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Selbstbefleckung Kapitel 6, 7, 8, 9 , 10, am 15.1. 2012 um 15:30:13 Uhr
Blaster

Selbstbefleckung Kapitel 6, 7, 8, 9, 10

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Mein Geld verdiene ich mit dem Design von Konsumgüter-Verpackungen. Ich gestalte zum Beispiel Verpackungen für Kaffee, Waschmittel, Bodylotion, Eis, Tiefkühlpizza oder Tierfutter. Des weiteren entwerfe ich Etiketten für Erfrischungsgetränke und Bier, die Aufdrucke für Snacktüten oder für die Plastikverpackungen von Klopapier und Küchenrollen.
Ich arbeite jedoch nicht für einen Markenartikelhersteller, sondern für eine Discountkette. Es geht dabei um die Verpackungen der Eigenmarken, auch Handelsmarken oder No-name-Produkte genannt. No-name-Produkte ist dabei nicht ganz richtig, denn die Produkte bzw. Produktserien haben ja Namen. Nur eben keine bekannten. Oder keine, die im Gedächtnis haften bleiben. Zum Glück muss ich mir die nicht ausdenken. Das macht eine andere Abteilung. Die hat die schwere Aufgabe, etwa einen Namen für ein Waschmittel zu finden, der ähnlich klingt wie die Namen der bekannten Markenwaschmittel, aber nicht zu ähnlich. Er darf aber auch nicht zu unähnlich sein, sondern man muss schon erkennen, dass es sich um ein Waschmittel handelt. Und nicht etwa um eine Sportbekleidungsmarke.
Meine Aufgabe ist etwas einfacher: Ich entwerfe eine Verpackung, die so ähnlich aussieht wie die bekannten Waschmittelverpackungen, aber eben doch anders. Man kann das Produkt sofort als Waschmittel identifizieren, aber man verwechselt es nicht mit den Markenwaschmitteln.
Handelsmarken tun im Allgemeinen das, wasrichtigeMarken auch tun. Ihr Leben sieht ganz ähnlich aus. Was tun Marken so? Nun, sie werden geboren, leben und sterben eventuell auch wieder. Manche sind sehr langlebig und feiern dann ihren 125. Geburtstag mit Sondereditionen, Sammlerverpackungen usw.
Auch Handelsmarken werden irgendwann geboren. Das heißt, sie werden in die Welt gesetzt und existieren fortan. Später bekommen sie eventuell Ableger, zum Beispiel koffeinfrei, fettreduziert, light, öko oder was auch immer. Eine neue Produktlinie innerhalb der bestehenden Handelsmarke erfordert neue Verpackungen. Der Markencharakter muss dabei gewahrt bleiben, aber man muss sofort erkennen, dass es eine andere Produktlinie ist. Zum Beispiel sind Milchpackungen gerne blau-weiß. Für die fettreduzierte Variante wählt man dann hellblau-weiß. Einfach zu designen ist auch die Color-Variante eines Vollwaschmittels, man macht das Feld auf der Vorderseite der Verpackung, das vorher weiß war, nun eben bunt. Einige Discounter führen sogar eigene Luxus-Marken, zum Beispiel für Lachs und andere Feinkostprodukte. Solche Luxus-Produktlinien werden danndas bietet sich angerne in edles Schwarz verpackt, mit goldenem Aufdruck.
Wie normale Marken auch, werden Handelsmarken manchmal umbenannt. Oder sie fusionieren. Oder eine Marke, die zu umfangreich geworden ist, gliedert eine neue Untermarke aus, zum Beispiel Sonnenschutzprodukte aus der Körperpflege. Oder Produkte wechseln in eine neue Marke, zum Beispiel für sogenannte fair gehandelte Produkte oder Ökolebensmittel. Natürlich verschwinden auch manche Handelsmarken komplett vom Markt, so wie sonstige Marken auch. An diese erinnert man sich aber nur dann wieder, wenn man ein Exemplar sieht. Zum Beispiel bei Automarken. Bei Konsumgütermarken kommt das eher selten vor.
Von Zeit zu Zeit erhalten die Verpackungen ein Facelift, das heißt, sie werden einfach modernisiert, um auf dem Stand der Zeit zu bleiben. Auch das gibt es bei Handelsmarken. Und schließlich erfordert jede neue Packungsgröße einen neuen Verpackungsentwurf.
Ich habe also genug zu tun. Langeweile kenne ich im Büro nicht. Unterforderung auch nicht. Darüber bin ich eigentlich ganz froh. Manchmal liest man in Internetforen, zum Beispiel solchen zum Thema Erotik, dass Leute während der Arbeitszeit chatten. Ich hätte die Zeit gar nicht dafür. Außerdem könnte ich mich dann weder auf die Arbeit noch auf den Chat richtig konzentrieren. Diese Leute gehen sogar vom Firmenrechner aus in erotische Chats und verschwinden dann mal eben schnell auf der Toilette, um sich Erleichterung zu verschaffen.
In was für Firmen arbeiten diese Leute? In meiner Firma wäre so etwas undenkbar. Die Zeit wäre gar nicht vorhanden. Außerdem sind erotische Internetangebote sowieso im Firmennetzwerk gesperrt. Und ein Chat wird doch komplett uninteressant, wenn ich vom Rechner weg muss, um in der Toilette abzuspritzen. Laufe ich dann mit einer Erektion über den Firmenflur? Halte ich mein Jackett schamhaft vor die Ausbeulung in der Hose? Was mache ich, wenn in der Toilettenkabine neben mir gerade einer furzt und scheißt? Wie abturnend ist das denn?
Oder sind die Leute, die für so etwas Zeit haben, etwa alle Beamte? Das wäre das einzige, was ich mir vorstellen könnte. Sie schreiben nämlich meistensbei uns im Büround nichtbei uns in der Firmaoderbei uns im Betrieb“. Das wäre ein Indiz. Allerdings dürften sie dann auch nicht von Arbeitszeit schreiben. Sie müssten von Dienstzeit schreiben. Das tun sie aber nicht.
Oder die ganzen Geschichten sind sowieso erfunden. Von Leuten, die sich wichtig machen wollen. Nach dem Motto: „Seht her, was ich für einen tollen Job habe! Seht her, wie cool ich bin!“
Im Internet wird ohnehin gefaket, was das Zeug hält. Gerade auch in Chats. Da das zahlenmäßige Verhältnis Männer/Frauen in vielen kostenfreien Erotikchats bei 10 zu 1 oder noch schlechter liegt, geben sich manche Männer als Frauen aus. Meist machen sie das jedoch so erbärmlich schlecht, dass man es sofort durchschaut. Besonders witzig ist es, wenn zwei Männer, die sich als Frauen ausgeben, aufeinandertreffen. Beide vorgeblichen Frauen wollen gerne mit einer Frau chatten, um ihre bisexuelle Ader auszuleben.
Es ist ein seltener Glücksfall, wenn man in einem Chat eine wirkliche Frau trifft, die authentisch ist, auch so schreibt, und genau das selbe will wie man selbst.
So wie jene 40jährige Pfälzer Hausfrau, die ich vor einigen Jahren im Chatroom traf. Es war am späten Vormittag, ich arbeitete von zu Hause aus, was gelegentlich vorkommt. Mit meinem privaten PC ging ich ins Internet, um mir etwas Entspannung zu verschaffen. Ich sah mich kurz im Chatroom um und sprach sie an. Sie schlug von sich aus vor, dass wir ins Separée gehen. Ich glaube, sie war zu dem Zeitpunkt schon ziemlich geil, hatte wohl schon etwas länger auf Erotikseiten gesurft. Ihr Mann war bei der Arbeit, die Kinder waren in der Schule. Sie war eine klassische MILF. Eine Mother Id Like to Fuck.
Sie machte bereitwillig alles mit, was man im erotischen Chat machen kann. Stellungswechsel, Oralverkehr, Dirty Talking. Sie war in der Lage, sich vernünftig verbal auszudrücken. Wir machten uns gegenseitig richtig scharf, und es dauerte nicht lang, bis wir gleichzeitig zum Orgasmus kamen.
Danach machten wir uns gegenseitig Komplimente und sagten einender, wie gut wir es fanden und wie viel Spaß es uns gemacht hat. Dann verabschiedeten wir uns voneinander, ohne uns erneut zu verabreden.
Wir wussten beide, dass dieses Erlebnis einmalig war. Eine zweite Verabredung hätte nie so sein können wie dieser erste Chat, da die Leichtigkeit gefehlt hätte. Der ganze Chat war wie von einer schwebenden Stimmung getragen. Es stimmte einfach alles. Beide wollten wir dasselbe, wir waren einander auf Anhieb sympathisch, wir sprachen die selbe Sprache, wir harmonierten sexuell. Bei einer Wiederholung wären Erwartungen da gewesen, und wenn einer von uns nur in leicht anderer Stimmung gewesen wäre als beim ersten Mal, wäre es nicht gut geworden. Es hätte dann immer noch für einen ordentlichen mechanischen Orgasmus gereicht, sicher, aber wir hätten uns beide doch insgeheim nach der Leichtigkeit, nach dem schwebenden Gefühl des ersten Mals gesehnt. Das wussten wir beide, ohne es auszusprechen. Deshalb verabredeten wir uns erst gar nicht für ein zweites Mal. Wir haben uns seither nie wieder getroffen.
Ohnehin wurden Chats für mich schnell uninteressant. Im Verhältnis zu meiner eigenen Phantasie sind die meisten Chatpartner einfach nur langweilig. Oft erlebt man es auch, dass sie die Konversation völlig unmotiviert mittendrin abbrechen. Keine Ahnung, ob sie da einen verfrühten Orgasmus hatten oder ob ihnen einfach nur nichts mehr einfiel, was sie schreiben könnten. Beliebt ist auch die Ausredesorry tel“, was soviel heißen soll wieSorry, mein Telefon klingelt gerade und ich muss rangehen“. Meist dauern die Telefongespräche dann ziemlich lang und der Chatpartner kommt überhaupt nicht mehr zurück
Wie bezahlte Chats funktionieren, weiß ich nicht und werde es vermutlich auch nie herausfinden. Ich denke, man chattet 1:1 mit einer Partnerin, die man bezahlt. So etwas gibt es auch bei Erotik-Telefonhotlines. Vor das Internet aufkam, habe ich mal so eine Hotline ausprobiert. Die Dame, mit der ich dann 1:1 zusammengeschaltet wurde, hatte den gleichen Nachteil wie viele Chatteilnehmerinnen. Sie konnte sich nicht wirklich gut ausdrücken, was das Gespräch nicht sonderlich prickelnd machte.
