ist wohl, daß es in sich zugleich den Todeskeim trägt; und einmal wird alles alt mit Ausnahme von Dadá. Bei uns in Deutschland ist der Dadaismus jetzt nicht mehr so notwendig, wie im Jahre 1918. Jetzt leben und schaffen die Künstler im Geiste der Zeit, im Geiste von 1924. Dadá bereitete ihnen den Boden und leistet ihnen auch heute noch Hilfe. Ich denke hier, um nur einige Namen zu nennen, an Leute wie: Lissitzky (Hannover, Ambri-Sotto), Burchartz (Bochum), Moholy, Gropius und Meier (Weimar), Mies van der Rohe, Richter (Berlin), Schwitters (Hannover) und viele andere. Es existiert ein >junger< 1924er Dadaismus, im Jahre 1918 existierte nur ein >alter< 1918er. Damals, da mußte >Dadá< sich mit allen streiten, in der Hauptsache mit dem Expressionismus, der sich damals gerade in einem chronischen Darmkatarrh befand. Heute ist der Expressionismus schon lange tot und die Kunstzeitschriften feiern sein Begräbnis. Zuweilen finden prachtvolle Begräbnisse statt. Welch riesige Massenaufregung erwirkte Huelsenbeck, als er 1919 den Dadá von Zürich nach Berlin verpflanzte. Ich erwähne hier Namen wie: Hausmann, Baader, Walter Mehring, Wieland Herzfelde, John Heartfield, George Grosz. In Köln entstand ein neues deutsches Zentrum des Dadaismus, das sich >Gruppe Stupide< nannte. Dort waren nämlich: Max Ernst, Anton Räderscheidt, Heinrich Hoerle, Baargeld. In Hannover gab es außer mir noch Christof Spengemann und Hans Arp, einen der vier Pro-Dadaisten, der von Zeit zu Zeit die deutschen Kameraden besuchte und es auch jetzt immer noch tut. Darüber hinaus habe ich nichts von dadaistischen Erscheinungen in Deutschland gehört. Nach 1918 grassierte hier an Stelle eines Dadaismus einige Jahre lang ein allgemeiner, sehr aggressiver und revolutionärer Expressionismus, solange die Revolution in Mode war. Infolgedessen verhielt sich auch der Dadaismus in Berlin revolutionär. Aber während der Expressionismus gefallsüchtig revolutionäre Grimassen schnitt, vollbrachte der Dadaismus revolutionäre Taten, um so kräftiger zuzuschlagen. Huelsenbeck, einer der klügsten Köpfe unseres Zeitalters, war sich genau darüber im klaren, daß in jener Zeit nichts besser die verfetteten Seelen aufrütteln konnte, als der Kommunismus. Aus diesem Grunde wurden Dadákommunistische Manifeste herausgegeben, Als Hauptforderung wurde z. B. herausgestellt, daß alle geistig schaffenden Menschen auf dem Potsdamer Platz ernährt werden sollten. Vielleicht ist das ein Beweis dafür, wie wenig es solcher Menschen geben muß! Von den Dadaisten war der typischste Dadaist im Leben Hausmann. Er liebte es, mit jedem Menschen entsprechend seiner Gemütsart durch Widerspiegelung gerade seiner allerheiligsten Gefühle umzugehen. Baader wanderte mit seinen Programmen von einem Ort zum anderen und brachte den Menschen in seiner Person den Präsidenten des Erdballs. Einer der befähigtesten Künstler und Dadaisten war Baargeld. Er kam wie ein Mädchen aus dem Süden, erstrahlte und leuchtete nur für einige Minuten auf wie die Königin der Nacht. Seitdem Max Ernst nach Paris ausgewandert ist, herrscht in Köln Totenstille. In Berlin sind von sämtlichen Dadaisten nur Hausmann und Baader übriggeblieben. Huelsenbeck praktiziert als Arzt, Grosz schuf eine radikale politische Formel (im Dadaismus hatte er niemals einen lebendigeren Anteil); für ihn war Dadá wohl für kurze Zeit ein politisches Kampfmittel, umgekehrt wie bei Huelsenbeck, für den der Kommunismus ein dadaistisches Kampfmittel war. Walter Mehring wird heute mit Recht als einer der besten Coupletdichter bewundert; nur vom Dadaismus kann hier nicht mehr die Rede sein. Und Herzfelde, ehemals John Heartfield, ist heute der bürgerliche Leiter des bürgerlichen Verlages >Malik< und verachtet den Dadaismus 1924. Endlich Baader, der seinen prächtigen Bart abrasiert hat und nicht mehr wie Christus aussieht, sieht nicht mehr genial aus, sondern nur noch so ein bißchen sächsisch. Nur Hausmann und ich betreiben in Deutschland noch den Dadaismus, machen Propaganda, veranstalten >Dadá<-Abende. Hausmann ist sehr klug, sehr phantasiereich sehr künstlerisch. Er ist aber Dadaist. Hausmann ist, ob er schreibt oder schafft, ob er wissenschaftliche Kombinationen entwickelt oder malt, ob er modelliert, vorträgt oder referiert, ob er singt oder tanzt, ob er will oder nicht, er ist immer und überall ein lebendiger >épater le bourgeois<. Auch Hans Arp, der nicht in Deutschland, sondern im Lande der Gletscher lebt, ist wirklich Dadaist und wird es auch immer bleiben, denn er kann gar nichts anderes sein. Quelle: Kurt Schwitters. Der Dadaismus. 1924. Zitiert nach Friedhelm Lach (Hg.): Kurt Schwitters

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