Als wir zur Sache kamen, schlug ich eine bestimmte Sexpraktik vor. Diese lehnte sie ab. Dabei hätte sie sie doch nur am Telefon, nicht real praktizieren sollen. Aber nicht mal das bekam sie hin. Es war etwas völlig Harmloses, nichts Ausgefallenes, Unhygienisches, Ekliges oder Gewalttätiges. Hm, na ja, leicht unhygienisch war es vielleicht schon. Aber wirklich nur ganz leicht. Und wenn, dann nur für mich, nicht für sie.
Nein“, meinte sie, „alles würde ich machen, aber diese eine Sache nicht. Ich mag das nicht. Musstest du ausgerechnet das vorschlagen?“
Ich bezahle doch dafür, wo ist das Problem?“
Nein, tut mir leid, ich mache es nicht.“
Du brauchst ja gar nichts zu machen, es ist doch nur am Telefon.“
Trotzdem.“
Dann können wir das Ganze genausogut beenden.“
So unbefriedigend wie dieses Gespräch mit der Erotik-Hotline war auch die Lektüre der Telefonrechnung am Monatsende.
Kostenpflichtige Erotikangebote im Internet habe ich daher gar nicht erst ausprobiert. Die kostenfreien Seiten reichen mir bis heute völlig aus. Teaser machen mir nicht nur Appetit, wofür sie ja vorgesehen sind, sondern bei mir stillen sie diesen Appetit auch. Kurze Filmchen stelle ich auf Dauerwiederholung oder halte sie an den besten Stellen an. Außerdem gibt es auch Filmchen, die 10 oder 20 Minuten dauern. Das ist für die schnelle Entspannung absolut ausreichend. Die 5-Minuten-Terrine für die kleine Geilheit zwischendurch. Oder: Wenn die kleine Geilheit kommt.
Bilder kann man in einen Ordner kopieren und diesen dann als Diashow durchlaufen lassen. Am Ende der Diashow startet man sie mit einem Mausklick wieder von neuem. Oder man hält sie zwischendrin an, wenn man etwas länger bei einem Bild verweilen will.
Ich bin Rechtshänder. Deswegen bediene ich die Computermaus logischerweise mit der rechten Hand. Sollte es erforderlich sein, dass ich etwas länger mit der Maus hantiere, nehme ich zum Wichsen die linke Hand. Meistens weiß ich aber schon im Voraus, welche Bilder oder Filme ich brauche. Dann reichen wenige Mausklicks. Auch hierbei helfen eine sauber aufgeräumte Festplatte und ein gutes Gedächtnis.
Mein gutes Gedächtnis ist mir auch bei der Arbeit sehr nützlich. Ich habe das jetzige und frühere Aussehen aller unserer Produkte im Kopf. Zudem kenne ich das Design praktisch aller gängigen Markenartikel. Brauchen wir also ein neues Etikett für das Glas mit löslichem Kaffee, so weiß ich, wie das Etikett jetzt aussieht, wie es in der Vergangenheit aussah, wie die koffeinfreie Variante aussieht und wie die Etiketten der großen Markenhersteller sowie die der anderen Handelsmarken aussehen.
Deshalb liege ich mit meinen Entwürfen praktisch nie daneben. Sie halten stets den richtigen Mittelweg zwischen Ähnlichkeit und Unterscheidbarkeit ein. Natürlich gehe ich regelmäßig durch Lebensmittelmärkte, um die Verpackungen der Konkurrenz anzuschauen und mir die Designs einzuprägen. Das mache ich aber zu Recherchezwecken, nicht um mich inspirieren zu lassen. Es ist für mich wichtig, stets auf dem Laufenden zu sein.
Ich empfinde das nicht als Arbeit, sondern das geht bei mir schon automatisch. Bereits als Kind habe ich alle Packungsaufschriften der Lebensmittel gelesen, die auf dem Tisch standen. Ich kannte die Texte auf der Frühstücksmüslipackung, auf den Honig- und Marmeladegläsern. Schon als Kind kannte ich mich mit Barcodes aus und wusste Zutatenlisten zu interpretieren. Ich konnte die Produktionsstätten milch- und fleischverarbeitender Betriebe aufzählen und wusste bestens über Mindesthaltbarkeitsdaten Bescheid.
Ich las die Packungstexte zunächst aus purer Langeweile, denn bei uns zu Hause wurde während des Essens nicht ferngesehen und die Tischgespräche waren auch alles andere als fesselnd. Später begann ich mich aber wirklich für den Inhalt zu interessieren und erschloss mir so eine ganze Welt. Eine Welt, die der gedankenlose Konsument nicht bewusst wahrnimmt, obwohl er sie täglich vor Augen hat und mit ihr lebt. Nein, von ihr lebt. Denn wir sind, was wir essen.
Da ich den Umgang mit dieser Welt spielerisch gelernt habe, empfinde ich auch meine Arbeit als nicht schlimm oder anstrengend. Die Grenzen zwischen meiner Arbeit und meinem restlichen Leben sind daher teilweise fließend. Besonders gut gefällt mir hierbei, dass ich gelegentlich von zu Hause aus arbeiten kann. Wenn im Büro keine Besprechungen oder sonstigen Termine angesetzt sind, sitze ich in meinem Arbeitszimmer oder im Wohnzimmer, im Sommer sogar gelegentlich auf dem Balkon. Telefonisch und per Mail bin ich ohnehin immer erreichbar.
Auf eine solche Regelung hoffe ich auch für die kommende Zeit. Allerdings habe ich keine blasse Ahnung, wie ich das formal hinbekommen soll. Ich versuche, meinen Chef ans Telefon zu bekommen, doch er ist nicht verfügbar. Seine Assistentin erklärt mir, was eine Krankmeldung ist, wie das Formular aussieht und wie bzw. wo ich ein solches erhalte.
Ich habe ein österreichisches Formular, geht das auch?“
Wieso ein österreichisches?“
Nun, weil ich dort im Krankenhaus war und behandelt worden bin.“
Wie sieht denn das Formular aus? Österreich ist doch in der EU, gibt es da nicht einen internationalen Vordruck?“
Ich kenne mich mit so etwas doch nicht aus, Frau Weigert, da bin ich leider vollkommen hilflos. Soll ich Ihnen die Bescheinigung mal einscannen und zumailen? Ich glaube, das ist gar kein Formular, sondern mehr so eine Bescheinigung. Ich weiß wirklich nicht, was ich jetzt tun muss und wäre Ihnen für Ihre Hilfe äußerst verbunden.“
Mailen Sie es mir mal zu, Herr Maas, dann sehen wir weiter.“
Da das Problem im Moment nicht lösbar ist, schicke ich ihr die Mail und warte darauf, dass irgend jemand entscheidet, wie es weitergeht.


(7)

In der Zwischenzeit gehe ich jetzt erst mal scheißen. Ich bin gespannt, wie das mit dem Gipsbein geht. Bisher habe ich alle körperlichen Verrichtungen gut hingekriegt. Essen aufwärmen, pissen, mich in der Wohnung bewegen, schlafen, wichsen. Nun werden wir sehen, wie das klappt mit dem morgendlichen Gang zur Toilette. Na ja, der Gang dorthin ist kein Problem. Mit meinen Krücken bewege ich mich mittlerweile so routiniert, dass ich an der Behinderten-Olympiade teilnehmen könnte. Ich weiß zwar nicht, in welcher Sportart, und ich weiß auch gar nicht, ob da überhaupt Krückenträger teilnehmen. Müsste ich mal im Fernsehen reinzappen, wenn das wieder stattfindet. Das ist glaube ich immer direkt nach den Olympischen Spielen, da werden die Spielstätten gleich noch mal genutzt.
Meine Verdauung funktioniert ausgezeichnet. Ich führe das darauf zurück, dass ich mich ausgewogen und ballaststoffreich ernähre. Ballaststoffe sind sehr wichtig. Sie sind eine tolle Einrichtung der Natur, denn sie sorgen dafür, dass das Sättigungsgefühl lang anhält. Das kommt daher, dass sie den Magen beschäftigt halten.
Esse ich eine Scheibe Weißbrot, habe ich kurz danach wieder Hunger. Esse ich eine Scheibe Vollkornbrot, dauert es um ein Vielfaches länger, bis ich wieder Hunger habe. Besonders ballaststoffreich ist auch Obst. Und Gemüse. Im Büro habe ich immer Äpfel und Bananen in einer Schale auf meinem Schreibtisch stehen. Gerne knabbere ich auch Möhren. Zum Frühstück gibt es täglich eine Schale Power-Müsli.
Das Sättigungsgefühl bei ballaststoffreicher Ernährung hält deswegen lange an, weil der Magen beschäftigt ist. Er braucht lange, um die vollen Getreidekörner aufzuschließen. Die harten Wände des Vollkorns kann er überhaupt nicht verwerten, deswegen werden sie ausgeschieden. Beim Obst ist es ähnlich. Es enthält viele faserige unverdauliche Bestandteile. Diese müssen durch den gesamten Magen-Darm-Trakt hindurchgeschleust werden, um ausgeschieden werden zu können. Das putzt den Darm durch. So habe ich nicht nur nie Verstopfung, sondern ich bin auch innerlich stets gereinigt.
Der Nachteil ist, dass man immer riesige Haufen scheißen muss. Wie ein Pferd. Natürlich scheißen Menschen nicht in Form von Pferdeäpfeln, aber von der Menge her. Also jedenfalls relativ gesehen, meine ich. Bei Pferden sieht man oft, dass Sperlinge in den Pferdeäpfeln herumpicken. Sie finden darin noch nicht ganz verdaute Haferkörner, die sie fressen. Der Geruch macht ihnen anscheinend nichts aus. Pferdeäpfel riechen auch in der Tat nicht schlimm. Auch wenn ein Pferd stallt, riecht das nicht unangenehm. Intensiv, aber nicht abstoßend. Manche finden den strengen Geruch eines Pferdestalls sogar anturnend bis erotisierend. Kann ich nachvollziehen.
Jedenfalls habe ich den Eindruck, wenn ich sehr viel Ballaststoffe gegessen habe, dass sich dann am nächsten Morgen in meinem Kot noch unverdaute oder nur halb verdaute Körner oder Haferflocken finden. Man sieht das an der deutlich helleren Farbe, mit der sie sich von der Umgebung absetzen. Ich sollte dieser Frage mal genauer nachgehen.
Auch würde mich interessieren, ob es etwas mit den Ballaststoffen zu tun hat, dass mich der Drang zu scheißen immer so plötzlich überkommt. Ich habe das Gefühl, dieser Drang müsste sich doch normalerweise langsam und allmählich ankündigen. Er müsste erst fast gar nicht spürbar sein, sich dann unmerklich steigern und schließlich sehr stark werden. Bei mir ist er praktisch immer unvermittelt da. Manchmal sogar, noch während ich mein Frühstücks-Power-Müsli esse. Das ist besonders blöd, wenn man während des Essens scheißen muss. Gut, wenn man allein wohnt, ist es nicht so schlimm.
Manchmal bin ich sogar durch diesen abrupt auftretenden Drang schon von meiner Morgenmasturbation abgehalten worden. Was ich meine, ist, wenn ich muss, dann muss ich sofort, und nicht irgendwann in der nächsten Viertelstunde. So ist das bei mir. Ich weiß nicht, wie es bei anderen Leuten ist, man kann ja schlecht danach fragen.
Eine meiner frühesten Kindheitserinnerungen ist jedenfalls, dass in meinem Kinderzimmer ein Töpfchen stand. Ich denke, das ist in einem bestimmten Alter normal. Unsere Wohnung war ziemlich weitläufig und außerdem verwinkelt. Zur Toilette musste man relativ weit gehen, noch dazu ein Stück weit durch einen nicht beheizbaren Flur, und man musste viele Türen öffnen und schließen. Um mir als Kind diese Umstände zu ersparen, stand also ein Nachttopf im Zimmer.
Dieser Nachttopf wurde ab und zu auch für das große Geschäftchen benutzt. In der Kindersprache heißt das A-a. Ich muss also ab und zu nachts das Bedürfnis gehabt haben, A-a zu machen. Das wird kaum an der ballaststoffreichen Kinderkost gelegen haben. Meine Mutter kocht heute noch viel zu ballaststoffarm, wie ich finde. Wahrscheinlich funktionierte meine Verdauung damals einfach noch nicht mit der uhrwerksgleichen Präzision wie heute.
Ich erinnere mich auch daran, dass im Kinderzimmer kein Klopapier war. Paradoxerweise verwendete man im Kinderzimmer Zeitungspapier. Es lag immer ein kleiner Stapel handlich zurechtgeschnittener Stücke Zeitungspapier auf der Fensterbank. Warum das so war, weiß ich nicht. Wieso verwendete man hier Zeitungspapier und kein Klopapier wie auf dem Klo? Hatten meine Eltern Angst, dass ich tagsüber mit dem Klopapier spielen würde, es beispielsweise ganz abrollen würde? Oder dass Besucher, die einen Blick ins Kinderzimmer warfen, sich über die Klopapierrolle auf der Fensterbank wundern würden? Bei ein paar ausgeschnittenen Blatt Zeitungspapier konnte man jederzeit annehmen, dass das Kind sie aus irgendeinem Grund ausgeschnitten hatte. Etwa weil es sie zum Basteln brauchte. Oder für die Herstellung von Papiermaché, für einen völlig unverfänglichen Zweck jedenfalls.
Mein Kinderzimmer war sehr hell, sonnig und warm. Es war ein Eckzimmer und hatte drei Fenster, durch die fast immer die Sonne hereinschien. Es lag ganz in der Nähe der Küche. So war ich immer in der Nähe der Mutter bzw. sie in meiner Nähe.
Bruchstückhaft erinnere ich mich an durchsonnte Nachmittage, an denen ich Mittagsschlaf machte. Als Kind muss man das, ich weiß nicht, bis zu welchem Alter. Ich lag also in wohliger Wärme in meinem Kinderbett. Ich habe sogar die Bettdecke weggestrampelt, weil es so warm war. Ich schlafe glücklich und zufrieden. Und alles ist hell, friedlich und harmonisch.
Als Kind schläft man nicht nur nachmittags, man wird auch abends früh zu Bett gebracht. Hier wieder die gleichen Erinnerungsfetzen: Es ist abends lange hell, die Nächte sind warm, es duftet nach Sommer. Ich liege in meinem Bett, ich fühle mich angenehm müde von den Spielen und Abenteuern des Tages. Meine Eltern haben mich auf dem Arm gehalten, bevor sie mich zu Bett brachten, sie haben mich geherzt und geküsst. Es fehlt mir an nichts. Ich bin satt, zufrieden und gesund. Ich fühle mich geborgen und ich werde geliebt. In meiner kleinen Welt werde ich behütet und beschützt. Es war ein perfekter Zustand, in dem ich lebte.
Doch aus diesem Paradies sollte ich bald vertrieben werden. Ich weiß nicht, wann es war, aber ich denke, ich werde schätzungsweise etwa dreieinhalb Jahre alt gewesen sein. Die Erinnerung an das durchsonnte Zimmer verschwindet schlagartig. Ich bin mir keiner Schuld bewusst, ich bin mir sogar sicher, nichts Böses getan zu haben, und doch wird mir von einem Tag auf den anderen meine gesamte Welt unter den Füßen weggezogen.
Alles begann damit, dass meine Mutter nicht mehr da war. Morgens war sie noch dagewesen und hatte mir Frühstück gemacht, doch dann muss sie fortgegangen sein. Statt dessen war meine Großmutter hier. Nun ist es so, dass alle Kinder ihre Großmütter lieben. So auch ich. Ein Besuch bei Oma und Opa war immer spannend und abwechslungsreich. Es gab ganz andere Dinge zu essen als daheim, das Haus roch irgendwie anders und verlockend, der Garten barg zahlreiche Geheimnisse, die auf abenteuerlichen Entdeckungsreisen erforscht werden wollten. Auch wenn Opa und Oma uns besuchten, war immer eine angenehme Stimmung im Haus. Sie brachten Süßigkeiten mit oder etwas zum Spielen.
Doch dieser Besuch von Großmutter fühlte sich anders an. Er fühlte sich nicht nach sonnigen sommerlichen Spielnachmittagen und knusprigem Florentiner Gebäck an wie sonst, sondern er fühlte sich nüchtern und geschäftsmäßig an. Er fühlte sich kühl an, kalt fast. Er fühlte sich nicht mal wie ein Besuch an. Großmutter werkte in Mutters Küche herum, doch das Essen, das sie kochte, schmeckte nicht. Es schmeckte nicht wie bei Oma und Opa, obwohl sie ihr bestes Gulasch kochte. Das Essen schmeckte fad. Es fühlte sich falsch an, der ganze Zustand fühlte sich falsch an. Etwas stimmte hier ganz und gar nicht.
Ich erinnere mich daran, dass dieser Zustand auch abends nicht nachließ, als mein Vater heimkam. Auch er konnte den bösen Bann, unter dem ich offenbar stand, nicht brechen. Ich glaube, in meinem jungen Leben hatte ich mich noch nie schlechter gefühlt als an jenem Abend, als ich zu Bett gebracht wurde. Ich weiß nicht, ob von Oma oder von Vater oder von beiden zusammen. Ich weiß aber noch, dass ich mir sehnlichst wünschte, am nächsten Morgen aufzuwachen in einer Welt, die wieder in Ordnung war. Alles würde sich als böser Traum herausstellen und grenzenlose Erleichterung würde sich breitmachen. Ich würde auf den Arm genommen werden und es würde heißen: „Du hast nur schlecht geträumt! Alles ist gut!“
Jedoch sollte dieser Bann auch am nächsten Tag nicht von mir genommen werden. Ich irrte den ganzen Tag durch die Wohnung und wusste nichts mit mir anzufangen. Kein Spielzeug lachte mich an, kein Abenteuer lockte, alles war grau und leblos. Zu allem Überfluss hatte es auch noch angefangen zu regnen, man konnte nicht raus.
Omas Essen schmeckte immer weniger. Wahrscheinlich würde ich bald krank und müsste mich übergeben, dann würde ich im Bett liegen und Mutter würde wiederkommen und mir zerstampfte Banane und geriebenen Apfel auf kleinen Tellern bringen. Sie würde das Bett mit frischen duftenden Laken beziehen und mir ihre tröstende Hand auf die Stirn legen. Sie würde doch ganz bestimmt kommen? Das würde sie doch? Oder? Aber nein, ich wurde nicht krank. Ich war weiterhin dazu verurteilt, bei vollem Bewusstsein in diesem Zustand, der sich so falsch anfühlte, weiterzuleben.
Dass Oma und Vater aber auch gar nicht imstande waren, mich zu verstehen! Sie wurden mir mit jedem Tag fremder, an dem sie nicht in der Lage waren, mir diesen Zustand befriedigend zu erklären bzw. ihn aufzuheben. Was waren das für Erwachsene, die nicht mal etwas erklären konnten, wenn sie es schon nicht zu ändern vermochten? War so die Erwachsenenwelt? War in ihr alles falsch? Waren die Erwachsenen so machtlos?
Wenn das so war, dann war Erwachsenwerden absolut nicht erstrebenswert. Die Erwachsenen waren im Gegenteil bemitleidenswert. Ich als Kind hatte die Verantwortung, sie schonend zu behandeln. Ich durfte ihnen nicht alles sagen, um sie nicht übermäßig zu belasten. Bei bestimmten Dingen war es besser, sie wussten nichts davon.
Auch Gerechtigkeit durfte ich von ihnen in Zukunft nicht erwarten. Wer machtlos ist, ist auch nicht in der Lage, Recht und Gerechtigkeit durchzusetzen.
Es war eine harte Lektion, die ich mit meinen dreieinhalb Jahren lernte. Leider war ich damals nicht in der Lage, sie in Worte zu fassen. Die neugewonnenen Erkenntnisse waberten als diffuser Gedanken- und Gefühlsnebel in meinem Kopf herum. Hätte ich sie damals formulieren können, hätte ich sie an einer klar festgelegten Stelle im Gehirn abspeichern können. Ich hätte die Datei von Zeit zu Zeit öffnen und den Inhalt überprüfen können. Ich hätte checken können, ob der Inhalt der Realität noch standhielt. Und ob ich ihn auch im täglichen Leben richtig anwendete.
Viele Lebensweisheiten und Ge- und Verbote sind genau aus diesem Grund in stehende Redewendungen gekleidet, die sich besonders leicht einprägen. Schon kleine Kinder können sie sich merken. „Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem andern zu!“ „Hochmut kommt vor dem Fall.“ „Hunger ist der beste Koch.“
Das sind kristallklare Formulierungen, die keine großen Diskussionen zulassen. Gut, gewisse Auslegungen und Deutungen sind bisweilen nötig. Der Fall kommt zum Beispiel manchmal erst sehr lange nach dem Hochmut. Nicht immer ist die Strafe gleich sichtbar. Sie kann sogar erst in der Zukunft erfolgen. Wenn ein Kind also einen hochmütigen Menschen sieht, der nicht gefallen ist, ist das keine Widerlegung des Sprichwortes. Das muss man dem Kind halt erklären. Nebenbei gibt es auch das Sprichwort: „Ausnahmen bestätigen die Regel.“
Im Allgemeinen sind diese Sprichwörter überprüft und halten der Realität immer stand. Jeder kennt sie, jeder kann sie sich merken. Es sind keine unklaren Vermutungen oder nebulöse Gedankenschwaden. So etwas mochte ich schon als kleines Kind nicht.
Jedenfalls sehe ich, dass die OperationErinnerungFortschritte macht. Darüber freue ich mich.
Auch der Toilettengang mit dem Gipsbein verläuft ausgesprochen erfolgreich. Ich persönlich bevorzuge es, leicht vornübergebeugt auf der Toilette zu sitzen. Diese Sitzhaltung ist mit dem Gipsbein problemlos zu realisieren. Der Gips liegt mit der Ferse auf dem Boden auf, das Bein ist kerzengerade gestreckt, und der Oberkörper nimmt einen exakten 90-Grad-Winkel zum Bein ein. In diese Position habe ich mich völlig problemlos mit Hilfe der Krücken hinabgelassen. Ebenso problemlos ziehe ich mich an den Krücken wieder hoch in den Stand. Es kostet sogar wesentlich weniger Muskelkraft als ich dachte.
Beruhigend finde ich auch, dass die Schmerzmittel meiner Darmflora keinen Schaden zugefügt haben. Kotkonsistenz und -farbe sind normal. Ich vertrete die These: Wer Medikamente nimmt, muss eine eiserne Gesundheit haben. Ein Kranker hält so etwas nicht aus. Um meine Gesundheit nicht zu gefährden, nehme ich nie Medikamente. Jetzt jedoch komme ich nicht umhin. Aber nun habe ich den Beweis, dass es um meine Gesundheit recht gut bestellt ist. Die Medikamente richten in meinem Körper keinen Schaden an.
Es ist aber auch kein wirklich starkes Schmerzmittel, das ich nehme. Einen leicht ziehenden, manchmal pochenden Schmerz spüre ich schon in meinem Wadenbein. Zumal ich die Einnahme des Mittels immer hinauszögere. Ein Tritt gegen das Schienbein tut jedoch um ein Vielfaches mehr weh als dieses Ziehen und Pochen im Wadenbein. Bei einem solchen Tritt kann man sogar Sternchen sehen vor Schmerz. Wie im Zeichentrickfilm.
Das Ziehen kommt glaube ich vom Heilungsprozess. Daher warte ich immer mit der Medikamenteneinnahme, bis ich das Ziehen deutlich spüre. Ich will wissen, dass der Knochen heilt.


(8)

Eine gesunde Kotkonsistenz hängt natürlich nicht nur von der richtigen Ernährung ab, sondern auch davon, dass man dem Körper genug Flüssigkeit zuführt. Flüssigkeit bedeutet allerdings nicht Limonade und Colagetränke. Diese sind lediglich zuverlässige Garanten einer soliden Altersdiabetes.
Flüssigkeit bedeutet Wasser. Wasser ist Leben. Daher gieße ich pro Tag mindestens drei Liter Wasser in mich hinein. Wasser reinigt den Körper innerlich und schwemmt alle Verunreinigungen aus ihm hinaus. Wasser hält das Blut flüssig, so dass alle Organe stets gut durchblutet sind. Gut durchblutet bedeutet: Optimal mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt. Und daher optimal funktionierend.
Mein Vorrat an Mineralwasser neigt sich bedenklich dem Ende zu. Ich rufe Paolo an. Paolo ist einer meiner Freunde. Er wohnt in meiner Nähe. Paolo heißt eigentlich Paul. Seine Eltern gaben ihm diesen Namen, als er völlig out war. Paul konnte man nur heißen, wenn man schon weit über 70 war. Heute kann man auch wieder Paul heißen, als Mädchen sogar Paula oder Pauline, aber nur, wenn man unter 25 ist. Wenn man Ende 30 ist wie Paolo, kann man unmöglich Paul heißen. Deswegen nennt er sichaußer im Umgang mit Behördenseit eh und je Paolo.
Ach Gott, ist dein Urlaub schon vorbei? Du, ich werde glaube ich alt, ich merke es gar nicht mehr, wie schnell die Zeit vergeht.“
Ganz so schlimm ist es nicht, ich habe den Urlaub vorzeitig abbrechen müssen.“
Ich erzähle Paolo, was passiert ist.
Siehst du, deswegen fahre ich nicht Ski. Auf solche Vollpfosten auf der Piste hätte ich überhaupt keine Lust.“
Nein, du fährst deswegen nicht Ski, weil du es als Kind nicht gelernt hast und weil Skifahren eine Sportart ist, die man als Erwachsener nur schwer lernt. Außerdem ist Skifahren so ungefähr das einzig Positive am Winter.“
Was machst du denn jetzt den ganzen Tag? Du kannst ja die Wohnung nicht verlassen. Schade, dass du keinen Videorekorder oder DVD-Player hast, sonst hätten wir mal einen Filmabend bei dir machen können.“
Ich habe auch so genug zu tun, du kennst mich. Ich habe mir schon einen Plan gemacht. Mir wird bestimmt nicht langweilig. Außerdem kommt meine Mutter alle zwei Tage und ruft jeden Tag an. Ich dachte, ich habe jetzt ein paar Tage absolute Ruhe, statt dessen geht es hier zu wie in einem Bienenstock. An dich hätte ich auch eine Bitte: Ich brauche dringend Mineralwasser, am besten zwei oder drei Kästen. Kannst du zum Getränkemarkt fahren und mir welches holen?“
Ja, kein Problem, kann ich machen. Aber erst am späten Nachmittag oder frühen Abend. Welche Marke nimmst du immer?“
Na ja, die mit dem besonders ausgewogenen Calcium-Magnesium-Verhältnis, du weißt, das ist für die Knochen wichtig. Gerade jetzt. Frag einfach, ob sie das Wasser haben, für das der Formel-I-Rennfahrer Werbung macht.“
Okay. Und ich mache dir noch einen Vorschlag. Wenn ich abends komme und dir das Wasser bringe, kann ich doch was zum Essen mitbringen, dann können wir zusammen bei dir was essen. Was hältst du von einem Menü von den Golden Arches?“
Hm, ja, da hätte ich schon Lust drauf. Können wir machen. Ich habe zwar noch genug von dem Eintopf meiner Mutter da, aber den hatte ich gestern bereits. Außerdem hält der bis morgen.“
Ich kann aber auch was vom indischen Schnellimbiss holen, die haben doch auch Gerichte zum Mitnehmen.“
Ja, wäre auch sehr gut. Was steht sonst noch zur Auswahl? Die Sandwiches aus dem U-Boot magst du ja nicht so gern.“
Nein, die mag ich gar nicht, nicht nur nicht so gern.“
Verstehe ich zwar nicht, aber na ja. Chinesisch?“
Hör auf, da ist viel zu viel Glutamat drin.“
Ja, und da bestehe ich auch darauf. Chinesisches Essen ohne Glutamat kommt mir nicht auf den Tisch. Außerdem ist Glutamat ganz einfach ein Salz, und Salz ist nicht schädlich für den Körper.“
Na ich weiß nicht.“
Bei König haben wir auch lange keinen Burger gegessen. Wie wäre es damit?“
Da war ich vor ein paar Tagen, da habe ich nicht schon wieder Lust drauf.“
Also wenn wir von Golden Arches was holen, dann würde ich ohnehin nur vegetarische Burger essen, ich will nicht so viel Fleisch essen, ich hatte im Urlaub im Hotel jeden Tag Fleisch. Oder soll ich zwei Fischburger essen?“
Ich würde auf jeden Fall auch vegetarische Burger nehmen, obwohl ich die bei Golden Arches nicht so gut finde wie bei König. Aber da war ich ja erst gerade. Bei König sind die einfach am saftigsten.“
Stimmt, du hast recht. Vegetarische Burger sind bei König zehnmal besser als bei Golden Arches. Ich weiß zwar nicht, warum, aber es ist so.“
Das liegt an den Zutaten, bei Golden Arches dominiert in meinen Augen die Schärfe etwas zu sehr.“
Ja. Das ist der Punkt. Ich finde es einfach schade, dass es Mendy’s in Deutschland nicht gibt. Das wäre doch mal endlich eine Abwechslung. Mit wem warst du übrigens bei König essen?“
Mit Hardy, den habe ich zufällig in der Stadt getroffen.“
Ach, den habe ich auch seit Ewigkeiten nicht gesehen. Wie geht es ihm?“
Ich hätte ihn kaum erkannt. Er ist etwas gesetzt geworden und verliert seine Haare.“
Wie alt ist er denn eigentlich?“
Na ja, so alt wie du vielleicht, oder etwas älter.“
Hör auf, ich habe eine Sportverletzung, ich kann jetzt keine Gespräche über das Alter gebrauchen.“
Was soll ich dann sagen, ich gehe auf die Vierzig zu!“
Du sollst das V-Wort nicht sagen!“
Was?“
Das V-Wort. Vierzig! Sag es einfach nicht. Denk nicht mal daran! Verdränge es! Du sagst so oft, du wirst alt, dass du es schon selbst glaubst!“
Was ich halt bräuchte, ist eine 20jährige Freundin. Die würde mich jung halten.“
Die müsste dich erst wieder jung machen, um dich jung halten zu können, hähähä.“
Alter, hör auf! Außerdem habe ich eh keine Ahnung, wo ich eine 20jährige kennenlernen sollte.“
Siehst du? Ich auch nicht. Also was ist jetzt mit essen?“
Sollen wir die Entscheidung noch etwas aufschieben und später noch mal telefonieren?“
Ja, das können wir machen, ich habe im Moment noch keine eindeutige Meinung.“
Also bis später.“
Wir hören uns.“
Was ich an Paolo mag, ist, dass er wie ich auf Fast Food steht. Und dass er wie ich keine Probleme damit hat, dies zuzugeben. Das ist authentisch. Ich mag authentische Menschen.
Man findet sie allerdings selten. Die Lektion, die ich mit dreieinhalb Jahren gelernt habe, hat auch etwas mit Authentizität zu tun.
Ich schleppte mich ein paar Tage müde und lustlos herum. Es regnete die ganze Zeit, so dass ich nicht aus dem Haus konnte. Dann kam meine Mutter zurück.
Bereits morgens beim Frühstück hatte man mir ihre Rückkehr angekündigt. Ich freute mich den ganzen Tag lang auf sie. Endlich würde alles gut werden! Ihre Hände würden mich berühren und den bösen Zauber von mir nehmen. Die Sonne würde wieder scheinen, die grauen Tage wären vergessen. Warme Liebe würde wieder in unser Haus einziehen. Auch Großmutter würde wieder wie immer sein, nicht mehr so kühl und geschäftsmäßig wie die letzten Tage. Das Essen würde mir wieder schmecken, ich würde wieder lachen und spielen und herumtollen.
Die Stunden bis zum Nachmittag krochen dahin. Die Zeit verging nicht, sie floss so langsam wie zähes Pech. Zwanzig Mal hatte ich mir die Hände gewaschen, war mir mit dem Kamm durch die Haare gefahren, um nur recht sauber und adrett zu sein, wenn die Geliebte wiederkam. Endlich bog Vaters Auto um die Ecke! Meine Stirn hatte einen großen Fleck auf dem Küchenfenster hinterlassen.
Doch oh weh! Mutter war anders, als sie die Wohnung betrat. Auch sie schien unter den bösen Bann geraten zu sein. Sie freute sich nicht so sehr, wie ich erwartet hatte, als sie mich sah. Ihre Umarmung war nicht so herzlich, wie ich es erhofft hatte. Ihre Augen strahlten nicht in reinem Glück, sondern blickten leicht gehetzt. Sie hatte abgenommen.
Mit ihrer Ankunft kehrte zugleich eine sonderbare Art von Geschäftigkeit in unser Haus ein. Möbel wurden gerückt, Taschen von einem Zimmer ins andere getragen, Lärm und laute Rufe waren das einzige, was man zu hören bekam. Ein sonderbares Weinen war zu vernehmen, Großmutter eilte geschäftig mit einem großen Windelpaket Richtung Küche.
Auch mein Großvater war auf einmal hier, ich hatte ihn gar nicht kommen sehen. Und er schien mich auch nicht zu bemerken, jedenfalls begrüßte er mich nicht. Er nickte mir nur kurz zu. Er und Vater trugen ein Bett in die eine Richtung durch die Wohnung und kurz darauf ein anderes, kleineres in die andere Richtung.
Was hatte das alles zu bedeuten? Und warum war Mutter so müde und gehetzt und kümmerte sich nicht um mich? Warum nahm sie mich nicht auf den Arm?
Es gab Abendessen. Großmutter hatte gekocht. Hühnersuppe, Omelett. Die Erwachsenen sprachen über Dinge, die ich nicht verstand. Sie wirkten sehr ernst. Ich wurde früh zu Bett gebracht. Der Raum war dunkel und kühl. Mein Bett fühlte sich anders an. Mein Kummer war nicht von mir genommen worden. Ich rollte mich zusammen und glitt bald in den Schlaf hinüber. Wie anstrengend Kummer doch ist! Wie müde er macht!
Am nächsten Morgen erwachte ich in einer fremden Umgebung. Hatte mich über Nacht ein böser Dämon an einen anderen Platz gezaubert? Wie in Tausendundeiner Nacht? War ich von einem Dschinn auf einen fliegenden Teppich gesetzt worden und an einen weit entfernten Ort gebracht worden? Sollte das denn nie enden?
Ich blickte aus dem Fenster. Draußen war es hell. Es hatte aufgehört zu regnen. Doch hier im Zimmer war es halbdunkel. Das Zimmer hatte nur ein schmales Fenster. Vor dem Fenster stand eine mächtige Tanne.
Ich konnte mich erinnern, diesen alten Baum schon einmal gesehen zu haben, auf einer Expedition zur rückwärtigen Seite des Hauses. Mutter hatte mich bei diesem Abenteuer begleitet. Man musste einige Hindernisse überwinden, es gab verfallene Zäune mit quietschenden schwergängigen Toren, es gab eine bröckelige Mauer, dahinter war ein Garten, der aber ganz anders aussah als unser richtiger Garten. Selbst die Erde in den Beeten sah anders aus. Sie war irgendwie sandig, sie roch trocken und zerfiel in der Hand. Es gab vor sich hinkümmernde Rosenstöcke, Kürbisse mit bedrohlichen Ranken, Komposthaufen, die dunkel nach Verwesung und Keller rochen, Brennesseln, größer als ich, und unidentifizierbares Gerümpel. Dahinter stand die Tanne, die bestimmt schon hundert Jahre alt war. Es war bedrückend. Es war die Schattenseite unseres Hauses.
Hier sollte ich also jetzt schlafen. Hier sollte ich leben. Ich hatte das Gefühl, bestraft worden zu sein. Aber wofür? Was hatte ich denn nur getan? Nach und nach entdeckte ich, dass ein Teil meines Spielzeugs hier war. Doch auch das tröstete mich kaum. Mutter kam ins Zimmer. Sie war bleich. Warum nahm sie mich denn nicht auf den Arm? Warum nur?
Sie nahm mich an der Hand und wir gingen durch einen halbdunklen Korridor. Der Korridor schien kein Ende zu nehmen. Ich wusste, dass man durch diesen Korridor auch zum Schlafzimmer meiner Eltern kam. Das Elternschlafzimmer zu betreten war für mich strikt verboten. Und hier, ganz in der Nähe, sollte ich also jetzt selbst schlafen?
Wie sollte ich in diesem halbdunklen Zimmer, in das nie die Sonne hereinschien, fröhliche Spiele spielen? Wie sollte ich je wieder unbeschwert lachen können? Sollte ich bei Lampenlicht meine Lieblingsbilderbücher ansehen?
Von Mutter kam noch immer keine Erklärung. Sie stellte mir mein Essen hin. Sie versuchte, ein unbefangenes Gespräch mit mir anzuknüpfen. Ich gab nur einsilbige Antworten.
Zum Glück riss mich die Türklingel aus dieser finsteren Erinnerung. Paolo kam mit dem Essen. Irgendwann am Nachmittag war es uns dann doch noch gelungen, uns darauf zu einigen, was wir essen wollten. Die Wahl war auf ein Menü von Golden Arches gefallen.
Hey, ich habe sogar einen Parkplatz vor der Tür gefunden. Ich habe dir vier Kästen Mineralwasser mitgebracht. Sie sind im Kofferraum. Kannst du mir das Geld gleich geben? Ich musste auch noch das Pfand zahlen.“
Ja, kein Problem, aber lass uns erst essen. Ich habe richtigen Hunger. Hol die Kästen später hoch, sonst wird das Essen kalt. Yummy, ich freue mich jetzt richtig! Golden Arches ist einfach toll!“
Ja, aber ich finde die Pommes bei König trotzdem besser.“
Ich überhaupt nicht. Ich finde die Pommes von Golden Arches unschlagbar. Was ich bei König allerdings mag, sind die Potato Wedges. Die gibt es bei Golden Arches gar nicht. Und auch die Onion Rings sind bei König phantastisch.“
Ja, aber sie enthalten wahrscheinlich 15.000 Kilokalorien.“
Das stimmt. Und wie heißen gleich die geringelten Pommes bei König? Die mag ich auch sehr gern.“
Die sind sehr lecker, ja. Mensch, wie heißen die gleich wieder? Irgendwas mit Fries? Oder mit Potato?“
Ich komme im Moment nicht darauf. Jedenfalls esse ich bei König praktisch nie die normalen Pommes, sondern immer entweder Potato Wedges mit Sour Cream oder die geringelten Dinger. Oder statt dessen Onion Rings. Wogegen ich bei Golden Arches immer die Pommes esse und nie etwas anderes.“
Dann kannst du die Pommes ja gar nicht vergleichen, wenn du bei König nie welche isst.“
Nein, kann ich tatsächlich nicht. Ich bin halt von Kind an ein Golden-Arches-Fan. Ich habe Golden Arches schon immer geliebt. Das ist einfach so. König kam später nach Deutschland, ich weiß gar nicht, wann ich das erste Mal in meinem Leben bei König gegessen habe.“
Ich auch nicht, aber ich finde es halt praktisch, dass ich bei mir um die Ecke gleich diese neue König-Filiale habe.“
Ja, die ist sehr schön, ich esse gerne dort. Und sehr freundliches Personal. Wie lange gibt es die jetzt schon? Ein halbes Jahr?“
Ungefähr. Und sauber ist es dort, wirklich immer sehr sauber. Richtig auffällig.“
Ja, gegen diese Filiale kann man absolut nichts einwenden.“
Unser Essen stammt von der Golden-Arches-Filiale am Marktplatz. Paolo und ich sind uns einig, dass es dort schmutzig, laut und chaotisch ist. Wir verstehen beide nicht, warum diese Filiale so schlampig geführt wird. Das Essen ist jedoch sehr gut. Gewohnt hohe Qualität. Wie immer.



(9)

Im Fernsehen gibt es heute nichts Interessantes. Das einzige, was man überhaupt ansehen kann, ist ein Film, den Paolo und ich schon mehrmals gesehen haben. Wir haben ihn sogar damals zusammen im Kino gesehen. Wir sitzen im Wohnzimmer. Wir unterhalten uns über alles mögliche und achten kaum auf den Film. Er läuft nur so nebenbei.
Später gebe ich Paolo das Geld. Natürlich lade ich ihn ein. Er holt die Mineralwasserkästen aus dem Auto. Dann verabschiedet er sich. Es war ein cooler entspannter Abend.
Allerdings muss ich feststellen, dass ich mir heute schon wieder nicht das Maß an Entspannung verschafft habe, das ich mir vorgenommen hatte. Ich wollte die Lücke, die sich durch den Krankenhausaufenthalt und die damit verbundenen Umstände ergeben hat, schließen. Ich wollte den Rückstand aufholen. Und ich wollte es mir jeden Tag so oft machen, dass ich vollkommen entspannt wäre. Bisher ist mir das nicht gelungen. Wenn man bedenkt, dass ich den ganzen Tag zu Hause bin und praktisch nichts zu tun habe, dann habe ich es mir eigentlich ganz schön selten besorgt. Ich könnte doch den ganzen Tag nichts anderes tun.
Aber so ist das bei mir oft. Immer fallen mir Dinge ein, die noch zu erledigen sind, immer kommt das Klingeln des Telefons dazwischen, immer besuchen mich irgendwelche Leute. Dabei kenne ich doch kaum jemanden. Wie machen das Leute, die wirklich viele Leute kennen, die ein ausgiebiges soziales Leben führen? Kommen die überhaupt jemals zum Masturbieren?
Vielleicht müssen sie aber auch gar nicht masturbieren, weil sie dadurch, dass sie viele Leute kennen und ein intensives soziales Leben führen, genug Gelegenheiten haben, potentielle Geschlechtspartner kennenzulernen. Und nicht nur potentielle Geschlechtspartner, sondern auch potentielle Lebensabschnittsbegleiter. Wobei aus ersterem nicht selten zweiteres wird.
Jedenfalls komme ich dafür, dass ich wenig Leute kenne und derzeit an die Wohnung gefesselt bin, deutlich zu wenig zum Masturbieren. Das steht fest.
Ohnehin naht meine übliche Zug-Bett-Geh-Zeit heran. Vor dem Einschlafen mache ich es mir natürlich jeden Abend. Selbst wenn ich so müde bin, dass ich das Gefühl habe, ich könnte ohne Masturbieren einschlafen, mache ich es trotzdem. Zu müde bin ich dafür nie. Kann ich gar nicht sein. Und sicher ist sicher, jedenfalls schlafe ich dann tiefer und wache nachts garantiert nicht auf. Je tiefer der Schlaf, desto erholsamer. Das ist gesund. Also sorge ich allabendlich für einen tiefen Schlaf.
Ich weiß nicht mehr, wie viele Jahre ich in dem dunklen Kinderzimmer zubrachte, in das man mich mit dreieinhalb Jahren verfrachtete. Aber es müssen sehr viele Jahre gewesen sein. Denn ich weiß noch genau, dass es in diesem Zimmer war, in dem ich das erste Mal onanierte. Leider ist es mir bis heute nicht gelungen zu rekonstruieren, in welchem Alter ich damit anfing, aber ich gehe davon aus, dass es im Alter von 12 oder 13 gewesen sein muss. Das würde glaube ich auch dem normalen Durchschnittsalter entsprechen.
Wobei ich nicht genau weiß, wie die Verfasser sexualmedizinischer Bücher das herausfinden. Machen sie Umfragen unter 14jährigen, ob diese sich daran erinnern können, ob sie letztes oder vorletztes Jahr damit angefangen haben? Und was denkt ein Spätentwickler bei einer solchen Umfrage? „Oh verdammt, was ist mit mir los? Der Frage zufolge sollte ich schon letztes oder vorletztes Jahr damit angefangen haben. Geht das, dass ich dieses Jahr damit anfange? Ich bin doch nicht etwa zu spät dran? Muss ich das Versäumte wieder hereinholen? Und wo mache ich jetzt das Kreuzchen auf dem Fragebogen?“
Schwierig, zumal ohne Zustimmung der Eltern kein 14jähriger bei einer so intimen Umfrage mitmachen darf. Und die Angeber, flunkern die etwas vonmit zehn oder elf wird es schon gewesen sein“? Wie bekommt man überhaupt eine ehrliche Antwort bei einer Sex-Umfrage? Ich habe keine Ahnung. Aber ich glaube zu wissen, dass das Alter, in dem ich gemäß meiner Rekonstruktion anfing zu masturbieren, dem überall genannten Durchschnittsalter entspricht. Übrigens wird wohl ein Autor vom anderen abgeschrieben haben.
Es stellte sich heraus, dass mein Zimmer nicht nur am selben Flur wie das Schlafzimmer meiner Eltern lag, sondern dass es sogar direkt daneben lag. Nicht, dass ich jemals Geräusche aus dem Elternschlafzimmer gehört hätte. Um Himmels Willen! Nein, glücklicherweise nicht. Du lieber Gott! Ich glaube, davon könnte ein Kind ein schlimmes Trauma davontragen. Oder gleich mehrere Traumata auf einmal. Heißt die Mehrzahl Traumata? Egal. Ich glaube, es würde für die Einweisung in die Geschlossene reichen. Lebenslänglich. Unheilbar. Wie willst du das jemals wieder aus deinem Kopf herauskriegen? Höchstens mit einer Lobotomie.
Unvorstellbar. Genauso unvorstellbar wie wenn man sich die eigenen Eltern dabei vorstellt, wie sie …. Nein! Nein!! Aufhören! Das geht gar nicht. Allein die Vorstellung von der Vorstellung ist unerträglich. Undenkbar! Ein undenkbarer Gedanke! Nein! Nein!! Gedankendisziplin! Reiß dich gefälligst zusammen! Denk an was Schönes!!!
Davon blieb ich glücklicherweise verschont, doch hatte die unmittelbare Nachbarschaft meines Zimmers und des Schlafzimmers meiner Eltern möglicherweise umgekehrt zur Folge, dass meine Eltern hörten, wie ich masturbierte. Na ja, nicht meine Eltern, da mein Vater einen äußerst tiefen Schlaf hatte, höchstens meine Mutter, die leicht aufwachte und alles andere als tief schlief.
Ich hatte, da ich heranwuchs, ein größeres Bett bekommen. Vielleicht sogar mehrere Betten im Lauf der Jahre. Jedenfalls hatte ich im Alter von 12 oder 13 bereits seit längerem ein Bett aus hellem Eschenholz, das bei bestimmten Bewegungen quietschte. Und zwar genau bei der Bewegung, die ich machte, wenn ich auf dem Rücken lag und meinen Penis bearbeitete. Er stand in äußerst steilem Winkel, was in der Rückenlage - durch die Schwerkraft begünstigt - dazu führte, dass er sich fast in der Horizontalen befand. Ich hätte ihn also ohne Mühe gegen die Bauchdecke drücken können. Da ich, unerfahren wie ich damals noch war, lediglich die Standardmasturbation mit der rechten Hand durchführte, bewegte ich also meine Hand nahezu in der Horizontalen. Je näher ich dem Höhepunkt kam, desto schneller bewegte ich meine Hand hin und her. Ab einer bestimmten Geschwindigkeit fing dabei mein Bett an zu quietschen.
Das Problem war, dass ich bei dieser Geschwindigkeit unmöglich aufhören konnte zu wichsen. Selbst wenn man mir gesagt hätte, ich werde blind oder mein rechter Arm verdorrt, hätte ich nicht aufhören können. Man hätte mir den Kopf abschlagen können, aber aufgehört hätte ich nicht. Der point of no return war überschritten. Nichts auf der Welt hätte mich dazu bringen können, aufzuhören. Heute wäre es kein Problem, die Geschwindigkeit zu verringern, aber damals ging es nicht. Keine Chance.
So hörte ich zwar, wie das Bett rhythmisch quietschte, aber ich konnte nichts dagegen tun. Ich hoffte, dass meine Mutter entweder tief genug schlief, um es nicht zu hören, oder dass sie, wenn sie es hörte, vielleicht das Geräusch nicht richtig deuten könnte. Es gab keine Chance, das Quietschen zu stoppen. Unmöglich.
Und zwar war das nicht nur an einem Abend so, sondern jeden Abend. Meine Eltern gingen immer extrem früh zu Bett. Nur selten erwischte ich einen Abend, an dem ich früher zu Bett ging als sie. Dann allerdings musste ich aufpassen, dass sie nicht gerade auf dem Flur vor meiner Zimmertür vorbeigingen, während mein Bett lustvoll quietschte.
Ich denke, das ging monatelang so. Ich schaffte es nicht einen Abend, das Masturbieren bleiben zu lassen. Genausowenig schaffte ich es, zu masturbieren, ohne dass das Bett quietschte.
Eines Tages fuhr ein Möbelwagen bei uns vor dem Haus vor. Das einzige Möbelstück, das die Männer abluden, war ein in dicke Kunststofffolie eingepacktes Bett. Es wurde in meinem Zimmer aufgestellt.
Bub, du wächst und wächst, da wäre das alte Bett in Kürze zu klein geworden“, meinte meine Mutter beim Abendessen. Für einen kurzen panikerfüllten Moment glaubte ich, sie hätte gesagt: „Bub, du wichst und wichst“.
Was mit meinem alten Bett geschah, weiß ich nicht. Das neue war jedenfalls grundlegend anders konstruiert, so dass ein Quietschen ausgeschlossen war. Von da an onanierte ich noch lustvoller. Und auch häufiger.
Von Anfang an hatte ich mir immer beim Herannahen des Orgasmus vorgenommen: „Das mache ich im Anschluss gleich noch mal!“ Diesen Vorsatz hielt ich aber so gut wie nie ein, da das Onanieren seinen Zweck, mich gut einschlafen zu lassen, optimal erfüllte. Na ja, sein Hauptzweck ist es nicht gerade, aber eine sehr willkommene Nebenwirkung.
Am nächsten Morgen ärgerte ich mich dann immer, es abends nur ein Mal gemacht zu haben, da ich keine Zeit hatte, es am Morgen wieder zu tun. Ich musste aufstehen, frühstücken und zur Schule gehen. Der enge morgendliche Zeitplan wurde von der Mutter streng überwacht. Abweichungen oder Verspätungen durften nicht vorkommen. Sie hätten den ganzen Ablauf durcheinandergebracht.
So konnte ich nur hoffen, dass sich am Nachmittag eine Gelegenheit ergab. Das kam aber nicht allzu oft vor, da fast immer jemand zu Hause war und ich selten allein war.
Die eigentlichen Anfänge meines Onanierens liegen im Halbdunkel. Es muss Abende gegeben haben, an denen ich im Bett lag und an mir herumspielte. Das gute Gefühl, das sich dabei einstellte, war aber noch kein Orgasmus. Es war einfach das gute Gefühl, das man hat, wenn der Penis gereizt wird. Ich glaube mich zu erinnern, dass es viele solcher Abende gegeben hat. Ich glaube auch, dass ich mich ein wenig ärgerte, diese zufällige Entdeckung nicht schon ein Jahr früher gemacht zu haben. Wieviel Spaß war mir entgangen!
Mit diesen abendlichen Spielen war ich eine gewisse Zeit lang vollkommen zufrieden. Wie lang diese Zeit war, kann ich nicht rekonstruieren. Eine Woche? Zwei Wochen? Ein Monat?
Länger wird es nicht gewesen sein, denn es war unvermeidlich, dass bei diesem Herumspielen sich irgendwann ein Orgasmus einstellte. Ich erinnere mich noch an das ziehende Gefühl, das sich bis zum Rückenmark erstreckte. Wahrscheinlich kam das daher, dass die Samenstränge zum ersten Mal durchspült wurden. In ihnen war wahrscheinlich vorher ein Vakuum, da sie noch nie benutzt wurden. An unwillkürliche nächtliche Samenergüsse kann ich mich nämlich nicht erinnern. Also gehe ich davon aus, dass der erste Orgasmus, also sozusagen die Entjungferung meiner Samenstränge, das Vakuum aus diesen herausgezogen haben wird und daher dieses Ziehen rührte.
Dieses Ziehen kam danach nämlich nicht wieder. Es kam erst dann wieder und tut dies bis heute, wenn ich den vierten oder fünften Orgasmus innerhalb eines Tages habe. Ich stelle mir vor, dass dann auch wieder fast eine Art Vakuum entsteht, da in den Hoden ja dann nicht mehr so viel Samen vorhanden ist.
Übrigens fühlt sich dieses Ziehen keineswegs unangenehm an und tat es auch beim ersten Mal nicht. Zumal es von einem Orgasmus begleitet wird, und ein Orgasmus fühlt sich nie unangenehm an. Man nennt ihn nicht umsonstdas höchste der Gefühle“.
Ich war also in meiner Anfangszeit durchaus zufrieden, dieses gute Gefühl entdeckt zu haben, das sich beim bloßen Herumspielen mit dem erigierten Schwanz einstellt. Übrigens war ich felsenfest davon überzeugt, der einzige Mensch auf der Welt zu sein, der dieses Gefühl kennt. Ich beschloss daher auch sofort, niemals jemandem etwas davon zu sagen. Ich wusste zwar nicht, warum ich der einzige war, der dieses Gefühl hatte, aber ich hatte eine Vermutung: Es könnte damit zu tun gehabt haben, dass ich mich besonders gründlich mit den Dingen beschäftigte. Ich sah mir die Bilder in Büchern genauer an und entdeckte Details, die die anderen nicht sahenKinder wie auch Erwachsene. Sie sahen einfach nicht so genau hin. Sie waren oberflächlich. Die meisten Menschen waren so. Bei mir war es anders. Das hatte ich schon öfter festgestellt. Ich sah auch die kleinsten Insekten auf einer Wiese, die anderen sahen nur die Kühe.
Bei der Beschäftigung mit meinem eigenen Körper, so mutmaßte ich, war ich vielleicht auch etwas genauer und sorgfältiger und hatte so dieses gute Gefühl entdeckt, für das ich damals noch keinen Namen hatte. Da die anderen Kinder wie auch die Erwachsenen in der Regel nicht sonderlich interessiert schienen, wenn ich ihnen meine detailreichen Beobachtungen mitteilte, fühlte ich mich in meinem Entschluss bestärkt, niemanden etwas über das gute Gefühl zu sagen.
Als das gute Gefühl dann in den ersten Orgasmus mündete, für den ich damals auch keinen Namen hatte, stellte sich das Problem der Spermaentsorgung. Die erste Ladung war natürlich in die Schlafanzughose gegangen. Am nächsten Morgen war aber nichts mehr davon zu sehen. Ich weiß nicht mehr, welche Farbe die Schlafanzughose hatte oder aus welchem Material sie war, aber jedenfalls war ich beruhigt, dass Sperma offensichtlich weder blutrot noch pipigelb war und kein unübersehbarer Fleck in der Schlafanzughose von meinem nächtlichen Vergnügen kündete.
Ich wollte jedoch sichergehen. Es konnte ja sein, dass ich zufällig nur eine Schlafanzughose mit besonders günstiger Farbe und besonders saugfähigem Gewebe anhatte. Was bei anderen Schlafanzughoseninsbesondere solchen aus dunklem Stoffpassieren würde, konnte ich nicht abschätzen. Ich hatte auch keine Lust, es auszuprobieren. Das wäre viel zu riskant gewesen.
So kam es, dass ich abends immer ein Papiertaschentuch mit ins Bett nahm. Das war völlig unverfänglich, schließlich kann es einem Kind passieren, dass es nachts die Nase putzen muss. Ich glaube, ich erwähnte sogar gelegentlich etwas wieich hatte so eine verstopfte Nase heute Nachtoderich nehme mal lieber ein Papiertaschentuch mit ins Bett, falls ich heute Nacht die Nase putzen muss“.
Der erste Gang morgens nach dem Aufstehen war der Gang zur Toilette. Somit war die Entsorgung des Papiertaschentuches kein Problem. Man konnte es in der geballten Hand halten oder in der Brusttasche des Schlafanzugoberteils unterbringen. Wie viele Liter Sperma ich im Laufe meines bisherigen Lebens durch die Toilette gespült habe, möchte ich gar nicht wissen.


(10)

Gut ausgeschlafen und erfrischt wache ich auf. Geübt erhebe ich mich mit Hilfe meiner Krücken aus dem Bett und bewege mich zur Toilette. Nach einer wohltuenden vollständigen Blasenentleerung gehe ich zurück ins Bett. Es folgt die erste Eierentleerung des Tages. Das bringt den Kreislauf morgens optimal in Schwung und verleiht Energie für den Start in den Tag. Das sehen auch die beiden lesbisch-nichtlesbischen Studentinnen so, die heute noch genügend Zeit haben, bevor sie zur Vorlesung müssen. Und sie wissen ihre Zeit zu nutzen.
Nun stehe ich endgültig auf und gehe ins Bad, um mir die Zähne zu putzen. Ich wasche mir die Hände, obwohl ich das nach dem Masturbieren nicht für unbedingt nötig halte. Es folgen die übliche Schale Power-Müsli und zwei Becher Kaffee. Den Kaffee habe ich mit meinem bewährten Isolierkannen-System ins Arbeitszimmer transportiert und trinke ihn, während ich den Rechner hochfahre und meine Mails checke.
Ich merke, dass es Zeit für den morgendlichen Stuhlgang ist. Im üblichen 90-Grad-Winkel sitze ich auf dem Klo. Ich bin immer wieder erstaunt darüber, dass meine Scheiße, wenn ich am Abend vorher bei Golden Arches gegessen habe, nach einem der Geschmacksstoffe riecht, die dort im Essen enthalten sind.
Es muss so sein. Obwohl ich ja eigentlich gar nicht glaube, dass im Essen von Golden Arches überhaupt Geschmacksstoffe enthalten sind. Das Essen enthält meines Erachtens nur reine Zutaten wie Fleisch, Milch, Salat, Gurken oder Kartoffeln. Deswegen schmeckt es so gut. Vielleicht ist es aber auch eine bestimmte Würzmischung, die ihm seinen typischen Geschmack verleiht. Denn eine typische Geschmacksnote ist in allen Gerichten enthalten, finde ich. Alles schmeckt irgendwie so, dass man sofort weiß, es kommt von Golden Arches.
Man kann zum Beispiel nirgendwo Brötchen kaufen, die im Entferntesten eine geschmackliche Ähnlichkeit mit den Brötchen von Golden Arches haben. Und wenn man es könnte, würden sie, da man sie bei sich zu Hause zubereiten würde, trotzdem völlig anders schmecken. Man hätte auch nicht das passende Rindfleisch. Auch schmecken Gewürzgurken oder Essiggurken aus dem Glas, so gut sie sein mögen, vollkommen anders als die, die auf einen Golden-Arches-Burger kommen.
Und dieser typische Duft des Essens von Golden Arches ist, da lasse ich mich nicht davon abbringen, am nächsten Morgen zu riechen, wenn man die Toilette besucht. Natürlich nur ganz schwach, aber er ist da.
Wie stark man ihn wahrnimmt, das hängt auch davon ab, was für ein Klo man benutzt. Am besten sind die modernen Klos, wo die Kackwurst senkrecht nach unten in das dort stehende Wasser gleitet, ohne das Becken zu berühren. Ich meine, ein solches Klobecken ist am besten, weil es der Kacke die wenigste Chance lässt, ihren Gestank im Raum zu verbreiten. Es ist natürlich nicht am besten, um gewisse Geruchskomponenten von Fast-Food-Ketten aufzuspüren. Aber generell ist es eine sehr gute Lösung, um Geruchsbelästigung zu vermeiden. Gut, wenn man allein wohnt, ist es nicht so schlimm. Und bei mir stehen ohnehin immer alle Fenster weit offen.
Der Weg zu dieser optimierten Porzellanschüssel war lang, viel länger, als man annehmen sollte. Vielleicht ging man aber auch absichtlich einige Umwege. Die erste Kloschüssel aus Porzellan, die das bis dahin übliche Plumpsklo ablöste, war das deutsche Klo. Es hatte direkt unter dem Arsch eine fast ebene Fläche. Sie war nur ganz leicht nach unten gewölbt, so dass immer eine flache Wasserpfütze in ihr stand. In diese Pfütze auf der fast ebenen Fläche fiel nun die Kackwurst. Wenn man den Hintern auf der Klobrille ganz leicht kreisen ließ, konnte man die Wurst zu einem eleganten Gebilde hochspiralisieren. Manche Hunde können das auch. Gelegentlich sieht man auf der Straße so einen perfekt gekräuselten Hundehaufen.
Wenn man jedoch eine lange gerade Kackwurst produzierte, berührte diese mit dem unteren Ende die Fläche des deutschen Klos, während das obere Ende noch im Enddarm steckte. Genau deswegen heißt er Enddarm. Dann hatte man ein Problem. Man musste sich ganz leicht erheben, um das Ende ausscheiden zu können, und die Kackwurst fiel um. Fiel sie ungünstig, konnte sie beim Fallen mit ihrem oberen Ende noch die Arschbacke streifen. Das hatte hohen Klopapierverbrauch zur Folge.
Ich weiß nicht, ob dieser Kloschüsseltyp wirklich offiziell deutsches Klo heißt. Ich glaube es eigentlich nicht. Aber ich nenne ihn so, weil ich ihn nie in irgendeinem anderen Land gesehen habe. Einen Vorteil hatte das deutsche Klo: Das Ergebnis lag auf dieser Fläche wie auf einem Präsentierteller und konnte in aller Ruhe betrachtet werden. Warf man das benutzte Klopapier mit einer leichten Drehung des Handgelenks in den vorne liegenden Abfluss der Kloschüssel, wurde diese Betrachtung durch nichts gestört.
Irgendwann kamen Kloschüsseln auf, die trichterförmig nach unten zuliefen, bei denen aber das unten stehende Wasser nicht direkt unter dem Arsch plaziert war. Jedenfalls nicht bei normaler Sitzweise. Die Kackwurst berührte also an einem bestimmten Punkt die schräge Porzellanwand der Kloschüssel. Sie glitt an dieser aber nicht sanft ab, sondern sie klebte natürlich daran fest. Scheiße klebt nun einmal. Die Form der Kackwurst wurde dadurch meist zerstört, was an sich nicht so schlimm gewesen wäre. Wirklich schlimm an dieser Kloschüssel war, dass die gesamte Wand mit teils klebender, teils rutschender, zerfallender Scheiße beschmiert war. Erhebliche Geruchsbelästigung war garantiert. Intensivster Gebrauch der Klobürste war nach jedem Toilettenbesuch unumgänglich.
Warum niemand früher auf die Idee kam, das stehende Wasser einfach genau unter dem Arsch zu plazieren, ist mir schleierhaft. Kloschüsseldesigner sind doch keine weltfremden Theoretiker, sondern sie benutzten ihre Produkte mindestens einmal am Tag selbst. Quasi im Selbstversuch. Sind ihnen dabei die offensichtlichen Nachteile nicht aufgefallen? Oder haben sie sie gar nicht als Nachteile empfunden? Mochten sie die eingehende Kotbetrachtung, die das deutsche Klo ermöglichte? Hielten sie deswegen so lange an dem Design fest? Ich fürchte, dieser Verdacht ist nicht ganz unbegründet.
Als ich ein Kind war, gab es bei uns zu Hause natürlich das Modell deutsches Klo. Und ich kann mich nicht erinnern, in anderen Häusern, etwa bei Verwandten und Freunden, jemals ein anderes Modell gesehen zu haben.
Indessen kam es einmal vor, dass ich gar kein Klo zur Verfügung hatte, obwohl ich dringend eines brauchte. Das kam so: Ich hatte die Angewohnheit, als Heranwachsender ausgiebige Streifzüge durch die Wälder und Wiesen der näheren und weiteren Umgebung zu machen. Diese Streifzüge fanden zu Fuß oder per Fahrrad statt. Manchmal unternahm ich sie mit einem Freund, meistens aber allein.
Man konnte sie durchaus als sportliche Betätigung ansehen, denn meine Heimat ist recht hügelig. Merkt der Körper, dass er sich sportlich betätigen soll, dass er sich also anstrengen oder sogar verausgaben soll, versucht er, Ballast loszuwerden. Zum Beispiel kann man nicht mit voller Blase Sport treiben, man verspürt sofort starken Harndrang. Auch mit vollem Darm kann man keinen Sport treiben. Nach kurzer Zeit wird sich der unwiderstehliche Drang einstellen, den Darm zu entleeren.
In einer solchen Situation befand ich mich, als ich einmal eine Radtour machte. Es war mitten am Nachmittag. Nach Hause war es noch weit, andere Häuser waren nicht in der Nähe. Nicht, dass sie mir etwas genützt hätten, denn man geht ja nicht in ein fremdes Haus und fragt, ob man mal kurz die Toilette benutzen darf. Ich befand mich auf einer kaum befahrenen Straße in einem ausgedehnten hügeligen Waldgebiet. Der Drang wurde immer stärker. Ich sah einen Waldweg, der von der Straße abzweigte. Ich bog in diesen Waldweg ein. Er führte steil nach oben. Den Spuren nach war er schon lange nicht mehr benutzt worden. Es war kein Mensch in der Nähe, nicht mal Motorengeräusch war von der Straße her zu hören.
Ich konnte nicht anders, ich musste in den Wald scheißen. Ich legte mein Fahrrad ab und ging hinter einen Baum. Ich zog die Hose herunter. Es war wirklich höchste Zeit! Ein starkes Gefühl der Erleichterung ergriff von meinem ganzen Körper Besitz, als eine große Kackwurst dem Weg folgte, den ihr die Schwerkraft vorschrieb, und auf den Waldboden sank.
Nun hatte ich kein Klopapier. Es waren auch keine Pflanzen in der Nähe, deren Blätter man hätte verwenden können. Es handelte sich um Fichtenwald, wo es wenig Unterholz oder Bodenbewuchs gab. Es war nichts zu machen. Es musste auch mal ohne Klopapier gehen. Ich zog meine Hose hoch und beschloss, auf die nächste Radtour Papiertaschentücher mitzunehmen.
Und ich fasste noch einen Beschluss: Ich wollte mir die Stelle merken und sie nach einigen Tagen erneut aufsuchen, um festzustellen, was mit meiner Kackwurst passierte. Die Stelle, wo der Waldweg abzweigte, konnte man sich einfach merken. Sich den Hintern nach dem Scheißen nicht abzuwischen, verleiht einem ein ganz merkwürdiges unsauberes Gefühl. Es fühlt sich überhaupt nicht gut an. Was die Bewegung meines nicht abgewischten Arsches auf dem Fahrradsattel mit meiner Unterhose anrichtete, weiß ich nicht mehr. Das gehört zu den Dingen, die ich glücklicherweise vergessen habe.
Ich weiß auch nicht mehr, wie lang es dauerte, bis ich das Waldstück wieder aufsuchte. Das ist schade, denn was ich durchführte, hätte ein naturwissenschaftlicher Versuch werden können, wenn ich die Daten sorgfältig dokumentiert hätte. Für eine Teilnahme beiJugend forscht“ hätte es wohl nicht gereicht, aber wer weiß? Man hätte neben Tag und Uhrzeit auch die Luftfeuchtigkeit und die Temperatur messen müssen. Man hätte mikroskopische Untersuchungen anstellen müssen. Vielleicht hätte man einen Ansatz in Richtung Kompostgewinnung oder Biogas oder Recycling wählen müssen. Na egal.
Von all dem war ich weit entfernt, da ich ja nicht mal mehr weiß, wann ich die Stätte das erste Mal wieder besuchte und was für Wetter in der Zwischenzeit geherrscht hatte. Ich fand den Platz ohne Mühe und war sehr gespannt, was ich sehen würde. Ich legte das Fahrrad an der selben Stelle ab wie beim ersten Mal. Vorsichtig schritt ich vorwärts, um nicht in etwas hineinzutreten. Was ich erwartete, weiß ich heute nicht mehr, aber jedenfalls nicht das, was ich nun erblickte. Meine Kackwurst lag noch da, wo ich sie hinterlassen hatte. Das war zu erwarten. So weit, so gut. Aber wie sah sie aus: Sie war komplett, von vorne bis hinten, von oben bis unten, von einem grauen pelzigen Schimmelschleier überzogen. Sie sah aus wie in ganz dichtes Spinnengewebe eingehüllt. Ich war erstaunt. Das jedenfalls hatte ich nicht erwartet.
Nachdem ich mir die Sache von allen Seiten genauestens besehen hatte, konnte ich nichts anderes tun als mir vorzunehmen, möglichst bald wieder herzukommen.
Erneut weiß ich nicht, wann der zweite Besuch erfolgte und welche Witterungsverhältnisse in der Zwischenzeit geherrscht hatten. Doch auch dieser zweite Besuch brachte eine Überraschung. Wieder hatte sich die Kackwurst in völlig unerwarteter Weise verändert. Ich näherte mich der Stelle gewohnt vorsichtig. Der Wald lag verlassen, die Stille wurde nur durch Vogelgezwitscher unterbrochen. Da war meine Kackwurst. Der Schimmelschleier war vollkommen verschwunden. Keine Spur war von ihm mehr zu entdecken, weder auf noch neben der Kackwurst. Es war, wie wenn er nie existiert hätte. Doch nun war meine Kackwurst auf der gesamten Oberseite von zirka eineinhalb Zentimeter hohen schirmartigen grauen Pilzchen bewachsen!
So etwas hatte ich noch nie gesehen. Es waren Lamellenpilze, keine Röhrenpilze. Sie hatten dünne, elegante Stiele. Ein Pilz stand neben dem anderen, aber sie standen so aufgelockert, dass ihre Schirmdächer einander nicht berührten. Sie bildeten einen lichten Wald von steingrauen Pilzchen.
Auch dieses Resultat lag weit ab von allem, was ich erwartet hätte. Ich kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Allerdings weiß ich nicht, warum ich damals nicht daran dachte, diese Phänomene genauer zu erforschen. Vielleicht hatte ich damals noch nichts davon gehört, dass man sogar aus verschimmeltem Brot noch etwas Sinnvolles machen kann. Man kann daraus nämlich Antibiotika gewinnen. Wer weiß, was man aus verschimmelter Scheiße gewinnen könnte?
Jedenfalls fieberte ich dem dritten Besuch entgegen. Ich hatte keine Idee davon, was mich dieses Mal erwarten könnte. Wie könnten die beiden bisherigen Funde noch getoppt werden? Keine Ahnung.
Wie üblich weiß ich nicht, wieviel Zeit zwischen dem zweiten und dem dritten Besuch lag. Es werden wieder wenige Tage gewesen sein. Daran, wie das Wetter war, kann ich mich ebenfalls nicht erinnern. Den Waldweg kannte ich mittlerweile wie im Schlaf. Jeden Stein, jede knorrige Wurzel hätte ich aufzeichnen könnenvorausgesetzt, ich könnte zeichnen.
Ich kam an die Stelle und sah mich verwirrt um. War es überhaupt die richtige Stelle? War ich beim richtigen Baum? War ich aus Versehen zu weit gegangen? Wurde ich nachlässig, weil ich meinte, mich blind zurechtzufinden? Ich ging zum Fahrrad zurück. Es lag dort, wo ich immer ablegte. Ich ging langsam und bewusst die paar Schritte zu dem Baum, den ich mir eingeprägt hatte. Es gab keinen Zweifel, es war der richtige Baum. Doch die Kackwurst lag nicht da, wo sie sein sollte!
Was war geschehen? Ich ging systematisch vor, um diese Frage zu klären. Mistkäfer gab es in jenem Wald glaube ich nicht. Sie hätte ich eigentlich von Anfang an viel eher erwartet als diese überaus rege Pilzaktivität. Auch Pillendreher, die man aus dem Fernsehen kennt, gab es in jenem Wald vermutlich nicht. Ich weiß nicht mal, ob Mistkäfer und Pillendreher in Mitteleuropa überhaupt vorkommen. Jedenfalls hatte ich nie auch nur einen Käfer in der Nähe meiner Kackwurst gesehen. Käfer konnten es also nicht gewesen sein, die sie aufgefressen oder stückweise davongetragen hatten.
Ich betrachtete den Boden an der fraglichen Stelle ganz genau. Da sah ich es. Es war natürlich die richtige Stelle gewesen, an der ich gesucht hatte. Es war die Stelle, an der meine Kackwurst gelegen hatte. Es gab keine Tier- oder Menschenspuren im näheren und mittleren Umkreis. Nichts und niemand hatte sie zertreten oder aus Versehen weggekickt. Das einzige, was es gab, war eine dunkle Verfärbung des Bodens. Diese Verfärbung war exakt so lang und so breit wie meine Kackwurst gewesen war. Die Verfärbung hatte ein sehr dunkles Braun. Sie war deutlich dunkler als die Kacke gewesen war. Es musste irgendeine chemische Reaktion stattgefunden haben. Der Umriss der ehemaligen Kackwurst zeichnete sich deutlich auf dem ihn umgebenden helleren Boden ab. Der schattenhafte Umriss war nicht zerlaufen, er hatte eine präzise Grenzlinie.
Das also war mit der Kackwurst passiert: Sie war zergangen. Sie hatte sich aufgelöst. Sie war in den Boden gesickert und hatte diesen mit Stoffen angereichert, die ihn verfärbten. Die Substanzen, aus denen sie bestand, waren in andere Substanzen umgewandelt worden. Ihre Atome und Moleküle existierten weiter und dienten anderen Wesen als Bausteine ihres Lebens. Diese anderen Wesen waren weder Tiere noch Pflanzen. Es waren Pilze, und sie lebten unterirdisch weiter, wie sie es seit Millionen von Jahren tun. Sie kamen nur an die Oberfläche, um sich meine Kackwurst zu schnappen. Dann bildeten sie Fruchtkörper aus, verstreuten ihre Sporen und verschwanden so schnell, wie sie gekommen waren. In vollkommener Lautlosigkeit. Nahezu spurlos. Nur ein Schatten war noch zu sehen. Es war geisterhaft. Es war ein Wunder. Nein, es war kein Wunder. Es gibt keine Wunder. Es war der Kreislauf des Lebens.



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